sabinewaldmannbrun

Farbe. Linie. Sehen.

Nachtaktivitäten – Roadmovie 5

14 Kommentare

Unterwegs im ärztlichen Notdienst. Der erste Patient sorgt bereits für Diskussionen. Mein Fahrer, jung und sehr vorsichtig, was den Infektionsschutz angeht, hält die Hausbesuchsanforderung in der Hand. „Wollen sie da nicht anrufen? Das lässt sich ja sicher auch telefonisch klären.“ Der Patient, noch jünger als der Fahrer, coronapositiv, hat seit 3 Tagen hohes Fieber. Bei seinem Geburtsdatum vermutet der eine oder andere einen Männerschnupfen. Einen potentiellen Jammerlappen. Warum sich der Infektionsgefahr aussetzen? Aber: ich kann eine Lunge nicht per Telefon abhören. Das Argument überzeugt. „Ich geh aber nicht mit rein,“ sagt mein Fahrer. Natürlich nicht. Selbst ich gehe, obwohl vollverkleidet, nicht hinein, wenn der Patient zur Tür kommen kann. Und die Versicherungskarte kann man auch einen Treppenabsatz tiefer einlesen. Wir fahren hin. Der Patient hat Atemnot. Die Lunge klingt garnicht gut. Die Sauerstoffsättigung ist im unteren Normbereich. Die Einweisung in die Klinik ist ihm ganz recht, erstmal nur für weitere Diagnostik. Hin und wieder sieht die Lunge in der Bildgebung schlechter aus, als man es vermutet hätte. Lebt noch jemand im Haushalt? Ja, die Freundin, die ist aber bei der Arbeit. Wie kann das sein, wenn er positiv getestet und erkrankt ist? Na, sie habe keine Symptome. Und arbeitet im Einzelhandel. Testergebnis gab es noch keines, man warte darauf. Wir stellen uns jetzt nicht vor, wen sie alles angesteckt haben könnte.

Der nächste Patient lebt im Seniorenheim, er atme schlecht. Im selben Heim war ich bereits vor einer Woche, da waren es 10 Patienten mit verdächtiger Symptomatik, zwei weitere bereits positiv. Heute sind die Ergebnisse des Reihenabstrichs da: es sind über 20, die ein positives Testergebnis haben. Der anzuschauende Patient quält sich mit der Atmung, ist garnicht mehr ansprechbar, trotz Sauerstoffgabe hat er eine Sättigung von nur 82%. Sehr ungesund auf Dauer. Warum wir jetzt erst angefordert worden seien? Sie habe am Morgen schon angerufen, sagt die Pflegerin. Da der Sohn keine weiteren Maßnahmen mehr wolle, habe der Kollege per Telefon Sauerstoff und Fiebersenkung angeordnet. Ich rufe den Sohn an. Doch, vor einer Woche war der Vater noch mobil, man konnte sich mit ihm unterhalten. Und nein, eigentlich wolle er nicht, dass der Vater so erstickt. Sich so quälen muß. Und wenn er beatmet wird, ist er sediert, er wird es nicht spüren. Wird viel weniger spüren als im Moment, wo selbst bei 30 Atemzügen pro Minute und Sauerstoff nicht genug Luft zu bekommen ist. Ich soll ihn einweisen. Gut so. Der Kollege in der Klinik hat noch genügend Kapazitäten. Es will wirklich gut abgewogen und besprochen sein, was da in der Patientenverfügung steht. Das kategorische „es soll nichts mehr gemacht werden“ ist zuweilen weder barmherzig noch angebracht. Oft ist es nötig, den Gesichtsausdruck des Patienten zu sehen, um eine angemessene Entscheidung zu treffen.

Die nächste Patientin ist bereits tot. In Heim Nr. 2 sind inzwischen alle (!) Patienten und 80% des Personals positiv getestet. Die Schwester erzählt mir von einer 85jährigen, die jetzt, nach Ende der Beatmung in der Klinik, auf dem Weg der Besserung und wieder aktiv sei. Na, mal eine gute Nachricht!

Der nächste Patient in Heim Nr. 3 befindet sich in infektionsfreier Umgebung. Hier hat es besser geklappt mit dem Infektionsschutz, es ist kein ausgewiesener Demenzbereich, in dem er sein Zimmer hat, die Bewohner verstehen noch, wo man vorsichtig sein muss. Aber auch er hat Mühe mit dem Atmen. Seit 3 Wochen wird das Herz schwächer, zwar hat der Hausarzt die Medikamente umgestellt, aber das reicht offensichtlich nicht, der Patient hat in dem Zeitraum 14 kg zugenommen an Wassereinlagerungen. Die Ödeme gehen bis unter die Achselhöhlen. War denn mal der Hausarzt vor Ort und hat ihn angeschaut? Die Pflegerin erzählt, scheints habe er noch nicht zurück gerufen. Vor einer Woche schon hätten sie einen Hausbesuch angefordert. Ich stelle mir den Kollegen vor, der zwischen Infektionsschutzmaßnahmen, verunsicherten Patienten und erkrankten Arzthelferinnen rotiert und nicht mehr weiß, wie er das alles schaffen soll. Wir weisen den Patient ein. Und das ist ihm ganz recht. Der Patient ist ein geistig wacher, reflektierter Mann, wenn ihm auch das Wasser bis zum Hals steht.

Wer sich bis hierher durch diesen kleinen Bericht gekämpft hat, verdient ein Lob. Wer mag das alles noch hören? Überhaupt, das C-Wort, es hängt einem aus den Ohren heraus. Und trotzdem denke ich, es ist gut, davon zu erzählen, wie es an den Stellen aussieht, wo die Folgen von Corona offensichtlicher sind als in der Fußgängerzone oder im Reisebüro. Was wird nur aus den Patienten, die keinen Fürsprecher haben, der sich auf die Zehenspitzen stellt und notfalls dreimal darum bittet, dass der Kranke angesehen wird? Und auch nicht erst in einer Woche, sondern heute? For crying out loud…Doch, manchmal würde ich nach einem solchen Dienst gerne laut schreien.

14 Kommentare zu “Nachtaktivitäten – Roadmovie 5

  1. Danke, Martina, für Deinen Kommentar – eigentlich ist das wichtigste ja die Solidarität. Wem die eigene Gesundheit in dieser Hinsicht egal ist, könnte ja immer noch seine Mitmenschen schützen. – Zum Glück erstickt ja nicht jeder, der krank geworden ist. Weswegen mir nicht egal ist, ob ich krank werde, ist der Anhalt dafür, dass das Virus das zentrale Nervensystem beeinträchtigen kann (siehe Riech- und Geschmacksstörungen, Schwindel, etc. etc.). Darauf würde ich gerne verzichten. Bleib auch gesund, Martina, und viel Schwung für Deine Arbeit!

  2. Ich denke ja manchmal, die Überfülle an Informationen zu diesem Thema ist nervig, aber vielleicht doch notwendig, damit sich irgendwann doch mal rumspricht, wie man sich anstecken kann…

  3. Mir verschlägt ja insbesondere die Geschichte mit der Freundin, die weiterhin fleißig im Einzelhandel arbeitet, während sie auf ihr Testergebnis wartet und der Lebensgefährte kaum noch Luft bekommt, die Sprache! – Wie DUMM kann man eigentlich sein???

  4. Liebe Sabine,

    vielen Dank für den ausführlichen Bericht. Ja, als Betreuungsassistentin mache ich mir schon auch meine Gedanken und hab`s mir so ähnlich vorgestellt. Ich hoffe sehr, dass die Einrichtung, in der ich tätig bin, davon verschont bleibt und versuche, meinen Anteil dazu beizutragen.
    Heute hat mir ein Freund erzählt, dass seine 80jährige Mutter sagt, es würde ihr nichts ausmachen, wenn sie Covid bekommen würde, da sie ihr Leben ja gelebt hat. Sie hält sich also nicht an die Regeln… Aber ersticken will sie sicher nicht. Wie kann man solche Menschen „einfühlsam“ mit der Realität konfrontieren ohne sie unnötig zu ängstigen?
    Viele Grüße und bleib gesund trotz des hohen Risikos!
    Martina

  5. Nein, das glaube ich auch nicht … und hoffe, dass es immer wieder Menschen in der Begegnung gibt, die sich einer offensichtlichen Gleichgültigkeit und
    Lieblosigkeit entgegenstellen bzw diese als solche erkennen und benennen. Es ist berührend, was Du schreibst, Das ruft mit meinen Arbeitsalltag im Altersheim wach, mit all den Träumen, die sich dabei bei mir entfalten.

  6. Ja, liebe Ola, es gibt so viele Pflegende, die es gut machen, trotz schwieriger Umstände, das kommt in diesem Artikelchen zu kurz, und das ist ein großes Glück, deshalb sei es hier gesagt….

  7. Danke, liebe Doris, für Deine Gedanken zum Thema. Wenn mich die Umstände bekümmern, dann wegen der hier und da vorhandene Gleichgültigkeit und Lieblosigkeit. Bei der Betrachtung der Wohn-, Versorgungs- und Pflegesituation habe ich immer auch die Länder im Hinterkopf, in denen ich ab und zu arbeite, wo all das nicht möglich und vorhanden ist. Der menschliche Faktor kann hier oder da dafür sorgen, dass sich jemand verloren oder geborgen fühlt, ich glaube nicht, dass sich das vom Staat und oder mit Geld vollständig lösen lässt.

  8. So grateful for people like you all over the world doing the work that you do. It’s hard but necessary to keep hearing this. Stay well and may a vaccine be found soon.

  9. Tut gut, Deinen Beitrag zu lesen. Es ist an der Zeit, scih nich mehr auf dem Glauben auszureuhen, dass wir in Deutschland ein gutes Sozialsystem haben, besser als in anderen Ländern. Es schleichen sich immer mehr fehlende Kapazitäten für individuelle Betreuung ein, so beobachte ich es. – und dies zeigt sich bei der Pandemie besonders. Mein Traum wäre eine Seniorenbetreuung, wo es ein Recht gibt auf frische Luft, eine/n Balkon/Terrasse, Pflanzen, genügend Raum und eine ressourcenorientierte Betreuung sowie eine engmaschige medizinische Betreuung… – dann brächte das Arbeiten im Pflegeheim auch wieder mehr Befriedigung..-
    – Viele alte Menschen haben keinen Freundeskreis mehr und sind in der Gefahr, einfach unterzugehen im Kreis ihrer Mirbewohner.innen. und Betreuungspersonen. Da gibt es noch eine Menge umzudenken.

  10. Das ist wohl das Schlimmste: Hilfe nötig haben und sie nicht zu bekommen. Weil man niemanden hat, der in schwierigen Situationen für einen kämpft und spricht. Ich habe mir mein Studium größtenteils als Schwesternhelferin auf den Pflegestationen von Altenheimen verdient. Das ist oft schon ohne Corona ein Albtraum zum Weinen, wenn jetzt bei Ärzten und Pflegepersonal noch Angst dazu kommt… und die Verwandten nicht mehr kommen dürfen…
    Ich mag es mir gar nicht vorstellen. Und will es auch nicht. Ich kann nur denen tiefen Respekt zollen, die mittendrin sind und trotzdem nicht aufgeben. Nicht aufgeben für Leben zu kämpfen und zwischendurch noch Hände zu halten.

  11. Danke Gerda, und tapfer, dass Du Dich hindurchgelesen hast. Dass der Staat da mehr machen sollte, war garnicht so mein Ansinnen. Eher, dass alle Beteiligten mutig sind, sich vor Ort ein Bild machen und dann auch bei buckeligen Umständen darauf bestehen, dass jeder Patient das Recht hat, (an)gesehen und zu seinem Wohl und individuell abgestimmt behandelt zu werden… Aber Du hast sicher die Bezahlung der Pflegekräfte im Sinn. Wobei das nicht die ganze Miete ist…Ob sich das Problem vor allem mit mehr Geld lösen lässt?

  12. liebe Sabine, Du berichtest über die Realität, die wir nicht gerne hören wollen. Ihr, die damit konfrontiert seid, habt keine Zeit, die Patienten keine Luft mehr zum Schreien. Die Menschen bewegen sich zwischen Angst Unwissenheit,Ignoranz und Verharmlosung teils auch Panik. Du berichtest sachlich kenntnissreich über die Lage,das trägt zur Aufklärung bei. So mitfühlend, danke dir dafür. Was für eine Welt und. Immer noch wollen alle weiter leben ,wie bisher. Das kann nicht funktionieren. Die perfekte Welt gibt es nicht, ein verantwortungsvolles Handeln könnte es geben.

  13. Liebe Sabine,

    Du verstehst es, undramatisch und sogar noch humorvoll, aber dennoch auch nachdrücklich zu berichten. Vor allem der Teil mit der Patientenverfügung war für mich sehr hilfreich. Ich habe mir erlaubt, das Mail an einige Menschen weiterzuleiten.

    Liebe Grüße und weiter viel Kraft für deine Arbeit. Ich hoffe, du bleibst gesund!

    Liebe Grüße von Elke

  14. was für ein fürsorglicher Staat! Dort, wo dringend Hilfe angesagt wäre, nämlich in Heimen, geschieht viel zu wenig, Und die Ressourcen werden verschwendet. Milliarden hie, nix da.

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