sabinewaldmannbrun

Farbe. Linie. Sehen.

Roadmovie 8 – Unterwegs im ärztlichen Notdienst

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Heute fahre ich mit einem fröhlichen jungen Mann, der engagiert ist und gerne erzählt. Auf der Wache, schon bei Dienstbeginn am frühen Morgen, ist auch die Rettungswagen-Mannschaft schon gemeinsam am Kochen. Kartoffeln zum Frühstück? Nein, nein, aber man weiß ja nie, wie es nachher aussieht, dann ist schonmal was vorgekocht…

Der erste Patient, um die 35 Jahre alt, hat Corona, keine Beschwerden eigentlich, aber irgendwiegeht es ihm nicht besonders gut. Die Sättigung, so zeigt sich, ist deutlich unter 90, also ab in die Klinik, vermutlich hat er eine Lungenentzündung mit stiller Hypoxie, d.h. er merkt nicht, dass der Sauerstofflevel in kritische Tiefen sinkt. Wir rufen ihm einen RTW, vermutlich muss die kochende Mannschaft auf der Wache jetzt wieder ihre Kartoffeln vom Feuer holen und sich ins Auto schwingen.

Die zweite Adresse ist in einem verwinkelten Häuschen im Dorfkern, unzählige Schuhe in allen Größen stehen vor der Tür. Die Patientin, so um die 40, hat ebenfalls Corona (eigentlich sinkt doch beständig die Inzidenz?), und sie merkt ihre Lungenentzündung deutlich, braucht Sauerstoff und ebenfalls eine Einweisung. Die telefonisch kontaktierte Klinik weist noch einigermaßen freundlich darauf hin, daß es jetzt dann keine Isolierbetten mehr gibt. Wir sollen bitte den nächsten Coronapatient woanders hin einweisen…

Es geht nahtlos weiter. Ein älterer Herr hat hohen Blutdruck. War gerade erst in der Klinik für allerlei Diagnostik, aber jetzt soll er mit der Ehefrau nach Jahren endlich mal wieder eine Wochen in Urlaub fahren, und dabei bliebe er doch so gerne zuhause. Eigentlich ist alles da an Medikamenten, und die Werte sind auch nicht bedrohlich, aber… Ein bisschen ein schwieriger Charakter, sagt die blasse, abgeschaffte Gattin beim Abschied an der Tür, sie sei so froh, wenigstens ihren Garten zum Erholen zu haben.

Weiter gehts mit einer Ehefrau, deren schwer an Krebs erkrankter Mann hohes Fieber hat, septische Temperaturen, und sie möchte ihn in ein ganz bestimmtes Krankenhaus eingewiesen sehen, auf keinen Fall in ein anderes. Wir telefonieren eine Runde hin und her, es gibt keine Betten in der gewünschten Disziplin. Nach ein wenig Um-die-Ecke-Denken und weiteren Telefonaten bringen wir ihn in einer anderen Disziplin im gewünschten Haus unter, die in gewisser Weise auch passt. Aber nun dauert es zu lange mit dem Transport, findet die Gattin, sie will ihn selbst fahren, und so versuchen wir zu dritt mit vielen Pausen, den kranken Mann die Treppe hinunter und bis ins Auto zu geleiten. Gut, dass mein Fahrer kräftig und geduldig ist!

Es geht noch hierhin und dorthin, und unterwegs erfahre ich allerlei über Netflixserien, von denen ich noch nie was gehört habe. Oh, meine Mutter wollte auch nichts davon wissen, meint mein Fahrer, bis er mit ihr eine bestimmte Serie angeschaut habe, und jetzt sei sie ein Fan!

Eine kleine Pause für ein Käsebrot zwischendurch führt uns auf die Wache zurück, wo immer noch die verwaisten Kartoffeln im Wasser auf die RTW-Besatzung warten. Dann geht es weiter in ein Asylbewerberheim. Auch hier wird gekocht, es duftet hinreißend, womit meine belegten Brote im Rucksack nur mit Mühe konkurrieren können. Zum Glück wissen alle, wer wo wohnt und schnell haben wir unseren Patient gefunden. Er hat ebenfalls Corona, aber es geht ihm so gut, dass wir ihn zuhause lassen können. Dann ruft der Muezzin von einem Handy irgendwo in der Nachbarschaft, und auch wir ziehen weiter.

Auf dem Weg zu einer kreislaufschwachen 30-jährigen werden Bildungslücken über Starwars geschlossen. Ob ich mich nicht wenigstens an den kleinen grünen Knubbel erinnere, will mein Fahrer wissen? Zwar ist die Serie ungesehen an mir vorbeigezogen, aber irgendwo war da mal was, mit langen Ohren? Ja, genau, freut sich mein Fahrer, und dann erfahre ich noch, worum es in dem hochgepriesenen „Mandalorian“ geht: ein Kind mit Machtpotential muß beschützt werden und reist durch die Galaxis. Kinder gibt es auch reichlich bei unserer nächsten Patientin. Der geht es wieder gut, aber irgendwie sei sie gegen den Fernseher gestoßen, als ihr schwindelig war, und jetzt zieht sich durch den riesigen Flachbildschirm ein häßlicher Riß, der 1/3 des Bildes schwärzt. Ob die Krankenkasse die Reparatur zahlt, will der Ehemann wissen.

Etliche Patienten später kommen wir wieder auf der Wache an. Das RTW-Team hat inzwischen endlich die Kartoffeln fertig kochen und essen können, ist aber schon wieder unterwegs. Die Küche ist aufgeräumt, nur ein Duftwölkchen Knoblauch und Brathuhn liegt noch im Flur. Er braucht jetzt auch was richtiges, meint mein Fahrer, ein Schokoriegel reicht da nicht. Auf mich wartet noch ein Glas Kürbissuppe.

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