sabinewaldmannbrun

Farbe. Linie. Sehen.

Hii ni nini? – Was ist das?

Ein Kommentar

Gipskontrollen sind ein Tagesgeschaeft, das Ueberraschungen birgt. Nicht jeder Gips sieht so aus, wie er sollte, was Farbe und Design angeht: an manchen klebt das halbe Abenteuerleben eines kleinen Jungen im Slum, und zuweilen ist auch das Gelenk, das eigentlich ruhig gestellt werden sollte, eigentlich noch beweglich, sei es, weil der kleine oder groessere Patient Wochen hat vergehen lassen, bevor ein German Doctor einen zweiten Blick darauf werfen kann, oder weil das taegliche wilde Leben die Stabilitaet kippt. Eigentlich wird bezueglich der Gipskontrollen ein 7-Tage-Rhythmus angestrebt. Doch auch diese Vorgabe ist dafuer anfaellig, von der Wirklichkeit eingeholt zu werden.

Sami, 12 Jahre alt, ist gestuerzt, der linke Unterarm hat einen deutlichen Knick kurz oberhalb des Handgelenks. Er wird zum Roentgen geschickt. Wieder zurueck, ist auf dem Bild eine deutlich abgekippte Radiusschaftfraktur erkennbar, die allerdings nicht ganz frisch aussieht, Aufhellungen, Kallus und Abrundungen an den Bruchenden sind nicht zu uebersehen. Erst langsam, nach schnoerkelreichem Nachfragen, kommt mit dem Umweg ueber zwei aufmerksame, uebersetzende Verbandsraumschwestern die (vermutlich) wahre Geschichte ans Licht: Noch vor Weihnachten hatte Sami sich zum ersten Mal den Unterarm gebrochen, eine Schiene erhalten, die dann von der Mutter entfernt wurde (warum, blieb im Dunkeln). Gefragt, wie der Arm aussah, ob der auffallende Knick bereits Ursache des ersten Sturzes war, antwortet die begleitende Tante mit einem verhaltenen „Ich erinnere mich nicht,“ waehrend Sami bestaetigt, ja, der Knick sei genauso schon da gewesen.  Der schreckliche Schmerz hingegen nicht, der sei neu seit heute. Die Chirurgin vermutet, dass es sich um einen in schlechtem Winkel geheilten, jetzt aber wieder neu gebrochenen Knochen handelt.

Da Sami vor etwa einer Stunde auf dem Weg vom Roentgen zum Baraka Health Center (oben: der innere Wartebereich)eine Portion gebratene Kartoffeln („some Chips“) gegessen hat, faellt die Moeglichkeit der Kurznarkose weg, morgen sind bereits zwei Patienten fuer kleine OPs einbestellt und mehr sind am Rande des ueblichen Betriebs nicht zu schaffen. Also erhaelt Sami ein starkes Schmerzmittel und eine Kinderportion Valium und dann wird gewartet: Sami auf dem Schoss seiner Auntie auf einem Plastikstuhl in der Mitte des Dressingroom, zwei Schwestern, eine Uebersetzerin und die Chirurgin im Kreis, locker um die Sitzenden herum gruppiert, aber doch aufmerksam, wann dem Patient die Augen beginnen zuzufallen. Alles ist gerichtet, Wasser, Gips, Watte, Gaze, so dass es auf Kommando hin schnell gehen kann. Dann ist es soweit, Sami nickt kurz ein, ein Zug am Arm, ein Druck, ein Schrei, und dann sitzt der Gips. Die Chirurgin ordert, was sonst nur in seltenen Faellen als wirklich noetig und finanziell angemessen erachtet wird, eine Roentgenkontrolle im Gips an und beschliesst, dass Sami, falls der Winkel nicht wenigstens zum groessten Teil ausgeglichen ist, in die Klinik ueberwiesen werden muss. Denn bereits am Morgen wurde ein Gips bei einem gleichaltrigen Maedchen (vom Grossvater gebracht) mit der gleichen Fraktur abgenommen, deren Unterarm jetzt einen Bogen beschreibt. So sollte es nicht sein. Aber das geschieht nicht oft:

Zum Glueck heilt die Mehrzahl der Frakturen voellig ohne Komplikationen oder Fehlstellung aus, egal, ob der Gips nun dunkelgrau, mehrfach auseinandergebrochen, wochenlang nicht kontrolliert oder versehentlich in Wasser getaucht wurde. Wenn auch nicht Standard, doch was fuer ein Glueck…

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Ein Kommentar zu “Hii ni nini? – Was ist das?

  1. Großartige Arbeit unter in Europa nicht vorstellbaren Bedingungen!

    Respekt!

    LG aus Leo
    Barbara Rickenberg-Muhly
    – Physio –

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