sabinewaldmannbrun

Farbe. Linie. Sehen.

Unaishi wapi? – Wo lebst du?

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~ „Africa is on the rise, Africa is positive, Africa is joyful. Let`s get together and be one with music, and say no to hate and violence,“ sagt Angelique Kidjo, als ihr in Los Angeles (fuer sie zum dritten Mal!) ein Grammy, in diesem Fall der Best Music Album Prize, verliehen wird. Stolz berichtet die Daily Nation in diesen Tagen ueber sie,  eine der beruehmtesten Musikerinnen Afrikas. Dass sie diesen Grammy all den traditionellen Musikern ihres Kontinents widme, der gesamten jungen Generation, berichtet sie. Das Foto der AFP zeigt die Saengerin im prachtvollen, traditionellen Waxprint-Gewand: goldgelb, ein wenig Gruen, von roten Sternen gesprenkelt. Ihr  neues Album ist international: auch neue Interpretationen klassischer Musik und  Begegnungen mit weltbekannten Stars sind darin zu finden.

~ Freitag, Ulcerday. Um die 20-30 offene Beine, die auch sonst regelmaessig zum Verbinden kommen, werden heute offiziell aerztlich gesichtet und behandelt. Gerade hat Jimmy den dressing room verlassen. Sein gruseliges, rund um den linken Unterschenkel reichendes Beinulcus , das seit Jahren nicht zuheilen will, ist frisch verbunden worden. Jimmy ist ein begnadeter Musiker, haben mir die Schwestern erzaehlt und (obwohl ich so etwas sonst nie mache -) ich habe auf seine Krankenakte eine kleine Gitarre gezeichnet, um nicht zu vergessen, dass er sein Instrument einmal mitbringen soll. Das letzte Mal hatten wir ihn darum gebeten, denn es waere bestimmt eine grosse und schoene Abwechslung fuer die vielen lange Wartenden im Vorraum, wenn ein bisschen Livemusic zu hoeren waere. Jimmy hat die kleine Zeichnung entdeckt, mit einem grossen Finger darauf gezeigt, gelacht und sich gefreut. Wir sind gespannt, ob er seine Musik einmal mitbringen wird.  Und schon steht der Kinderarzt in der Tuer des Dressing Room und schwingt eine Patientenakte: “ Ich hab da was fuer Dich! Gross und klein!“ Wie das? Eine sehr junge, blasse Mutter und ihr 4 Wochen altes Baby kommen herein. Die Mutter hat, wie sich zeigt, eine heftige Brustentzuendung, das Baby einen 8 cm breiten Abszess am Hinterkopf. In Mutters  Rocktasche tobt ihr Cellphone. “ Solange das Handy an ist, tanzt die Chirurgin zu der Musik und kann dich nicht behandeln“, wird ihr gesagt. Es dauert ein Weilchen, bis wir mit der Therapie beginnen koennen, und dann zeigt sich noch, dass die Mutter glaubt, die Brust sei verhext worden und zudem ist nicht genug zu essen da. Die beiden werden also nachher noch ins Feeding Center geschickt, wo es nicht nur etwas zu Essen gibt, sondern auch ein langes, einfuehlsames Gespaech ueber Hexerei, Stillen und Babyernaehrung im allgemeinen. Der weissen Frau wuerde man sowieso nicht glauben, was sie ueber die Hexerei denkt.

~ Samstagmorgen. Von der Woche her die fruehmorgendlichen Aktivitaeten in der Ambulanz gewohnt, mache ich mich zu einem Morgenspaziergang auf. Da wir hier in einer „gated community“  mit Waechtern am Tor untergebracht sind, ist die naehere Umgebung ueberschaubar. Es gibt aber auch eine grosse Wiese und da findet heute, bereits seit 7 Uhr in der Frueh, der „Zumba-Event“ statt: flotte Musik schwingt ueber den Platz, ein Trainer mit Mikrophon gibt Impulse,  eine grosse, bunte Gruppe der Balozy Women`s Group turnt flott ueber den Rasen. Der Watchman, der das vielfarbige Treiben bewacht, winkt mich heran. Ich solle doch gleich mitmachen. Hier ist mal der kenianische Mittelstand zugange, nicht unsere unterhalb des Existenzminimums verzweifelt rudernden Paitenten. Ich  bin gespannt auf diese neue Erfahrung. Es laesst sich leicht hineinfinden, denn der dynamische Trainer macht den Damen Beine: „mingle! mingle!“ droehnt er ins Mikro, und alle laufen durcheinander, bis ein ploetzliches Kommando zu befolgen ist. Ich laufe mit.  Da toent es:“Ear to ear!“ und in Windeseile ist eine Partnerin zu finden, mit welcher der in diesem Fall schwarzweisse Ohrkontakt herzustellen ist. „Knee to knee!“ “ Mingle! Mingle!“ „Schoulder to schoulder“! Wir haben eine Menge Spass.“Hair to hair!“ Der einzige kleine Junge mit ueberaus kurzer Raspelfrisur, mit eigentlich nur einem Schimmer von Schwarz auf dem Kopf, wird gefragt, “ where is your hair? Absent?“  Es wird viel gelacht. „Mingle, mingle!“ „Elbow to knee!“ Das ist schon komplizierter, denn der eigene Ellbogen soll nun  das Knie der Partnerin beruehren. Leider bin ich relativ spaet erst dazu gestossen, und schon bald hat der Jux  ein Ende. Die Damen schliessen mit einem Gebet. Dann kommt die Leiterin, eine flotte und energische Lady um die vierzig auf mich zu. Ein weisses Gesicht unter um die 60 schwarzen faellt leider auf. Ob ich auch hier wohne? Ah, german doctors? Sie arbeite in einer grossen Firma. Ob wir nicht Lust haetten, sie morgen in ihre presbyterianische Kirchengemeinde zu begleiten? Sie habe Platz fuer weitere vier Personen in ihrem Auto. Sie schreibt mir Namen, Telefonnummer und Adresse auf. Sie wohnt gleich um die Ecke. Gerne wuerde ich sie fuer meine African Ladies-Serie interviewen. Ob sie wohl einverstanden sein wird?

~ Spaeter, am Wochenende. Dichter Dieseldunst liegt ueber dem achtspurigen Superhighway. Gehupe, Gedraengel, ein Perpetuum mobile. Marabus kreisen ueber den Autokolonnen, ihr Schlafbaum steht in Sichtweite. Die Ueberquerung dieser Strasse (denn die Matatus Richtung Innenstadt fahren auf der gegeueberliegenden Seite ab und da wollen wir jetzt hin), jagt den Adrenalinspiegel (zumindest meinen) in schwindelnde Hoehen. Ampeln und Zebrastreifen sind, falls ueberhaupt vorhanden, Dekoration. Die zahllosen Kleinbusse stoppen auch nicht unbedingt, wenn man von acht Spuren die dritte erreicht hat und auf die vierte wechseln will. Unversehens findet man sich  zwischen zwei sich vorwaerts schiebenden Autokolonnen, ohne dass jemand anhielte, damit man weitergehen kann. Es gibt tatsaechlich Verwegene (oder vielleicht auch verzweifelt Arme), die in dieser Position Bananen, Bonbons und Zeitungen verkaufen. Ich bin schon froh, wenn die andere Strassenseite lebendig erreicht ist, wo wir uns in ein volles Matatu mit lauter Musik quetschen koennen. Sitzt man dann, menschlich gut gepolstert, mit 3 cm Abstand nach oben zum Wagendach, faellt der Blick auf den Bildschirm vorne, wo leichtbekleidete Damen zu wummerndem Beat ihren verlaengerten Ruecken in Blickrichtung kreisen lassen. Die Mienen der Mitpassagiere hingegen sind indifferent. Der Kollege vergleicht den Subwoofer mit einer Stosswellentherapie – das Matatu vibriert im Rhythmus.

Die Dichte an Autoverkeht, Ereignissen, Menschen und Dieselwolken macht atemlos. Kein Wunder, dass abends alle am Husten sind. Selbst im Slum, mit Wegen, die zumeist viel zu eng fuer Gefaehrte sind, fuehlt man sich im Vergleich dazu wie in einem Naherholungsgebiet – Stuttgart  wirkte selbst in der Innenstadt wie verschlafenes Hinterland. Noch wenn ich am spaeten Abend unter meinem Moskitonetz liege, brandet das Rauschen des Superhighways,  das Gehupe und Gedroehn herueber, lauter als die wenigen Grillen auf dem Streifchen Rasen hinter dem Haus.

„Africa is moving“, denke ich beim Einschlafen, und das ist eigentlich gut so. Wer sich auf den Weg macht, kommt irgendwann auch an.

Foto: Mathare Valley Slum. Danke an Steffen!

 

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4 Kommentare zu “Unaishi wapi? – Wo lebst du?

  1. Danke wieder für den Bericht!

  2. Danke Sabine, ich lese deine Berichte immer sehr gerne, auch wenn ich nicht immer etwas dazu schreibe! Ich bekomme so ein Bild von deiner Arbeit und wie hier von einem kleinen Stückchen afrikanischer Realität- es gibt für mich nichts kostbareres, als Berichte von Vorort.
    Herzliche Grüsse an dich in den für mich fremden Kontinent
    Ulli

  3. Bei deinem Bericht habe ich afrikanische Musik in den Ohren, Lärm und Staub auch, trotz großen Problemen, eine sprudelnde Lebendigkeit, trotz großer Armut Fröhlichkeit, bringe ein wenig mit zurück.

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