sabinewaldmannbrun

Farbe. Linie. Sehen.

Im Verbandszimmer mittags um 1…

Ein Kommentar

Auf der großen Liege neben dem Hofausgang liegt eine völlig erschöpfte Vierjährige und schläft. Vor 2 Wochen war sie zum ersten Mal da, mit der gestreßten Mutter und dem Neugeborenen, wegen einer Kopfwunde. Wir haben sie gesäubert und verbunden und einen Wiedervorstellungstermin ausgemacht. Der nicht eingehalten wurde. Ein paar Tage später ist sie wieder da, diesmal mit einem Uncle. Der Verband ist ab, die Wunde eitert. Dasselbe wiederholt sich noch zweimal. Heute hat eine der Sozialarbeiterinnen, die in der Nähe wohnt, sie gebracht. Wieder ist die Wunde eitrig, das Kind voller Angst und Schmerz, niemand hat das mitgegebene Pflegemittel zum Wundreinigen benutzt. Die Sozialarbeiterin erzählt, dass die Mutter allein ist, vier Kinder versorgt. Ein Vater? Disappeared. Scheinbar haben viele Männer hier die Gabe, sich plötzlich unsichtbar machen zu können, wenn es schwierig wird. Ich bitte Winnie von den Community Healthworkern dazu. Sie verspricht, sich die Umstände näher anzuschauen. Das Kind zu befragen. Das Ernährungszentrum einzuschalten. Die Krankenkarte ist auch verschwunden. Wir erstellen eine neue.

Auf der anderen Seite neben dem Hofausgang sitzt eine Muslima mit Schleier, das rechte Bein in einem Wassereimer mit Jodlösung und benetzt unermüdlich tapfer mit der Hand schöpfend die 5cm große, verkrustete Wunde am Unterschenkel. Der Eimer ist zu klein, deshalb reicht der Wasserspiegel nicht bis über die Wunde. Aber so geht es auch. Vor zwei Wochen hat sie sich am Auspuff eines Motorradtaxis das Bein verbrannt, in einem Lädchen hat ihr dann jemand ein Pilzmittel dafür angedreht. Das die Umstände keineswegs verbessert hat. Schließlich ist die eitrige Kruste gelöst und das Bein verbunden. Alles kann besser werden.

In der Ecke gegenüber sitzt Bonface, ein wilder, knochiger Geselle mit Cowboyhut, feuchtem Husten, Holzknüppel zum Abstützen und rauchgrauen Klamotten, die seit Wochen scheinbar keine Wäsche mehr erlebt haben. Bonface aber ist guter Dinge, der Fuß tut nicht mehr weh. Vor einer Woche haben wir ihm wegen einem zwei Wochen lang verschleppten Fersenbeinbruch einen Gipsschuh gebastelt und auch zwei Gehstöcke zur Verfügung gestellt, aber irgendwie war das zu unbequem, zu kompliziert mit dem Entlasten des verletzten Fußes, lieber wollte er weiter auf beiden Beinen stehen und gehen. So hat der Gips jetzt die Beschaffenheit einer Wollsocke, ist also eher symbolisch vor Ort. Bonface lächelt mich an. Seine Maske ist auch eher symbolisch beschaffen. Ich lächele zurück. Was solls? Wenn er keine Schmerzen mehr hat, ist schon viel gewonnen. Und das Röntgenbild ist nicht so dramatisch, dass man nicht Milde walten lassen könnte. Soll er halt noch eine Woche mit der Gipssocke unterwegs sein, wir haben es versucht und erklärt, warum wie was…

Wie ging es dir in diesem letzten Jahr, frage ich Beth, meine Übersetzerin. Ach, ach, sagt sie, schwierig, schwierig. Der Ehemann, eigentlich Lehrer, hatte sich gerade gerüstet, ein Geschäftsmann zu werden, seine Stelle an der Schule gekündigt, als Corona kam. Und dann…? Ja, das wurde nichts mit dem Geschäft, der kenianische Lockdown hat ihm einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Und jetzt? Ach, wir müssen irgendetwas machen, sagt Beth, um zusätzlich ein bisschen Verdienst zu erwirtschaften, die beiden angenommenen Kinder (der verstorbenen Schwester und Cousine) müssen in die Schule, vielleicht können wir eine Kuh erwerben und dann die Mich weiter verkaufen? Ein Stücklein Land ist vorhanden, wenn auch klein. We have eaten up almost all our money this year, sagt Beth leise…

(Mehr über unsere Projekte unter http://www.german-doctors.de)

Ein Kommentar zu “Im Verbandszimmer mittags um 1…

  1. Danke, wieder einmal. Danke fürs Teilen deiner Erlebnisse, aber vor allem anderen danke für deine Zugewandtheit und für die große Ruhe, die aus deinen Zeilen sprechen.

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