sabinewaldmannbrun

Farbe. Linie. Sehen.

Lala kwa kitanda – Leg dich hin

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Baraka Health Center, Mathare Valley Slum, Montag, 8.10 Uhr. Die Wartebaenke sind bis auf den letzten Platz besetzt. Weitere Patienten stehen oder sitzen auf dem Boden. Im Sprechzimmerchen wird der erste Patient hereingebeten. Peter, ein mit 52 Jahren noch nicht alter Herr, stuetzt sich schwer auf einen Holzstock. Am Freitag hatte ich ihn mit Hueftschmerzen nach Sturz vor 3 Wochen zum Roentgen geschickt. Das Bild von Peter zeigt, was ich vermutet hatte: eine verschobene Schenkelhalsfraktur. Nun gibt es verschiedene Moeglichkeiten, von denen die erste und effektivste sofort ausscheidet: die Operation, fuer die Peter kein Geld hat. Die zweite Moeglichkeit, ins Krankenhaus zu fahren, um dort ein Zugsystem anlegen zu lassen, scheidet ebenfalls aus, weil ein sechswoechiger Krankenhausaufenthalt mit „Nurherumliegen“ sich nicht wirklich lohnt, verglichen mit den taeglich dafuer entstehenden Kosten. Die dritte Moeglichkeit, dass wir das Bein achsengerecht eingipsen, eine Uraltmethode, voellig aus der Mode, ist nur die halbe Miete, denn Peter, der mit einem Kollegen zusammen einen Verschlag teilt, duerfte dann keinesfalls auftreten. Peter ist unentschlossen. Jeder Schilling zaehlt. Ob er wegen der zweiten Gehstuetze noch eine Woche warten duerfe? Ein Bekannter sei Schreiner, und der koenne die Gehstoecke preiswert herstellen? Die Zeit arbeitet gegen Peter: jeder Tag, an dem er auftritt, sorgt fuer Bewegung der Bruchstuecke und damit wird die Wahrscheinlichkeit geringer, dass die Bruchenden wieder zusammenfinden. Die headnurse wird mobilisiert. Die Moeglichkeiten werden noch einmal durchgesprochen. Schliesslich bieten wir an, den Gips bei ihm zuhause anzulegen, dann brauche er nicht in Gips und in diesem Fall auch so zu habenden Kruecken ueber die Felsen bis zu seiner Huette zu blancieren. Und dann? Der Kollege sei ja den Tag ueber nicht zuhause. Er muesse doch aufstehen koennen? Wir bitten ihn, erstmal eine zweite Gehstuetze abzuholen. Dann gehe es weiter. Headnurse Lillian verspricht, dass die Gehstoecke  ihn nicht zu viel kosten werden. Der Patient verschwindet ohne Gehstuetzen. Und bleibt erstmal verschwunden. Zwei Tage spaeter meldet sich Peter per Handy. Er will doch das Angebot annehmen, dass wir zu ihm zum Gipsen nachhause kommen. Also wird das benoetigte Material zusammengepackt, etliche Kilo Gipsbinden, eine Plastikwanne zum Einweichen, eine neue Rolle Polsterwatte und die beiden Gehstoecke, die er eigentlich hatte abholen sollen. Margret und Kaleb vom Sozialdienst kommen mit sowie Winny aus dem Verbandsraum. Mit der Ambulanz fahren wir einen grossen Bogen um den Slum herum und dann auf einem der breiteren Wege wieder hinein. Es geht langsam und holperig voran, die Gasse ist eng. Vor einem grossen Abfallhaufen ist Stop, der Rest muss zu Fuss zurueckgelegt werden. Vom naechtlichen Regen sind die Wege aufgeweicht. Peters Holz-Wellblechverschlag bietet gerade genug Platz fuer die beiden Betten und noch einen Meter daneben. Um arbeiten zu koennen, muss die Tuer offen bleiben, auch wegen des Lichts, Kaleb und Margret stehen vor und in der Tuer, waehrend Winny und ich den Patient begruessen und die Aktion vorbereiten. Am besten laesst sich diese Gipsvariante noch im Stehen anbringen, wenn Becken und ein Bein bis unterhalb des Knies eingeschlossen sein sollen. „Mach‘ Fotos von der Aktion, sowas machen wir nicht alle Tage,“ meinte einer der Kollegen, bevor wir wegfuhren. In der Situation der Gipsanlage, in  Arbeit an diesem nackten, ueberaus mageren und schmerzgeplagten Mann scheint Fotographieren in jeder Hinsicht unpassend und unterbleibt. Wir arbeiten jetzt zu dritt. Es dauert ein wenig, bis der Verband ausgehaertet ist. Wir besprechen, dass Peter ueber das Ernaehrungsprogramm ein Mittagessen bekommen soll. Das hat zumindest den Vorteil, dass mittags jemand nach ihm schaut. So sind in den naechsten neun Wochen die Tage zwar noch sehr lang, aber doch unterbrochen durch wenigstens einen Besuch. Ansonsten ist diese Huette ein ueberaus trauriger Ort, schmucklos, einsam, karg und dunkel. Wobei das Leben der Nachbarn zumindest akustisch praesent bleibt, und durch kleine Ritzen und Loecher in den Waenden faellt ein wenig Sonnenlicht . Endlich ist der Gips hart, so dass Peter versuchen kann, sich vom Stehen aus ins Liegen zu bewegen. Kaleb macht ihm vor, wie das gehen koennte und endlich liegt Peter auf seinem Bett. Wir lassen ihm noch eine Portion Watte dort, falls doch irgenwo etwas drueckt. Morgen soll jemand vorbeischauen, ob alles in Ordnung ist, dann woechentlich. Ob dieser Versuch, das Gehvermoegen zu erhalten, gelingen wird? Ob neun Wochen Bettruhe im Gips ohne Thromboseprophylaxe mit dem Risiko fuer Druckstellen besser sind als ein restliches Leben lang mit instabiler Huefte zu hinken? Wobei noch garnicht sicher ist, ob sich die Knochen noch zusammenfuegen werden…. Und die Nachbarn? Es sind so viele Kinder unterwegs. so viele Menschen in den Gassen, eigentlich muesste einer, der hier liegen muss, nicht alleine sein, eigentlich…… „Das ist eine unserer schlimmsten Wohngegenden“, meint Rose. „Aber es sind doch so Viele unterwegs, wird nicht doch jemand mal nach ihm schauen koennen?“  „Saeufer und Huren“, sagt eine der Schwestern, “ die Vergewaltigungsrate ist  hoch dort.“ „Da wird bestimmt jemand schauen“, sagen die Kollegen. Drei Tage spaeter berichtet Rose, der Sozialdienst habe nach  Peter gesehen und ihm etwas zu essen gebracht Es sei soweit alles in Ordnung….

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