sabinewaldmannbrun

Farbe. Linie. Sehen.

Die Freiheit, dem Anderen schaden zu dürfen

12 Kommentare

Sonntagmorgen, 5.20. Im Bus zur Arbeit. 12 Stunden ärztlicher Notdienst stehen an. Im Bus sitzen lediglich zwei Leute, eine mittelalterliche Lady und ich, weit entfernt voneinander. Sonntagmorgendliche Ruhe. An der nächsten Haltestelle steigt ein Grüppchen Jugendliche ein, dem Restalkohol nach aus der letzten Party gespült. Sie tragen keine Masken und setzen sich, scheinbar auf Provokation gebürstet, um mich herum. Platz woanders wäre reichlich. Ich packe meine Sachen und setze mich anderswohin. Der Fahrer schaltet die Maskenpflichtdurchsage an. Das Grüppchen lacht. Wir fahren ein Weilchen weiter. Der Fahrer kommt persönlich nach hinten und bittet um Einhaltung der Regeln. Kein Effekt. Erregte Diskussionen im Grüppchen. Da im Moment alle Platz genug haben um sich herum, lässt der Fahrer die erfolglosen Versuche auf sich beruhen.

Angekommen im Dienst. Mein Fahrer hat auch keine Lust, eine Maske im Auto zu tragen, obwohl wir viele Stunden lang nah beieinander vorne sitzen müssen. Nachdem das Argument des Vermummungsverbots inzwischen von der Notfallpraxisleitung widerlegt ist, führt er seine beschlagende Brille als Argument an. Meine eigene Brille beschlägt auch, aber nur anfangs. Irgendwann herrscht freie Sicht. Nein, er sieht das nicht so (außer im Patientenkontakt, da sei er ja dazu verpflichtet). Außerdem hätte man ja sowieso ständig Kontakt zu Leuten, die mit potentiell erkrankten Patienten zu tun haben, da wisse man eh nicht… Da ich gerne einsatzfähig bleibe und mehr als doppelt so alt bin wie mein Fahrer, trage ich also durchgehend 12 Stunden lang eine FFP2-Maske (im Wechsel mit einer trockenen nach einer gewissen Zeit). Das ist wenig angenehm. Aber offensichtlich bin ich da härter im Nehmen als der Bub?

Auf dem Rückweg ist der Bus voll. Sonntagabend, Reisende kommen zurück, man kann nicht genügend Abstand halten. Neben mir einer, der die Maske übers rechte Ohr baumelnd trägt. Nach 12 Stunden FFP2 machen die letzten 40 Minuten den Kohl auch nicht mehr fett, obwohl ich mich schon gefreut hatte auf ein bisschen mehr Nasenfreiheit.

Stundenlang erzählen könnte man auch von den Patienten. Warum den Doktor und den Sanitäter schützen? Einer verlangt, dass wir ohne Schutzkleidung zum Abstrich kommen, damit die Nachbarn nichts merken, fast alle fragen, was, muss ich auch eine Maske tragen?, nachdem das in der Klinik längst nicht hinterfragte Pflicht ist, es sei denn, man hat Atemnot.

Irgendwie hat sich immer noch nicht herumgesprochen, dass der lockere Mund-Nasen-Schutz in erster Linie die anderen vor mir schützt. Was ist so schlimm an diesem einfach zu realisierenden und nebenwirkungsfreien Solidaritätsprinzip? Wieso meinen manche, nicht einmal die Viertelstunde im Bus das Läppchen im Gesicht ertragen zu können, während andere es 12 Stunden lang bei der Arbeit tragen (müssen)? Es scheint ja ums Prinzip der persönlichen Freiheit zu gehen. Darf ich die Freiheit, anderen zu schaden, für mich beanspruchen?

12 Kommentare zu “Die Freiheit, dem Anderen schaden zu dürfen

  1. Liebe Sabine,
    Du hast ja soooo recht und sprichst mir aus dem Herzen. Auch ich mache im ÖPNV täglich solche Erfahrungen… Das nervenaufreibende Diskutieren habe ich aufgegeben und setze mich einfach weg. Heute, da es nicht so heiß ist, werde ich mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren, obwohl ich einen langen Weg habe. Gerade kam im Radio (SWR2), dass die (sonst so rebellischen Italiener) sich ganz selbstverständlich an die Maskenpflicht halten. Tja, die waren halt auch stärker betroffen von der 1. Welle. Ich verstehe ja das Vorsorge-Paradox, aber ich dachte, dass die Menschen ein Hirn zum Selberdenken hätten…
    Liebe Grüße
    Martina

  2. which is quite a good advice. As doctors usually also see it as their duty not to hurt anyones integrity…Thank you for adding this!

  3. Seems everywhere is dealing with this issue – that should not be an issue. Not wearing a mask while on a bus seems unbelievable these days. My personal decision (there are no actual requirements where I live, just recommendations) is to wear one in and indoor/enclosed space and in crowded outdoor spaces. I often think of doctors and nurses etc during these times and it seems little enough to do to protect my community and our health care workers. As our head doctor says, “stay calm, stay kind, stay safe.”

  4. Dieser Text verdient es, ausgeschnitten und eingerahmt zu werden.
    Danke dafür.

  5. Es gibt keine Freiheit, anderen schaden zu dürfen. Die Menschen, die sich diese „Freiheit“ nehmen sind dreist, egoistisch und dumm. Wie leider die meisten Menschen auf diesem Planeten. Ganz schlimm wird das, wenn solche irgendeine „Macht“ haben.
    Gruß Heinrich

  6. In unserer seltsamen „Spaß-Gesellschaft“ scheint einiges nicht mehr zu funktionieren, Gründe dafür sehr vielfältig, die Verantwortung abzugeben ist halt auch einfacher, bequemer, man hat zu funktionieren, selbst etwas dafür tun, Fehlanzeige. Verlernt, ignoriert, viele Gründe mag es hierfür geben Bei deiner Arbeit sehr hinderlich.

  7. Informationsdefizite scheint es meiner Meinung nach nicht wirklich zu geben. Ich denke, dass viele schlichtweg mit der Informationsflut überfordert und nicht in der Lage sind, zu strukturieren. Und klar, sobald Alkohol im Spiel ist, ist das Resthirn sowieso ausgeschaltet 🙂

  8. Danke, Frau Mauswohn! Bevor ich die anderen beschimpfe, wüsste ich ja gern, ob es da Informationsdefizite gibt. Ich mag ja das Auswiegen von durchdachten Argumenten. Was aber bei einem gewissen Alkoholpegel nicht mehr geht. Aber auch sonst scheint es Zustände zu geben, die das verunmöglichen. Da hast Du vermutlich recht…

  9. Wenn alle MNSchutz tragen, sind alle besser geschützt, weil die Aerosole abgefangen sind. Trägt mein Drumrum nichts, schützt mich nur FFP2 sicherer. 100% gibts vermutlich nicht, aber es war zu lesen, dass auch die übertragene Erregermenge einen Einfluss hat, und die wird deutlich niedriger bei Barriere vor Mund und Nase…

  10. Sehr schön geschrieben. Ich kann die Ignoranz und Respektlosigkeit so vieler Menschen auch nicht nachvollziehen. Ist es wirklich so schwierig, sich an ein paar Regeln zu halten, um uns gegenseitig zu schützen? Scheinbar ja. Mir macht diese Fahrlässigkeit und regelrechte Dummheit fast schon Angst.
    Weiter viel Erfolg bei der Arbeit 🙂
    Liebe Grüße
    Mallybeau

  11. Eine eindrückliche Schilderung, liebe Sabine, und deine Frust nachvollziehbar. Eine Frage habe ich: wärest du, wenn die anderen im Bus eine einfache Maske trügen, tatsächlich geschützt, oder müsstest du deine FFP2Maske sowieso weiter tragen, um dich ausreichend zu schützen? Ich frage, weil du schreibst: „Irgendwie hat sich immer noch nicht herumgesprochen, dass der lockere Mund-Nasen-Schutz in erster Linie die anderen vor mir schützt“. und „Nach 12 Stunden FFP2 …. l ich mich schon gefreut hatte auf ein bisschen mehr Nasenfreiheit“.
    Meine Frage also. sind die einfachen Masken wirklich ein Schutz? Ich lese immer mal wieder, dass sie ein falsches Sicherheitsgefühl geben. Wie siehst du das?

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