sabinewaldmannbrun

Farbe. Linie. Sehen.


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Kenianisches Allerlei

Am Montagmorgen, wir stehen abmarschbereit vor der Haustür, biegt freudestrahlend der Installateur um die Ecke, unterm Arm eine neue Kloschüssel. Schon seit Monaten läuft in der Toilette im 1. Stock Wasser nach und treibt den Verbrauch in die Höhe. Wir versuchen zu ergründen, warum bei einem Spülkastenproblem die Schüssel ausgewechselt werden muss, aber der Mann lässt sich nicht beirren. Der Hausbesitzer habe dies vorgeschlagen. Na denn.

Bei der Arbeit wie stets ein buntes Vielerlei:

Ein Patient kommt mit Rückenschmerzen. Seit 20 Jahren trägt er täglich hundert Zementsäcke und erhält dafür am Tagesende 600 Schilling, also ca. 6 Euro. Vorsichtig versuchen wir ihm zu erklären, dass bei so hoher Belastung Rückenschmerzen keine Seltenheit sind. Ja, er könne ein bisschen ruhen, sagt er. Er fahre nachhause aufs Land. Dort bewirtschaftet seine Familie ein Stückchen Land mit Mais und Zuckerrohr. Das klingt nach mehr Ruhe und besserer Luft als in Nairobi, allerdings auch nach viel andererlei Arbeit.

Eine Patientin kommt aus einem unserer Referenzkrankenhäuser, nachdem ihr bei einem Unfall mit einem scharfen Blech die Achillessehne durchtrennt worden ist. Genäht wurde sie allerdings nicht, nur die Haut, und der Eiter tropft heraus. Warum man die Sehne nicht genäht hätte? Und warum man eine Woche lang nicht die Wunde verbunden, sondern den feuchten, schmuddeligen Verband belassen hat? Viele Fragen. Man hätte sie zum Röntgen geschickt, um zu sehen, ob die Sehne Schaden genommen hätte…(für die Nichtmediziner: ein Röntgenbild braucht man nicht, um die Sehne beurteilen zu können).

Nachdem die dritte Patientin sich mit einer seit Monaten nicht verbundenen, völlig ignorierten, schmutzigen, verkrusteten Wunde vorstellt, frage ich meine Übersetzerin, ob es da irgendeine afrikanische oder kenianische Tradition gibt, die es verbietet, Wunden zu verbinden. Sie meinen, erklärt Jane, dass eine verbundene Wunde schlechter heile. Ich brauche eine Weile, bis ich den wirklichen Sinn hinter dieser Aussage erkenne. Tatsächlich heilt eine Wunde schlechter, wenn man zwei Wochen lang den gleichen Verband darauf lässt.

Ein kleines, schmales Mädchen in gelbkarierter Schuluniform mit feschem weissem Kragen braucht einen Gips, es hat sich den Unterarm gebrochen. Wird die wackelige OP-Liege es aushalten, dass es am einen Ende sitzt und nicht in der Mitte, wo jetzt das Gipswasser platziert wird? Die Nurse ist guter Dinge und meint, das hält. Gerade wickeln wir die Baumwolllage um das dünne Ärmchen, als sich die Liege neigt: die Wasserschüssel ergiesst sich auf uns und die Patientin, das verdutzte Kind rutscht auf den Boden und alle sind nass. Zum Glück ist niemand anderweitig zu Schaden gekommen.

Ein Stäpelchen frisch gewaschene Unterhosen, die ein Kurzzeitarzt hier hat liegenlassen, finden sich jetzt fein gestapelt im Büro der Headnurse. Bereits ein Patient, der verschämt meinte, er könne die Jeans zur Untersuchung nicht ausziehen, seine Unterhose sei zu sehr zerrissen, hat sich über eine neue gefreut, ein weiterer trug ein Exemplar, das vom vielen Waschen so ausgeleiert war, dass er zweimal hinein gepasst hätte und bejahte das Angebot freudestrahlend.

Eine ältere Dame mit verstauchtem Knöchel verrät, dass sie in früheren Zeiten, wenn ihr Ehemann anfing zu schreien, immer zurück schrie. Seit sie die Taktik geändert habe und dann einfach sehr leise spreche, würde sie nicht mehr geschlagen. Das sei zum Glück lange her.

Ein grosser, hässlicher Brustabszess, den ich vor zwei Wochen eröffnet habe, ist wunderbar abgeheilt, nur noch eine kleine, einzentimetergrosse Wunde ist übrig. Die Patientin hat am Wochenende weder Gelegenheit noch Geld gehabt, sie verbinden zu lassen, am Montagmorgen klebt bei Vorstellung zum Verbandswechsel ein abgeschnittenes Läppchen von einem Fussverband darauf. Zum Glück hält das die Wunde nicht vom Heilen ab.

Am Abend sind wir gespannt, was wir im Bad vorfinden. Tatsächlich ist die neue Toilette installiert, aber es läuft nach wie vor Wasser nach und beim Spülen ergiesst sich ein Drittel des Kasteninhalts auf den Fussboden. An Tag Zwei ist die Toilette wieder verschwunden und ein Schild mit out of order hängt an der Tür. Am dritten Tag ist eine dritte Toilettenvariante montiert, die allerdings nicht funktioniert, es fehlt noch ein Ersatzteil, diesmal klebt das Schild auf dem Toilettendeckel. Am vierten Tag ist das Ersatzteil da, aber nach wie vor läuft Wasser nach und jetzt tropft es aus dem Anschluss zwischen Wand und Spülkasten. Ich erinnere mich gern an den Besuch der Aushilfsinstallateurin, die an Weihnachen innerhalb von 20 Minuten drei weitere Baustellen problemlos behoben hat. Ach, wenn doch die Ladies generell mehr Gelegenheit hätten, ihre Gaben glänzen zu lassen…

Danke an Sascha für das Foto!

Infos unter: http://www.german-doctors.de

 

 

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Nacht

Sonntagnacht, 3 Uhr. Plötzlich Schreie vor unserem Hoftor. Hilfe, Hilfe, ich brauche Hilfe, schreit eine Frau, offensichtlich in grosser Not. Es dauert ein bisschen, bis ich ganz wach bin. Im Halbschlaf denke ich als erstes an Gewalt. Gewalt gegen Frauen ist ein beständiges Thema. Die Schreie reissen nicht ab. Jetzt wird Sturm geklingelt an unserem Hoftor. Was soll ich tun? Die anderen wecken? Sollen wir um diese Zeit im Dunkeln das Tor öffnen? Hinausgehen? Ich bin hin und hergerissen. Von meinen eigenen Mitbewohnern ist nichts zu hören. Die Männer scheinen fest zu schlafen.

Wieder wird Sturm an unserem Hoftor geklingelt. Das Auto mit der Aufschrift German Doctors parkt schliesslich vor der Tür. Und wenn jemand medizinische Hilfe braucht? Wir haben ja kaum etwas hier… Draussen fährt ein Auto vor, eine Männerstimme sagt, es werde ein Arzt gebraucht, die Schreie der Frau werden leiser. Das Auto fährt. Ist sie eingestiegen? Liegt am Ende jemand vor dem Tor und braucht Hilfe?

Jetzt bin ich ganz wach. Stehe auf, gehe die Treppe hinunter. Im Dunkeln an der Haustür steht die andere Kollegin und weiss nicht, was tun. Von den Männern ist nichts zu sehen und nichts zu hören. Wir beschliessen, nachzusehen. Es ist ruhig draussen. Durch die kleine Klappe am Metalltor ist nichts und niemand zu sehen. Wir schliessen auf, ich schaue, ob jemand vor unserer Tür oder in der Nähe  liegt, aber es ist niemand zu sehen.

Der Vorfall ist lange Gesprächsthema. Hätten wir früher etwas tun sollen? Und was? Hätten wir damit den Unfall vermeiden können? Immer wieder frage ich die Guards am Tor, ob sie etwas davon wissen. Nach drei Tagen endlich hören wir, was wirklich vorgefallen ist. Die Nachbarin von zwei Häusern weiter hatte Atemnot. Ihre Verwandte lief nach draussen und schrie um Hilfe. Nachdem keiner reagierte, luden sie die Kranke ins Auto und fuhren in Richtung Stadt zum nächsten Krankenhaus. Auf dem Weg hatten sie einen schrecklichen Unfall, der Vater der Kranken starb, die Mutter wurde auf der Intensivstation behandelt.

Jetzt hören wir am Abend immer Gesang, Freunde und Verwandte kommen, die Seele des Vaters zu verabschieden und der Familie beizustehen, Mutter und Tochter geht es zumindest gesundheitlich besser. Ich gehe zu den Nachbarn und richte mein Beileid aus. Und sage, wir wären ratlos gewesen und deshalb so langsam im Reagieren. Auch hätten wir eigentlich kein medizinisches Equipment hier zuhause. Gleichmütig und freundlich wird die Anteilnahme entgegen genommen. Es gibt keine Vorwürfe, es gibt keine Fragen, zumindest von Seiten der Betroffenen. Für uns bleiben einige Fragen offen…

http://www.german-doctors.de

(Danke an die Kollegen für das Foto!)


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Baumwollunterwäsche

Josaphat sieht deprimiert aus. Er lässt sich schwer auf den wackeligen Stuhl im Sprechzimmer sinken. Kein Lächeln zur Begrüssung. Eigentlich gar keine Begrüssung.

Welche Beschwerden er habe? Meine Übersetzerin, die erstmal die Basisanamnese erhebt, schreibt und schreibt. Dann erhalte ich das Krankenblatt zur Weiterbearbeitung.

Rückenweh, Kopfschmerzen, es zieht und sticht beim Atmen, Halsweh, Rippenschmerz, die Beine sind schwer, heisse und kalte Missempfindungen, Herzklopfen, der Hoden drückt, der After juckt.

Eigentlich ist Josaphat jung und sieht sportlich aus , denke ich, und mache mich an den Untersuchungsmarathon. Der Patient soll sich ja enstgenommen fühlen,  und manchmal wirkt ja schon das Ernstgenommensein und es bessert sich zumindest ein wenig die Perspektive. Das braucht Zeit und die Dokumentation Platz auf der Patientenakte. Und eigentlich scheint alles in Ordnung.

Ob ich etwas übersehen habe mit meinem ja von Herzen vor allem chirurgischen Blick? Wir bitten den internistischen Kollegen, ein ergänzendes fachspezifisches Auge auf den Patient zu werfen. Und ein männliches auf den linken Hoden. Ist der vielleicht doch ein bisschen dicker als der rechte (obwohl er nicht wirklich krank aussieht…). Josaphat soll danach nochmal wiederkommen.

Fünf Patienten später ist er wieder da. Der Kollege hat nichts Neues entdeckt. „Soll Baumwollunterwäsche tragen“, steht da als Therapievorschlag.

Jetzt ist meine Übersetzerin dran, eine Runde Counseling einzuleiten. Ja, meint Josaphat, es gebe Probleme mit den Finanzen, und deshalb mit der Gattin und den Kindern. Doch, das bedrücke ihn sehr. Wir schicken ihn zu Bridgit, einer unserer Counseler.

Ob das einem afrikanischen Mann helfe, wenn ihn eine Frau berät? Gerade hier, bei den steileren Rollenunterschieden? Unbedingt, wird mir versichert, der letzte sei ganz begeistert und getröstet wiedergekommen.

Die Daily Nation gibt über die Festtage Tips, wie man die Zeit verbringen könnte, wenn man nicht zur Familie upcountry aufbricht. Wärmstens wird empfohlen, die älteren Damen und Herren in der Nachbarschaft zu besuchen, vor allem jene, die sich allein fühlten. Geraten wird dazu, unbedingt unparfümierte Vaseline als Gabe mitzubringen, da die alternde Haut davon profitiere, aber man solle auf jeden Fall auch seine kleineren Kinder mitnehmen, weil deren Lebendigkeit die vielleicht traurigen oder unbeweglichen Älteren aufmuntere!

(Danke an Sascha für das Foto!)

http://www.german-doctors.de


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Sprache – Language

During my nightshift a Chinese tourist arrives with his tour-guide after an accident at the hotel. The tourist fell and injured his now bleeding leg. Already at the administration there was a problem in communication – on his voucher I can only find a first name and „China“ but both men are very friendly and always smiling, though we can not communicate – they don’t understand anything. The translation-program on their cellphones does not work in my consultation room, so we have to step out into the night to get my order „please call a friend who can translate“ into Chinese letters. Soon both are smiling even more enthusiastic: when having lunch at a Chinese restaurant today, they made friends and exchanged phone-numbers with the owner. And only a few minutes later I am talking in german with a very friendly lady, who builds all the bridges to understanding and an adequate treatment! Connections help – even if the language is unknown!

Im ärztlichen Nachtdienst stellt sich ein Chinesischer Tourist in Begleitung seines Reiseleiters vor, nachdem er im Hotelbad ausgerutscht ist und sich verletzt hat, eine tiefe Wunde am Knie blutet. Schon an der Anmeldung verstand man die beiden nicht wirklich, auf dem Adressfeld stehen nur ein Vorname und „China“. Beide sind wirklich freundlich und lächeln ohne Unterlass, aber verstehen wirklich gar nichts. Das Handy-Übersetzungsprogramm findet kein Netz im Sprechzimmer, so müssen wir hinaus in die Nacht, damit meine dringende Bitte (ruf einen Freund an, der übersetzen kann) in Chinesische Buchstaben übertragen werden kann. Und schon geht ein Leuchten über die Gesichter: in einem schwäbischen Chinarestaurant, in dem die Gruppe sich am Mittag stärkte, kam man ins Gespräch und tauschte mit der Eigentümerin die Telefonnummern aus. Und sofort habe ich eine astrein deutsch sprechende Chinesin am Apparat und wir verstehen uns ohne Probleme (auch wenn es ein bisschen länger dauert, bis alles gefragt, beantwortet und übersetzt ist). Wenn man die Sprache nicht kann, helfen zumindest gute Beziehungen!