sabinewaldmannbrun

Farbe. Linie. Sehen.


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Nachtaktivitäten – Roadmovie 5

Unterwegs im ärztlichen Notdienst. Der erste Patient sorgt bereits für Diskussionen. Mein Fahrer, jung und sehr vorsichtig, was den Infektionsschutz angeht, hält die Hausbesuchsanforderung in der Hand. „Wollen sie da nicht anrufen? Das lässt sich ja sicher auch telefonisch klären.“ Der Patient, noch jünger als der Fahrer, coronapositiv, hat seit 3 Tagen hohes Fieber. Bei seinem Geburtsdatum vermutet der eine oder andere einen Männerschnupfen. Einen potentiellen Jammerlappen. Warum sich der Infektionsgefahr aussetzen? Aber: ich kann eine Lunge nicht per Telefon abhören. Das Argument überzeugt. „Ich geh aber nicht mit rein,“ sagt mein Fahrer. Natürlich nicht. Selbst ich gehe, obwohl vollverkleidet, nicht hinein, wenn der Patient zur Tür kommen kann. Und die Versicherungskarte kann man auch einen Treppenabsatz tiefer einlesen. Wir fahren hin. Der Patient hat Atemnot. Die Lunge klingt garnicht gut. Die Sauerstoffsättigung ist im unteren Normbereich. Die Einweisung in die Klinik ist ihm ganz recht, erstmal nur für weitere Diagnostik. Hin und wieder sieht die Lunge in der Bildgebung schlechter aus, als man es vermutet hätte. Lebt noch jemand im Haushalt? Ja, die Freundin, die ist aber bei der Arbeit. Wie kann das sein, wenn er positiv getestet und erkrankt ist? Na, sie habe keine Symptome. Und arbeitet im Einzelhandel. Testergebnis gab es noch keines, man warte darauf. Wir stellen uns jetzt nicht vor, wen sie alles angesteckt haben könnte.

Der nächste Patient lebt im Seniorenheim, er atme schlecht. Im selben Heim war ich bereits vor einer Woche, da waren es 10 Patienten mit verdächtiger Symptomatik, zwei weitere bereits positiv. Heute sind die Ergebnisse des Reihenabstrichs da: es sind über 20, die ein positives Testergebnis haben. Der anzuschauende Patient quält sich mit der Atmung, ist garnicht mehr ansprechbar, trotz Sauerstoffgabe hat er eine Sättigung von nur 82%. Sehr ungesund auf Dauer. Warum wir jetzt erst angefordert worden seien? Sie habe am Morgen schon angerufen, sagt die Pflegerin. Da der Sohn keine weiteren Maßnahmen mehr wolle, habe der Kollege per Telefon Sauerstoff und Fiebersenkung angeordnet. Ich rufe den Sohn an. Doch, vor einer Woche war der Vater noch mobil, man konnte sich mit ihm unterhalten. Und nein, eigentlich wolle er nicht, dass der Vater so erstickt. Sich so quälen muß. Und wenn er beatmet wird, ist er sediert, er wird es nicht spüren. Wird viel weniger spüren als im Moment, wo selbst bei 30 Atemzügen pro Minute und Sauerstoff nicht genug Luft zu bekommen ist. Ich soll ihn einweisen. Gut so. Der Kollege in der Klinik hat noch genügend Kapazitäten. Es will wirklich gut abgewogen und besprochen sein, was da in der Patientenverfügung steht. Das kategorische „es soll nichts mehr gemacht werden“ ist zuweilen weder barmherzig noch angebracht. Oft ist es nötig, den Gesichtsausdruck des Patienten zu sehen, um eine angemessene Entscheidung zu treffen.

Die nächste Patientin ist bereits tot. In Heim Nr. 2 sind inzwischen alle (!) Patienten und 80% des Personals positiv getestet. Die Schwester erzählt mir von einer 85jährigen, die jetzt, nach Ende der Beatmung in der Klinik, auf dem Weg der Besserung und wieder aktiv sei. Na, mal eine gute Nachricht!

Der nächste Patient in Heim Nr. 3 befindet sich in infektionsfreier Umgebung. Hier hat es besser geklappt mit dem Infektionsschutz, es ist kein ausgewiesener Demenzbereich, in dem er sein Zimmer hat, die Bewohner verstehen noch, wo man vorsichtig sein muss. Aber auch er hat Mühe mit dem Atmen. Seit 3 Wochen wird das Herz schwächer, zwar hat der Hausarzt die Medikamente umgestellt, aber das reicht offensichtlich nicht, der Patient hat in dem Zeitraum 14 kg zugenommen an Wassereinlagerungen. Die Ödeme gehen bis unter die Achselhöhlen. War denn mal der Hausarzt vor Ort und hat ihn angeschaut? Die Pflegerin erzählt, scheints habe er noch nicht zurück gerufen. Vor einer Woche schon hätten sie einen Hausbesuch angefordert. Ich stelle mir den Kollegen vor, der zwischen Infektionsschutzmaßnahmen, verunsicherten Patienten und erkrankten Arzthelferinnen rotiert und nicht mehr weiß, wie er das alles schaffen soll. Wir weisen den Patient ein. Und das ist ihm ganz recht. Der Patient ist ein geistig wacher, reflektierter Mann, wenn ihm auch das Wasser bis zum Hals steht.

Wer sich bis hierher durch diesen kleinen Bericht gekämpft hat, verdient ein Lob. Wer mag das alles noch hören? Überhaupt, das C-Wort, es hängt einem aus den Ohren heraus. Und trotzdem denke ich, es ist gut, davon zu erzählen, wie es an den Stellen aussieht, wo die Folgen von Corona offensichtlicher sind als in der Fußgängerzone oder im Reisebüro. Was wird nur aus den Patienten, die keinen Fürsprecher haben, der sich auf die Zehenspitzen stellt und notfalls dreimal darum bittet, dass der Kranke angesehen wird? Und auch nicht erst in einer Woche, sondern heute? For crying out loud…Doch, manchmal würde ich nach einem solchen Dienst gerne laut schreien.


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Die Freiheit, dem Anderen schaden zu dürfen

Sonntagmorgen, 5.20. Im Bus zur Arbeit. 12 Stunden ärztlicher Notdienst stehen an. Im Bus sitzen lediglich zwei Leute, eine mittelalterliche Lady und ich, weit entfernt voneinander. Sonntagmorgendliche Ruhe. An der nächsten Haltestelle steigt ein Grüppchen Jugendliche ein, dem Restalkohol nach aus der letzten Party gespült. Sie tragen keine Masken und setzen sich, scheinbar auf Provokation gebürstet, um mich herum. Platz woanders wäre reichlich. Ich packe meine Sachen und setze mich anderswohin. Der Fahrer schaltet die Maskenpflichtdurchsage an. Das Grüppchen lacht. Wir fahren ein Weilchen weiter. Der Fahrer kommt persönlich nach hinten und bittet um Einhaltung der Regeln. Kein Effekt. Erregte Diskussionen im Grüppchen. Da im Moment alle Platz genug haben um sich herum, lässt der Fahrer die erfolglosen Versuche auf sich beruhen.

Angekommen im Dienst. Mein Fahrer hat auch keine Lust, eine Maske im Auto zu tragen, obwohl wir viele Stunden lang nah beieinander vorne sitzen müssen. Nachdem das Argument des Vermummungsverbots inzwischen von der Notfallpraxisleitung widerlegt ist, führt er seine beschlagende Brille als Argument an. Meine eigene Brille beschlägt auch, aber nur anfangs. Irgendwann herrscht freie Sicht. Nein, er sieht das nicht so (außer im Patientenkontakt, da sei er ja dazu verpflichtet). Außerdem hätte man ja sowieso ständig Kontakt zu Leuten, die mit potentiell erkrankten Patienten zu tun haben, da wisse man eh nicht… Da ich gerne einsatzfähig bleibe und mehr als doppelt so alt bin wie mein Fahrer, trage ich also durchgehend 12 Stunden lang eine FFP2-Maske (im Wechsel mit einer trockenen nach einer gewissen Zeit). Das ist wenig angenehm. Aber offensichtlich bin ich da härter im Nehmen als der Bub?

Auf dem Rückweg ist der Bus voll. Sonntagabend, Reisende kommen zurück, man kann nicht genügend Abstand halten. Neben mir einer, der die Maske übers rechte Ohr baumelnd trägt. Nach 12 Stunden FFP2 machen die letzten 40 Minuten den Kohl auch nicht mehr fett, obwohl ich mich schon gefreut hatte auf ein bisschen mehr Nasenfreiheit.

Stundenlang erzählen könnte man auch von den Patienten. Warum den Doktor und den Sanitäter schützen? Einer verlangt, dass wir ohne Schutzkleidung zum Abstrich kommen, damit die Nachbarn nichts merken, fast alle fragen, was, muss ich auch eine Maske tragen?, nachdem das in der Klinik längst nicht hinterfragte Pflicht ist, es sei denn, man hat Atemnot.

Irgendwie hat sich immer noch nicht herumgesprochen, dass der lockere Mund-Nasen-Schutz in erster Linie die anderen vor mir schützt. Was ist so schlimm an diesem einfach zu realisierenden und nebenwirkungsfreien Solidaritätsprinzip? Wieso meinen manche, nicht einmal die Viertelstunde im Bus das Läppchen im Gesicht ertragen zu können, während andere es 12 Stunden lang bei der Arbeit tragen (müssen)? Es scheint ja ums Prinzip der persönlichen Freiheit zu gehen. Darf ich die Freiheit, anderen zu schaden, für mich beanspruchen?


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Roadmovie 4 – unterwegs, nein, nicht im Coronamobil!

Die Arbeit, die ich seit Jahren oft und gerne mache, findet ebenfalls immer wieder mal „on the road“ statt: zu den Zeiten, an denen die niedergelassenen Ärzte nicht erreichbar sind, also nachts und am Wochenende, fahren wir auf Anforderung (Tel. bundesweit 116 117) zu Patienten, die zu krank sind, sich selbst auf den Weg in die Klinik zu machen. Man könnte denken, es wird weniger mit der Corona-Thematik, aber…

Der erste Patient ist uns als onkologisch mit starker Unruhe angekündigt. Im Pflegeheim angekommen, frage ich wie gewohnt, ob jemand im Zimmer (die Familie ist anwesend) Husten, Fieber oder sonstige Erkältungssymptome hat? Nein, nein, alles gut, sagt die Pflege. Sonst eine „Keimbesiedlung“ (auch bei den multiresistenten Keimen sollte man sich verkleiden, denn der nächste Patient, den wir besuchen, möchte auch davon gerne verschont bleiben…)? Nichts, wirklich, alles sei gut. Wir marschieren ins Zimmer, der Patient teilt uns als zweites mit, sich erkältet zu fühlen und hustet ziemlich feucht. Hat überhaupt jemand Fieber gemessen? Bisher nicht. Wir messen: 39,5. Na denn. Alle wieder raus, desinfizieren, verkleiden, wieder rein. Da im Moment eigentlich weder Grippe- noch Erkältungszeit ist, ist das naheliegendste, na,….? Die Familie ist nicht begeistert, dem Patient geht es so schlecht, dass wir ihn einweisen müssen.

Die nächste Patientin in der Sammelunterkunft hat seit 5 Tagen Fieber. Der Ehemann jongliert die zwei kleinen Kinder und hat gut zu tun, das Paracetamol aus den spielfreudigen Händchen der Zweijährigen zu befreien und den Dreijährigen zu beruhigen, weil man sonst sein eigenes Wort nicht versteht neben dem Gebrüll, schon garnicht die schwache Stimme der Patientin. 38,9, Kopfweh, Rückenschmerzen. Wann sie aus Afrika gekommen seien? Vor einem Jahr. Hat sie in den letzten 5 Tagen schonmal einen Arzt gesehen? Nein. Beide schütteln die Köpfe. Da die Patientin sowohl Malaria als auch, na, was wohl? haben könnte, nehme ich nach der Untersuchung noch einen Abstrich und wir füllen den ganzen Papierkram aus. Ja, das hätte der Mann letzte Woche auch gemacht, wird mir danach erzählt. Ach. Aber sie meinten doch, es habe noch kein Arzt….? Na, der sei ja auch nicht für die Krankheiten zuständig gewesen, sondern für die Verwaltung! (Insgeheim bin ich wirklich froh, wieder im normalen ärztlichen Dienst unterwegs zu sein, wo wir von den Patienten angefordert werden, damit etwas besser werden kann, und nicht nur, um Abstriche zu machen und dann wieder zu gehen). Jetzt muss eigentlich noch die Malaria ausgeschlossen werden. Und wie das immer so ist mit den Sammelunterkünften – keiner hat ein Auto, keiner Geld, ein Taxi bis nach Stuttgart Zentrum (nicht jedes Krankenhaus macht Malariatests) zu bezahlen und auch keinen, der einen mal kurz hinfahren könnte. Also braucht es einen Transport. Die Patientin freut sich über die ausführliche Diagnostik. Doch, das sei gut, jetzt, nach fünf Tagen mit hohem Fieber.

Die nächste Patientin ist mit hohem Blutdruck angekündigt. Sonst nichts? Mein Fahrer, ein sportlicher junger Mann, sagt, er könne es langsam nicht mehr hören, die Sache mit Corona ginge ihm allmählich total auf den Sack, er werde jetzt frei nehmen, bis die Geschichte vorüber sei. Ich hingegen beschließe zum wievielten Mal, egal, was uns wie angekündigt wird, bei jedem, zu dem wir gebeten werden, erstmal Fieber zu messen und draußen zu bleiben mitsamt Fahrer (solange dieser nicht das Handtuch geworfen hat) und Equipment…


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Ansage vom Chef

Die Medien sind nach wie vor prall gefüllt mit Nachrichten um die Infektionslage. Allerdings unterscheiden sich die Schwerpunkte deutlich. Während in Deutschland derzeit fieberhaft überlegt wird, ob, wie, wohin und wann in Urlaub gefahren werden kann und wie die wirtschaftliche Lage sich gestaltet, kann anderswo Hauptthema sein, wie man überhaupt etwas zu Essen auf den in der Hütte nicht mal vorhandenen Tisch bekommt.

Als ich am letzten Mittwoch zuhause eine Portion Wäsche vom Ständer pflückte, hörte ich auf dem untermalenden SWR2-Impuls im Radio plötzlich eine vertraute Stimme: unser kenianischer Chef vom Baraka Health Center in Nairobi, den ich sonst nur einmal im Jahr vor Ort in Mathare die Ehre habe zu treffen, berichtet über die Lage im Slum und wie sich unsere Arbeit dort zur Zeit gestaltet.

Im Moment sind ja keine German Doctors dort, aber die Begleitung aus der Ferne macht es ein bisschen leichter, die nicht einfache Lage in Corona-Zeiten durchzustehen. Nachdem ich ab und zu mal eine mail auf den weiten Weg schicke, wenn ich etwas Ermutigendes entdecke, weiß ich schon von George, dass alle Patienten sich die Hände waschen, bevor sie eintreten (was sich nicht so einfach gestaltet wie hier bei uns, weil es immer mal auch nicht genug Wasser gibt), das arbeitende Team mit Masken und Handschuhen versorgt ist, und die Patientenaufteilung und -führung vor Ort an die Hygienevorschriften angepasst worden ist.

Die Patientenzahlen sind niedriger als sonst, einerseits, weil es keine Ärzte gibt, die man auch wegen spezielleren Anliegen aufsuchen könnte, andererseits, weil die chronisch kranken Patienten jetzt ihre Medikamente für einen längeren Zeitraum erhalten, um sich weniger oft unter die Wartenden mischen zu müssen. Das einheimische Personal nimmt teilweise und im Wechsel seinen bezahlten Jahresurlaub. Dennoch berichtet George noch von etwa 130 Hilfesuchenden am Tag.

Unsere Patienten haben mit grundsätzlichen Problemen zu kämpfen, viele haben ihre kleinen, ernährenden Tagesjobs verloren und die Reisebeschränkungen tragen ein übriges dazu bei. Daher gibt es deutlich mehr Mütter und Kinder, die auf Unterstützung aus unserem Nutrition Center angewiesen sind. Auch zu besseren Zeiten haben wir ja hin und wieder unseren schlecht ernährten Patienten einfach ein regelmäßiges Essen verschreiben können, nun hat sich die Zahl der Bedürftigen in dieser Hinsicht verdreifacht.

Wie es unseren chirurgischen Patienten geht, wie Brüche heilen, die kaum versorgt sind, und Wunden und Infekte sich entwickeln, wenn sie verschleppt werden, mag ich garnicht überlegen.

Wunderbar aber ist zu hören, dass keiner aus dem Team unserer einheimischen Mitarbeiter noch ihre Familien bisher von dem Virus direkt betroffen sind.

Wer mithelfen will, dass das Ernährungsprogramm weiterhin gut aufgestellt ist (und es geht da nicht um Nobles, sondern lediglich um Einfaches wie ein Hügelchen Reis mit gehaltvoller Soße pro Tag), findet Informationen und Spendemöglichkeiten auf der Seite von

http://www.german-doctors.de

(und herzlichen Dank an Hans-Henning Koch für das Foto vom Ort des Geschehens…)


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Roadmovie II – Unterwegs mit dem Coronamobil

Never change a winning team – auch der Zweimetermann ist am Donnerstagmorgen wieder zur Stelle. Wir fahren zuerst gen Stuttgarter Süden, wo sich eine Patientin vermutlich in ihrer Reha angesteckt hat und nun zuhause mit Fieber und Husten das Bett hütet.

Danach geht es zu einer Familie, ja, im fünften Stock, nein Fahrstuhl gibt es keinen. Oben angekommen, fällt auf, dass etwas im Auto liegen geblieben ist, was man unbedingt hier oben bräuchte. Mein Begleiter beschliesst, heute Abend auf’s Fitness-Studio zu verzichten und macht sich an den Abstieg.

Sorgen bereiten zunehmend die Seniorenheime. Auf Gedeih und Verderb sind die Bewohner darauf angewiesen, dass ihre Versorger sich an die Hygieneregeln halten. In einem Heim, das wir besuchen, werden den Pflegenden keine Kittel zur Verfügung gestellt, auch nicht bei der Pflege der bereits fiebernden und hustenden Bewohner. Was das für die noch gesunden Bewohner bedeutet, zu denen man danach geht, sollte eigentlich bekannt sein. Verschiedentliche Bitten von mehreren Seiten fanden bisher kein Gehör. Wir melden das Heim und hoffen sehr auf ein zügiges Eingreifen des Gesundheitsamtes.

Am Mittag werden wir gebeten, auf Wunsch des Gesundheitsamtes zwei gesamte Stockwerke eines anderen Seniorenheims und die ganze anwesende Mannschaft der Pflegenden abzustreichen, nachdem es hier bereits mehrere erwiesene Erkrankungen gibt – ein sportliches Projekt: 39 Bewohner und 9 Pflegekräfte. Wir werden die nächsten vier Stunden damit beschäftigt sein. Die Bewohner, die noch gut denken können, sind einverstanden und machen tapfer mit, diejenigen, denen sich die Plage des Abstrichs nicht erschließt, schimpfen, schlagen oder schreien, auch, wenn wir versuchen, die Handlung in Freundlichkeit und Ruhe zu kleiden. Aber zum Glück geht es ja schnell mit dem Abstreichen, so ist auch schnell wieder vergessen, was gepiesackt hat. Das ist ja eine verrückte Sache mit dem Virus, schütteln einige ältere Damen den Kopf. Und: Dummerweise gab es zum mittäglichen Nachtisch Schokoladenkuchen – was sich das Labor wohl denken wird bezüglich der einen oder anderen Schokoladenspur auf dem Wattestäbchen? Vermutlich bleibt das Virus davon gänzlich unbeeindruckt.

Beim Weiterfahren passieren wir eine Schafherde, die friedlich kauend eine Wiese belagert. Der Zweimetermann ist Hobbykoch und äußert Appetit auf Lammrücken an Thymiansoße mit Risoleekartoffeln ( die Vokabel muss ich mir erstmal übersetzen lassen – habe ich sowas überhaupt schonmal gegessen?). Aber nichts da. Im Dienst gibts maximal ein Käsebrot.

 

 


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Schwäbisches Roadmovie 2020: unterwegs mit dem Coronamobil

Treffpunkt 10 Uhr in einem der großen Krankenhäuser Stuttgarts in der Eingangshalle – da biegt auch schon mein Mitfahrer um die Ecke: der DRK-Rettungssanitäter und Zweimetermann, mit dem ich heute unterwegs sein werde. Zusammen werden wir heute für 8 Stunden in Stuttgart im Auftrag des Gesundheitsamtes die Patienten anfahren, die einen Abstrich auf Covid19  brauchen, aber nicht zu den anderen Abstrichstellen kommen können. Wir sind gut ausgerüstet: es gibt für jeden Patientenbesuch einen frischen Kittel und Handschuhe, die kostbare FFP3-Maske ist den ganzen Tag zu verwenden, und da es keine Haube für die Haare gibt, habe ich meine afrikanische OP-Haube mitgebracht (Baumwolle, waschbar).

Das Wetter ist zum Glück gut, wenn auch ziemlich kalt, unter den Kittel passen genügend Schichten, um nicht zu frieren, und, große Freude: es regnet nicht! Das ist schonmal klasse, wenn man vor der Tür auf dem Gartentischchen die Verwaltung machen muß – denn wir gehen, wenn irgend möglich, nicht in die Wohnungen hinein, um die Kontaktmöglichkeit mit dem Virus gering zu halten. Mein Fahrer liest mit noch mehr Abstand, ohne Kittel aber mit Atemschutz und Handschuhen, die Karte ein und bereitet die Zettel für Verwaltung, Labor und Gesundheitsamt vor, während ich die Patienten befrage, abstreiche und berate.

Die erste Adresse ist ein 50jähriger Mann, fiebrig, schwer am Husten, aber insgesamt in stabilem Zustand. Gefühlt wohnen alle, die wir besuchen sollen, mindestens im fünften Stock, so hat die Arbeit auch einen gewissen sportlichen Aspekt. Wir sind pingelig im Abstandhalten, die herausgereichte Versicherungskarte wird desinfiziert, bevor sie im Lesegerät landet, gebrauchtes Material und meine Verkleidung bleiben beim Patient, sie werden vor die geschlossene Wohnungstür gelegt und, wenn wir weg sind, dort im Hausmüll entsorgt.

Dann geht’s in ein Seniorenheim. Eine alte Dame hat Fieber und hustet, sie hatte immer wieder Besuch von einer Angehörigen, die im Skiurlaub in Tirol war. Das Personal ist sehr besorgt, auf keinen Fall wollen sie im Heim das Virus verbreiten, falls es denn die Ursache für die Erkrankung ist, aber auch die Pflegerin, die mit mir hinein geht, um der alten Dame den Kopf zu halten, hat keinen ausreichenden Atemschutz. Die etwas verwirrte Patientin schaut erschreckt aus ihren Kissen hervor, die Maske verhindert leider, daß man die erste, Frieden verheißende und beste Begrüßung, ein Lächeln, sehen kann. Vom Abstrich ist sie dann noch weniger begeistert, es ist unangenehm, tief im Rachen und in der Nase berührt zu werden und fast will sie das Stäbchen abbeißen, aber dann klappt es doch. Im Personalraum besteht noch Beratungsbedarf, wann kommt das Ergebnis, wie soll bis dahin verfahren werden?

Die nächste Adresse ist eine Familie mit drei kleinen Kindern. Alle husten, haben und hatten mehr oder weniger Fieber und sollen abgestrichen werden, die Kinder sind noch neugierig und freundlich, aber wir beschließen, nach den Eltern nur einem, dem ältesten, die unangenehme Prozedur zuzumuten, sowieso bleiben ja alle für die Quarantänezeit zuhause. Es gibt, wie erwartet, großes Gebrüll und wildes Gezappel, gut, dass die Eltern noch fit genug sind, das Mädel fest zu halten.

Bei der nächsten Familie, wo nur der Papa symptomatisch ist und abgestrichen wird, richten wir die Unterlagen auf der Holzbank im üppig blühenden Vorgärtchen und hinterlassen Grüsse – ich kenne die Eltern aus unserer Kirchengemeinde.

So geht es weiter durch den Tag, unterbrochen von einer kleinen Mittagspause mit Käsebrot im Auto. Alle sind geduldig und motiviert, auch mein Begleiter faltet immer wieder unverdrossen seine zwei Meter hinter das Lenkrad und trägt heute dauerhaft seine Maske, da er am Morgen erfahren hat, dass sein Begleitdoktor von gestern Symptome entwickelt hat. Ich mag diese Arbeit – man kann sich gut schützen, die Arbeitszeiten sind freundlicher als in meinen längeren Nachtdiensten. Und – man kommt durch’s Ländle!