sabinewaldmannbrun

Farbe. Linie. Sehen.


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10 vor 3 im Dressingroom

Die Uhr im Verbandsraum zeigt 10 vor 3. Ein jüngerer Mann schiebt eine vermummte Gestalt im Rollstuhl herein. Ein Tuch um den Kopf gewickelt, lehnt die Kranke etwas schief in dem Gefährt. Schmerzen in der rechten Seite, berichtet der Ehemann der 27jährigen, sie könne sich kaum noch bewegen. Seit vier Tagen werde es schlimmer. Die Patientin reagiert nicht auf Ansprache, nur ein Kneifen am Brustbein führt noch zu ungezielten Bewegungen.

Wir legen die Kranke auf eine der Liegen. Die Vorgeschichte ist schnörkelreich. Gerade wurde sie aus einem Krankenhaus entlassen, wo man sie auf „Typhoid“, eher eine Verlegenheitsdiagnose, behandelt hatte. Ohne Erfolg. HIVpositiv sei sie auch. In der Untersuchung zeigt sich eine rechtsseitige Lähmung von Arm und Bein, der Blick ist konstant nach links gerichtet. Ich bitte den CO der HIVAbteilung hinzu. Er vermutet eine Enzephalitis, Kryptokokken oder einen Abszeß.

Wir sind uns einig, dass die Patientin bei uns nicht gut aufgehoben ist. Wir bitten die Headnurse zum klärenden Gespräch mit dem Ehemann. Schickt sie in einem Taxi, sonst wird sie nicht aufgenommen, ist die Empfehlung. Eine nicht ansprechbare 27jährige mit Halbseitenlähmung im Taxi schicken? Aber immer noch dauert der Klinikstreik an. Eine völlig überlaufene Klinik gibt es noch, wo wir sie hinschicken könnten, aber mit dem Krankenwagen hat sie keine Chance. Wir rufen an, schlägt die Headnurse vor. Chronischer Zustand, lautet die Antwort, nehmen wir nicht.

Eine Lähmung seit zwei Tagen ist kein chronischer Zustand, sage ich. Schickt sie einfach so hin, empfiehlt die Headnurse, lange erfahren in dem ganzen Kummer mit Streik und Abweisungen – wenn sie selbst kommt, ohne jede Spur einer Vorbehandlung, müssen sie sie nehmen. Na denn. Ich bin versucht, nichts mit dieser Entscheidung zu tun haben zu wollen.

Patrick, 62 Jahre, war letzte Woche schon einmal da. Mit einer zu großen Prostata, die schon lange drückt und einem Harnwegsinfekt. Da saß er drei Stunden lang im überfüllten Wartebereich zwischen hustenden Anderen. Heute hustet er selbst. Hat Fieber. Atemnot. Die Sättigung ist bei 89% angekommen. Ich kenne das Bild von zuhause: älterer Herr, entsprechende Symptomatik. Zuhause hätte man einen Test. Aber auch so geht es ihm so schlecht, dass wir ihn einweisen müssen. Und wieder dieselbe Problematik: wenn sein Bruder ihn nicht zum Taxi stützt und dann, völlig ohne Vorbehandlung, ins Krankenhaus, wird er nicht aufgenommen.

In mir sträubt sich alles. Meldet wenigstens an, dass ihr einen jungen Taxifahrer braucht, wenn der sich ansteckt, bringt es ihn nicht so schnell um, sage ich. Lautes Gelächter der Dressingroommannschaft. Ein Lachen aus Verzweiflung über die Umstände. Den nächsten Patient kann ich nicht schallen, weil im Sonoraum eine tote Siebenjährige liegt. Die bekümmerten Eltern warten vor der Tür auf die Abholung.

Nebenbei – ich versuche gerade, die vielen Platzwunden am Schädel eines Motorradunfalls zu nähen, während der Patient fast von der wackeligen Op-Liege fällt – höre ich, draußen liege noch ein Notfall. Eine Stichverletzung. Wo der Stich denn sei, frage ich beim Nähen. Im Brustkorb, sagt mir eine der Schwestern entspannt. Der Patient war bei Nacht schonmal bei einem Healthpost, da wurde die Wunde zugenäht. Ich bitte, einen der Kollegen zu dem Patient zu schicken und bitte dringend um Eile. Und tatsächlich – endlich habe ich den Genähten abfahrbereit, denn auch er dämmert langsam ein – hat der junge Mann mit der Stichverletzung einen Puls von 115, eine Sauerstoffsättigung von 88% und ganz offensichtlich eine Verletzung der linken Lunge. Diese beiden bekommen wir dann tatsächlich noch mit der Ambulanz unter, offenbar ist da deutlicher, dass es sich nicht um chronische Zustände handelt…Gerade rechtzeitig, als die Blutspuren von der Nähaktion weggeputzt sind, taucht eine Abordnung der Regierung auf und möchte eine Kontrollbegehung machen: drei geschniegelte, gebügelte Ladies in feschen Kostümen auf geschäftig klappernden Absätzen. Vielerlei wurde bemängelt, heißt es hinterher, aber vor allem, dass die Patienten, auch die mit Husten und Fieber, im Wartebereich eng beieinander sitzen wie die Ölsardinen. Aber wen soll man wegschicken?

Die Uhr im Dressingroom zeigt immer noch 10 vor 3. Wie gestern und vor vier Wochen auch schon. Und vor drei Monaten, berichtet meine Übersetzerin. Irgendwie hat sich noch keiner zuständig gefühlt, sie mit einer neuen Batterie zu bestücken. Was nicht so kompliziert wäre wie die Unterbringung von schwer kranken Patienten. Aber in Wirklichkeit ist es ja erst 11.15 Uhr. Die Zeit verläuft scheinbar nicht immer geradlinig…


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Mütter

Die Mutter von Milka(8 Monate) ist beschäftigt. Zwar müssen die beiden ein Weilchen warten, bis sie in den Behandlungsraum kommen können, aber so wird die Zeit nicht lang: das Kind patscht mit seinen kleinen Händen so lange an Mamas Maske, bis dahinter ihr Lächeln zum Vorschein kommt, dann lachen beide. Das läßt sich beliebig oft wiederholen. Das Mädel ist auch nicht wirklich krank, ein Pickel am Arm soll begutachtet werden.

Die Mutter von Violet(3 Monate) zieht die Maske über die Augen. Ein großer Abszeß, der fast die Hälfte des Oberschenkels ihrer Tochter einnimmt, soll jetzt, nach einer Woche, endlich geöffnet werden, und das will sie nicht mit ansehen. Sie dachten ja, es würde vielleicht von selbst wieder gut…

Die Mutter von Omoto (7 Jahre) ist besorgt. Während wir die Verbrennungen ihres Sohnes an Bauch und Beinen verbinden, pfeift, zischt und dampft direkt neben der Untersuchungsliege der Sterilisator und lässt alle paar Minuten ein brüllendes Schnaufen ab. Bislang ist noch nichts explodiert. Aber wer weiß?

Die Mutter von James(17 Jahre) weint. Ihr Sohn hat eine komplizierte, verschobene Fraktur am rechten Ellbogen – im Gelenkspalt sitzt zudem noch ein Knochensplitter – die wir nicht behandeln können. Der Bruch muß unter Röntgenkontrolle im Krankenhaus gerichtet werden, und dafür ist kein Geld da. Vielleicht kann die Verwandtschaft noch ein paar Schillinge zusammenkratzen, aber das dauert zu lange. Seit dem Unfall ist schon eine Woche vergangen. Wir schicken die beiden trotzdem mit einem Überweisungsblatt in unser Referalhospital und hoffen, dass auch hier der Sozialfond noch ein bißchen hergibt. Wenn nicht, wird James sein Leben lang den rechten Arm nicht richtig benutzen können.

Die Mutter von Everlyne und Elizabeth, beide Mitte 50, wird von ihren Töchtern wegen Schulterschmerzen gebracht. Die drahtige Über-Siebzigjährige ist noch sehr aktiv im Management von Häuschen und Garten up-country im Dorf, aber beim Schleppen der schweren Wasserkanister ist es ihr vor drei Tagen schmerzhaft in die Schulter gefahren. Und nun schmerzt es beim Heben des Arms. Ich stelle mir unsere Rentnerinnen zuhause vor, wenn sie ihr Wasser in gelben 10-Liter-Kanistern holen gehen müssten. Gibt es keine Enkel, die tragen helfen könnten, frage ich? Ach, die machen das nicht richtig, winkt die alte Dame ab.

Die Mutter von Lucy(4 Jahre) ist nicht da. Dafür bringt ein Auntie das Kind, das von einem Motorrad angefahren worden sei. Vom Unfallhergang weiß sie nichts, und kann auch sonst nicht viel sagen, es muß ein sehr entferntes Auntie um viele Ecken herum sein, und auch der Fahrer ist schon wieder auf Tour mit einer Kundin, obwohl er eigentlich hätte berichten sollen. Die Untersuchung ergibt nur ein paar Abschürfungen am Arm und Knie. Und dann kommt doch noch der Fahrer vorbei: mit Pudelmütze und Sonnenbrille (statt Helm) und Wollpullover (die preiswertere Schutzausrüstung). Nein, angefahren habe er das Kind nicht, es sei nur beim Ausweichen gestürzt. Zum Glück ist nicht mehr passiert. Da gab’s schon ganz andere Geschichten.

Die Mutter von Brian(5 Jahre) freut sich, dass der Gips, bzw. das, was davon noch übrig ist, jetzt endlich abgenommen wird. Schon viel früher hat der Sohn trotz Ermahnung seine üblichen Aktivitäten wieder aufgenommen, und das sieht man dem Gips an: staubgrau, fluselig, teilweise aufgeweicht und hier und da durchgebrochen. Hauptsache, es tut nichts mehr weh und der Arm sieht wieder gesund aus.

Als wir abends verschwitzt und müde nachhause kommen, steht John vor unserer Tür, treuer Fahrer und Manager zahlreicher Ausflüge von Generationen von German Doctors. Mager sieht er aus, ein Zahn ganz vorne fehlt. Er wollte uns begrüßen, fragen, ob wir nicht wieder auf Reisen gehen wollten? Die Not muß groß sein, denke ich, noch nie ist er von selbst vorstellig geworden. Schön, dass wir wieder da seien, strahlt er, und er habe noch Kapazitäten frei.

Wir sind in bißchen ratlos, eigentlich wollten wir erstmal nicht weiter planen. Und hatten auch nicht mit einem Besuch gerechnet. Ob er ein Glas Wasser haben dürfe, fragt John, noch immer steht er am Eingang. Ein Glas Wasser wird geholt, auch eine Tischdecke für den Gartentisch, aber da ist er schon wieder auf dem Rückzug, er spürt, es paßt nicht. Ob wir an ihn denken würden? Wir versprechen es.

Was denkst du, frage ich später beim Abendbrot die kenianische Kollegin, waren wir unhöflich ? Hätten wir ihn zum Essen einladen sollen? Ja, sehr unhöflich, sagt sie, wenn hier einer käme, bitte am ihn herein. Biete ihm an, eine Tasse Tee zu kochen. Man lade ihn zum Essen ein. Und wenn er wolle, dürfe er einen Monat lang bleiben.

(mehr über unsere Projekte unter http://www.german-doctors.de)


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Im Verbandszimmer mittags um 1…

Auf der großen Liege neben dem Hofausgang liegt eine völlig erschöpfte Vierjährige und schläft. Vor 2 Wochen war sie zum ersten Mal da, mit der gestreßten Mutter und dem Neugeborenen, wegen einer Kopfwunde. Wir haben sie gesäubert und verbunden und einen Wiedervorstellungstermin ausgemacht. Der nicht eingehalten wurde. Ein paar Tage später ist sie wieder da, diesmal mit einem Uncle. Der Verband ist ab, die Wunde eitert. Dasselbe wiederholt sich noch zweimal. Heute hat eine der Sozialarbeiterinnen, die in der Nähe wohnt, sie gebracht. Wieder ist die Wunde eitrig, das Kind voller Angst und Schmerz, niemand hat das mitgegebene Pflegemittel zum Wundreinigen benutzt. Die Sozialarbeiterin erzählt, dass die Mutter allein ist, vier Kinder versorgt. Ein Vater? Disappeared. Scheinbar haben viele Männer hier die Gabe, sich plötzlich unsichtbar machen zu können, wenn es schwierig wird. Ich bitte Winnie von den Community Healthworkern dazu. Sie verspricht, sich die Umstände näher anzuschauen. Das Kind zu befragen. Das Ernährungszentrum einzuschalten. Die Krankenkarte ist auch verschwunden. Wir erstellen eine neue.

Auf der anderen Seite neben dem Hofausgang sitzt eine Muslima mit Schleier, das rechte Bein in einem Wassereimer mit Jodlösung und benetzt unermüdlich tapfer mit der Hand schöpfend die 5cm große, verkrustete Wunde am Unterschenkel. Der Eimer ist zu klein, deshalb reicht der Wasserspiegel nicht bis über die Wunde. Aber so geht es auch. Vor zwei Wochen hat sie sich am Auspuff eines Motorradtaxis das Bein verbrannt, in einem Lädchen hat ihr dann jemand ein Pilzmittel dafür angedreht. Das die Umstände keineswegs verbessert hat. Schließlich ist die eitrige Kruste gelöst und das Bein verbunden. Alles kann besser werden.

In der Ecke gegenüber sitzt Bonface, ein wilder, knochiger Geselle mit Cowboyhut, feuchtem Husten, Holzknüppel zum Abstützen und rauchgrauen Klamotten, die seit Wochen scheinbar keine Wäsche mehr erlebt haben. Bonface aber ist guter Dinge, der Fuß tut nicht mehr weh. Vor einer Woche haben wir ihm wegen einem zwei Wochen lang verschleppten Fersenbeinbruch einen Gipsschuh gebastelt und auch zwei Gehstöcke zur Verfügung gestellt, aber irgendwie war das zu unbequem, zu kompliziert mit dem Entlasten des verletzten Fußes, lieber wollte er weiter auf beiden Beinen stehen und gehen. So hat der Gips jetzt die Beschaffenheit einer Wollsocke, ist also eher symbolisch vor Ort. Bonface lächelt mich an. Seine Maske ist auch eher symbolisch beschaffen. Ich lächele zurück. Was solls? Wenn er keine Schmerzen mehr hat, ist schon viel gewonnen. Und das Röntgenbild ist nicht so dramatisch, dass man nicht Milde walten lassen könnte. Soll er halt noch eine Woche mit der Gipssocke unterwegs sein, wir haben es versucht und erklärt, warum wie was…

Wie ging es dir in diesem letzten Jahr, frage ich Beth, meine Übersetzerin. Ach, ach, sagt sie, schwierig, schwierig. Der Ehemann, eigentlich Lehrer, hatte sich gerade gerüstet, ein Geschäftsmann zu werden, seine Stelle an der Schule gekündigt, als Corona kam. Und dann…? Ja, das wurde nichts mit dem Geschäft, der kenianische Lockdown hat ihm einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Und jetzt? Ach, wir müssen irgendetwas machen, sagt Beth, um zusätzlich ein bisschen Verdienst zu erwirtschaften, die beiden angenommenen Kinder (der verstorbenen Schwester und Cousine) müssen in die Schule, vielleicht können wir eine Kuh erwerben und dann die Mich weiter verkaufen? Ein Stücklein Land ist vorhanden, wenn auch klein. We have eaten up almost all our money this year, sagt Beth leise…

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Dienstreise nach Athi River

Auch unsere noch junge Zweigstelle, 30 km staubige, stark befahrene Straßen von Nairobi entfernt und von mehreren Slums umgeben, soll nun mit zwei Ärzten besetzt werden. Eine der Kolleginnen hat dort gerade ihr Internistenzimmer frisch eingerichtet, und da erst am nächsten Montag ein weiterer Kollege anreist, ist diese Woche jeweils einer von uns Nairobiärzten zum Mithelfen dort. Am Mittwoch bin ich dran. Vorher gibt es noch ein wenig in Baraka zu tun, damit wir nicht zur Hauptverkehrszeit stundenlang im Stau stehen müssen. Einige Verbandswechsel sind auch noch zu machen und eine Patientin kommt zur Notfallversorgung von frischen Verbrennungen – ihr ist ein Kohlkopf in das heiße Mandazibackfett gefallen. Das halbe Gesicht, Arme und Beine sind verbrannt.

Endlich geht es los, und leicht eingestaubt treffen wir am späten Vormittag ein. Klein und liebevoll eingerichtet ist die Fanaka- Klinik, im Flur wartet bereits eine halbe Schulklasse auf uns, alle mit trockenem Husten, Fieber und Kopfweh. Bauchweh haben auch einige, wobei meine Übersetzerin das Schulessen verdächtigt und vorschlägt, ich soll einen Menüwechsel anordnen. Da es täglich Bohnen gibt, könnte das möglich sein, ich bin aber nicht einverstanden, weil ich weiß, dass die Alternative ein Kohlgericht ist. Dann doch lieber die Bohnen…Eine der Standardabfragen bei Anmeldung ist: Covidcontact? Ich staune, wie beherzt alle dies verneinen. Wo nicht getestet wird, hat auch keiner Covid, oder?

Es folgen eine junge Frau mit geschwollenen Beinen, die nicht geschwollen sind, ein junger Mann mit Ganzkörperschmerz, ein weiteres Kind mit Bauchweh, eines mit Ausschlag, Wunden, Schwellungen hier und da und Halsschmerzen. Insgesamt ist das Spektrum nicht ganz so katastrophenträchtig wie in Baraka und auch die Patienten noch nicht so zahlreich. Aber das ändert sich bereits, es hat sich schon herumgesprochen, daß hier Hilfe vor Ort ist, auch in Zeiten, wo anderswo gestreikt wird. Meine Übersetzerin ist gründlich und sehr freundlich, überhaupt alle sind sehr engagiert und stellen gern ihren Arbeitsbereich vor. Die Sonne scheint von einem fast wolkenlos prallblauen Himmel auf die Warte- und Anmeldebereiche, die sich alle überdacht im Außenbereich befinden und wenn Zeit für ein Päuschen ist, kann man von den Mitarbeitern erfahren, wie sich das Projekt entwickelt hat.

Abends geht es von Stau zu Stau wieder zurück, die Kollegin ist gut in ihrem neuen Domizil in der dortigen Doctors-WG angekommen. Wir sind gespannt, wie das neue Projekt sich entfalten wird. Die Voraussetzungen sind auf jeden Fall gut!

Mehr über unsere Projekte unter http://www.german-doctors.de


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Nairobi ´sches Allerlei

Nairobi kleidet sich bunt, hektisch, laut und abstandsarm wie sonst auch. Nicht alle tragen Maske, obwohl dies gerade überall in der Öffentlichkeit Vorschrift ist, und wer eine trägt, schützt mehrheitlich Bart oder Kinn. In unserer Ambulanz herrscht wie gewohnt reger Zulauf. Das Team zur Umsetzung der Hygienevorschriften hat gute Arbeit geleistet, ist vorbildlich in der Umsetzung, und doch sind die Sprechzimmer sehr eng. ˋWe have crossed so many waters, we will cross these waters, too,´sagt meine Übersetzerin und lächelt mich hinter ihrer Op-Maske an. Die wenigsten können sich eine FFP2-Maske leisten. Ihr Sohn hat sich heute wegen Fieber, Husten und Atembeschwerden krank gemeldet. Er soll in seinem Zimmer bleiben, hat sie ihm gesagt. Eigentlich hatte ich gerade, in einer kleinen Pause zwischen Gipsen und Wundversorgung im frisch gelüfteten Zimmer die Maske abgesetzt, jetzt setze ich sie wieder auf.

Die Patienten tragen ebenfalls Maske, möchten aber gerne wirklich gut verstanden werden und ziehen das Stöffchen daher ab, um sich mundfrei dem Doktorohr zuzuneigen, wenn sie ihre Geschichte zu erzählen beginnen. Wir sind dann streng.

Die Arbeitstage sind lang und ebenfalls bunt in der Vielzahl der Anliegen. Ein 34jähriger mit einem stark geschwollenen Bein stellt sich vor. Der Ultraschall zeigt eine frische Thrombose, die bis in die Beckenvenen reicht. Da wir keine Möglichkeit zur Blutverdünnung haben, wollen wir ihn einweisen, aber bis auf eines der größeren Krankenhäuser sind alle im Streik – das Personal kämpft um bessere Schutzmöglichkeiten vor dem Virus. Bereits mehrere Ärzte auch jüngeren Alters sind verstorben, weil es diese nicht gab. Da ist der Aufruhr nachvollziehbar, aber was geschieht nun mit unseren Patienten? Eine Einweisung mit Krankenwagen ist nicht möglich, man wird sofort wieder abgewiesen. Eine so ausgeprägte Thrombose zu Fuß zu schicken, widerstrebt sehr. Er soll halt langsam zum Taxi laufen, sagt die Headnurse. Pole, pole. Ich hoffe, dass er auf der Fahrt nicht einer Lungenembolie erliegt.

Die Knochenbrüche bei Alt und hauptsächlich Jung stammen aus der Zeit um Weihnachten herum. Da hatte dann auch unser Gesundheitszentrum geschlossen. Stark verschobene Frakturen müssen am besten noch heute reponiert werden, bevor alles fixiert ist. Bei den kindlichen Verletzungen, mit Bruchstücken im Gelenkbereich, muß das eigentlich im Krankenhaus geschehen. Und da wären wir wieder auf der Suche nach Möglichkeiten…

Nicht möglich war es, den Finger einer jungen Frau zu retten, die vor einer Woche von einem verärgerten Freund gebissen worden war. Der Freund einer anderen jungen Frau mußte in die Schranken gewiesen werden, weil er eine Tasse kochendes Wasser über ihrem Arm ausgegossen hatte.

Möglich war es allerdings, einem Mann einen 5cm langen Akaziendorn aus dem Fuß zu ziehen, der bereits seit einem halben Jahr für Schmerzen und Eiter gesorgt hatte, unter Ultraschallkontrolle dank der findigen Kollegin, und zur großen Freude aller beteiligten Mitwirkenden und Zuschauer.

Die Tage gehen zuende mit Schuhen voller Gipsspritzer, Povidonklecksen, mit verschwitzen Masken und zuweilen einer Runde Jerusalema-Dance auf dem Slum-„Parkett“. Alle zusammen, bunt gemischt, mit Maske natürlich und reichlich Hüftschwung. Selten ist man so im Gleichschritt in dieselbe Richtung unterwegs…

Mehr zu unserer Arbeit im Mathare Valley Slum in Nairobi unter http://www.german-doctors.de


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…zur Heilung der Völker

Frohe Weihnachten, Ihr Lieben alle. Wenn ich an Weihnachten arbeite und meine Patienten sehe, denke ich immer, es ist gut, dass Weihnachten ja eigentlich etwas anderes war als Deko (obwohl schön) und kuscheliges Miteinander – Gott kommt auf die Erde als Baby in ärmlichen Umständen. Damit wir glauben können: er ist da und weiß, wie sich Menschsein anfühlt in seinen Höhen und Tiefen. Wenn ich dann demnächst wieder nach Kenia starte (mit German Doctors für die Slumchirurgie), wird dieser Blick auf das Fest ebenso passen: Corona heißt dort vor allem Armut und Hunger. Zudem streiken nun auch die Ärzte vor Ort. Auch wenn es ziemlich aus der Zeit gefallen klingt, in diesen Zeiten nach Kenia zu fliegen, ist es wie immer vermutlich rundum sinnvoll…

In letzter Zeit habe ich eine Reihe von Bäumen gemalt und dachte mir, die Beschreibung aus Offenbarung 22 über das neue Paradies könnte ein wenig passen: ….“An beiden Seiten des Flusses wachsen Bäume: der Baum des Lebens aus dem Paradies. Sie bringen zwölfmal im Jahr Frucht, jeden Monat einmal und ihre Blätter dienen zur Heilung der Völker“… (das wäre doch was: das Heilmittel erhalten zuerst jene, die es am meisten brauchen, for free…)

Weitere Infos über unsere Projekte sind zu finden unter http://www.german-doctors.de


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Roadmovie 4 – unterwegs, nein, nicht im Coronamobil!

Die Arbeit, die ich seit Jahren oft und gerne mache, findet ebenfalls immer wieder mal „on the road“ statt: zu den Zeiten, an denen die niedergelassenen Ärzte nicht erreichbar sind, also nachts und am Wochenende, fahren wir auf Anforderung (Tel. bundesweit 116 117) zu Patienten, die zu krank sind, sich selbst auf den Weg in die Klinik zu machen. Man könnte denken, es wird weniger mit der Corona-Thematik, aber…

Der erste Patient ist uns als onkologisch mit starker Unruhe angekündigt. Im Pflegeheim angekommen, frage ich wie gewohnt, ob jemand im Zimmer (die Familie ist anwesend) Husten, Fieber oder sonstige Erkältungssymptome hat? Nein, nein, alles gut, sagt die Pflege. Sonst eine „Keimbesiedlung“ (auch bei den multiresistenten Keimen sollte man sich verkleiden, denn der nächste Patient, den wir besuchen, möchte auch davon gerne verschont bleiben…)? Nichts, wirklich, alles sei gut. Wir marschieren ins Zimmer, der Patient teilt uns als zweites mit, sich erkältet zu fühlen und hustet ziemlich feucht. Hat überhaupt jemand Fieber gemessen? Bisher nicht. Wir messen: 39,5. Na denn. Alle wieder raus, desinfizieren, verkleiden, wieder rein. Da im Moment eigentlich weder Grippe- noch Erkältungszeit ist, ist das naheliegendste, na,….? Die Familie ist nicht begeistert, dem Patient geht es so schlecht, dass wir ihn einweisen müssen.

Die nächste Patientin in der Sammelunterkunft hat seit 5 Tagen Fieber. Der Ehemann jongliert die zwei kleinen Kinder und hat gut zu tun, das Paracetamol aus den spielfreudigen Händchen der Zweijährigen zu befreien und den Dreijährigen zu beruhigen, weil man sonst sein eigenes Wort nicht versteht neben dem Gebrüll, schon garnicht die schwache Stimme der Patientin. 38,9, Kopfweh, Rückenschmerzen. Wann sie aus Afrika gekommen seien? Vor einem Jahr. Hat sie in den letzten 5 Tagen schonmal einen Arzt gesehen? Nein. Beide schütteln die Köpfe. Da die Patientin sowohl Malaria als auch, na, was wohl? haben könnte, nehme ich nach der Untersuchung noch einen Abstrich und wir füllen den ganzen Papierkram aus. Ja, das hätte der Mann letzte Woche auch gemacht, wird mir danach erzählt. Ach. Aber sie meinten doch, es habe noch kein Arzt….? Na, der sei ja auch nicht für die Krankheiten zuständig gewesen, sondern für die Verwaltung! (Insgeheim bin ich wirklich froh, wieder im normalen ärztlichen Dienst unterwegs zu sein, wo wir von den Patienten angefordert werden, damit etwas besser werden kann, und nicht nur, um Abstriche zu machen und dann wieder zu gehen). Jetzt muss eigentlich noch die Malaria ausgeschlossen werden. Und wie das immer so ist mit den Sammelunterkünften – keiner hat ein Auto, keiner Geld, ein Taxi bis nach Stuttgart Zentrum (nicht jedes Krankenhaus macht Malariatests) zu bezahlen und auch keinen, der einen mal kurz hinfahren könnte. Also braucht es einen Transport. Die Patientin freut sich über die ausführliche Diagnostik. Doch, das sei gut, jetzt, nach fünf Tagen mit hohem Fieber.

Die nächste Patientin ist mit hohem Blutdruck angekündigt. Sonst nichts? Mein Fahrer, ein sportlicher junger Mann, sagt, er könne es langsam nicht mehr hören, die Sache mit Corona ginge ihm allmählich total auf den Sack, er werde jetzt frei nehmen, bis die Geschichte vorüber sei. Ich hingegen beschließe zum wievielten Mal, egal, was uns wie angekündigt wird, bei jedem, zu dem wir gebeten werden, erstmal Fieber zu messen und draußen zu bleiben mitsamt Fahrer (solange dieser nicht das Handtuch geworfen hat) und Equipment…


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Neu erschienen – Jojo Rosenblüt 2.0

Frisch illustriert und bearbeitet: ein nächtliches Abenteuer mit einer Reise im Ballon, vielen Farben, ein paar Tränen und einer Versöhnung – und Sternenstaub….für Kinder ab ca. 5 Jahren.

Text und Illustration: Sabine Waldmann-Brun, ISBN 978-3-8436-1138-1, Patmos-Verlag 2020, 15 Euro


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…zwischendurch…

Ist mal zwischen hustenden und anderen, chirurgischen oder nicht chirurgischen Patienten Zeit für ein paar bunte Kringel, lässt sich experimentieren – hier mit einer zweiten Ebene Transparentpapier. Überhaupt gefällt mir der Gedanke, dass vielerlei eine zweite Ebene hat und ein Umblättern neue Einsichten erschließt…frohe Ostern!

If there is time besides coughing or not coughing surgical or not surgical patients, I  enjoy playing with levels – transparent papers offer changes of the same picture, additions, insights…I do like this idea of the second level – turning a page sometimes  invites to a new reality…happy easter!