sabinewaldmannbrun

Farbe. Linie. Sehen.

Hatukatik tumaini – wir geben die Hoffnung nicht auf

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Mittwochnachmittag, so um die 13 Uhr. Ein Patient mit gebrochenem Unterschenkel lehnt auf einer der Liegen im Verbandsraum. Da er ein wenig betrunken ist, haben wir beschlossen, die Gipsschiene noch vor der Mittagspause zu konstruieren, damit der Alkoholspiegel den Schmerz ein wenig abfedert. Da beide Unterschenkelknochen gebrochen sind, muss unter Zug gegipst werden, was nicht voellig schmerzfrei sein wird. Jared, einer der Mitarbeiter im dressing room, steht auf der metallenen Stufe, die den Patienten das Besteigen der Liege erleichtern soll, um besser das Bein nach schraeg oben ziehen zu koennen und berichtet, dass der Patient auf einer Karre von zwei Fremden gebracht worden war, die sich zwar insofern kurzzeitig hilfsbereit zeigten, ihn dann aber in der Ambulanz abladen und verschwinden wollten. Immerhin konnte er sie noch dazu bewegen, ihn zum Roentgen und wieder zurueck zu schleppen. Die Gipsbinden sind eingetaucht, da hoeren wir draussen allerlei Knallerei. Niemand macht sich im Moment Gedanken darueber, die Gipsschiene bei dem wenig kooperativen Patient mit schwerem Bein fordert ganzen Einsatz. Endlich sitzt der Gips und die Schwaegerin des Patienten ist eingetroffen, aber noch gibt es nichts zum Mittagessen, es muss zunaechst noch geklaert werden, wie der nun weitgehend unbeweglich Eingegipste zuhause in seiner Minihuette allein ueberhaupt zurecht kommen wird.

„Was war eigentlich los  vorhin, draussen gab es immer wieder Geraeusche, die wie Schuesse klangen?“ frage ich meine Uebersetzerin spaeter. Jaja, eine Schiesserei, bestaetigt sie mir munter, nicht weiter von dieser Tatsache beeindruckt. Erst am Ende der Woche in der allgemeinen Dienstbesprechung mit Vertretern aller Abteilungen und dem Manager klaert sich das Ganze auf: Jugendliche aus dem Slum hatten eine Wasserleitung angezapft, um ein Autowaschunternehmen anzubieten – die Polizei schoss in die Luft, um sich Respekt zu verschaffen. Von Seiten der findigen Jungunternehmer klingt der Sachverhalt natuerlich ganz anders: man haette eine defekte Wasserleitung fuer ein sinnvolles Geschaeft nutzen wollen und wurde durch die Ordnungshueter empfindlich dabei gestoert.

Die Gespraechsrunde in der Dienstbesprechung nimmt bei dieser Thematik nun deutlich Fahrt auf. Nachdem zuvor eher in Nebelstreifen morgendlicher Muedigkeit ueber Statistiken und Neuigkeiten aus den Abteilungen zu hoeren war, geht es nun darum, wie die Schiesserei im Kontext einzuordnen ist. Es wurden Patienten beobachtet, die zuschauen wollten, und sich zum Ort des Geschehens aufmachten. Vertreter einer der anderen Hilfsorganisationen haetten ein paar Verletzte eingesammelt und ins Krankenhaus gebracht. „Ja, so sind wir Kenianer“, sagt einer der juengeren Mitarbeiter ironisch, „wir sind neugierig. Wenn geschossen wird, laufen wir nicht weg, sondern hin, und wollen sehen, wie die Kugeln fliegen.“ Wenn in die Luft geschossen werde, sei es ja nicht so gefaehrlich, troestet eine der Schwestern. Der Manager ist damit nicht einverstanden. Mit Hinweis auf die physikalischen Gesetze gibt er zu bedenken, dass auch in die Luft geschossene Kugeln nicht ungefaehrlich seien, da sie ja nicht oben blieben. Er rate dazu, sich bei derlei Angelegenheiten in Sicherheit zu bringen statt neugierig zu sein.

Insgesamt wird der Vorfall jedoch eher unter „wir kennen das ja, dies ist kein friedlicher Ort“ verbucht. Die Chirurgin hingegen freut sich, dass es offensichtlich wenige gab, die ueberhaupt infolgedessen behandelt werden mussten.

(Foto: Dank an Friederike)

 

 

 

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6 Kommentare zu “Hatukatik tumaini – wir geben die Hoffnung nicht auf

  1. Erinnere mich an einen „Spaziergang“ in Uganda(?) mit der Haushälterin, da flüchtete sich Fr Dr. in den Satraßengraben….ich guck schon keine Krimis mehr an, die vermeintlich ferne Realität ist eben auch real…. obwohl wir in Deutschland ja wirkllich wohlbehütet sind.

  2. Bei diesen Elends-Dimensionen verliert sich mein Sinn für Nörgeleien im angekratzten Wohlfahrtsstaat (Griechenland). Danke für den Bericht und das Foto!

  3. Die furchtlosen…. Die Jungunternehmer sind ja köstlich – wer´s findet dem gehörts, oder? 😉

  4. Was soll man dazu sagen? Mir fällt im Moment nicht mehr ein als: „Pass auf Dich auf!“ Gruss Juergen

  5. wieder ein Bericht vor Ort, für Nichtkenner unglaublich, für Kenner nicht unbedingt verwunderlich- danke fürs teilen deiner Erfahrungen und Erlebnisse

  6. Mir wird bewußt wie wohlig eingebettet ich hier doch lebe. Viel Kraft für deine Aufgaben wünscht
    Marie

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