sabinewaldmannbrun

Farbe. Linie. Sehen.


3 Kommentare

Nacht

Sonntagnacht, 3 Uhr. Plötzlich Schreie vor unserem Hoftor. Hilfe, Hilfe, ich brauche Hilfe, schreit eine Frau, offensichtlich in grosser Not. Es dauert ein bisschen, bis ich ganz wach bin. Im Halbschlaf denke ich als erstes an Gewalt. Gewalt gegen Frauen ist ein beständiges Thema. Die Schreie reissen nicht ab. Jetzt wird Sturm geklingelt an unserem Hoftor. Was soll ich tun? Die anderen wecken? Sollen wir um diese Zeit im Dunkeln das Tor öffnen? Hinausgehen? Ich bin hin und hergerissen. Von meinen eigenen Mitbewohnern ist nichts zu hören. Die Männer scheinen fest zu schlafen.

Wieder wird Sturm an unserem Hoftor geklingelt. Das Auto mit der Aufschrift German Doctors parkt schliesslich vor der Tür. Und wenn jemand medizinische Hilfe braucht? Wir haben ja kaum etwas hier… Draussen fährt ein Auto vor, eine Männerstimme sagt, es werde ein Arzt gebraucht, die Schreie der Frau werden leiser. Das Auto fährt. Ist sie eingestiegen? Liegt am Ende jemand vor dem Tor und braucht Hilfe?

Jetzt bin ich ganz wach. Stehe auf, gehe die Treppe hinunter. Im Dunkeln an der Haustür steht die andere Kollegin und weiss nicht, was tun. Von den Männern ist nichts zu sehen und nichts zu hören. Wir beschliessen, nachzusehen. Es ist ruhig draussen. Durch die kleine Klappe am Metalltor ist nichts und niemand zu sehen. Wir schliessen auf, ich schaue, ob jemand vor unserer Tür oder in der Nähe  liegt, aber es ist niemand zu sehen.

Der Vorfall ist lange Gesprächsthema. Hätten wir früher etwas tun sollen? Und was? Hätten wir damit den Unfall vermeiden können? Immer wieder frage ich die Guards am Tor, ob sie etwas davon wissen. Nach drei Tagen endlich hören wir, was wirklich vorgefallen ist. Die Nachbarin von zwei Häusern weiter hatte Atemnot. Ihre Verwandte lief nach draussen und schrie um Hilfe. Nachdem keiner reagierte, luden sie die Kranke ins Auto und fuhren in Richtung Stadt zum nächsten Krankenhaus. Auf dem Weg hatten sie einen schrecklichen Unfall, der Vater der Kranken starb, die Mutter wurde auf der Intensivstation behandelt.

Jetzt hören wir am Abend immer Gesang, Freunde und Verwandte kommen, die Seele des Vaters zu verabschieden und der Familie beizustehen, Mutter und Tochter geht es zumindest gesundheitlich besser. Ich gehe zu den Nachbarn und richte mein Beileid aus. Und sage, wir wären ratlos gewesen und deshalb so langsam im Reagieren. Auch hätten wir eigentlich kein medizinisches Equipment hier zuhause. Gleichmütig und freundlich wird die Anteilnahme entgegen genommen. Es gibt keine Vorwürfe, es gibt keine Fragen, zumindest von Seiten der Betroffenen. Für uns bleiben einige Fragen offen…

http://www.german-doctors.de

(Danke an die Kollegen für das Foto!)

Werbeanzeigen


5 Kommentare

Skizzenbuch – Sketchbook

Zwischendurch, um Wartezeit zu überbrücken: Buntstift auf Papier. Innere Räume, offen.

While waiting: color pencils on paper. Inner spaces, open.


6 Kommentare

Eva

Seit eineinhalb Jahren kommt sie zum Verbandswechsel. Gross, schmal, mit einem Blick, der wie um Entschuldigung bittet. Ein halbes Laecheln, ein wenig scheu, ein wenig schief. 42jaehrig, leidet Eva an Brustkrebs, der weder operiert noch bestrahlt wurde, nach aussen aufbrach und  ueber die Monate zu einer grossen, uebelriechenden und zerkluefteten Wunde wurde (in ganz Kenia gibt es lediglich EIN Krankenhaus, das Strahlentherapie anbietet mit Wartezeiten bis zu einem Jahr). Die gynaekologische 6-Wochenaerztin hatte einiges versucht, Diagnostik ermoeglicht, aber zum Schluss blieb nur die Option „Verbinden und Schmerzen lindern“.Ich erinnere mich noch gut, wie Eva schon vor einem Jahr dreimal in der Woche zum Verbinden kam.

Die Schwestern, feinfuehlig an dieser Stelle, sorgen dafuer, dass der umtriebige Verbandsraum, in dem staendig die Tuer auf und zu klappt,  ruhig ist und niemand stoert, wenn Eva an der Reihe ist. Dass es keine neugierige Blicke gibt. „Eva, ich erinnere mich an dich, Du hast die Brust operieren lassen?“ frage ich, als ich sie beim Verbandswechsel zum ersten Mal in diesem Jahr anschaue, denn ihre gesamte vordere Brustwand ist nun eine flache Wundebene, nicht mehr das zerklueftete, zerfallende Gewebe  wie noch vor einem Jahr. Endlich, denke ich, und bin froh fuer sie, denn es sieht nicht mehr so grauenvoll aus und auch der Geruch hat abgenommen. Nein, klaeren mich die Schwestern auf, das verbliebene Brustgewebe sei einfach zerfallen, der Tumor hat die Brueste voellig eingeschmolzen. Ich brauche einen Moment, bis ich das glaube.  Einen Verlauf wie diesen bekommt man zuhause kaum jemals zu Gesicht. Und es scheint sogar  fast besser so, weil in diesem Fall  Zerstoerung zu einer gewissen Erleichterung gefuehrt hat.

Dennoch, von Beschwerdefreiheit kann keine Rede sein. Beide Arme sind durch das Lymphoedem so stark geschwollen, dass Eva sie kaum anheben kann und rund um die Wunde sind hunderte Satellitenknoten entstanden. Ob sie genuegend Schmerzmittel habe, frage ich.  Sie bejaht, es gehe gut soweit, aber sie fuehle sich schwach.Ob sie genug zu essen habe? Sie senkt den Blick und schuettelt den Kopf. Wir bieten ihr an, sie ins „feeding program“ aufzunehmen, was sie gerne annimmt.

Waehrend die beiden Schwestern die Wunde versorgen, schaue ich mir schon einmal die „Krankenakten“ (jeweils ein mehr oder weniger knittriges Faltblatt) der naechsten Patienten an und nehme aus dem Augenwinkel wahr, wie ploetzlich alle nach unten schauen: auf der metallenen Trittleiter, die das Besteigen der Liege erleichtern soll, kriecht eine Made – sie ist aus dem offenen Verband gefallen.  „Manchmal denke ich, sie fressen mich noch auf,“ sagt Eva, „es gibt einfach zu viele Fliegen.“

Was kann man in einer solchen Schraeglage noch Troestendes sagen? Ich erzaehle ihr, dass wir in der Wundbehandlung in Deutschland mit Fliegenmaden arbeiten, um die Wunden zu reinigen. Dass es sogar eine Firma gibt, die die Maden zuechtet, verpackt und dann liefert.  „Du musst dich nicht vor den Maden fuerchten,  sie fressen nur das tote Gewebe,“ sage ich. Ob sie mir glaubt? „You are the doctor,“ antwortet sie. Deshalb glaube sie mir. Mancher versuchte Trost kommt auf sehr wackeligen Beinen daher.

Eine Woche spaeter erscheint Eva nicht zum Verbandswechsel. Ihre Schwiegertochter Jane, eine sehr zurueckhaltende junge Frau, sitzt auf der Wartebank  und will Verbandsmaterial abholen. Warum Eva nicht gekommen sei? Sie fuehle sich schwach und habe die ganze Nacht vor Schmerzen geweint, berichtet Jane (Eva und ihr Sohn mit Frau und Baby teilen sich eine 9-Quadratmeterhuette).

Jetzt muessen ein paar Dinge nachhaltig geklaert werden. Ich frage Jane, ob sie sich in der Lage fuehlt, Eva in ihrer letzten Lebenszeit zu unterstuetzen? Ja, sie sei bereit.

Die Sozialarbeiterin Rose und der Apotheker werden dazu geholt. Fuer wieviele Tage hat Eva Morphin erhalten? Es zeigt sich, dass sie es bei Bedarf nimmt (was nicht korrekt ist, da man einerseits mehr Schmerzmittel braucht und immer wieder Schmerzen hat), und nicht so, wie wir es verschrieben haben: regelmaessig alle 4 Stunden eine bestimmte Dosis, so dass ein Spiegel entsteht und die Schmerzen erst garnicht durchbrechen koennen. Hat sie Medikamente erhalten, die die Nebenwirkungen lindern koennen? Wir fuegen zweierlei hinzu, schreiben auf, was wofuer gut ist, und schauen, ob Jane auch lesen kann und verstanden hat, was da geschrieben steht. Im Verbandsraum erklaeren Jared und Lilly , stets mit Rueckfragen,  ob sie versteht, wie oft und wie das Verbinden funktioniert und packen eine groessere Portion Verbandsmaterial zusammen. Rose vereinbart einen Hausbesuchstermin, Telefonnummern werden ausgetauscht, und in ihrer unvergleichlichen Art, das Gute und den Trost hinter den Schatten hervor zu locken, ermutigt sie Jane, dass es zu schaffen sein wird.

Ein elender Wohnort im Mangel und eine toedliche Krankheit muessen nicht gleichbedeutend sein mit Verzweiflung und Untergang, wenn es gelingt, Eva mit dem, was machbar ist, zu unterstuetzen. Und eigentlich ist eine ganze Menge moeglich…

(Foto: Wandmalerei im Frauengefaengnis von Langata, Kenia)