sabinewaldmannbrun

Farbe. Linie. Sehen.


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Die Freiheit, dem Anderen schaden zu dürfen

Sonntagmorgen, 5.20. Im Bus zur Arbeit. 12 Stunden ärztlicher Notdienst stehen an. Im Bus sitzen lediglich zwei Leute, eine mittelalterliche Lady und ich, weit entfernt voneinander. Sonntagmorgendliche Ruhe. An der nächsten Haltestelle steigt ein Grüppchen Jugendliche ein, dem Restalkohol nach aus der letzten Party gespült. Sie tragen keine Masken und setzen sich, scheinbar auf Provokation gebürstet, um mich herum. Platz woanders wäre reichlich. Ich packe meine Sachen und setze mich anderswohin. Der Fahrer schaltet die Maskenpflichtdurchsage an. Das Grüppchen lacht. Wir fahren ein Weilchen weiter. Der Fahrer kommt persönlich nach hinten und bittet um Einhaltung der Regeln. Kein Effekt. Erregte Diskussionen im Grüppchen. Da im Moment alle Platz genug haben um sich herum, lässt der Fahrer die erfolglosen Versuche auf sich beruhen.

Angekommen im Dienst. Mein Fahrer hat auch keine Lust, eine Maske im Auto zu tragen, obwohl wir viele Stunden lang nah beieinander vorne sitzen müssen. Nachdem das Argument des Vermummungsverbots inzwischen von der Notfallpraxisleitung widerlegt ist, führt er seine beschlagende Brille als Argument an. Meine eigene Brille beschlägt auch, aber nur anfangs. Irgendwann herrscht freie Sicht. Nein, er sieht das nicht so (außer im Patientenkontakt, da sei er ja dazu verpflichtet). Außerdem hätte man ja sowieso ständig Kontakt zu Leuten, die mit potentiell erkrankten Patienten zu tun haben, da wisse man eh nicht… Da ich gerne einsatzfähig bleibe und mehr als doppelt so alt bin wie mein Fahrer, trage ich also durchgehend 12 Stunden lang eine FFP2-Maske (im Wechsel mit einer trockenen nach einer gewissen Zeit). Das ist wenig angenehm. Aber offensichtlich bin ich da härter im Nehmen als der Bub?

Auf dem Rückweg ist der Bus voll. Sonntagabend, Reisende kommen zurück, man kann nicht genügend Abstand halten. Neben mir einer, der die Maske übers rechte Ohr baumelnd trägt. Nach 12 Stunden FFP2 machen die letzten 40 Minuten den Kohl auch nicht mehr fett, obwohl ich mich schon gefreut hatte auf ein bisschen mehr Nasenfreiheit.

Stundenlang erzählen könnte man auch von den Patienten. Warum den Doktor und den Sanitäter schützen? Einer verlangt, dass wir ohne Schutzkleidung zum Abstrich kommen, damit die Nachbarn nichts merken, fast alle fragen, was, muss ich auch eine Maske tragen?, nachdem das in der Klinik längst nicht hinterfragte Pflicht ist, es sei denn, man hat Atemnot.

Irgendwie hat sich immer noch nicht herumgesprochen, dass der lockere Mund-Nasen-Schutz in erster Linie die anderen vor mir schützt. Was ist so schlimm an diesem einfach zu realisierenden und nebenwirkungsfreien Solidaritätsprinzip? Wieso meinen manche, nicht einmal die Viertelstunde im Bus das Läppchen im Gesicht ertragen zu können, während andere es 12 Stunden lang bei der Arbeit tragen (müssen)? Es scheint ja ums Prinzip der persönlichen Freiheit zu gehen. Darf ich die Freiheit, anderen zu schaden, für mich beanspruchen?


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Besuch! – A Visit!

Seit langem wagt sich wieder ein Gast für vier Tage in unser Gästezimmer – Ruth aus der Schweiz reist (nicht nur) für eine bunte Malzeit an! Menschen malen steht auf dem Programm, passend zu ihrer Arbeit, in der Interaktionen, Miteinander und Kommunikation eine wichtige Rolle einnehmen. Lange Streifen entstehen, und schließlich farblich verbundene Gruppen. Ich lasse mich inspirieren…

Finally a guest is courageous again to come for a visit: four colorful days of painting together inside and plainair. Her work at home includes mainly interaction and communication. I am inspired, too…


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Roadmovie 4 – unterwegs, nein, nicht im Coronamobil!

Die Arbeit, die ich seit Jahren oft und gerne mache, findet ebenfalls immer wieder mal „on the road“ statt: zu den Zeiten, an denen die niedergelassenen Ärzte nicht erreichbar sind, also nachts und am Wochenende, fahren wir auf Anforderung (Tel. bundesweit 116 117) zu Patienten, die zu krank sind, sich selbst auf den Weg in die Klinik zu machen. Man könnte denken, es wird weniger mit der Corona-Thematik, aber…

Der erste Patient ist uns als onkologisch mit starker Unruhe angekündigt. Im Pflegeheim angekommen, frage ich wie gewohnt, ob jemand im Zimmer (die Familie ist anwesend) Husten, Fieber oder sonstige Erkältungssymptome hat? Nein, nein, alles gut, sagt die Pflege. Sonst eine „Keimbesiedlung“ (auch bei den multiresistenten Keimen sollte man sich verkleiden, denn der nächste Patient, den wir besuchen, möchte auch davon gerne verschont bleiben…)? Nichts, wirklich, alles sei gut. Wir marschieren ins Zimmer, der Patient teilt uns als zweites mit, sich erkältet zu fühlen und hustet ziemlich feucht. Hat überhaupt jemand Fieber gemessen? Bisher nicht. Wir messen: 39,5. Na denn. Alle wieder raus, desinfizieren, verkleiden, wieder rein. Da im Moment eigentlich weder Grippe- noch Erkältungszeit ist, ist das naheliegendste, na,….? Die Familie ist nicht begeistert, dem Patient geht es so schlecht, dass wir ihn einweisen müssen.

Die nächste Patientin in der Sammelunterkunft hat seit 5 Tagen Fieber. Der Ehemann jongliert die zwei kleinen Kinder und hat gut zu tun, das Paracetamol aus den spielfreudigen Händchen der Zweijährigen zu befreien und den Dreijährigen zu beruhigen, weil man sonst sein eigenes Wort nicht versteht neben dem Gebrüll, schon garnicht die schwache Stimme der Patientin. 38,9, Kopfweh, Rückenschmerzen. Wann sie aus Afrika gekommen seien? Vor einem Jahr. Hat sie in den letzten 5 Tagen schonmal einen Arzt gesehen? Nein. Beide schütteln die Köpfe. Da die Patientin sowohl Malaria als auch, na, was wohl? haben könnte, nehme ich nach der Untersuchung noch einen Abstrich und wir füllen den ganzen Papierkram aus. Ja, das hätte der Mann letzte Woche auch gemacht, wird mir danach erzählt. Ach. Aber sie meinten doch, es habe noch kein Arzt….? Na, der sei ja auch nicht für die Krankheiten zuständig gewesen, sondern für die Verwaltung! (Insgeheim bin ich wirklich froh, wieder im normalen ärztlichen Dienst unterwegs zu sein, wo wir von den Patienten angefordert werden, damit etwas besser werden kann, und nicht nur, um Abstriche zu machen und dann wieder zu gehen). Jetzt muss eigentlich noch die Malaria ausgeschlossen werden. Und wie das immer so ist mit den Sammelunterkünften – keiner hat ein Auto, keiner Geld, ein Taxi bis nach Stuttgart Zentrum (nicht jedes Krankenhaus macht Malariatests) zu bezahlen und auch keinen, der einen mal kurz hinfahren könnte. Also braucht es einen Transport. Die Patientin freut sich über die ausführliche Diagnostik. Doch, das sei gut, jetzt, nach fünf Tagen mit hohem Fieber.

Die nächste Patientin ist mit hohem Blutdruck angekündigt. Sonst nichts? Mein Fahrer, ein sportlicher junger Mann, sagt, er könne es langsam nicht mehr hören, die Sache mit Corona ginge ihm allmählich total auf den Sack, er werde jetzt frei nehmen, bis die Geschichte vorüber sei. Ich hingegen beschließe zum wievielten Mal, egal, was uns wie angekündigt wird, bei jedem, zu dem wir gebeten werden, erstmal Fieber zu messen und draußen zu bleiben mitsamt Fahrer (solange dieser nicht das Handtuch geworfen hat) und Equipment…


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Roadmovie 3 – Unterwegs mit dem Coronamobil

Die dritte Maiwoche ist eine Woche der Massenabstriche. Mit inzwischen ausreichend verfügbaren Abstrich- und Analysemöglichkeiten ist ein genauerer Blick möglich auf die Dynamik der Ansteckung und die Wirksamkeit der Sicherheitsmaßnahmen, besonders in den so vulnerablen Kontexten wie den Seniorenheimen oder anderswo, wo viele Menschen nah zusammen wohnen.

Unser erstes Ziel am Dienstag ist ein anthroposophisches Heim. Der Zweimetermann hat frei, so ist mein Begleiter ein freundlicher und motivierter Student, der ehrenamtlich für das Rote Kreuz unterwegs ist. Wir schleppen unser Material – Kittel, Abstrichmaterial, Papier und dies und das für die Verwaltung der Dinge – zum Empfang und werden dort zuvorkommend mit einem Teewagen zum Transportieren und weiterem Equipment empfangen. Mein Begleiter richtet sich im Dienstzimmer ein, wo 36 Packen Papier (jeweils Meldebogen, Notfallschein, Laborschein, Datenzettel für das Abstrichröhrchen und bei Privatpatienten ein weiteres Blatt) beklebt und beschriftet werden müssen, während ich mich rundum schutzverpackt mit einer Schwester auf den Weg zu den vielen Damen und wenigen Herren Bewohnern mache. Frühlingsblühen auf dem Gang, schöne Bilder an den Wänden, Rudolf Steiner grüsst hier und da aus einem Bilderrahmen, das Mittagessen mit Spargel und Tiramisu wird schon serviert. Die BewohnerInnen sind sich einig, der Abstrich ist eine Plage und man ist froh, wenn ich wieder gehe. Die Schwester dankt jedem, der sich mehr oder weniger tapfer dem notwendigen Übel gestellt hat. Zum Glück sind alle in gutem Zustand, niemand hat ausgeprägte Symptome.

Von den ätherischen Gefilden im anthroposophischen Seniorenheim geht es nach Stunden weiter in ein Pflegeheim für ehemalige Wohnsitzlose. Hier sind auch knapp dreissig Bewohner abzustreichen und ich werde von einer an Leib und Seele gut gepolsterten Schwester begleitet, die mir gleich im ersten von Rauchschwaden durchwaberten Zimmer erklärt, das sei hier eigentlich überall so, die meisten Bewohner seien Raucher. Die vornehmlich aufzusuchenden Herren sind mehrheitlich tapfer, aber genauso wenig begeistert wie die Damen im Heim davor, die Wortwahl ist dabei jedoch eine andere. Ein etwas angetrunkener Herr kündigt mir an, mir bei einem weiteren Abstrichversuch „den Stiefel an den Arsch zu schlagen“, aber da wir grundsätzlich die Bewohner welchen Heims auch immer nicht zum Abstrich zwingen, lässt sich alles zur Zufriedenheit lösen. Auch hier ist keiner mit auffälliger Symptomatik, obwohl die Herren ja nicht gerade zimperlich mit der Steigerung der Risikofaktoren umgehen, was z.B. die Abwesenheit von Frischluft im Zimmer angeht… Die Schwester glättet vorhandene Wogen mit viel lautem Gelächter und schließlich ist auch hier nach Stunden die Tagesaufgabe geschafft. Auch mein tapfer sich die Finger wundschreibender Begleiter ist froh – keinen einzigen  Privatpatient gab es in diesem Haus, was die Papierflut ein bißchen niedriger gehalten hat.  Die Heimleitung winkt zum Abschied. Jetzt sind nur noch die Abstrichröhrchen und die Papierberge in Labore und Kliniken zu verteilen, und das passt auch zeitlich fast punktgenau zum offiziellen Arbeitsende.

(Bild „Menschenzeit“ – Wachscollage und Malerei, swb)


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Vielstimmig?

Ich rufe bei R. an, länger hat er nicht von sich hören lassen. Ich warte. Der Anrufbeantworter grüsst mich mit seinem Jingle. Ich versuche es auf dem Handy. Die Mailbox klickt an. Ich versuche es nochmal auf Festnetz, ich weiss, manchmal ist er sehr beschäftigt, warte….ja, nach einer ganzen Weile meldet er sich. Ist fröhlich, aufgekratzt – und in der Tat sehr beschäftigt. Er „richtet etwas ein“, meint er.

Ich bin neugierig und frage nach, was da am Entstehen ist.  Begeistert berichtet er mir von einer neuen Sprachfunktion. Ach, sage ich, du hast doch schon Alexa und Siri zu deinen Diensten? Und Google, fügt er hinzu. Aber jetzt wird noch Magenta eingerichtet. Vier Sprachfunktionen, denen man Befehle erteilen kann? Alles Damenstimmen? Aber klar, bestätigt er. Aber was ist denn an der neuen Variante, was die „Alten“ nicht können? Er ruft einen Befehl in den Raum: Alexa, spiel Abba! Eigentlich wollte ich mich ja mit R. unterhalten. Alexa, zwei Stufen lauter! höre ich ihn rufen. Und dann wird’s laut.

Muss das sein?  frage ich noch ein bisschen lauter, um die Musik zu übertönen. Alexa, Musik aus! ruft er, und es ist wieder ruhig. Ich frage erneut, was denn die neue Funktion mehr kann als die drei bereits vorhandenen. Alexa, wie klingt eine Lerche? ruft er. Sofort ertönet lautes Gezwitscher. Hallo, rufe ich, hier ist ein lebendiger Mensch, der mit dir sprechen will!

Ist das nicht toll, fragt er begeistert, sogar Stereo! Sowohl Windows als auch Magenta haben gleichzeitig Gezwitscher produziert. Danke! ruft er Alexa zu. Warum bedankst du dich bei einer Maschine? frage ich. Man solle doch die Regeln der Höflichkeit beibehalten, erklärt er mir…


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Plantage der kleinen Hoffnungen

Kleine Sommermalerei : Plantation of little hopes – Farbtusche, Kreide und Buntstift auf Papier


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Kenianisches Allerlei

Am Montagmorgen, wir stehen abmarschbereit vor der Haustür, biegt freudestrahlend der Installateur um die Ecke, unterm Arm eine neue Kloschüssel. Schon seit Monaten läuft in der Toilette im 1. Stock Wasser nach und treibt den Verbrauch in die Höhe. Wir versuchen zu ergründen, warum bei einem Spülkastenproblem die Schüssel ausgewechselt werden muss, aber der Mann lässt sich nicht beirren. Der Hausbesitzer habe dies vorgeschlagen. Na denn.

Bei der Arbeit wie stets ein buntes Vielerlei:

Ein Patient kommt mit Rückenschmerzen. Seit 20 Jahren trägt er täglich hundert Zementsäcke und erhält dafür am Tagesende 600 Schilling, also ca. 6 Euro. Vorsichtig versuchen wir ihm zu erklären, dass bei so hoher Belastung Rückenschmerzen keine Seltenheit sind. Ja, er könne ein bisschen ruhen, sagt er. Er fahre nachhause aufs Land. Dort bewirtschaftet seine Familie ein Stückchen Land mit Mais und Zuckerrohr. Das klingt nach mehr Ruhe und besserer Luft als in Nairobi, allerdings auch nach viel andererlei Arbeit.

Eine Patientin kommt aus einem unserer Referenzkrankenhäuser, nachdem ihr bei einem Unfall mit einem scharfen Blech die Achillessehne durchtrennt worden ist. Genäht wurde sie allerdings nicht, nur die Haut, und der Eiter tropft heraus. Warum man die Sehne nicht genäht hätte? Und warum man eine Woche lang nicht die Wunde verbunden, sondern den feuchten, schmuddeligen Verband belassen hat? Viele Fragen. Man hätte sie zum Röntgen geschickt, um zu sehen, ob die Sehne Schaden genommen hätte…(für die Nichtmediziner: ein Röntgenbild braucht man nicht, um die Sehne beurteilen zu können).

Nachdem die dritte Patientin sich mit einer seit Monaten nicht verbundenen, völlig ignorierten, schmutzigen, verkrusteten Wunde vorstellt, frage ich meine Übersetzerin, ob es da irgendeine afrikanische oder kenianische Tradition gibt, die es verbietet, Wunden zu verbinden. Sie meinen, erklärt Jane, dass eine verbundene Wunde schlechter heile. Ich brauche eine Weile, bis ich den wirklichen Sinn hinter dieser Aussage erkenne. Tatsächlich heilt eine Wunde schlechter, wenn man zwei Wochen lang den gleichen Verband darauf lässt.

Ein kleines, schmales Mädchen in gelbkarierter Schuluniform mit feschem weissem Kragen braucht einen Gips, es hat sich den Unterarm gebrochen. Wird die wackelige OP-Liege es aushalten, dass es am einen Ende sitzt und nicht in der Mitte, wo jetzt das Gipswasser platziert wird? Die Nurse ist guter Dinge und meint, das hält. Gerade wickeln wir die Baumwolllage um das dünne Ärmchen, als sich die Liege neigt: die Wasserschüssel ergiesst sich auf uns und die Patientin, das verdutzte Kind rutscht auf den Boden und alle sind nass. Zum Glück ist niemand anderweitig zu Schaden gekommen.

Ein Stäpelchen frisch gewaschene Unterhosen, die ein Kurzzeitarzt hier hat liegenlassen, finden sich jetzt fein gestapelt im Büro der Headnurse. Bereits ein Patient, der verschämt meinte, er könne die Jeans zur Untersuchung nicht ausziehen, seine Unterhose sei zu sehr zerrissen, hat sich über eine neue gefreut, ein weiterer trug ein Exemplar, das vom vielen Waschen so ausgeleiert war, dass er zweimal hinein gepasst hätte und bejahte das Angebot freudestrahlend.

Eine ältere Dame mit verstauchtem Knöchel verrät, dass sie in früheren Zeiten, wenn ihr Ehemann anfing zu schreien, immer zurück schrie. Seit sie die Taktik geändert habe und dann einfach sehr leise spreche, würde sie nicht mehr geschlagen. Das sei zum Glück lange her.

Ein grosser, hässlicher Brustabszess, den ich vor zwei Wochen eröffnet habe, ist wunderbar abgeheilt, nur noch eine kleine, einzentimetergrosse Wunde ist übrig. Die Patientin hat am Wochenende weder Gelegenheit noch Geld gehabt, sie verbinden zu lassen, am Montagmorgen klebt bei Vorstellung zum Verbandswechsel ein abgeschnittenes Läppchen von einem Fussverband darauf. Zum Glück hält das die Wunde nicht vom Heilen ab.

Am Abend sind wir gespannt, was wir im Bad vorfinden. Tatsächlich ist die neue Toilette installiert, aber es läuft nach wie vor Wasser nach und beim Spülen ergiesst sich ein Drittel des Kasteninhalts auf den Fussboden. An Tag Zwei ist die Toilette wieder verschwunden und ein Schild mit out of order hängt an der Tür. Am dritten Tag ist eine dritte Toilettenvariante montiert, die allerdings nicht funktioniert, es fehlt noch ein Ersatzteil, diesmal klebt das Schild auf dem Toilettendeckel. Am vierten Tag ist das Ersatzteil da, aber nach wie vor läuft Wasser nach und jetzt tropft es aus dem Anschluss zwischen Wand und Spülkasten. Ich erinnere mich gern an den Besuch der Aushilfsinstallateurin, die an Weihnachen innerhalb von 20 Minuten drei weitere Baustellen problemlos behoben hat. Ach, wenn doch die Ladies generell mehr Gelegenheit hätten, ihre Gaben glänzen zu lassen…

Danke an Sascha für das Foto!

Infos unter: http://www.german-doctors.de

 

 


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Nacht

Sonntagnacht, 3 Uhr. Plötzlich Schreie vor unserem Hoftor. Hilfe, Hilfe, ich brauche Hilfe, schreit eine Frau, offensichtlich in grosser Not. Es dauert ein bisschen, bis ich ganz wach bin. Im Halbschlaf denke ich als erstes an Gewalt. Gewalt gegen Frauen ist ein beständiges Thema. Die Schreie reissen nicht ab. Jetzt wird Sturm geklingelt an unserem Hoftor. Was soll ich tun? Die anderen wecken? Sollen wir um diese Zeit im Dunkeln das Tor öffnen? Hinausgehen? Ich bin hin und hergerissen. Von meinen eigenen Mitbewohnern ist nichts zu hören. Die Männer scheinen fest zu schlafen.

Wieder wird Sturm an unserem Hoftor geklingelt. Das Auto mit der Aufschrift German Doctors parkt schliesslich vor der Tür. Und wenn jemand medizinische Hilfe braucht? Wir haben ja kaum etwas hier… Draussen fährt ein Auto vor, eine Männerstimme sagt, es werde ein Arzt gebraucht, die Schreie der Frau werden leiser. Das Auto fährt. Ist sie eingestiegen? Liegt am Ende jemand vor dem Tor und braucht Hilfe?

Jetzt bin ich ganz wach. Stehe auf, gehe die Treppe hinunter. Im Dunkeln an der Haustür steht die andere Kollegin und weiss nicht, was tun. Von den Männern ist nichts zu sehen und nichts zu hören. Wir beschliessen, nachzusehen. Es ist ruhig draussen. Durch die kleine Klappe am Metalltor ist nichts und niemand zu sehen. Wir schliessen auf, ich schaue, ob jemand vor unserer Tür oder in der Nähe  liegt, aber es ist niemand zu sehen.

Der Vorfall ist lange Gesprächsthema. Hätten wir früher etwas tun sollen? Und was? Hätten wir damit den Unfall vermeiden können? Immer wieder frage ich die Guards am Tor, ob sie etwas davon wissen. Nach drei Tagen endlich hören wir, was wirklich vorgefallen ist. Die Nachbarin von zwei Häusern weiter hatte Atemnot. Ihre Verwandte lief nach draussen und schrie um Hilfe. Nachdem keiner reagierte, luden sie die Kranke ins Auto und fuhren in Richtung Stadt zum nächsten Krankenhaus. Auf dem Weg hatten sie einen schrecklichen Unfall, der Vater der Kranken starb, die Mutter wurde auf der Intensivstation behandelt.

Jetzt hören wir am Abend immer Gesang, Freunde und Verwandte kommen, die Seele des Vaters zu verabschieden und der Familie beizustehen, Mutter und Tochter geht es zumindest gesundheitlich besser. Ich gehe zu den Nachbarn und richte mein Beileid aus. Und sage, wir wären ratlos gewesen und deshalb so langsam im Reagieren. Auch hätten wir eigentlich kein medizinisches Equipment hier zuhause. Gleichmütig und freundlich wird die Anteilnahme entgegen genommen. Es gibt keine Vorwürfe, es gibt keine Fragen, zumindest von Seiten der Betroffenen. Für uns bleiben einige Fragen offen…

http://www.german-doctors.de

(Danke an die Kollegen für das Foto!)


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Baumwollunterwäsche

Josaphat sieht deprimiert aus. Er lässt sich schwer auf den wackeligen Stuhl im Sprechzimmer sinken. Kein Lächeln zur Begrüssung. Eigentlich gar keine Begrüssung.

Welche Beschwerden er habe? Meine Übersetzerin, die erstmal die Basisanamnese erhebt, schreibt und schreibt. Dann erhalte ich das Krankenblatt zur Weiterbearbeitung.

Rückenweh, Kopfschmerzen, es zieht und sticht beim Atmen, Halsweh, Rippenschmerz, die Beine sind schwer, heisse und kalte Missempfindungen, Herzklopfen, der Hoden drückt, der After juckt.

Eigentlich ist Josaphat jung und sieht sportlich aus , denke ich, und mache mich an den Untersuchungsmarathon. Der Patient soll sich ja enstgenommen fühlen,  und manchmal wirkt ja schon das Ernstgenommensein und es bessert sich zumindest ein wenig die Perspektive. Das braucht Zeit und die Dokumentation Platz auf der Patientenakte. Und eigentlich scheint alles in Ordnung.

Ob ich etwas übersehen habe mit meinem ja von Herzen vor allem chirurgischen Blick? Wir bitten den internistischen Kollegen, ein ergänzendes fachspezifisches Auge auf den Patient zu werfen. Und ein männliches auf den linken Hoden. Ist der vielleicht doch ein bisschen dicker als der rechte (obwohl er nicht wirklich krank aussieht…). Josaphat soll danach nochmal wiederkommen.

Fünf Patienten später ist er wieder da. Der Kollege hat nichts Neues entdeckt. „Soll Baumwollunterwäsche tragen“, steht da als Therapievorschlag.

Jetzt ist meine Übersetzerin dran, eine Runde Counseling einzuleiten. Ja, meint Josaphat, es gebe Probleme mit den Finanzen, und deshalb mit der Gattin und den Kindern. Doch, das bedrücke ihn sehr. Wir schicken ihn zu Bridgit, einer unserer Counseler.

Ob das einem afrikanischen Mann helfe, wenn ihn eine Frau berät? Gerade hier, bei den steileren Rollenunterschieden? Unbedingt, wird mir versichert, der letzte sei ganz begeistert und getröstet wiedergekommen.

Die Daily Nation gibt über die Festtage Tips, wie man die Zeit verbringen könnte, wenn man nicht zur Familie upcountry aufbricht. Wärmstens wird empfohlen, die älteren Damen und Herren in der Nachbarschaft zu besuchen, vor allem jene, die sich allein fühlten. Geraten wird dazu, unbedingt unparfümierte Vaseline als Gabe mitzubringen, da die alternde Haut davon profitiere, aber man solle auf jeden Fall auch seine kleineren Kinder mitnehmen, weil deren Lebendigkeit die vielleicht traurigen oder unbeweglichen Älteren aufmuntere!

(Danke an Sascha für das Foto!)

http://www.german-doctors.de