sabinewaldmannbrun

Farbe. Linie. Sehen.


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African Ladies – Sharon

21-years old Sharon lives in Mathare Valley for some time already with her mother and sister. But since her mother is a faithful and reliable worker, the girls could get a good  education right from the beginning. Starting at St. Benedict’s primary school when she was 3 years old, she could continue with secondary school, which she completed in 2013. Because there was not enough money for 1 year, she stayed at home to help with the daily issues before she could continue at KIPS (Kenyan Institute of Professional Studies) in 2015: she enrolled in information and communication technology. After one successful year she had to stop again because of financial problems and is waiting now for a chance to continue. 

When Sharon told me what would be necessary to continue her studies, I thought: it is not a high amount – but five years, until she would achieve her goal is a long time to go. Is there a possibility for a shorter education, I ask her? Her dream is to finish what she started. But, if she was able to continue at least for 2 years, she could work as a secretary. Is there another alternative, I ask her, and feel bad about these dream- crushing questions. No, Sharon says, this is her dream.  And she will stay with it.

Where does she see herself in 10 years, I ask, not willing to let go hope for this bright girl. She wants to be a system analyst and work in one of the ministries of her country. And she would try to gain enough influence to lower school fees ( there is a trace of a smile when she mentions that).

And her motto? Never loose hope, Sharon says. Determination. Focusing life.

 

Die 21jährige Sharon lebt schon seit geraumer Zeit mit ihrer Mutter und der kleineren Schwester in Mathare Valley. Aber da die Mutter eine tüchtige und verlässliche Arbeiterin ist, konnten die Mädchen von Anfang an in die Schule gehen. Nachdem Sharon mit drei Jahren in der St. Benedict’s Primary School ihre Ausbildung begonnen hatte, konnte sie 2013 die Secondary School abschliessen. Nach einer wegen finanzieller Engpässe eingelegten Pause von einem Jahr begann sie ihr Studium am Kenyan Institute for Professional Studies. Hier reichten die Ersparnisse gerade mal für ein Jahr. Jetzt wartet sie auf eine Möglichkeit, ihr Studium fort zu setzen.

Als sie mir erzählt, um welche Beträge es sich handelt, denke ich, so hoch sind sie nicht. Aber für fünf Jahre?! Gibt es nicht eine schlankere Variante, für die man nicht so lange Geld investieren muss? Nach zwei Jahren könnte sie zumindest eine Stelle als Sekretärin finden, meint Sharon. Und eine andere Alternative, frage ich, und schäme mich für dieses Beharren auf einer Sparvariante. Nein, sagt Sharon. Sie will ihren Traum noch nicht aufgeben.

Wo wäre sie gerne in 10 Jahren angelangt, möchte ich wissen. Und bin nicht gewillt, die Hoffnung für dieses kluge Mädchen aufzugeben. Sie möchte im Bereich Systemanalyse arbeiten, zum Beispiel in einem Ministerium. Und vielleicht hat sie die Möglichkeit, so viel Einfluss zu gewinnen, dass die Schulgebühren für kluge Mädchen gemindert werden können (ein halbes Lächeln huscht vorüber und ist wieder verschwunden).

Und ihr Motto? Nicht die Hoffnung zu verlieren, sagt Sharon. Entschlossenheit. Eine Punktlandung versuchen.

 

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Sanaa na upendo – Kunst und Liebe

Der Tag ist kunsthandwerklich anspruchsvoll. 11 Gipse sind neu anzulegen, dazu sind 6 Exemplare mit der Gipssaege zu enfernen, dem jeweils neu befreiten Patient zu erklaeren, wie er den in Wochen der Ruhigstellung  muede gewordenen Fuss wieder aufwecken  oder den Arm vorsichtig mit Kokosnussoel massieren und beueben kann, damit die fruehere Feinmotorik wieder zurueck kehrt. Der Mann mit der Saege hat nach kurzer Zeit Schweissperlen auf der Stirn, der Plastikmuelleimer im Dressingroom fuellt sich mit Gipsschalen, so dass wirklich garnichts mehr sonst hinein passt, die kleineren Patienten bruellen wie am Spiess, weil sie noch nicht wissen, dass die kreischende Saege nur Hartes, aber nichts Weiches schneidet.

Waehrenddessen werden die Neuen angelegt – ein Gips muss passen, darf nicht druecken oder zu schwer sein, sollte ordentlich aussehen und zudem fuer die Fraktur  der richtige sein (alles nicht selbstverstaendlich). Ich liebe dieses feine Modellieren, das Handinhandarbeiten, so es denn gut klappt. Und bin froh ueber den einen oder anderen „starken Mann“, der flexibel ein schweres  und mit jeder hinzukommenden Gipsbinde schwereres Bein haelt – insbesondere einen, der heute einen weissen Kittel mit dem Aufdruck „The strong heart of Africa“  traegt, nehmen wir mehrmals in Anspruch.

Bei einer der Ladies finde ich bei den aus dem zu kontrollierenden Beingips herausschauenden Zehen wunderbare Malereien auf den Naegeln vor – sie war in einem Nagelstudio! Pinkfarbene Linien und blaue Puenktchen ergeben ein prachtvolles  Bild am schwarzen Fuss zum  weissem Gips.

„Das ist gut“, sagt Jane Rose, „so fuehlt sich das Bein geliebt nach all dem Stress mit der Fraktur und dem Gips!“

 

…mehr über unsere Arbeit unter:

https://www.german-doctors.de/de/projekte-entdecken/nairobi

 

 


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African Ladies – Merceline, student to be

I met 23-year old Merceline, when I was looking for her mother, who has her 4-squaremeter tailor-business on the main road of Mathare valley at village market. Mama Lucy was not around, but busy to get some buttons coated with the same fabric as the blouse she had sewn. Meanwhile Merceline welcomes the clients and also does some sewing. Being asked, what she wants to do in the future, she tells me about her plans quite precisely (and she does not want to continue tailoring).

Big Dream No.1 would be to study food production at Utalii College, but this one is also the most expensive variation. The 600 Euro for 1 semester are just too much for the daughter of a widow. But she does not give up yet – she even has set up a plan for one year to find a way. – Is it not possible to get into the business by volunteering, I ask her? – Not, if there aren’t any connections, she explains. And there are none.

Small dream No.2: Join the cabin crew of an airline would have been great, too, but Merceline has doubts.  After training, she thinks, she will already be too old for that (!). Small dream No.3: Nursing would be another possibility, but there again is the problem of finance – nursing school is expensive, too.

And if these three dreams will not come true – she could still be a farmer at Homa Bay, which is the home of her family. What would she like to grow then? Maybe melons and maize.

As I ask about her motto, Merceline tells me just one word: „success“! First aim will be to find a way to start college. Even her boyfriend has to wait. Time for a family is not right yet. First she has to get her life organized, she says.

Is she proud of her country, I ask? At least I have heard, that Kenia is one of the rising nations in Africa. – There is only profit for a few, Merceline thinks, most Kenians are struggling hard. Though:  public facilities might be better then in other african countries…. 

 

Der 23-jährigen Merceline bin ich begegnet, als ich auf der Suche nach ihrer Mutter war, die ihr 4 qm grosses Schneiderlädchen auf der Hauptstrasse in Mathare Valley am Village Market hat. Mama Lucy war nicht zugegen, sondern gerade damit beschäftigt, Knöpfe in dem gleichen Stoff beziehen zu lassen wie die Bluse, die sie genäht hatte. Währenddessen hält Merceline die Stellung, heisst die Kunden willkommen und näht auch ein wenig. Auf die Frage, was ihre Pläne für die Zukunft sind, hat Merceline sehr konkrete Vorstellungen. Und die Schneiderei soll es nicht sein.

Der grösste Traum: am Utalii College Ernährungswissenschaften zu studieren. Allerdings wäre das auch die teuerste Variante. Die 600 Euro pro Semester kann ihre verwitwete Mutter nicht aufbringen. Aber noch will Merceline diesen Traum nicht aufgeben. Eine Jahresfrist hat sie sich gesetzt, um vielleicht doch noch einen Weg zu finden. – Ob man nicht über ein Praktikum hinein kommen kann, frage ich? – Nicht, wenn man keine Beziehungen hat, meint Merceline. Und sie hat keine in diesem Bereich.

Ein anderer, kleiner Traum war, Stewardess zu werden. Aber wenn erst die Ausbildung geschafft ist, wäre sie vermutlich schon zu alt(!). Sie hat gehört, dass die Mädels im Flieger alle Anfang Zwanzig seien. Und dann wäre da noch die Idee, Krankenschwester zu werden, aber da mangelt es wieder an den Finanzen. Die Schwesternausbildung ist auch teuer in diesem Land.

Und wenn all das nichts wird, könnte sie immer noch Farmerin in Homa Bay, der Heimat ihrer Familie, werden. – Was würde sie anpflanzen wollen, frage ich? – Melonen und Mais vielleicht, doch, das wäre ein Plan…

Hat Merceline ein Motto? Ein einziges Wort sagt sie mir: „Erfolg“. Jetzt will sie erstmal schauen, ob es nicht doch irgendwie mit dem College klappen kann. Auch ihr Freund muss sich noch eine Weile gedulden. Sie möchte noch keine Familie gründen. Zuerst möchte sie Struktur in ihr Leben bringen.

Ob sie stolz auf Kenia ist, frage ich? Immerhin ist das Land eines der aufstrebenden in Afrika. Davon profitieren nur wenige, meint Merceline. Die meisten Kenianer müssen sich sehr mühen, um sich über Wasser zu halten.  Allerdings, die öffentlichen Einrichtungen sind vielleicht garnicht so schlecht…


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African Ladies – Judith, Guard

When Judith was 15 years old, she had to quit school, because one of her parents died. She married early and had twins as her firstborns and a boy next.  Though her husband is working in house construction, her contribution was also needed for the little family of five, and Judith started as a guard for a security service.

At 4.30 a.m. she leaves the house to walk the 90 minutes to reach her job, in the evening she comes home at 7.30 p.m. and she does this 7 days per week. She doesn’t see it as possible to take a single day off. Vacation? No chance. Her monthly payment: 90 Euros. Private dayschool for the twins is 120 Euros per month. When the children were little, Judith says, they called her „Auntie“, because she was home so seldom. By now, the twins are 8 years old and when Mom is not around they have to care for the little one, who just turned 3. 

„My family is my gift from god“, Judith says. In ten years, she hopes, there will be a better job for her, though she likes this kind of work quite much. From one of her colleagues she even could learn to make earrings and bracelets out of beads, that she can sell now. „I would like to be rich for the children.“  Yes, family is the most important thing in her life. 

(From all the pictures that we took inside and outside Judith chose this one: sitting in the little house at the entrance of her working area).

 

Als Judith 15 Jahre alt war, musste sie die Schule verlassen, weil ihre verwitwete Mutter  die Gebühren nicht mehr aufbringen konnte. Judith heiratete früh, es wurden Zwillinge geboren, und vor 3 Jahren noch ein Sohn. Obwohl ihr Mann im Baugewerbe arbeitet, wird für den Unterhalt der fünfköpfigen Familie auch ihr Einsatz gebraucht.

Zu ihrer Arbeit im Sicherheitsdienst bricht sie morgens um 4.30 Uhr auf und geht 90 Minuten zu Fuss zu ihrer Arbeitsstelle. Heim kommt sie abends gegen 19.30 Uhr.  Sie hat eine 7-Tage-Woche und sieht keine Möglichkeit, einmal frei zu nehmen. Urlaub gibt es keinen. Dafür erhält sie umgerechnet 90 Euro im Monat. Das ist schon fast der Betrag, der für das Schulgeld der Zwillinge aufgebracht werden muss: 120 Euro im Monat. Als die Kinder klein waren, erzählt Judith, haben sie „Tante“ zu ihr gesagt, weil sie so selten zuhause war. Heute sind die Zwillinge 8 Jahre alt und müssen sich um den Dreijährigen kümmern, wenn sie nicht da ist.

„Meine Familie ist ein Geschenk Gottes an mich,“ sagt Judith. In 10 Jahren wäre sie gerne an einer besseren Arbeitsstelle, obwohl sie die Arbeit als Security sehr mag. Von einer der Kolleginnen lernte sie die Herstellung von Ohrringen und Armbändern, die sie hin und wieder verkaufen kann.“Ich wäre gern reich um der Kinder willen“, meint sie. Ja, die Familie ist ihr das Kostbarste.

(Von all den Fotos, die wir drinnen und draussen gemacht haben, hat sich Judith dieses ausgesucht: hinter den Gittern im Eingangsbereich ihrer Einsatzzentrale).

 


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African Ladies: Naomi, Watchlady

Naomi ist opening the gate, when a car wants to pass to or from the gated community. Her two male colleagues check the drivers, note the license plates. Smile. Greet. So does she. Sometimes she walks the streets of the community to check, if all is well. Or if strange things are happening?  The security company provides her with a raincoat and a sweater. And, most important: a whistle, that she wears on a red string! When she blows the whistle, all her colleagues at the different gates will be alarmed and call the company to act immediately. 

At 6am she has to start her job, at 6pm she can leave. To reach the gate she has to walk for about an hour from her home. Is she not afraid, to walk alone in the dark? There are so many people walking at this time of the day…she shrugs her shoulders. Two days per month she is off.  Who cares for her 7-year old son during this time? He is staying with Naomi’s family at Babadogo, 6 hours away. But how often is she able to see him? If things go well, Naomi says, she can be with him every 8 months. Then she is able to get 4 days off. But the boy is able to go to school, and this is very good!

Being asked about her motto, Naomi answers: „work hard“. But what about the ‚beautiful things‘ in life? Will she not forget about them, if there is only hard work? There is no other solution right now, Naomi says, and the job is o.k., she smiles.

 

Naomi öffnet das Tor für die ein- und ausfahrenden Autos der eingezäunten Wohnanlage. Ihre beiden männlichen Kollegen kontrollieren die Fahrer, notieren die Daten der Nummernschilder. Sie lächeln freundlich und grüssen, so auch Naomi. Immer wieder geht sie auch die Strassen des Wohngebiets ab,  um zu kontrollieren, ob alles in Ordnung ist. Die Sicherheitsfirma stellt ihr einen Regenmantel und einen Pullover zur Verfügung. Und, besonders wichtig: eine Trillerpfeife, die sie am roten Band trägt. Wenn sie Alarm gibt, wissen die Kollegen an den verschiedenen Toren, dass die Zentrale benachrichtigt werden und schnell etwas geschehen muss.

Um 6 Uhr morgens beginnt Naomi mit der Arbeit, um 6 Uhr abends kann sie wieder die knappe Stunde Fussweg nachhause antreten. Hat sie keine Angst, so lange im Dunkeln allein unterwegs zu sein? Sie zuckt die Schultern – so viele Menschen sind um diese Zeit zu Fuss unterwegs…Zwei Tage frei hat sie im Monat. Wer schaut in dieser Zeit nach ihrem 7-jährigen Sohn? Zum Glück kann er bei Naomi’s Familie leben und dort in Babadogo auch zur Schule gehen, da ist schonmal ein grosser Gewinn. Aber wie oft kann sie mit ihm zusammen sein, frage ich? Wenn alles gut läuft, hat Naomi alle 8 Monate 4 Tage frei. Dann kann sie die 6 Stunden-Reise zu ihrer Familie antreten.

Nach ihrem Motto gefragt, meint Naomi: „arbeite hart“. Und die „schönen Dinge“ des Lebens? Werden die nicht in Vergessenheit geraten, wenn es immer nur harte Arbeit gibt, frage ich vorsichtig? Im Moment gibt es keine andere Lösung, sagt Naomi und lächelt. Und die Arbeitsstelle sei in Ordnung…


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Purity

– Die 22jährige sitzt nicht, sie kniet, umhüllt von einem farbenfrohen Ketenge-Tuch, den Oberkörper auf die Knie ihrer Begleiterin gelegt, die Füsse gefährlich nah am Öffnungsbereich meiner Sprechzimmertür. Aus ihrer Einzimmer-Wellblechhütte unten am Flüsschen haben ihr Bruder und die Schwägerin sie über den halsbrecherisch schmalen und steilen Steinpfad nach oben bis zu unserer Ambulanz geschleppt. Als sie auf der Untersuchungsliege angekommen ist, geschoben, gedreht, gehoben, halb lehnend, ist zu sehen, was die Explosion des in der Hütte genutzten Kerosinkochers angerichtet hat: fast die Hälfte der Körperoberfläche ist verbrannt. Eine Woche lang hat sie im grossen Kenyatta-Hospital die Akutbehandlung erhalten, dann wurde sie nachhause geschickt. Oder sie hat sich selbst aus Kostengründen entlassen? So ganz klar ist das nicht.

Brust, Bauch, Arme und Sitzfläche sind zweitgradig verbrannt, wobei die Körpervorderseite und ein Teil des linken Arms bereits zu grossen Teilen abgetrocknet und am heilen sind. Am schlimmsten aber sind die Oberschenkelvorderseiten betroffen, sie sind zu grossen Teilen noch von dicken, abgestorbenen Hautlappen bedeckt, die sich zu lösen beginnen. Die Verbände sind mit den Wunden verklebt, es riecht. Bei dieser Gelegenheit einmal zum Glück hat Purity heute weder etwas gegessen noch getrunken, so können wir in Kurznarkose die Wunden versorgen. „Krass,“ sagt der jüngere Kollege nur, als die tote Haut sich in Fetzen bis auf des Unterhautfettgewebe abziehen lässt. Was sich nicht leicht und von selbst löst, bleibt vorerst als Deckung. Dennoch verbraucht die grosse Wundfläche all unsere Vorräte an Fettgaze, die ein Verkleben der Wunde mit dem Verband verhindern soll.

So geht das nicht, denke ich. Eine so schwere Verletzung wie diese muss in die Klinik, braucht tägliche Verbandswechsel mit Abtragung der abgestorbenen Hautanteile in Kurznarkose und dann irgendwann die plastische Deckung. Nachdem Purity verbunden und wieder leidlich wach ist, planen und organisieren wir die Wiederaufnahme in die Klinik. Die Angehörigen und auch Purity selbst sind scheinbar einverstanden.

Diese Kurz-OP lässt mich ratlos und bedrückt zurück. Kurzzeitig ist mir der ganze Patiententrubel zu viel, ich mag im Moment keine Wunde mehr sehen und keine Symptomschilderung mehr hören. Mir ist nach einem Stück blauen Himmels, nach ziehenden Wolken und einem frischen Windstoss in den Haaren. Der Anfall geht zum Glück schnell vorüber. Was soll da erst die Patientin sagen, gefangen in ihrer verbrannten Haut?

Drei Tage später. Hausbesuchstour im Slum mit Sozialarbeiterin Rose (oben im Bild: die Lady in Türkis). Auf einem der buckeligen Pfade hält uns ein Mädchen an, wir sollten nach seiner Schwester schauen, der es nicht gut gehe. Wir klettern den steinigen Hang hinunter und finden Purity in ihrer Hütte vor. Ihre Stirn ist heiss trotz des Antibiotikums, die Wunden sind, seit sie bei uns war, nicht mehr frisch verbunden worden. Ein längeres Gespräch folgt, ein zähes Verhandeln. Die Familie will zum Verbandswechsel nach Baraka kommen. Das wäre für sie günstiger. Rose versucht zu erklären, dass dies unsere Möglichkeiten übersteigt. Die Headnurse wird eingeschaltet und schlägt vor, den Betrag zur Klinikeinweisung zu übernehmen. Wir versuchen es noch einmal, Purity stationär unterzubringen und schicken sie mit dem Krankenwagen, damit sie auch sicher dort ankommt.

Diskussionen am Abendbrottisch. Darf ein einzelner Patient so viel an Ressourcen für sich beanspruchen? Welche Töpfe gibt es, die sich vielleicht für die weitere Behandlung erschliessen lassen? Wie soll man entscheiden, welche der vielen Patienten, die jung, schwer krank und noch dazu arm sind, Unterstützung erhalten, die über das Übliche hinaus geht? Und ob überhaupt? Und wenn ja, für wie lange? Quälende Fragen, noch quälendere Zustände für diejenigen ohne finanzielle Reserven. Denn es gibt sie ja, die gute und notwendende Medizin. Es gibt in Nairobi Krankenhäuser mit hohem Standard, aber man muss am Eingang die Kreditkarte auf den Tisch legen. Wenn man eine hat.

 

(- Die Daily Nation berichtet in diesen Tagen auf’s ausführlichste von den endlich bekannt gewordenen Ergebnissen der Schulabschlussprüfungen zu Jahresende. Bilder von jubelnden Schülern, Interviews mit den Jungen und Mädchen mit den höchsten Punktzahlen. Berichte auch über den einen oder anderen Betrug.

Eine ganze Seite ist tapferen Schülern gewidmet, die besondere Hürden überwinden mussten und dennoch gute und sehr gute Ergebnisse erzielten: Da ist Joy, die bei einem Unfall ihren rechten Arm verlor und zunächst lernen musste, mit dem linken zu schreiben und zu zeichnen.  Von Wesley ist die Rede, der zwischen zwei schweren BauchOPs trotzdem auch noch in der Klinik die Nase tief in die Bücher steckte und einen Monat, nachdem er entlassen wurde, die Prüfungen gut bestand. Von Fatima wird berichtet, dem ersten Mädchen in ihrem Dorf, die einen Highschoolabschluss, zudem mit sehr guten Ergebnissen, erlangt hat. Und dann wird da noch Josephat vorgestellt, der als Sohn einer alleinerziehenden, arbeitslosen Mutter von 7 Kindern seine Schulgebühren mit Holzhacken und Farmarbeit verdienen musste, bis er ein Stipendium erhielt. Er schloss mit der Höchstnote ab. „I am very proud of myself and when I look back to where I have come from, I thank God and my Sponsors and Mentors!“ sagt er. Und strahlt in die Kamera.)


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Eva

Seit eineinhalb Jahren kommt sie zum Verbandswechsel. Gross, schmal, mit einem Blick, der wie um Entschuldigung bittet. Ein halbes Laecheln, ein wenig scheu, ein wenig schief. 42jaehrig, leidet Eva an Brustkrebs, der weder operiert noch bestrahlt wurde, nach aussen aufbrach und  ueber die Monate zu einer grossen, uebelriechenden und zerkluefteten Wunde wurde (in ganz Kenia gibt es lediglich EIN Krankenhaus, das Strahlentherapie anbietet mit Wartezeiten bis zu einem Jahr). Die gynaekologische 6-Wochenaerztin hatte einiges versucht, Diagnostik ermoeglicht, aber zum Schluss blieb nur die Option „Verbinden und Schmerzen lindern“.Ich erinnere mich noch gut, wie Eva schon vor einem Jahr dreimal in der Woche zum Verbinden kam.

Die Schwestern, feinfuehlig an dieser Stelle, sorgen dafuer, dass der umtriebige Verbandsraum, in dem staendig die Tuer auf und zu klappt,  ruhig ist und niemand stoert, wenn Eva an der Reihe ist. Dass es keine neugierige Blicke gibt. „Eva, ich erinnere mich an dich, Du hast die Brust operieren lassen?“ frage ich, als ich sie beim Verbandswechsel zum ersten Mal in diesem Jahr anschaue, denn ihre gesamte vordere Brustwand ist nun eine flache Wundebene, nicht mehr das zerklueftete, zerfallende Gewebe  wie noch vor einem Jahr. Endlich, denke ich, und bin froh fuer sie, denn es sieht nicht mehr so grauenvoll aus und auch der Geruch hat abgenommen. Nein, klaeren mich die Schwestern auf, das verbliebene Brustgewebe sei einfach zerfallen, der Tumor hat die Brueste voellig eingeschmolzen. Ich brauche einen Moment, bis ich das glaube.  Einen Verlauf wie diesen bekommt man zuhause kaum jemals zu Gesicht. Und es scheint sogar  fast besser so, weil in diesem Fall  Zerstoerung zu einer gewissen Erleichterung gefuehrt hat.

Dennoch, von Beschwerdefreiheit kann keine Rede sein. Beide Arme sind durch das Lymphoedem so stark geschwollen, dass Eva sie kaum anheben kann und rund um die Wunde sind hunderte Satellitenknoten entstanden. Ob sie genuegend Schmerzmittel habe, frage ich.  Sie bejaht, es gehe gut soweit, aber sie fuehle sich schwach.Ob sie genug zu essen habe? Sie senkt den Blick und schuettelt den Kopf. Wir bieten ihr an, sie ins „feeding program“ aufzunehmen, was sie gerne annimmt.

Waehrend die beiden Schwestern die Wunde versorgen, schaue ich mir schon einmal die „Krankenakten“ (jeweils ein mehr oder weniger knittriges Faltblatt) der naechsten Patienten an und nehme aus dem Augenwinkel wahr, wie ploetzlich alle nach unten schauen: auf der metallenen Trittleiter, die das Besteigen der Liege erleichtern soll, kriecht eine Made – sie ist aus dem offenen Verband gefallen.  „Manchmal denke ich, sie fressen mich noch auf,“ sagt Eva, „es gibt einfach zu viele Fliegen.“

Was kann man in einer solchen Schraeglage noch Troestendes sagen? Ich erzaehle ihr, dass wir in der Wundbehandlung in Deutschland mit Fliegenmaden arbeiten, um die Wunden zu reinigen. Dass es sogar eine Firma gibt, die die Maden zuechtet, verpackt und dann liefert.  „Du musst dich nicht vor den Maden fuerchten,  sie fressen nur das tote Gewebe,“ sage ich. Ob sie mir glaubt? „You are the doctor,“ antwortet sie. Deshalb glaube sie mir. Mancher versuchte Trost kommt auf sehr wackeligen Beinen daher.

Eine Woche spaeter erscheint Eva nicht zum Verbandswechsel. Ihre Schwiegertochter Jane, eine sehr zurueckhaltende junge Frau, sitzt auf der Wartebank  und will Verbandsmaterial abholen. Warum Eva nicht gekommen sei? Sie fuehle sich schwach und habe die ganze Nacht vor Schmerzen geweint, berichtet Jane (Eva und ihr Sohn mit Frau und Baby teilen sich eine 9-Quadratmeterhuette).

Jetzt muessen ein paar Dinge nachhaltig geklaert werden. Ich frage Jane, ob sie sich in der Lage fuehlt, Eva in ihrer letzten Lebenszeit zu unterstuetzen? Ja, sie sei bereit.

Die Sozialarbeiterin Rose und der Apotheker werden dazu geholt. Fuer wieviele Tage hat Eva Morphin erhalten? Es zeigt sich, dass sie es bei Bedarf nimmt (was nicht korrekt ist, da man einerseits mehr Schmerzmittel braucht und immer wieder Schmerzen hat), und nicht so, wie wir es verschrieben haben: regelmaessig alle 4 Stunden eine bestimmte Dosis, so dass ein Spiegel entsteht und die Schmerzen erst garnicht durchbrechen koennen. Hat sie Medikamente erhalten, die die Nebenwirkungen lindern koennen? Wir fuegen zweierlei hinzu, schreiben auf, was wofuer gut ist, und schauen, ob Jane auch lesen kann und verstanden hat, was da geschrieben steht. Im Verbandsraum erklaeren Jared und Lilly , stets mit Rueckfragen,  ob sie versteht, wie oft und wie das Verbinden funktioniert und packen eine groessere Portion Verbandsmaterial zusammen. Rose vereinbart einen Hausbesuchstermin, Telefonnummern werden ausgetauscht, und in ihrer unvergleichlichen Art, das Gute und den Trost hinter den Schatten hervor zu locken, ermutigt sie Jane, dass es zu schaffen sein wird.

Ein elender Wohnort im Mangel und eine toedliche Krankheit muessen nicht gleichbedeutend sein mit Verzweiflung und Untergang, wenn es gelingt, Eva mit dem, was machbar ist, zu unterstuetzen. Und eigentlich ist eine ganze Menge moeglich…

(Foto: Wandmalerei im Frauengefaengnis von Langata, Kenia)