sabinewaldmannbrun

Farbe. Linie. Sehen.

Mütter

5 Kommentare

Die Mutter von Milka(8 Monate) ist beschäftigt. Zwar müssen die beiden ein Weilchen warten, bis sie in den Behandlungsraum kommen können, aber so wird die Zeit nicht lang: das Kind patscht mit seinen kleinen Händen so lange an Mamas Maske, bis dahinter ihr Lächeln zum Vorschein kommt, dann lachen beide. Das läßt sich beliebig oft wiederholen. Das Mädel ist auch nicht wirklich krank, ein Pickel am Arm soll begutachtet werden.

Die Mutter von Violet(3 Monate) zieht die Maske über die Augen. Ein großer Abszeß, der fast die Hälfte des Oberschenkels ihrer Tochter einnimmt, soll jetzt, nach einer Woche, endlich geöffnet werden, und das will sie nicht mit ansehen. Sie dachten ja, es würde vielleicht von selbst wieder gut…

Die Mutter von Omoto (7 Jahre) ist besorgt. Während wir die Verbrennungen ihres Sohnes an Bauch und Beinen verbinden, pfeift, zischt und dampft direkt neben der Untersuchungsliege der Sterilisator und lässt alle paar Minuten ein brüllendes Schnaufen ab. Bislang ist noch nichts explodiert. Aber wer weiß?

Die Mutter von James(17 Jahre) weint. Ihr Sohn hat eine komplizierte, verschobene Fraktur am rechten Ellbogen – im Gelenkspalt sitzt zudem noch ein Knochensplitter – die wir nicht behandeln können. Der Bruch muß unter Röntgenkontrolle im Krankenhaus gerichtet werden, und dafür ist kein Geld da. Vielleicht kann die Verwandtschaft noch ein paar Schillinge zusammenkratzen, aber das dauert zu lange. Seit dem Unfall ist schon eine Woche vergangen. Wir schicken die beiden trotzdem mit einem Überweisungsblatt in unser Referalhospital und hoffen, dass auch hier der Sozialfond noch ein bißchen hergibt. Wenn nicht, wird James sein Leben lang den rechten Arm nicht richtig benutzen können.

Die Mutter von Everlyne und Elizabeth, beide Mitte 50, wird von ihren Töchtern wegen Schulterschmerzen gebracht. Die drahtige Über-Siebzigjährige ist noch sehr aktiv im Management von Häuschen und Garten up-country im Dorf, aber beim Schleppen der schweren Wasserkanister ist es ihr vor drei Tagen schmerzhaft in die Schulter gefahren. Und nun schmerzt es beim Heben des Arms. Ich stelle mir unsere Rentnerinnen zuhause vor, wenn sie ihr Wasser in gelben 10-Liter-Kanistern holen gehen müssten. Gibt es keine Enkel, die tragen helfen könnten, frage ich? Ach, die machen das nicht richtig, winkt die alte Dame ab.

Die Mutter von Lucy(4 Jahre) ist nicht da. Dafür bringt ein Auntie das Kind, das von einem Motorrad angefahren worden sei. Vom Unfallhergang weiß sie nichts, und kann auch sonst nicht viel sagen, es muß ein sehr entferntes Auntie um viele Ecken herum sein, und auch der Fahrer ist schon wieder auf Tour mit einer Kundin, obwohl er eigentlich hätte berichten sollen. Die Untersuchung ergibt nur ein paar Abschürfungen am Arm und Knie. Und dann kommt doch noch der Fahrer vorbei: mit Pudelmütze und Sonnenbrille (statt Helm) und Wollpullover (die preiswertere Schutzausrüstung). Nein, angefahren habe er das Kind nicht, es sei nur beim Ausweichen gestürzt. Zum Glück ist nicht mehr passiert. Da gab’s schon ganz andere Geschichten.

Die Mutter von Brian(5 Jahre) freut sich, dass der Gips, bzw. das, was davon noch übrig ist, jetzt endlich abgenommen wird. Schon viel früher hat der Sohn trotz Ermahnung seine üblichen Aktivitäten wieder aufgenommen, und das sieht man dem Gips an: staubgrau, fluselig, teilweise aufgeweicht und hier und da durchgebrochen. Hauptsache, es tut nichts mehr weh und der Arm sieht wieder gesund aus.

Als wir abends verschwitzt und müde nachhause kommen, steht John vor unserer Tür, treuer Fahrer und Manager zahlreicher Ausflüge von Generationen von German Doctors. Mager sieht er aus, ein Zahn ganz vorne fehlt. Er wollte uns begrüßen, fragen, ob wir nicht wieder auf Reisen gehen wollten? Die Not muß groß sein, denke ich, noch nie ist er von selbst vorstellig geworden. Schön, dass wir wieder da seien, strahlt er, und er habe noch Kapazitäten frei.

Wir sind in bißchen ratlos, eigentlich wollten wir erstmal nicht weiter planen. Und hatten auch nicht mit einem Besuch gerechnet. Ob er ein Glas Wasser haben dürfe, fragt John, noch immer steht er am Eingang. Ein Glas Wasser wird geholt, auch eine Tischdecke für den Gartentisch, aber da ist er schon wieder auf dem Rückzug, er spürt, es paßt nicht. Ob wir an ihn denken würden? Wir versprechen es.

Was denkst du, frage ich später beim Abendbrot die kenianische Kollegin, waren wir unhöflich ? Hätten wir ihn zum Essen einladen sollen? Ja, sehr unhöflich, sagt sie, wenn hier einer käme, bitte am ihn herein. Biete ihm an, eine Tasse Tee zu kochen. Man lade ihn zum Essen ein. Und wenn er wolle, dürfe er einen Monat lang bleiben.

(mehr über unsere Projekte unter http://www.german-doctors.de)

5 Kommentare zu “Mütter

  1. „wird aber von den Müttern gebracht…“
    Die Auslassungspunkte sprechen ihre eigene Sprache denke ich mal.

  2. Es kommen auch Väter mit ihren Kindern, die Mehrzahl wird aber von den Müttern gebracht…Denen sei hier eine kleine Gedenkminute gewidmet. Unter den früheren Einträgen (ich meine, so um 2015 herum) unter dem Stichwort Baraka Health Center ist auch ein Portrait von einem Vater, der für seine Tochter Miriam sorgt…

  3. Mütter, immer nur Mütter.
    Wo sind die Väter? :_(

  4. Was für eine kostbare Arbeit, die du da leistest. Ach, diese Not. Solche Berichte sollte so mancher Griesgram hier lesen. Liebe Grüße Marie

  5. Lerne immer noch dazu, da deine Berichte so treffend die diversen Situationen schildern. Und wir jammern, weil wir nicht reisen dürfen!!!!!

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