sabinewaldmannbrun

Farbe. Linie. Sehen.

Sifahamu – Ich verstehe nicht

5 Kommentare

Eins.

Ein sehr betagter Herr, hager und knorrig wie ein alter Baum, wird von einem seiner Soehne im Rollstuhl gebracht. Wie schon vor einer Woche traegt er eine leuchtend rote Wollmuetze – es ist noch kuehl am Morgen, wenn sich die Patienten nach Baraka auf den Weg machen. Schon vor einer Woche berichtete der alte Mann Schwierigkeiten beim Wasserlassen. Im Ultraschall zeigte sich eine riesige Prostata, die den Harnabfluss behindert. Nein, einen Katheter wolle er auf keinen Fall haben, sagte er bei der letzten Vorstellung, auch die Operation komme nicht infrage. Daran koenne man schliesslich sterben.

Jetzt ist er wieder da. Das Problem ist noch dasselbe. Erneut erklaeren wir ihm die beiden Moeglichkeiten. Na, dann nehme er doch den Katheter, sagt er. Es dauert seine Zeit, bis der alte Herr die Muetze abgelegt, die Liege bestiegen hat und alles vorbereitet ist. Jared und Winny legen den Katheter. Als der Patient verabschiedet werden soll, ist der Katheter jedoch schon wieder gezogen. Die Schwestern berichten, der Patient habe sich nun doch wieder umentscheiden. Er sei froh, dass der Schlauch nun wieder draussen sei. Er koenne ja noch zur Toilette, wenn auch muehsam. Es dauert wiederum ein Weilchen, bis der alte Herr die Muetze wieder aufgesetzt hat, von der Liege geklettert und der  Rollstuhl an vier Patienten mit Gipsarmen und -beinen vorbei herausgeschoben ist. Dort trifft der Patient auf Uebersetzerin Beth, die seine Stammessprache besser zu verstehen scheint. Gerade besteigt eine Patientin zur Kniepunktion die Liege, als Beth hereinkommt und uns zur Seite nimmt. Der Patient wolle doch einen Katheter, warum wir ihn wieder entfernt haetten? Aber…..

Ja, das sei nur ein Verstaendnisproblem gewesen, schliesslich spreche der Patient Kikuju, aber nicht so gut Kisuahili….. Die Dresssingroomschwestern wollen den neuen Katheter sofort gelegt wissen. Es ist schon spaet am Nachmittag und es warten noch mehrere gebrochene Knochen auf Gipse, das koenne parallel gehen. Es dauert wieder ein Weilchen, bis der Rollstuhl an den gebrochenen Knochen vorbei bugsiert, die Muetze abgelegt und die Liege erstiegen ist und genausolang in umgekehrter Reihenfolge. Diesmal verlaesst der Patient Baraka mit Katheter…

Eine Woche spaeter: schon am fruehen Morgen gruesst von weitem die rote Muetze. Der alte Herr hat Beschwerden, nur welche diesmal? Die erste Uebersetzerin berichtet, es liege daran, dass der Katheter nicht dicht sei. Um wirklich alle Missverstaendnisse auszuschliessen, wird wiederum Beth geholt, die berichtet, der Patient meine, der Katheter funktioniere, bereite ihm aber zu viele Schmerzen. Wir sollten ihn wieder ziehen. Diese Woche verlaesst der alte Herr also Baraka wieder ohne Katheter. Verstehen ist grosse Kunst….

Zwei.

Nachrichten von Peter, der Sozialdienst meldet, der Gips sei nicht mehr stabil. Ob wir nochmals einen Hausbesuch machen koennnten? Aber klar. „Aber du gehst nicht alleine in diese Gegend!“ sagen die Verbandsraumschwestern. Auf die Idee waere ich garnicht gekommen….. Wie gehabt machen wir uns mit Gipsbinden und Plastikwanne auf den Weg. Im Verschlag, nur erreichbar ueber den schlammigen Boden des kleinen Innenhofs, finden wir Peter sitzend. Mehrfach hatten wir ihm gesagt, er duerfe nicht das Bein anwinkeln, damit der Gips nicht breche, Der Gips sei zur Stabilisierung der Bruchanteile da.

Woche 5 nach Fraktur haben wir jetzt, ohne ordentliche Ruhigstellung. Peter hat den instabilen Bereich mit grauen Stofflappen umwickelt, sozusagen ein Paeckchen geschnuert, aber es haelt eben nicht, was es soll. Noch einmal erklaeren wir, Schritt fuer Schritt, einfach ausgedrueckt, wozu der Gips da ist. Fagen, ob er wirklich moechte, dass wir ihn erneuern. Fragen, ob er verstanden hat, worum, es geht, wie die Alternativen aussehen. Fragen ob er noch Fragen hat. Doch, er moechte, dass der Gips wieder in die stabile, richtige Position kommt. Er will es wenigstens versucht haben, ob das Bein heilt. Wir verstaerken den Gips. Dann stehen wir, und warten, dass das Material aushaertet. Gebeugt, weil die Decke so niedrig ist. Schweigen.

„Ich weiss nicht, wie ihr es sonst haltet, aber wollt ihr ihn nicht fragen, wie es ihm geht mit der langen Liegezeit? Und wie klappt es mit der Versorgung mit Essen?“ Weit und breit ist nichts zu essen zu sehen. Auf der Obstkiste neben dem Bett liegt lediglich ein grosses Messer. Man koennte meinen, der magere Mann habe sich noch weiter verschmaelert, so locker sitzt der Gips um die Hueften herum. Meine Begleiter uebersetzen. Peter sagt, es fuehle sich an wie im Gefaengnis. Aber es habe den Vorteil, dass er nicht mehr so viel Alkohol trinke wie frueher, er koenne ja nicht weg, um sich mit Freunden zum Trinken zu treffen. Und das Essen? Er wolle kein Essen mehr vom Sozialdienst, uebersetzen meine Begleiter. Aber warum nicht? Sein Kumpel solle kochen. Was der wirkliche Grund ist, laesst sich heute scheinbar nicht herausfinden. Waren die Besuche unerfreulich? War das Essen nicht gut? Hat Peter verstanden, er muesse dafuer bezahlen? Eine Woche spaeter berichtet der Sozialdienst, der Peter besucht hat, er habe darum gebeten, nicht das bereits gekochte Essen zu bekommen, sondern die Zutaten, damit sein Kumpel kochen koenne. Das laesst sich nachvollziehen…

Drei.

Beim morgendlichen Abstieg ins Tal zeigen sich dichte Rauchwolken inmitten des Slums, Flammen lodern, fettiger schwarzer Dampf steigt auf. Es wird einem kalt ums Herz, eingedenk der Enge in den Huetten und Durchgaengen, der mit Pappe und Plastikfolie tapezierten und ausgelegten Verschlaege, der vielen Menschen auf engem Raum, des schweren Zugangs zu Wasser, der Abwesenheit einer funktionierenden Infrastruktur. Rasches Ueberschlagen unserer Moeglichkeiten – ein einziges Sauerstoffgeraet in Baraka, keines in den drei Krankenwagen. Schmerzmittel muesste man erst in der Apotheke holen, wohin die Verletzten legen? An allen Wegen, die Aussicht auf das Feuer bieten, stehen Menschen, Fragen in den Gesichtern. Erst am Nachmittag kommt eine Patientin mit Brandverletzungen, blasig sich abhebender Haut an Armen und Hals. Versteinert wirkt sie, ausdruckslos. Die Huette ist abgebrannt und alles, was darin war. Auch der gesamt Vorrat an HIV- und Tuberkulosemedikamenten. Rose bringt Nachschub, winziger Ersatz angesichts all des Verlorenen. Wo wird sie unterkommen? Bei anderen. Es wird naeher zusammen gerueckt. Noch naeher. Was ist eigentlich passiert? Wo sind die Verletzten? Es sei keiner zu Tode gekommen, heisst es. Es seien Ambulanzen gekommen, sagt jemand. Wie sind sie in das Gassengewirr hineingekommen? Keiner weiss anscheinend genaueres. Auch die Daily Nation schweigt sich aus. Ist man gewohnt, dass es immer wieder einmal brennt? Interessiert es nicht?

Vier.

Die Daily Nation meldet, dass es im ganzen Land nur zwei Geraete zur Bestrahlung von Krebspatienten gebe. Wartezeiten von einem Jahr nach OP sind keine Seltenheit, bis die Therapie beginnen koenne. Eine Patientin wird interviewt, die wohl nach OP in einem Stadium war, das man noch haette behandeln koennen, ein Jahr spaeter, als der erste Bestrahlungstermin anstand, jedoch bereits Metastasen entwickelt hatte. Die Thematik haelt sich ueber drei Tage in den vorderen Seiten. Ein junger Mann wird vorgestellt, dessen Bein amputiert wurde, um die Prognose zu verbessern, seine Tapferkeit gelobt. „Wer hier schwerkrank wird und dazu kein Geld hat, dem liefert man am besten gleich den Strick mit,“ sagt eine Kollegin.

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5 Kommentare zu “Sifahamu – Ich verstehe nicht

  1. Das „gefällt mir“ fiel mir schwer. Es soll eigentlich eine moralische Unterstützung für Dich und Deinen Einsatz sein.
    LG

    • Danke für die Unterstützung, auch moralisch stets willkommen! Ja, es kann keinem der Beteiligten gefallen, dass es so ist, aber Du meinst ja sicher den anteilnehmenden Blick auf das, was sich schräg und mühsam darstellt…..

  2. … verstehen geht nur, wenn man es mit den eigenen augen gesehen hat … danke dem team für die gastfreundschaft, die sie mir gewährten! …

  3. unglaublich, was diese Menschen aushalten, eine andere Welt, andere Denkweisen,andere Zustände,Umstände, in die wir uns schwer tun , hineindenken zu können. Was ich schön finde,
    aan deiner Beschreibung, du wertest nicht, versuchst dein Möglichstes zu geben. Setztt viel
    Verständnis voraus. Karibu…..

    • Danke Dir! Man muss das weite Herz dafür täglich üben. Anstrengend ist das Gewimmel und die Enge – hat man 6 Patienten versorgt, sitzt und steht schon wieder der nächste Schwung von genauso vielen erwartungsvollen Menschen in dem kleinen Verbandsraum um einen herum…..Wunderbar ist allerdings die unendliche Geduld und Freundlichkeit der Patienten….

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