sabinewaldmannbrun

Farbe. Linie. Sehen.


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Afrika ist bunt – Benefizausstellung zugunsten der Welthungerhilfe

Ausstellung von Malerei (ein Teil meiner vielen Afrikabilder) im

Marienhospital Stuttgart, Böheimstrasse 37

3.5. bis 5.6.2017, täglich geöffnet (im öffentlichen Eingangsbereich nahe dem Empfang, Hauptgebäude, Ebene M0)

Es gibt viele schlechte Nachrichten aus Afrika, unter anderem,  dass es in vielen Ländern südlich der Sahara schon lange nicht mehr ausreichend geregnet hat, um auch nur den Grundbedarf von Menschen, Tieren und Pflanzen zu decken. Selbst die Welthungerhilfe verfügt nicht mehr über nicht genügend Mittel, auch nur für eine Basisversorgung all der Hungernden aufzukommen. Deshalb die Widmung dieser Ausstellung an diesen Zweck. Als ich 2010 für ein halbes Jahr in einem auch damals schon von der Dürre betroffenen Gebiet in Ostafrika gearbeitet habe, war die Verteilung von Sorghumhirse durch die Welthungerhilfe eine grosse Hilfe. Wir hätten es nicht geschafft, all unsere extrem mageren Patienten von uns aus zu versorgen (für eine Chirurgin aus Deutschland hat es einen gewissen Grad an Grauen, Menschen zu operieren, die über kein Fettgewebe mehr verfügen).

Die Wärme, Freude, Lebenslust und Buntheit dieses grossen, zum Glück nicht nur gequälten, sondern auch wunderbaren Kontinents gibt es trotz allem und sie findet sich (nicht nur) in den Bildern wieder.

(Da das Krankenhaus keine Möglichkeit sah, eine Vernissage zu ermöglichen, gibt es diesmal keine).

Infos über die Arbeit der Welthungerhilfe unter http://www.welthungerhilfe.de

 


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African Ladies – Sharon

21-years old Sharon lives in Mathare Valley for some time already with her mother and sister. But since her mother is a faithful and reliable worker, the girls could get a good  education right from the beginning. Starting at St. Benedict’s primary school when she was 3 years old, she could continue with secondary school, which she completed in 2013. Because there was not enough money for 1 year, she stayed at home to help with the daily issues before she could continue at KIPS (Kenyan Institute of Professional Studies) in 2015: she enrolled in information and communication technology. After one successful year she had to stop again because of financial problems and is waiting now for a chance to continue. 

When Sharon told me what would be necessary to continue her studies, I thought: it is not a high amount – but five years, until she would achieve her goal is a long time to go. Is there a possibility for a shorter education, I ask her? Her dream is to finish what she started. But, if she was able to continue at least for 2 years, she could work as a secretary. Is there another alternative, I ask her, and feel bad about these dream- crushing questions. No, Sharon says, this is her dream.  And she will stay with it.

Where does she see herself in 10 years, I ask, not willing to let go hope for this bright girl. She wants to be a system analyst and work in one of the ministries of her country. And she would try to gain enough influence to lower school fees ( there is a trace of a smile when she mentions that).

And her motto? Never loose hope, Sharon says. Determination. Focusing life.

 

Die 21jährige Sharon lebt schon seit geraumer Zeit mit ihrer Mutter und der kleineren Schwester in Mathare Valley. Aber da die Mutter eine tüchtige und verlässliche Arbeiterin ist, konnten die Mädchen von Anfang an in die Schule gehen. Nachdem Sharon mit drei Jahren in der St. Benedict’s Primary School ihre Ausbildung begonnen hatte, konnte sie 2013 die Secondary School abschliessen. Nach einer wegen finanzieller Engpässe eingelegten Pause von einem Jahr begann sie ihr Studium am Kenyan Institute for Professional Studies. Hier reichten die Ersparnisse gerade mal für ein Jahr. Jetzt wartet sie auf eine Möglichkeit, ihr Studium fort zu setzen.

Als sie mir erzählt, um welche Beträge es sich handelt, denke ich, so hoch sind sie nicht. Aber für fünf Jahre?! Gibt es nicht eine schlankere Variante, für die man nicht so lange Geld investieren muss? Nach zwei Jahren könnte sie zumindest eine Stelle als Sekretärin finden, meint Sharon. Und eine andere Alternative, frage ich, und schäme mich für dieses Beharren auf einer Sparvariante. Nein, sagt Sharon. Sie will ihren Traum noch nicht aufgeben.

Wo wäre sie gerne in 10 Jahren angelangt, möchte ich wissen. Und bin nicht gewillt, die Hoffnung für dieses kluge Mädchen aufzugeben. Sie möchte im Bereich Systemanalyse arbeiten, zum Beispiel in einem Ministerium. Und vielleicht hat sie die Möglichkeit, so viel Einfluss zu gewinnen, dass die Schulgebühren für kluge Mädchen gemindert werden können (ein halbes Lächeln huscht vorüber und ist wieder verschwunden).

Und ihr Motto? Nicht die Hoffnung zu verlieren, sagt Sharon. Entschlossenheit. Eine Punktlandung versuchen.

 


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Wo ist Lucy?

Wenn wir am Morgen um kurz vor 8 Uhr in unserer Slumambulanz ankommen, schaue ich immer erstmal in unseren „Emergency-Room“(eigentlich nur ein Vorraum mit drei Liegen, einem Absauggeraet, einem Notfallkoffer sowie einem Sauerstoffkonzentrator). Meistens ist es hier friedlich , aber nicht immer. Vom nicht mehr atmenden Kleinkind ueber Menschen, die vor Schmerzen schreien, bis hin zu kaum noch ansprechbaren Cholerakranken ist alles moeglich.

Heute finde ich ein bebendes Deckengebirge dort vor: James, 22 Jahre alt, hat in einem Bereich mit Gasleck ein Streichholz angezuendet. Das Gesicht, der Hals, beide Arme, zum Teil Vorder- und Rueckseite des Oberkoerpers, Teile von Beinen und Fuessen sind bei der Explosion verbrannt. Zum Glueck ist James noch ansprechbar und kann berichten. Der Plan, einen venoesen Zugang zu legen, ist schon nicht einfach umzusetzen – wo auf der sich in Fetzen abloesenden Haut soll man die Kanuele befestigen? Aber schliesslich koennen wir die Infusion anschliessen und etwas gegen die grossen Schmerzen geben. Die Verlegung ist wie immer wieder in diesen Zeiten eine Herausforderung – die beste Versorgung von Brandverletzten ist im vom Streik lahmgelegten Kenyatta-Klinikum zu haben.

Headnurse Lilian telefoniert – zwar sind die Stationen geschlossen, aber man will James in den kleinen OP nehmen, und ein paar Militaeraerzte sind scheinbar auch fuer Notfaelle vor Ort, die anderswo nicht behandelt werden koennen. Nachdem der Patient soweit versorgt ist, wie wir es eben leisten koennen, fuelle ich den Verlegungsbericht aus. Als ich wieder zurueck in den Verbandsraum komme, steht der Patient zitternd und barfuss zwischen zwei Angehoerigen, die mit ihm zum Ambulanzfahrzeug  nach draussen auf den staubigen Hof laufen wollen, ungeachtet der Brandblasen und Wunden an den Fuessen. Schnell wickeln wir ihm noch Kompressen um die Fuesse und knoten sie in die schwarzen Plastiktueten, die die Mutter vom Markt mitgebracht hat. Ein Pfleger faehrt als Begleitung mit und berichtet bei seiner Rueckkehr, der Patient sei in stabilem Zustand angekommen, dann aber intubiert worden, da das Gesicht zuzuschwellen begann.

Die letzte Patientin des Tages ist seit fast vier Wochen auf einem gebrochenen Schienbein ohne Gips unterwegs. Zum Glueck hat sie fast nicht aufgetreten, und das vor 2 Tagen erstellte Roentgenbild zeigt bereits Stabilisierungszeichen. Die die uebliche Ruhigstellungszeit bei 6-8 Wochen liegt, beschliesse ich, ihr noch einen Gips anzulegen, schon zum Schutz der begonnenen Heilung.

Um 17.45 Uhr sind wir endlich fertig, die Gipsschiene liegt, aber wie soll die Patientin nachhause kommen? Die schweren, massiv hoelzernen Gehstoecke, blumig mit Bezugsstoff vom lokalen  Schreiner  gefertigt und gepolstert, sind von einer der Schwestern  in Windeseile, aber ohne das Mass der Patientin zu nehmen,  kurz vor Schluss im Buero geholt worden (immerhin hat die Patientin die umgerechnet 10 Euro Leihgebuehr zur Hand, was ueberhaupt nicht selbstverstaendlich ist), aber sie sind viel zu hoch. Einer der Maenner im Raum macht den Vorschlag, sie auf die richtige Groesse abzusaegen, aber dann passen sie nicht mehr fuer den naechsten groesseren Patient. Den Rollstuhl, eine weitere Moeglichkeit, will nun allerdings die Patientin nicht ausleihen, weil der Weg nachhause zu steil und holperig ist. Der Vorschlag der Cousine, ein Motorradtaxi zu nehmen, ist mir wiederum nicht recht. Viel zu gefaehrlich – wer soll, ohne herunter zu fallen, das Bein halten, damit es beim Fahren nicht auf dem Boden schleift?

Schliesslich einigen wir uns, dass die Patientin sich in Begleitung einer der Pfleger nach draussen setzt, damit jetzt endlich die Ambulanz geschlossen werden kann. Bis dann hat auch hoffentlich die Cousine zwei starke Maenner herbeizitiert, die die Eingegipste die 15 Minuten Fussweg nachhause stuetzen koennen (dies muss, da Patientin und Cousine kein Handy haben, zu Fuss geschehen). Und am naechsten Morgen kann die Cousine dann, ohne dass die Patientin im Gips ueber die steinigen Huegel klettern muss, die exakt passenden, da heute noch massgenommenen Gehstoecke abholen. Fuer manche Improvisationen muss man ein wenig Zeit einplanen.

Dann endlich mache ich mich noch auf den Weg, um nach Lucy zu schauen, die ich im letzten Jahr mit ihrer Tochter Merceline in ihrer Schneiderwerkstatt besucht und interviewt hatte (siehe unter Stichwort „African Ladies“), gerade nur ein paar Verschlaege von unserer Amulanz entfernt. Aber da ist sie nicht mehr und auch nicht ihre Werkstatt. Stattdessen haben sich drei coole junge Maenner mit Werkzeug zum Diversesreparieren in dem genannten Verschlag eingenistet. Lucy? Vermutlich mache sie gerade eine Pause, meint einer. Aber ihre gesamte Werkstatt sei doch nicht mehr hier, frage ich? Tja, vermutlich habe sie dann Urlaub, sagen die Jungs, etwas unbestimmt in den Raum hinein und lehnen laessig an der Werkzeugablage. Hier ist also keine erschoepfende Antwort zu erwarten, denke ich mir.

Ich bedanke mich, gehe zwei Wellblechverschlaege weiter und frage die beiden Frisoerinnen, die gerade im Rahmen der Verschoenerungsaktion einer Kundin am Zoepfchenflechten sind. Lucy? Sie sei doch umgezogen, ganz in die Naehe? Richtung dorthin, meint die eine – und zeigt unbestimmt gen Sueden. Das kann nun allerdings vielerorts sein. Wo es denn genau sei, frage ich. Ja, meint die Lady, vielleicht wohl schon etwas weiter weg? Dunkel war’s, der Mond schien helle…

Ich frage Rose, die Sozialarbeiterin. Lucy? Um sie in dem Slumgewirr ohne Strassennamen, Hausnummern oder sonstige Kontinuitaet wieder zu finden, muesse ich schon ihre Telefonnummer haben. Vielleicht kennt eine der Mitarbeiterinnen die Nummer? Das Suchprojekt ist noch nicht abgeschlossen.

(Danke an die fotografierende Kollegin!)

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Ijumaa – Freitag

Die 8-jaehrige Esther ist gestuerzt – der Arm schmerzt. Ihre Mama geht mit ihr in die naechste Klinik zum Roentgen: der Arm ist gebrochen. Nun ist ihr aber in dieser Klinik der Gips zu teuer (umgerechnet 15 Euro), deshalb fahren Esther und Mama im vollgestopften Matatu in die naechste Klinik. Dort ist der Gips billiger (umgerechnet 10 Euro), also wird er (ohne neues Roentgenbild, da zu teuer und ausserdem ungesund) dort angelegt. 4 Wochen spaeter stellt die Mama Esther bei uns vor, weil der Arm, nachdem der Gips im Health Center durch Einweichen in Wasser abgenommen wurde, schief aussieht. Da erst zeigt sich im Kontrollroentgen, dass der Bruch, der auf dem ersten Roentgenbild gut stand, sich auf dem Weg zum billigeren Gips mehr als eine Knochenbreite verschoben hat. Zwar hat sich Callus gebildet und der Bruchbereich schmerzt nicht mehr, aber ob es halten wird, wenn der naechste Sturz ansteht?

Der Aerztestreik geht in die 7. Woche. Inzwischen ist die Rede von einem geplanten halben Jahr, falls sich nichts tut. Ich treffe eine der streikenden Kenianischen Kolleginnen. Sie erklaert mir, dass die Zustaende in den Staatlichen Krankenhaeusern so schlecht seien,  dass man es so nicht weiter hinnehmen koenne. Die Menschen wuerden sich denken, dass Aerzte Leben retteten, aber das sei zum Teil garnicht moeglich, weil weder Material noch genuegend Personal zur Verfuegung steht. Lieber ginge sie ins Gefaengnis, als diese Zustaende weiter zu ertragen. Die Zeitung vertrete doch nur die Position der Regierung. Ein aerztlicher Kollege fragt, warum es denn nicht moeglich sei, in Kenia die eigenen Aerzte angemessen auszubilden, auszuruesten, anzustellen und auch zu halten? Eine gute Frage – eigentlich moechten auch wir ja ueberfluessig werden! Das taegliche Geschaeft allerdings zeigt, dass vor allem die Patienten unter dem Streik leiden…

Und: das Wasser geht aus. Da es in der letzten Regenzeit nicht so viel wie sonst geregnet hat, ist der wichtigste Staudamm, das Hauptwasserreservoir im Land, schon ueber die Haelfte geleert. Seit Anfang des Jahres wird deshalb das Wasser rationiert. Mal gibt es welches, mal nicht, daher haben wir alle mit Wasser gefuellte Buetten in Bad und Toilette stehen, im Wohnzimmer stapelt sich eine Batterie Flaschen mit Trinkwasser und auch in Baraka kommt oefters mal nichts mehr aus dem Wasserhahn, wenn man sich gerade die Haende waschen will, Gipse machen moechte oder den Schmuddel von vielerlei Wunden wegwischen sollte. Gut, dass es genuegend Desinfektionsmittel gibt, hin und wieder kommt Wassernachschub im Tankwagen (das dann ein wenig braun aussieht). Was die Nachbarn unserer Doktors-WG allerdings nicht daran hindert, die Steine vor dem Haus sowohl mit Seifenwasser zu schrubben als auch mit klarem Wasser nach zu spuelen.

Die Daily Nation publiziert in diesen Tagen ausfuehrlich zur Inthronisation des neuen amerikanischen Praesidenten. Zum Abschied von Obama, dem „Son of a Kenian“ (auf den man nach wie vor stolz ist – erst letzte Woche hatte ich wieder einen kleinen Patienten namens Barak und auch ein 6-jaehriger Obama war schon da),  wird die Hoffnung geaussert, er habe nun vielleicht ein wenig mehr Zeit,  sich um die Anliegen seiner Heimat zu kuemmern – nachdem die Regierungsgeschaefte nicht mehr draengen, koenne er ja das eine oder andere Projekt initiieren? Den „Neuen“ im Amt sieht man durchweg kritisch wenn nicht sogar mit grosser Sorge. „Uneasy times ahead as Trump takes over“ wird getitelt und Charles Dickens zitiert: „…it could be the best of times, but it could as well be the worst of times“, nicht nur fuer die USA, sondern auch fuer Afrika. Ein Kommentator spricht von der Amtseinfuehrung als von dem soeben vollzogenen, offiziellen Begraebnis der „political correctness“. Einzig Njoki Chege, die fuer ihre bissige Kolumnen bekannt ist, findet eine durchaus freundliche Farbe im sonst eher zwiespaeltigen Bild: „Trump has taught fathers one important lesson: believe in your daughters!“ (…doch auch das hatte Obama bereits persoenlich bei einem offiziellen Besuch den Herren des Landes nahegelegt).

(Danke an die Kollegin Claudia fuer das Foto!)

 

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Jumatano – Mittwoch

James, ein gut trainierter, 26 Jahre junger Mann, stellt sich mit einem  steifen Nacken vor. Die Muskeln im Halsbereich sind stark angespannt. Ich denke an meine Patienten in Deutschland, die nach Kehrwoche und Schneeschippen aehnliche Beschwerden haben – aber so stark ausgepraegt? Er sei gestuerzt, berichtet James, vor 8 Tagen. Ich taste die Halswirbelsaeule ab, er gibt Schmerzen im Bereich des 2. Halswirbels an. Nachdem ich ihm unsere einzige Halsstabilisierungsmanschette angelgt habe und hoffe, dass er sie nicht unterwegs verkauft, schicke ich ihn zum naechstgelegenen Roentgeninstitut.

Acht Patienten spaeter ist er wieder da: die Knochen sind in Ordnung. Die Halskrause kann also wieder in den Schrank und dort auf den naechsten Patienten mit passender Verdachtsdiagnose warten. Ich berate mich mit dem Kollegen im Nebenzimmer. Koennte es eine Knochentuberkulose sein? Oder gar Tetanus? Wir beschliessen, ihn noch zum Labor zu schicken. Eine der einheimischen Schwestern sieht in auf dem Weg dorthin und erinnert sich an einen anderen Patienten. Ob wir schon an Tetanus gedacht haetten?

Das Labor ist voellig unauffaellig. Ich lese die Symptome von Wundstarrkrampf noch einmal detailliert nach, ja, es passt tatsaechlich, obwohl James noch nicht das Vollbild praesentiert. Im vorgebeugten Sitzen nimmt man die Verspannung noch kaum wahr, da sie bisher nur den Hals- und Nackenbereich betrifft, aber er kann schon nicht mehr den Mund oeffnen, weil auch die Kaumuskulatur betroffen ist. Wir beschliessen, ihn als Notfall ins Krankenhaus zu schicken. Aber in welches? Das bestausgeruestete und dennoch bezahlbare, das Kenyatta Hospital, wird immer noch bestreikt.

Headnurse Lilian hilft beim Organisieren. St. Mary’s, ein Missionshospital, ist bereits ueberbelegt und nimmt keine Patienten mehr. Inzwischen ist auch die Familie von James eingetroffen. Der Junge sei zwar in einer Klinik geboren, berichtet die Mutter, aber er habe dort nur die eine, erste Impfung erhalten (was nicht ausreicht). James berichtet, dass er sich beim Sturz vor 8 Tagen auch am Finger verletzt habe, die ehemals offenen Wunde ist inzwischen aeusserlich verheilt. Vor 5 Tagen habe er dann eine Auffrischungsimpfung erhalten (nicht ausreichend und zu spaet).

Damit ist die Diagnose Tetanus sehr wahrscheinlich. Wir sagen den Geschwistern von James – drei sind inzwischen anwesend – dass sie unbedingt ihre Impfungen auffrischen lassen sollen. Lilian schlaegt jetzt  das St. Francis Hospital vor. Doch das will die Familie nicht, als Klinik mit privatem Traeger  ist es ihnen zu teuer. Vielleicht ginge noch das Kikuju Hospital? Das waere tatsaechlich eine Option, aber wie soll der Patient dorthin gelangen? Auf dem Motorradtaxi? Das Ambulanzfahrzeug ist unterwegs mit einer anderen Patientin und wird vor 2 Stunden nicht zurueck sein. Bleibt noch das Klinikfahrzeug, mit dem wir ueblicherweise nachhause fahren. James wird in dieses eingeladen und macht sich auf den Weg. Ja, so sieht Tetanus aus, sagt Lilian, sie habe noch keine gesehen, der es ueberlebt haette.

Der Aerztestreik geht mittlerweile in die sechste Woche. Die Daily Nation berichtet am Freitag auf sieben Seiten von den aktuellen Entwicklungen: die Regierung hatte eine Lohnerhoehung von 40% angeboten, diese wurde abgelehnt. Unter 100%  werde man nicht zur Arbeit zurueck kehren, berichten die streikenden Kollegen.  Patienten und Angehoerige von Verstorbenen kommen zu Wort. Fuer neuerlichen Zuendstoff sorgt der Plan der Regierung, die verantwortlichen Streikfuehrer ins Gefaengnis zu bringen, wenn nicht innerhalb der naechsten zwei  Wochen der Streik beigelegt wird. Auch die Medizinstudenten beschwerden sich, dass ihre Ausbildung leide.

Nora, die den Tearoom in Schwung haelt, in dem wir mittags unser Tomatenbrot essen, ist eine eifrige Zeitungsleserin. Die Aerzte werden garnicht zur Arbeit zurueck kehren, sagt sie. Die Privatkliniken, in denen sie nebenher arbeiten, boeten ja genug an Auskommen.

(Danke an Kollegin Claudia fuer das Foto!)

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Jumanne – Dienstag

Gleich am Morgen um 8 Uhr wartet der erste Patient vor der Tuer meines Sprechzimmers: einer der kenianischen Mitarbeiter mit gerissener Strecksehne am Zeigefinger seit 2 Wochen. Die Schiene hat er zuhause gelassen. Er erhaelt eine neue Schiene (Bastelprojekt aus einem Holzstaebchen mit Mull) und die dringende Ermahnung, sie nicht mehr abzunehmen fuer die naechsten 4 Wochen. Es geht weiter mit einer Neunjaehrigen nach Fremdkoerperentfernung aus der rechten Hand, gut heilend. Es folgen: eine aeltere Dame mit Knieschmerzen seit Monaten; ein weiterer Strecksehnenabriss, allerdings schon 4 Wochen alt (da nutzt auch die Schiene nichts mehr); ein chronisches Beinulkus, 20 cm breit, einmal rund ums Bein herum; ein chronisches Beinulkus, 5 cm Durchmesser; ein chronisches Beinulkus, 15cm Durchmesser; ein tiefes Beinulkus, das ausgeschnitten werden muss; eine alte Wunde am Bein zum Ausschneiden; eine fast frische Wunde am Knie; ein traumatisches Beinulkus, das gut heilt; eine Verbrennung bei einem Kind ( re. Arm); eine junge Frau, die eben einen Eimer heissen Tee ueber den Oberkoerper bekommen hat (Verbrennungen Grad 2a); ein Kind mit Verletzung im Bereich der Wachstumszone des Ellbogens ( das ueberwiesen wird); ein sehr magerer Mann nach Sturz mit Verdacht auf Tuberkulose und Alkoholabhaengigkeit (den wir zur Beraterin schicken, auch, um zu klaeren, ob man ihn ins Ernaehrungsprogramm aufnehmen kann); ein Mann nach Motorradunfall mit Bruch von  Kniescheibe und Handgelenk; ein junger Mann mit so stark verschobener Ellbogenfraktur, dass wir ihn ueberweisen (am Nachmittag ist er wieder da, die Klinik hat ihn nicht angenommen. Nur: warum haben sie ihn nicht gleich in das naechste Krankenhaus geschickt, in das wir ihn nun bitten zu gehen?); ein Kind mit gebrochenem Arm und eines mit gebrochenem Bein; ein junge Frau nach Plattenverschraubung am Ellbogen ( eine Schraube und ein Teil der Platte haben sich durch die Haut nach aussen gearbeitet und liegen frei ( nichts wie raus damit!!!), aber sie will erst noch sparen, bevor sie zur Materialentfernung gehen kann); ein Mann mit verletztem Ellbogen, der noch zum Roentgen muss; eine ausgekugelte Schulter bei einem kraeftigen jungen Mann, die sich erst nach einer Portion Valium wieder einrenken laesst;  ein Tumor am Ohr; ein Lippendurchbiss nach Sturz; eine Verbrennung am Unterschenkel mit dicken Narbenzuegen; ein vereiterter Finger; ein tiefes, chronisches Beinulkus mit 3x Verbandswechsel pro Woche seit 4 Jahren mit starken Schmerzen ( der 40jaehrige braucht Beratung, wie es weiter gehen kann, waere eine Amputation eine Alternative?); ein traumatisches Beinulkus bei einem Kind; ein eitriges Beinulkus bei einer 30jaehrigen; ein Beinulkus mit Verdacht auf Hautkrebs bei einer 50jaehrigen (der wir schon letztes Jahr zweimal in der Woche versucht haben, den Einstieg in die Krankenversicherung nahe zu bringen – ohne Erfolg bisher); eine Lady mit Bauchweh und gut tastbarer, harter, runder Struktur im Unterbauch ( ab zur Gynkollegin, die eine Schwangerschaft im 7. Monat findet); ein junger Mann mit Hautausschlag; eine junge Frau mit Kopfweh und Beinschmerz; ein Mann mit Guertelrose (der halbe Oberkoerper ist betroffen); ein junger Mann mit schlecht verheiltem Unterarmbruch und grosser Narbenplatte; eine Sechzehnjaehrige nach Hauttransplantation mit zahlreichen Metallklammern im schon laenger geheilten Areal (der Klammerentferner wird sich erst in drei Tagen finden, aber sie kommt ja alle  drei Tage zum Verbandswechsel der noch offenen Stellen); eine 60jaehrige mit Ganzkoerperschmerz; ein junger Mann mit 7cm grossem Tumor mit Stiel, der an der Bauchdecke haengt (und vom Patient ueblicherweise in ein Taschentuch verpackt wird); ein Kind mit akuter Mandelentzuendung; eine Frau mit Bauchweh und Blaehungen (wir versuchen, ihr Kuemmel nahe zu bringen, den sie nicht kennt); und ein weiterer vereiterter Finger.

Zwischdurch vier Scheiben Toastbrot mit Tomate, zwei Bananen und viel Wasser. Unbezahlbar und zusaetzlich kiloweise Gold wert, dass meine diesjaehrige Uebersetzerin eine je gute Portion Humor und Engagement hat, und unerschuetterlich die Patienten freundlich fragt, was sie zu berichten haben. Ueberhaupt lacht Jane Rose ausgesprochen gern. Und wenn jemand waehrend einer Behandlung Schmerzen hat, sagt sie schonmal „let me give you a bit of love“ und haelt Hand. Das freut nicht nur die Patientin.

(Danke an die Kollegin Claudia fuer das Foto!)

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Streik

Die Feiertage der letzten Zeit sind eine gute Gelegenheit, Verwandte zu besuchen, durch die vielen  geschlossenen Health Care Facilities und jene mit eingeschraenktem Betrieb werden jedoch auch unzaehlige Erkrankungen verschleppt, die man eigentlich sofort haette therapieren muessen. Die Arbeitstage zwischen Weihnachten und Neujahr  wurden zusaetzlich verkuerzt, da die Regierung an Heiligabend ueber die Medien ankuendigte, auch der erste Werktag nach Weihnachten sei nun auch ein Feiertag (der aufmerksame Beobachter fragt sich, ob dies mit den im neuen Jahr anstehenden Praesidentschaftswahlen zu tun haben koennte?). Dieses elastische Zeitmanagement fuehrte zu allerlei Konfusion, da so kurzfristig nicht alle informiert waren. Insbesondere die gynaekologische Kollegin ist aergerlich, da sie bereits zahlreiche Patientinnen fuer den nun freien Tag einbestellt hat. Am liebsten haetten wir die Aermel hochgekrempelt und trotzdem gearbeitet, aber auch das einheimische Personal, das die Infrastruktur und somit den Gesamtbetrieb der Ambulanz gewaehrleistet, ist ja nicht da.

Als waere dies nicht genug, ist seit Anfang Dezember das kenianische Gesundheitspersonal am Streiken, da die Regierung mit den Lohnzahlungen im Verzug ist. Nachdem zunaechst nur die Aerzte in den staatlichen Krankenhaeusern streikten (darunter auch unsere Hauptueberweisungsadresse, das Kenyatta Hospital), sind es inzwischen solidarisch auch Healthworker und Pflegepersonal in anderen Kliniken. Patienten fahren, schwer krank, teilweise von Klinik zu Klinik, bis sie jemanden finden, der sie behandeln will oder kann. Wer nicht auf dem Weg gestorben ist, nimmt Schaden an der Zeitverzoegerung, denn es ist nicht ueblich, ein Notfallteam parat zu halten.

Die Daily Nation ist voller anklagender Berichte ueber werdende Muetter mit Risikoschwangerschaften, die ihre Kinder verloren haben, verwaiste Ehemaenner, akute unfallchirurgische Faelle, die nicht versorgt wurden, und dergleichen mehr. Die Gesundheitsversorgung im ganzen Land ist nachhaltig lahmgelegt.

Auch  viele Patienten, die sich an diesen Arbeitstagen in unserer Ambulanz draengen, haben ihre Leiden viel zu lange verschleppt. Seit drei Tagen luxierte Gelenke sind wesentlich schwerer wieder in die richtige Position zu bringen, Kinder mit Sichelzellkrise und einem Haemoglobinwert von 1  (normal waere ueber 10) hoffen wir gerade noch lebend als akuten Notfall einweisen zu koennen und dass sie auch aufgenommen und  behandelt werden – auf Frakturen wird tagelang herumgelaufen. Wir sind als Aerzte nun auch nicht mehr, wie in den letzten Jahren, zu sechst, sondern nur noch zu fuenft, was die Patientenzahlen pro Arzt erhoeht und die Arbeitszeit dehnt. Nachdem ich in den letzten Jahren neben meinen chirurgischen auch allgemeinmedizinische Patienten behandelt habe, bin ich in den letzten Tagen nur mit den chirurgischen gerade so fertig geworden. Und trotz allem: wie eh und je sind die Patienten geduldig und freundlich, keiner schimpft oder beschwert sich. Nach Ende der Feiertage wird nun, am ersten Arbeitstag nach Neujahr, der Hauptansturm erwartet: alle Reisenden kommen wieder nachhause und bringen Malaria und vielerlei anderes von „up country“ mit zurueck. Es wird nicht langweilig. Und die Ambulanzarbeit fuehlt sich so an, als waere man garnicht weg gewesen.

(Danke an Claudia fuer das tolle Foto!)

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