sabinewaldmannbrun

Farbe. Linie. Sehen.


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Schrift und Wort / Calligraphy

Anlässlich eines Hochzeitsgeschenks (der Hochzeitsspruch sollte gestaltet werden) entstand nach einer Runde Jonglierens von Wort und Umraum diese Lösung (der Satz findet sich in der Bibel im Hohelied).

When I was asked to write a wedding-motto in beautiful letters, this was the result (after some time of trying to match space and writing)…

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Herbstsonett auf dem Bergrücken

(staunend, an den Schöpfer)

 

Moosig türmst Du Falten über Felsgestein,

tierhautähnlich schmiegt sich Wald an Buckelhöh’n.

Wasseradern willst ins Tal Du stürzen sehn

Wolkenflausch hüllt hier und da noch Kuppen ein.

 

Grauoliv und grüner Ocker, Grashaar, fein,

lässt als Wiesenpelz Du zwischeninnen stehn.

Käferuhren dürfen schwarz und rot sich drehn.

Braun behütet stehen Pilze, rau und klein.

 

Fährst mit zartem Finger Du durch Kaltgeröll,

linienziehend, spielend wie ein Riesenkind,

formt sich Erde, keimen Kraut und Gräserfell.

 

Baust mit Deinen Händen unser Erdgebind,

sprichst ein Wort und Nachtgestein wird augenhell.

Stein wird Erde, wo Dein Weg mit mir beginnt.

 

(ein Centovalli-Gedicht, entstanden in gemütlich gedehnten Stunden, mit Spass an dem Bastelprojekt der höheren Wortmathematik dieser Gedichtform).


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Der Schlüssel

Er klappte den Kragen der verschlissenen Jacke hoch und zog die Schultern zusammen. Ein eisiger Wind zauste sein schütteres, einst dunkelblondes Haar, das jetzt von dichten, grauen Strähnen durchzogen war. Wohin, dachte er angestrengt gegen den Wirrwarr in seinen Gedanken an, das Getöse der ein- und ausfahrenden Züge, das Geplapper der Reisenden in den Ohren, wohin würde er heute Abend, morgen gehen? Die Weihnachtszeit verursachte ihm ebensolche Bauchschmerzen wie der Anblick des herzhaft sich umarmenden Paares neben der Auskunftstafel und der ständige Mangel an etwas zu essen. Noch hatte das Tier nicht alle Sehnsucht nach Licht und Wärme verschlingen können.
Da, jetzt, nach der wievielten Umarmungsvariante, schienen sie sich in Bewegung setzen zu wollen. Feiner älterer Herr mit jugendlicher Lady, vermutlich seine Sekretärin. Oder was auch immer. Er trat aus dem Schatten der großen Eisengitterstützen des Daches heraus, setzte ein paar unsichere Schritte in Richtung der Spur, in der sie vom Bahnsteig dem Ausgang zustreben mussten, versuchte erfolglos das Dröhnen aus seinem Kopf zu schütteln. Ja, sie kamen auf ihn zu, doch ohne ihn zu sehen, tief waren sie ineinander eingetaucht. Sogar noch in seine zerstörte Denkmaschinerie hinein drang ein Schimmer der Funken, die dort von Antlitz zu Antlitz sprangen. Nein, zu fremd, zu weit weg war ihre Welt von der seinen oder war dies vielleicht doch ein Vorteil?
„Tschuldigung, sie, bitte…,“ er hatte es gewagt, war in den Bannkreis eingedrungen und wirklich, Erschütterung malte sich in ihren Gesichtern, über den Jüngeren, der so zerstört, verwildert und vom Straßenleben geschunden vor ihnen stand. „Vielleicht einen Euro, kann auch mehr sein, für’s Weihnachtsessen?“ Er stammelte gegen die klebrigen Fäden, die sein Gedächtnis umstrickt hielten, gegen das lauter werdende Knurren des Tieres an. War es Heiligabend heute oder schon erster Weihnachtstag, oder…? Die junge Frau griff nach ihrem Portmonee, nicht einen, nicht fünf, nein, zehn Euro holte sie heraus, nach denen er gierig und ungeschickt griff, um zitternd sogleich den Schein zu verbergen, und schon waren sie seinem Gesichtsfeld entglitten, waren herausgefallen aus seinem Erdkreis, nur noch der Geldschein, den er sicher verbergen musste, galt. Ihre Betroffenheit wich nur langsam, und kopfschüttelnd, in einem Rhythmus aus Mitleid und Entsetzen, folgten sie der ihnen vorgezeichneten Spur, und bald schon hatten sie ihn zurückgelassen in seiner Einsamkeit mit dem Tier, das er in sich großgezogen hatte, das nun mehr und mehr Stoff verlangte und sein Leben zerfraß.

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Sie strich mit einer behutsamen Handbewegung die gestärkte Tischdecke glatt, brachte damit auch ein paar letzte Plätzchenkrümel in Richtung der kleinen Messingkehrschaufel und legte diese nach getaner Instandsetzung des Weihnachtstisches zusammen mit dem feinen Tischbürstchen beiseite. Die Tochter und der Schwiegersohn bereiteten eben ihren Aufbruch vor, packten ihre Zahnbürsten ein, falteten die Festtagskleider, um sie im Abreisegepäck zu verstauen und machten den neuen Toaster mit integriertem Grill transportbereit. Den Heiligabend hatten sie bei der Mutter verbracht, ein kerzenschimmerndes, wohliges Fest mit feierlichen Mahlzeiten und anregenden Gesprächen. Doch die Kinder wohnten in einer anderen Stadt, und es gab auch noch die zu besuchenden Schwiegereltern, so musste man bald Abschied nehmen. Sie ging in die Küche, in der sie, rosaröschenumgeben von einer Strukturtapete, die letzten selbst gebackenen Plätzchen in eine Dose füllen wollte, um sie, gleichsam als süße Erinnerung, den beiden mitzugeben. Knusprig weiße Mandelmakronen, Schokoladenbutterkringel in den Formen der Anfangsbuchstaben ihrer Namen, zuckerglasierte Lebkuchen ruhten noch in der blauen Glasschale. Ja, in gewisser Weise war dies ein großer Augenblick, nicht etwa wegen der Abfüllung des Gebäcks, sondern wegen eines Planes, der jetzt zur Ausführung kommen sollte. Schon seit etlichen Jahren hatte sie immer wieder überlegt, auf welch originelle Art sie den Kindern die Verantwortung für das Ferienhäuschen übertragen dürfte, das sowieso schon deren häufiges Ziel war: dann und wann verbrachten sie eine Woche auf den Höhen des Schwarzwaldes, am hellen Südhang, im sonnigen Vorderstübchen. Es war für alle Familienangehörigen stets gleichbedeutend mit dem „Platz an der Sonne“ gewesen. In diesem Jahr nun war ihr die Idee gekommen, die Weihnachtstage zum Anlass zu nehmen. Ein schlüsselgroßer Lederbeutel hatte sich gefunden, und da hinein hatte sie, auf Goldglanzpapier gedruckt, die Adresse des Ferienhauses zusammen mit dem Hauptschlüssel versenkt. Diesen Lederbeutel verbarg sie nun, nachdem sie eine Bodenschicht aus Makronen in die bunt bemalte Dose gefüllt hatte, gerade in der Mitte des Gefäßes, um es dann ganz mit Gebäck aufzufüllen. Das würde eine Überraschung geben, wenn die Kinder in ihrer Wohnung einen ruhigen Abend verbrächten, in Erinnerung des weihnachtlichen Miteinanders den einen oder anderen Keks verzehren und schließlich auf diesen Fund stoßen würden! Sie schloss die Dose, ja, der Deckel saß fest und würde nicht abspringen, sie ging hinaus, um mit einem Augenzwinkern den Kindern dieses weitere Gepäckstück zu überreichen.

°

Er lehnte zusammen gekrümmt an einem Mast und versuchte, das Zittern, das seinen ganzen Körper zu schütteln begann, zu unterdrücken. Das wütende Fauchen des Tieres in seinen Gliedern liess sich nicht mehr überhören. Der 10-Euro-Schein würde nicht ausreichen, es müsste mehr sein, mehr Geld, der Stoff war teuer und die Verteiler nicht gewillt, ihm ein Sonderangebot zu gewähren. Er zappelte an ihrer Angel – so schnell würde er davon auch nicht los kommen. Allerdings, in einer noch nicht zu weit entfernten Falte seines Bewusstseins wusste er, dass das Tier von seiner Fürsorge abhängig war. Noch bestand die Möglichkeit, es auszuhungern. Das würde einen grausamen Kampf geben, ein schmerzhaftes Aufbäumen seines Körpers, aber noch, so glaubte er, war das Tier besiegbar. Er wusste eben so nebulös wie deutlich, dass er seinen Körper nicht viel mehr schwächen dürfte, sonst würde die Chance, das Tier auszuhungern, verschwindend klein. Manchmal meinte er, den aufgesperrten Rachen in seinem Genick überdeutlich zu spüren, der seinen Tod bedeuten konnte, aber dieses Wissen versandete in der drängenden Gier, nur dieses eine Mal noch, nur noch einmal – wie oft hatte er das schon gedacht – nur noch einmal das Tier zu beruhigen und in den Schauern, die ihn schüttelten, schien ihm nicht so ersehnt wie die Stillung des Sturms. Er hob mühsam den Kopf, hob die Augen von der staubig dunklen Betonfläche des Bodens und starrte in die immer noch vorüber rauschende Menschenmenge, sie nahm kein Ende, war ein Kontinuum, so verlässlich wie der Tod? Und woher strömten sie noch immer, wie aus unsichtbar aufgestellten Automaten ausgespuckt, an Fäden nach hier und dort gezogen, immer weiter, ohne Ende.
Da sah er in ein fernes Gesicht, in dem er etwas entdeckte, das ihm lange nicht begegnet war. Es war ein Frauengesicht, kein klassisch schönes, wie gleichgültig ihm geworden war, was man Schönheit nannte, aber eines, das noch nicht gealtert war durch Resignation oder Bitterkeit. Er entdeckte einen Schimmer von Besorgnis in diesem Gesicht, einen Klang von etwas, das weit zurück lag, aber noch mit Gutem verbunden war, das Öffnung und nicht Abweisung versprach. Jetzt kamen sie näher, trugen schwer an Tüten und Taschen. Er machte einen verzweifelten Anlauf und torkelte ihnen entgegen. Eine Spur von Festigkeit hatte er seiner Stimme geben wollen, aber was schließlich dabei herauskam, klang wie ein Gewinsel. Das verdammte Tier, es brüllte ihm lauter und lauter in den Ohren. Sie blieben stehen, aha, einen Toaster trugen sie mit sich, da hing noch ein Schleifchen an der Seite heraus, sein Denken verknotete sich im Geschrei des Tiers, aber er musste sich konzentrieren. Sie sah fragend zu ihrem Mann hinüber, hoffentlich funkte der Kerl nicht dazwischen, die Wärmewelle lief so schön, wenn sie jetzt noch ihr Portmonee…, nein auch er hatte diesen Blick, diesen Funken Wärme, und jetzt, jetzt ging es an die Hauptsache, gut, gut… dieser Schein zusammen mit dem Zehner von vorhin würde das Tier für eine kleine Weile bei Laune halten, aber was kramte sie jetzt noch, nachdem sie, er hatte das am Rande wahrgenommen, dazu hatte Anlauf nehmen müssen, sie kramte eine bunt bemalte Dose aus der Tasche und sagte etwas von wegen „ selbst gebackenen“ und „mit Liebe“, was war das doch gleich, Liebe, Plätzchen, er versuchte, eine Verbindung herzustellen, wann hatte er das letzte Mal Hunger gehabt, aber er nahm auch noch die Dose, etwas zu essen umsonst, das konnte nicht schaden. Er brachte kaum ein“ Danke“ zustande, verschwand in seiner tierdurchbrüllten Welt und war sogleich auf der Suche nach dem Verteiler, schon längst waren sie aus seinem Gesichtsfeld verschwunden. „Es ist kaum mit anzusehen“, sagte sie und nahm ihr Gepäck wieder auf, „…ich mag ihre Plätzchen so gern, ob sie für ihn etwas bedeuten werden? Ob er sie überhaupt essen kann, er sah krank aus, so ausgezehrt…“ „Besser als gar nichts“, sagte er und sie gingen zum Bahnsteig hinüber, eine Spur langsamer als vorhin, weil noch Fragen an ihnen zogen, in seine Richtung zogen, und sie wollten diesem Zug widerstehen und den Fragen, die sie aus seiner Richtung anschrien, die aber doch im Durcheinander der Menschenmenge in der er untergetaucht war, verebbten.

°

Endlich, das Tier war beruhigt, hatte sich knurrend zusammengerollt, und auch er lag zusammengekrümmt in der Ecke des leeren Güterwaggons, dort war Stille, auch seine Konkurrenten kannten diesen Platz noch nicht, und es war Zeit, es war Abend, sein Kopf hing wie in Watte gehüllt. Er lag und schwappte eine lange Zeit im Nichts hin und her und langsam, langsam wurde ihm klarer zumute, und er dachte wieder daran, es bald in Angriff zu nehmen, das Tier auszuhungern, bald.
Er würde etwas essen müssen. Das würde er. Die Dose. Hatte die Frau nicht etwas von Weihnachtsplätzchen gesagt und dass sie selbst gebacken seien, und mit Liebe? Er kicherte und es klang rau und kratzig, aber hier war er und da war die Dose, stand vor ihm, barg etwas zu essen. Nur noch wenig zitterten seine klammen Finger, als er den Deckel hob.

SWB2015


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Zum Geburtstag…Birthdaypoetry

(an das berühmteste Flüchtlingskind der Zeitgeschichte: Jesus Christus)

Du

König ohne Krone

brüchig Dein Haus

Du selbst

schutzlos und klein

Ich

Hirte im dunklen Gewand

die Haut meines Alltags zerschlissen von Sorgen

nur hastig geflickt

Zwischen uns

keine Mauern

kein Palast

aus Vorschriften

nur die Einladung

Deines Lichts

Komm!

Autorin: Cornelia Grzywa (mehr unter http://www.grzywa.de, wo auch ihre eindrucksvollen Skulpturen zu finden sind)

 

(…to the most famous refugee-child of times and ages: Jesus Christ)

You are a king without a crown

fragile your house

you are defenseless and small

Myself – a shepherd in a dark gown

the skin of my days worn out by sorrow

only hastily repaired

Between uns no wall

no palace of regulations

only the invitation of your light:

Come!

(written by Cornelia Grzywa – http://www.grzywa.de, where you can also see her beautiful sculptures)