sabinewaldmannbrun

Farbe. Linie. Sehen.


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Roadmovie 6 – Tod, Kamm und anderes…

Unterwegs in ärztlichen Notdienst. Heute fahre ich mit einem motivierten jungen Mädel, Praktikantin im Rettungsdienst. Gleich bei der ersten Patientin, die uns wegen unerträglicher Rückenschmerzen angerufen hat, gibt es eine Überraschung: noch sind wir nicht zur Haustür herein, ruft schon die Patientin energisch den Namen meiner Fahrerin. Aber, so zeigt sich, nicht diese ist gemeint, sondern die belgische Bulldogge, die sich gerade mit den scheinbar betörenden Düften unserer Arbeitshosen und Rettungsutensilien vertraut machen will. Nachdem der Hund sich grunzend in sein Körbchen vergezogen hat, ist die Behandlung der Rückenschmerzen gar kein Problem und schon bald kann es weiter gehen.

Der nächste Patient, ein knapp 40jähriger, ist bereits vor einer Woche positiv auf Covid 19 getestet worden, hat immer noch Fieber und jetzt auch Atemnot. Da er scheinbar kein großes Vertrauen in seine Deutschkenntnisse hat, tönt aus seinem Smartphone die energische Stimme eines Kollegen aus Norddeutschland, der mir sagt, was ich tun und lassen soll. Eigentlich habe ich den Patient bisher ganz gut verstanden, und jetzt möchte ich ihn erstmal untersuchen, während mir die Stimme aus dem Handy von einer angemessenen Paracetamol-Dosierung berichtet. Wir bitten den freundlichen Herrn um eine kleine Pause, damit die Lunge abgehört werden kann, mit meinen Schlußfolgerungen aus den Untersuchungen ist dann auch der Kollege aus der Ferne einverstanden. Der Patient gehört in die Klinik.

Dann bittet die Kripo um schnellstes Erscheinen. Eine Patientin hat sich auf dem Dachboden erhängt. Die Leichenschau soll zusammen mit mir stattfinden. Wir machen uns auf den Weg, leider ist der Weg lang, wir müssen zur entgegengesetzten Grenze des Notfallbezirks, ca. 30km sind zu fahren. Bei solchen Anforderungen mitten am Tag und mit 4 lebenden Patienten in der Warteschleife bin ich wenig froh. Eigentlich sollten wir ja zunächst nach den Lebenden sehen… Nach 20 Minuten Wegs wird uns über Funk mitgeteilt, die Leiche sei jetzt doch bereits ins Leichenschauhaus gebracht worden. Wir sollten bitte dort erscheinen. Gut, dass wir das Navi haben. Müsste man die Umwege alle noch mit der Karte auf dem Schoß austüfteln, würden wir vermutlich noch länger brauchen. Aber auch so dauert es länger als gedacht. Eine umfangreiche Baustelle erfordert eine großräumige Ortsumfahrung. Eine Stunde ist ins Land gegangen, bis wir endlich bei dem Bestatter ankommen. Die Kripo hat den Ort bereits verlassen. Auch der Bestatter hat bereits Feierabend, aber sein Vater, ein freundlicher alter Herr im Blaumann, ist noch zugegen. Die Verstorbene liegt im Kühlraum, und wie immer bei Suiziden bin ich bekümmert über die Endgültigkeit der Entscheidung dieses Menschen in seinem Nein zum Leben. Hinzu kommt, dass keinerlei Daten oder Papiere vorhanden sind, lediglich Name und Geburtsdatum stehen auf unserer Anforderung. Auch keine weiteren Informationen liegen vor, nahezu alles, was in die 6 Formulare des Leichenschauscheins eingetragen werden muß, fehlt. Wir versuchen einen telefonischen Kontakt zur Kripo, die Nummer ist jedoch gerade nicht besetzt. Dafür haben sich inzwischen 6 lebende Patienten in der Warteschleife gesammelt. Der ältere Herr sieht die Lage entspannt. Eigentlich, sagt er, ist es doch egal, ob wir jetzt oder am späten Abend die Blätter ausfüllen, er sei bei Bedarf vor Ort. Er habe seine Werkstatt hier. Ich beschließe, dem abendlich ablösenden Kollegen den Fall zu überlassen und mit der Versorgung der Lebenden fortzufahren.

Im Hinausgehen sehe ich einen 1m-großen Holzkamm an der Wand hängen. Oh ja, sagt der alte Herr, das sei seine Werkstatt, er stelle in Handarbeit Kämme her. Und er legt mir ein feines, in Kirschbaumholz gesägtes Exemplar, das leise nach Öl duftet, in die Hand. „Der ist für Sie!“ sagt er und strahlt.

Noch selten hat mich der Anblick von einem Kamm so gefreut. In einem solchen Dienst ein Geschenk wie dieses zu erhalten, ist ein besonderes Fest am Rande, eine der köstlichen kleinen Fluchten in den Zwischenzeiten der anstrengenden Arbeit zwischen Erwartungen, Not und Tod. Aber jetzt geht es erstmal weiter zur nächsten Patientin, die starke Schmerzen im bereits diagnostizierten Sprunggelenk hat und großen Kummer sowieso, weil gerade ihr Partner auf der Intensivstation verstorben ist. Beide sind bzw. waren an Covid19 erkrankt, und in Vollverkleidung schaue ich mir ihre Unruhe, ihre Trauer und den Fuß an und überlege mit ihr, wie sie heute abend ohne Schmerzen besser schlafen kann. Wir finden eine Lösung, und es kann weiter gehen. Auf dem Weg zum nächsten Patienten erreicht uns ein Anruf der Kripo. Man ist verärgert, dass ich die Leichenschauscheine noch nicht ausgefüllt habe. Wenn man wollte, könnte man jetzt ein paar Argumente zu meiner Verteidigung aufzählen. Ich werfe einen Blick auf den Kamm und den schönen Verlauf der Holzmaserung und die Freude schiebt den Zorn zur Seite.


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Nacht

Sonntagnacht, 3 Uhr. Plötzlich Schreie vor unserem Hoftor. Hilfe, Hilfe, ich brauche Hilfe, schreit eine Frau, offensichtlich in grosser Not. Es dauert ein bisschen, bis ich ganz wach bin. Im Halbschlaf denke ich als erstes an Gewalt. Gewalt gegen Frauen ist ein beständiges Thema. Die Schreie reissen nicht ab. Jetzt wird Sturm geklingelt an unserem Hoftor. Was soll ich tun? Die anderen wecken? Sollen wir um diese Zeit im Dunkeln das Tor öffnen? Hinausgehen? Ich bin hin und hergerissen. Von meinen eigenen Mitbewohnern ist nichts zu hören. Die Männer scheinen fest zu schlafen.

Wieder wird Sturm an unserem Hoftor geklingelt. Das Auto mit der Aufschrift German Doctors parkt schliesslich vor der Tür. Und wenn jemand medizinische Hilfe braucht? Wir haben ja kaum etwas hier… Draussen fährt ein Auto vor, eine Männerstimme sagt, es werde ein Arzt gebraucht, die Schreie der Frau werden leiser. Das Auto fährt. Ist sie eingestiegen? Liegt am Ende jemand vor dem Tor und braucht Hilfe?

Jetzt bin ich ganz wach. Stehe auf, gehe die Treppe hinunter. Im Dunkeln an der Haustür steht die andere Kollegin und weiss nicht, was tun. Von den Männern ist nichts zu sehen und nichts zu hören. Wir beschliessen, nachzusehen. Es ist ruhig draussen. Durch die kleine Klappe am Metalltor ist nichts und niemand zu sehen. Wir schliessen auf, ich schaue, ob jemand vor unserer Tür oder in der Nähe  liegt, aber es ist niemand zu sehen.

Der Vorfall ist lange Gesprächsthema. Hätten wir früher etwas tun sollen? Und was? Hätten wir damit den Unfall vermeiden können? Immer wieder frage ich die Guards am Tor, ob sie etwas davon wissen. Nach drei Tagen endlich hören wir, was wirklich vorgefallen ist. Die Nachbarin von zwei Häusern weiter hatte Atemnot. Ihre Verwandte lief nach draussen und schrie um Hilfe. Nachdem keiner reagierte, luden sie die Kranke ins Auto und fuhren in Richtung Stadt zum nächsten Krankenhaus. Auf dem Weg hatten sie einen schrecklichen Unfall, der Vater der Kranken starb, die Mutter wurde auf der Intensivstation behandelt.

Jetzt hören wir am Abend immer Gesang, Freunde und Verwandte kommen, die Seele des Vaters zu verabschieden und der Familie beizustehen, Mutter und Tochter geht es zumindest gesundheitlich besser. Ich gehe zu den Nachbarn und richte mein Beileid aus. Und sage, wir wären ratlos gewesen und deshalb so langsam im Reagieren. Auch hätten wir eigentlich kein medizinisches Equipment hier zuhause. Gleichmütig und freundlich wird die Anteilnahme entgegen genommen. Es gibt keine Vorwürfe, es gibt keine Fragen, zumindest von Seiten der Betroffenen. Für uns bleiben einige Fragen offen…

http://www.german-doctors.de

(Danke an die Kollegen für das Foto!)


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Eva

Seit eineinhalb Jahren kommt sie zum Verbandswechsel. Gross, schmal, mit einem Blick, der wie um Entschuldigung bittet. Ein halbes Laecheln, ein wenig scheu, ein wenig schief. 42jaehrig, leidet Eva an Brustkrebs, der weder operiert noch bestrahlt wurde, nach aussen aufbrach und  ueber die Monate zu einer grossen, uebelriechenden und zerkluefteten Wunde wurde (in ganz Kenia gibt es lediglich EIN Krankenhaus, das Strahlentherapie anbietet mit Wartezeiten bis zu einem Jahr). Die gynaekologische 6-Wochenaerztin hatte einiges versucht, Diagnostik ermoeglicht, aber zum Schluss blieb nur die Option „Verbinden und Schmerzen lindern“.Ich erinnere mich noch gut, wie Eva schon vor einem Jahr dreimal in der Woche zum Verbinden kam.

Die Schwestern, feinfuehlig an dieser Stelle, sorgen dafuer, dass der umtriebige Verbandsraum, in dem staendig die Tuer auf und zu klappt,  ruhig ist und niemand stoert, wenn Eva an der Reihe ist. Dass es keine neugierige Blicke gibt. „Eva, ich erinnere mich an dich, Du hast die Brust operieren lassen?“ frage ich, als ich sie beim Verbandswechsel zum ersten Mal in diesem Jahr anschaue, denn ihre gesamte vordere Brustwand ist nun eine flache Wundebene, nicht mehr das zerklueftete, zerfallende Gewebe  wie noch vor einem Jahr. Endlich, denke ich, und bin froh fuer sie, denn es sieht nicht mehr so grauenvoll aus und auch der Geruch hat abgenommen. Nein, klaeren mich die Schwestern auf, das verbliebene Brustgewebe sei einfach zerfallen, der Tumor hat die Brueste voellig eingeschmolzen. Ich brauche einen Moment, bis ich das glaube.  Einen Verlauf wie diesen bekommt man zuhause kaum jemals zu Gesicht. Und es scheint sogar  fast besser so, weil in diesem Fall  Zerstoerung zu einer gewissen Erleichterung gefuehrt hat.

Dennoch, von Beschwerdefreiheit kann keine Rede sein. Beide Arme sind durch das Lymphoedem so stark geschwollen, dass Eva sie kaum anheben kann und rund um die Wunde sind hunderte Satellitenknoten entstanden. Ob sie genuegend Schmerzmittel habe, frage ich.  Sie bejaht, es gehe gut soweit, aber sie fuehle sich schwach.Ob sie genug zu essen habe? Sie senkt den Blick und schuettelt den Kopf. Wir bieten ihr an, sie ins „feeding program“ aufzunehmen, was sie gerne annimmt.

Waehrend die beiden Schwestern die Wunde versorgen, schaue ich mir schon einmal die „Krankenakten“ (jeweils ein mehr oder weniger knittriges Faltblatt) der naechsten Patienten an und nehme aus dem Augenwinkel wahr, wie ploetzlich alle nach unten schauen: auf der metallenen Trittleiter, die das Besteigen der Liege erleichtern soll, kriecht eine Made – sie ist aus dem offenen Verband gefallen.  „Manchmal denke ich, sie fressen mich noch auf,“ sagt Eva, „es gibt einfach zu viele Fliegen.“

Was kann man in einer solchen Schraeglage noch Troestendes sagen? Ich erzaehle ihr, dass wir in der Wundbehandlung in Deutschland mit Fliegenmaden arbeiten, um die Wunden zu reinigen. Dass es sogar eine Firma gibt, die die Maden zuechtet, verpackt und dann liefert.  „Du musst dich nicht vor den Maden fuerchten,  sie fressen nur das tote Gewebe,“ sage ich. Ob sie mir glaubt? „You are the doctor,“ antwortet sie. Deshalb glaube sie mir. Mancher versuchte Trost kommt auf sehr wackeligen Beinen daher.

Eine Woche spaeter erscheint Eva nicht zum Verbandswechsel. Ihre Schwiegertochter Jane, eine sehr zurueckhaltende junge Frau, sitzt auf der Wartebank  und will Verbandsmaterial abholen. Warum Eva nicht gekommen sei? Sie fuehle sich schwach und habe die ganze Nacht vor Schmerzen geweint, berichtet Jane (Eva und ihr Sohn mit Frau und Baby teilen sich eine 9-Quadratmeterhuette).

Jetzt muessen ein paar Dinge nachhaltig geklaert werden. Ich frage Jane, ob sie sich in der Lage fuehlt, Eva in ihrer letzten Lebenszeit zu unterstuetzen? Ja, sie sei bereit.

Die Sozialarbeiterin Rose und der Apotheker werden dazu geholt. Fuer wieviele Tage hat Eva Morphin erhalten? Es zeigt sich, dass sie es bei Bedarf nimmt (was nicht korrekt ist, da man einerseits mehr Schmerzmittel braucht und immer wieder Schmerzen hat), und nicht so, wie wir es verschrieben haben: regelmaessig alle 4 Stunden eine bestimmte Dosis, so dass ein Spiegel entsteht und die Schmerzen erst garnicht durchbrechen koennen. Hat sie Medikamente erhalten, die die Nebenwirkungen lindern koennen? Wir fuegen zweierlei hinzu, schreiben auf, was wofuer gut ist, und schauen, ob Jane auch lesen kann und verstanden hat, was da geschrieben steht. Im Verbandsraum erklaeren Jared und Lilly , stets mit Rueckfragen,  ob sie versteht, wie oft und wie das Verbinden funktioniert und packen eine groessere Portion Verbandsmaterial zusammen. Rose vereinbart einen Hausbesuchstermin, Telefonnummern werden ausgetauscht, und in ihrer unvergleichlichen Art, das Gute und den Trost hinter den Schatten hervor zu locken, ermutigt sie Jane, dass es zu schaffen sein wird.

Ein elender Wohnort im Mangel und eine toedliche Krankheit muessen nicht gleichbedeutend sein mit Verzweiflung und Untergang, wenn es gelingt, Eva mit dem, was machbar ist, zu unterstuetzen. Und eigentlich ist eine ganze Menge moeglich…

(Foto: Wandmalerei im Frauengefaengnis von Langata, Kenia)