sabinewaldmannbrun

Farbe. Linie. Sehen.

„Ich sehe was, was du nicht siehst“ – Verschlungene Wege zu einem Buch

10 Kommentare

Vor 16 Jahren hatte ich die Idee zu einem Bilderbuch, in dem es um die Farben Gottes geht. Die bekannte Geschichte, dass verschiedene Menschen, gefragt, wie ein Elefant aussehe, entweder den Rüssel, die Ohren oder die kräftigen Beine beschreiben – dass also unterschiedliche Farben ein ganzes Bild ergeben können, war die Richtung, die die Geschichte nehmen sollte. Ich schrieb und malte Text und Bilder und schickte das Bilderbuchkonzept unter dem Titel „Sonnengold und Abendblau“ in die Verlagswelt. Pattloch zeigte sich interessiert, wollte aber den vermeintlich zu langen, zu direkten Text neu formuliert haben, am besten von einem anderen Autor, und den Titel ändern. Ich schlug Tanja Jeschke vor, da ich ihre Schreibe schätze und sicher sein wollte, dass etwas Konzentriertes mit eigener Farbnote dabei heraus kommt. Das Ergebnis gefiel mir sehr gut, wenn auch mit einer Abschiedsträne bezüglich meines eigenen Textes im Herzen, und auch Pattloch war zufrieden.  So weit voneinander entfernt waren unsere Texte auch garnicht, fand ich.

So klang das auf Seite 3 in meinem Text:

„Welche Farbe hat Gott?“ fragt Mario, “ ist er weiss oder schwarz oder grün oder blau oder alles miteinander?“

„Das ist ein Geheimnis,“ sagt die Malerin. „Aber ich weiss, dass er die Farben liebt und der grösste aller Künstler ist. Auf seiner Palette gibt es ein sonniges Gelb, ein ritzerotes Tomatenrot, ein himmlisches Blau, ein Grasgrün und noch viel mehr! Ein Rosa, sanft wie ein Rosenblatt, ein dunkles Waldgrün, tief wie ein Bergsee, ein Lila wie Flieder, ein Lila wie Auberginen, ein Lila wie meine neuen lila Socken und noch viel, viel mehr!“ freut sich die Malerin.

Und so klingt das bei Tanja:

„Heute mal ich dich,“ sagt Mario zum Vogel. Der ist ganz einverstanden. Und die Malerin leiht ihm ihr Bild mit den vielen bunten Farben. Mario malt ihn weiss und gün und mitten ins Bild. „Ich bin aber blau!“, ruft da der Vogel. „Ja, aber ich mal dich so, wie Gott dich ansieht“, sagt Mario. „Wenn Gott dich ansieht, dann wirst du verwandelt.“ „Wenn man Gelb und Blau mischt, dann bekommt man Grün“, sagt die Malerin. „Ach, so ist das“, flötet der Vogel.

Unser Buch wurde gedruckt, verkauft und gelesen, verlor sich aber mit den Jahren in den schnellen Strudeln des Verlagsbetriebs und wurde schliesslich verramscht. Jetzt hat sich der Fontis- (Brunnen-)Verlag in Basel dafür interessiert und das Buch neu aufgelegt, mit neuem Titelbild (ich hatte damals verschiedene entworfen) und mit anderer Typographie (leider auch innen, womit auch die selbst gemalten grossen Titelanfangsbuchstaben herausgeworfen wurden).  Meine Frage, ob denn diesmal mein eigener Text zum Zug kommen dürfte, wurde abschlägig  beschieden, fontis hatte vor allem Tanja als Autorin im Blick, da von ihr dort bereits mehrere Titel vorliegen. Jetzt darf unser Werk wieder ein wenig auf dem Bilderbuchmarkt präsent sein…

(links: die alte Ausgabe, rechts: die neue!)

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10 Kommentare zu “„Ich sehe was, was du nicht siehst“ – Verschlungene Wege zu einem Buch

  1. Liebe Sabine, ich mochte das Buch immer sehr und habe es viel mit meinem Sohn angeschaut. Jetzt freue ich mich, dass es überhaupt wieder lieferbar ist und bedaure, dass ich gerade kein Kind im passenden Alter kenne. Vielleicht fällt mir noch eines ein. Birte

  2. oh wie schön, habe sofort gegoogelt, ein scönes Weihnachtsgeschenk, auch interessant, hinter die Kulissen
    zu schauen.

  3. ich kann deine Wehmut fast ein bisschen spüren oder ist es doch nur wieder die eigene? Bei meinem Kinderbuch waren es die Illustrationen über die es Diskussionen gab, meinen Favoritenzeichnen wollte man nicht haben, engagierte stattdessen eine Kinderbuchautorin, mit der ich wirklich meine Mühen hatte, aber am Ende siegte doch der Verlag, bis heute denke ich, dass mir das nicht noch einmal passiert!

  4. This is soooo beautiful!! If only my big boys were little again;0) I love the dreamy and fairytale atmosphere, to me a perfect children’s book! Frohes Wochenende! Johanna

  5. war interessant für mich zu lesen. Solche Kompromisse und Kooperationen muss man also eingehen, wenn man ein Buch auf den Markt bringen will. Viel Erfolg mit der jetzigen Auflage!

    • Danke Dir! Zum Glück gibt nicht immer so viele Diskussionen. Manche sind auch witzig, z.B. ob Engel Sommersprossen haben dürfen oder nicht (da gabs mal ein hin und her bezüglich der Weihnachtsgeschichte). Dass meine bunten Kapitelbuchstaben unter den Tisch gefallen sind, wusste ich auch erst, als ich es sah, sonst hätte ich da noch ein bisschen gekämpft…

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