sabinewaldmannbrun

Farbe. Linie. Sehen.


5 Kommentare

Purity

– Die 22jährige sitzt nicht, sie kniet, umhüllt von einem farbenfrohen Ketenge-Tuch, den Oberkörper auf die Knie ihrer Begleiterin gelegt, die Füsse gefährlich nah am Öffnungsbereich meiner Sprechzimmertür. Aus ihrer Einzimmer-Wellblechhütte unten am Flüsschen haben ihr Bruder und die Schwägerin sie über den halsbrecherisch schmalen und steilen Steinpfad nach oben bis zu unserer Ambulanz geschleppt. Als sie auf der Untersuchungsliege angekommen ist, geschoben, gedreht, gehoben, halb lehnend, ist zu sehen, was die Explosion des in der Hütte genutzten Kerosinkochers angerichtet hat: fast die Hälfte der Körperoberfläche ist verbrannt. Eine Woche lang hat sie im grossen Kenyatta-Hospital die Akutbehandlung erhalten, dann wurde sie nachhause geschickt. Oder sie hat sich selbst aus Kostengründen entlassen? So ganz klar ist das nicht.

Brust, Bauch, Arme und Sitzfläche sind zweitgradig verbrannt, wobei die Körpervorderseite und ein Teil des linken Arms bereits zu grossen Teilen abgetrocknet und am heilen sind. Am schlimmsten aber sind die Oberschenkelvorderseiten betroffen, sie sind zu grossen Teilen noch von dicken, abgestorbenen Hautlappen bedeckt, die sich zu lösen beginnen. Die Verbände sind mit den Wunden verklebt, es riecht. Bei dieser Gelegenheit einmal zum Glück hat Purity heute weder etwas gegessen noch getrunken, so können wir in Kurznarkose die Wunden versorgen. „Krass,“ sagt der jüngere Kollege nur, als die tote Haut sich in Fetzen bis auf des Unterhautfettgewebe abziehen lässt. Was sich nicht leicht und von selbst löst, bleibt vorerst als Deckung. Dennoch verbraucht die grosse Wundfläche all unsere Vorräte an Fettgaze, die ein Verkleben der Wunde mit dem Verband verhindern soll.

So geht das nicht, denke ich. Eine so schwere Verletzung wie diese muss in die Klinik, braucht tägliche Verbandswechsel mit Abtragung der abgestorbenen Hautanteile in Kurznarkose und dann irgendwann die plastische Deckung. Nachdem Purity verbunden und wieder leidlich wach ist, planen und organisieren wir die Wiederaufnahme in die Klinik. Die Angehörigen und auch Purity selbst sind scheinbar einverstanden.

Diese Kurz-OP lässt mich ratlos und bedrückt zurück. Kurzzeitig ist mir der ganze Patiententrubel zu viel, ich mag im Moment keine Wunde mehr sehen und keine Symptomschilderung mehr hören. Mir ist nach einem Stück blauen Himmels, nach ziehenden Wolken und einem frischen Windstoss in den Haaren. Der Anfall geht zum Glück schnell vorüber. Was soll da erst die Patientin sagen, gefangen in ihrer verbrannten Haut?

Drei Tage später. Hausbesuchstour im Slum mit Sozialarbeiterin Rose (oben im Bild: die Lady in Türkis). Auf einem der buckeligen Pfade hält uns ein Mädchen an, wir sollten nach seiner Schwester schauen, der es nicht gut gehe. Wir klettern den steinigen Hang hinunter und finden Purity in ihrer Hütte vor. Ihre Stirn ist heiss trotz des Antibiotikums, die Wunden sind, seit sie bei uns war, nicht mehr frisch verbunden worden. Ein längeres Gespräch folgt, ein zähes Verhandeln. Die Familie will zum Verbandswechsel nach Baraka kommen. Das wäre für sie günstiger. Rose versucht zu erklären, dass dies unsere Möglichkeiten übersteigt. Die Headnurse wird eingeschaltet und schlägt vor, den Betrag zur Klinikeinweisung zu übernehmen. Wir versuchen es noch einmal, Purity stationär unterzubringen und schicken sie mit dem Krankenwagen, damit sie auch sicher dort ankommt.

Diskussionen am Abendbrottisch. Darf ein einzelner Patient so viel an Ressourcen für sich beanspruchen? Welche Töpfe gibt es, die sich vielleicht für die weitere Behandlung erschliessen lassen? Wie soll man entscheiden, welche der vielen Patienten, die jung, schwer krank und noch dazu arm sind, Unterstützung erhalten, die über das Übliche hinaus geht? Und ob überhaupt? Und wenn ja, für wie lange? Quälende Fragen, noch quälendere Zustände für diejenigen ohne finanzielle Reserven. Denn es gibt sie ja, die gute und notwendende Medizin. Es gibt in Nairobi Krankenhäuser mit hohem Standard, aber man muss am Eingang die Kreditkarte auf den Tisch legen. Wenn man eine hat.

 

(- Die Daily Nation berichtet in diesen Tagen auf’s ausführlichste von den endlich bekannt gewordenen Ergebnissen der Schulabschlussprüfungen zu Jahresende. Bilder von jubelnden Schülern, Interviews mit den Jungen und Mädchen mit den höchsten Punktzahlen. Berichte auch über den einen oder anderen Betrug.

Eine ganze Seite ist tapferen Schülern gewidmet, die besondere Hürden überwinden mussten und dennoch gute und sehr gute Ergebnisse erzielten: Da ist Joy, die bei einem Unfall ihren rechten Arm verlor und zunächst lernen musste, mit dem linken zu schreiben und zu zeichnen.  Von Wesley ist die Rede, der zwischen zwei schweren BauchOPs trotzdem auch noch in der Klinik die Nase tief in die Bücher steckte und einen Monat, nachdem er entlassen wurde, die Prüfungen gut bestand. Von Fatima wird berichtet, dem ersten Mädchen in ihrem Dorf, die einen Highschoolabschluss, zudem mit sehr guten Ergebnissen, erlangt hat. Und dann wird da noch Josephat vorgestellt, der als Sohn einer alleinerziehenden, arbeitslosen Mutter von 7 Kindern seine Schulgebühren mit Holzhacken und Farmarbeit verdienen musste, bis er ein Stipendium erhielt. Er schloss mit der Höchstnote ab. „I am very proud of myself and when I look back to where I have come from, I thank God and my Sponsors and Mentors!“ sagt er. Und strahlt in die Kamera.)


6 Kommentare

Eva

Seit eineinhalb Jahren kommt sie zum Verbandswechsel. Gross, schmal, mit einem Blick, der wie um Entschuldigung bittet. Ein halbes Laecheln, ein wenig scheu, ein wenig schief. 42jaehrig, leidet Eva an Brustkrebs, der weder operiert noch bestrahlt wurde, nach aussen aufbrach und  ueber die Monate zu einer grossen, uebelriechenden und zerkluefteten Wunde wurde (in ganz Kenia gibt es lediglich EIN Krankenhaus, das Strahlentherapie anbietet mit Wartezeiten bis zu einem Jahr). Die gynaekologische 6-Wochenaerztin hatte einiges versucht, Diagnostik ermoeglicht, aber zum Schluss blieb nur die Option „Verbinden und Schmerzen lindern“.Ich erinnere mich noch gut, wie Eva schon vor einem Jahr dreimal in der Woche zum Verbinden kam.

Die Schwestern, feinfuehlig an dieser Stelle, sorgen dafuer, dass der umtriebige Verbandsraum, in dem staendig die Tuer auf und zu klappt,  ruhig ist und niemand stoert, wenn Eva an der Reihe ist. Dass es keine neugierige Blicke gibt. „Eva, ich erinnere mich an dich, Du hast die Brust operieren lassen?“ frage ich, als ich sie beim Verbandswechsel zum ersten Mal in diesem Jahr anschaue, denn ihre gesamte vordere Brustwand ist nun eine flache Wundebene, nicht mehr das zerklueftete, zerfallende Gewebe  wie noch vor einem Jahr. Endlich, denke ich, und bin froh fuer sie, denn es sieht nicht mehr so grauenvoll aus und auch der Geruch hat abgenommen. Nein, klaeren mich die Schwestern auf, das verbliebene Brustgewebe sei einfach zerfallen, der Tumor hat die Brueste voellig eingeschmolzen. Ich brauche einen Moment, bis ich das glaube.  Einen Verlauf wie diesen bekommt man zuhause kaum jemals zu Gesicht. Und es scheint sogar  fast besser so, weil in diesem Fall  Zerstoerung zu einer gewissen Erleichterung gefuehrt hat.

Dennoch, von Beschwerdefreiheit kann keine Rede sein. Beide Arme sind durch das Lymphoedem so stark geschwollen, dass Eva sie kaum anheben kann und rund um die Wunde sind hunderte Satellitenknoten entstanden. Ob sie genuegend Schmerzmittel habe, frage ich.  Sie bejaht, es gehe gut soweit, aber sie fuehle sich schwach.Ob sie genug zu essen habe? Sie senkt den Blick und schuettelt den Kopf. Wir bieten ihr an, sie ins „feeding program“ aufzunehmen, was sie gerne annimmt.

Waehrend die beiden Schwestern die Wunde versorgen, schaue ich mir schon einmal die „Krankenakten“ (jeweils ein mehr oder weniger knittriges Faltblatt) der naechsten Patienten an und nehme aus dem Augenwinkel wahr, wie ploetzlich alle nach unten schauen: auf der metallenen Trittleiter, die das Besteigen der Liege erleichtern soll, kriecht eine Made – sie ist aus dem offenen Verband gefallen.  „Manchmal denke ich, sie fressen mich noch auf,“ sagt Eva, „es gibt einfach zu viele Fliegen.“

Was kann man in einer solchen Schraeglage noch Troestendes sagen? Ich erzaehle ihr, dass wir in der Wundbehandlung in Deutschland mit Fliegenmaden arbeiten, um die Wunden zu reinigen. Dass es sogar eine Firma gibt, die die Maden zuechtet, verpackt und dann liefert.  „Du musst dich nicht vor den Maden fuerchten,  sie fressen nur das tote Gewebe,“ sage ich. Ob sie mir glaubt? „You are the doctor,“ antwortet sie. Deshalb glaube sie mir. Mancher versuchte Trost kommt auf sehr wackeligen Beinen daher.

Eine Woche spaeter erscheint Eva nicht zum Verbandswechsel. Ihre Schwiegertochter Jane, eine sehr zurueckhaltende junge Frau, sitzt auf der Wartebank  und will Verbandsmaterial abholen. Warum Eva nicht gekommen sei? Sie fuehle sich schwach und habe die ganze Nacht vor Schmerzen geweint, berichtet Jane (Eva und ihr Sohn mit Frau und Baby teilen sich eine 9-Quadratmeterhuette).

Jetzt muessen ein paar Dinge nachhaltig geklaert werden. Ich frage Jane, ob sie sich in der Lage fuehlt, Eva in ihrer letzten Lebenszeit zu unterstuetzen? Ja, sie sei bereit.

Die Sozialarbeiterin Rose und der Apotheker werden dazu geholt. Fuer wieviele Tage hat Eva Morphin erhalten? Es zeigt sich, dass sie es bei Bedarf nimmt (was nicht korrekt ist, da man einerseits mehr Schmerzmittel braucht und immer wieder Schmerzen hat), und nicht so, wie wir es verschrieben haben: regelmaessig alle 4 Stunden eine bestimmte Dosis, so dass ein Spiegel entsteht und die Schmerzen erst garnicht durchbrechen koennen. Hat sie Medikamente erhalten, die die Nebenwirkungen lindern koennen? Wir fuegen zweierlei hinzu, schreiben auf, was wofuer gut ist, und schauen, ob Jane auch lesen kann und verstanden hat, was da geschrieben steht. Im Verbandsraum erklaeren Jared und Lilly , stets mit Rueckfragen,  ob sie versteht, wie oft und wie das Verbinden funktioniert und packen eine groessere Portion Verbandsmaterial zusammen. Rose vereinbart einen Hausbesuchstermin, Telefonnummern werden ausgetauscht, und in ihrer unvergleichlichen Art, das Gute und den Trost hinter den Schatten hervor zu locken, ermutigt sie Jane, dass es zu schaffen sein wird.

Ein elender Wohnort im Mangel und eine toedliche Krankheit muessen nicht gleichbedeutend sein mit Verzweiflung und Untergang, wenn es gelingt, Eva mit dem, was machbar ist, zu unterstuetzen. Und eigentlich ist eine ganze Menge moeglich…

(Foto: Wandmalerei im Frauengefaengnis von Langata, Kenia)


2 Kommentare

Fungua macho – mach die Augen auf!

Das Spektrum an „offenen Beinen“ im Baraka Health Center (oben im Bild: der äussere Wartebereich am Morgen) ist nahezu unerschöpflich – aber doch auch deutlich anders als in einer deutschen (Gefäss)-Chirurgie, wo sich hauptsächlich ältere Patienten mit Diabetes oder arterieller Verschlusskrankheit, darunter viele Raucher, einfinden. In Mathare Valley hingegen sind Patienten jeder, aber eher jüngerer Altersgruppen (einschliesslich Kinder) mit chronischen Wunden an den Beinen zu finden, geraucht wird (aus finanziellen Gründen) so selten, dass dieser Risikofaktor wohl kaum eine Rolle spielt, und sowohl Diagnostik als auch Therapie sind begrenzt. Aber: mit offenen Augen, Ohren und tastenden Händen lässt sich schon allerlei herausfinden und auch das Labor bietet ein paar Möglichkeiten. Häufig sind chronische tropische Ulzera und verschleppte, infizierte Verletzungen, die Durchblutung ist meistens gut. Wichtig ist ausserdem, herauszufinden, ob man es neben Diabetes oder anderen Gefässproblemen mit einem geschwächten Immunsystem bei AIDS, einer Tuberkulose, einer Mangelernährung oder einer Knochenentzündung zu tun hat, zuweilen auch mit einer Sichelzellenanämie. Denn auch dann liesse sich die Ursache behandeln…

Die Kollegin, die ich ablöse, schrieb mir bereits im Vorfeld von dieser Patientengruppe, in die sie neben dem Trubel mit Knochenbrüchen und Abszessen viel Zeit, Kompetenz und Feingefühl investiert hat. Schon im letzten Jahr versuchten wir, die vielen Patienten, die mit schlecht heilenden Wunden seit Wochen oder Monaten teilweise dreimal wöchentlich kommen, besser zu organisieren. Auch, was der vor uns tätige Kollege sich dachte und tat, was an Untersuchungsergebnissen erhoben wurde, soll auf einem speziellen „Ulcersheet“ im besten Fall lesbar festgehalten werden und Kontinuität ermöglichen. Manche dieser Blattsammlungen sind so umfangreich, dass man sich in schlechten Momenten resigniert fragt, ob es noch jemals gut werden wird mit dem beschriebenen Bein. Manches lässt sich auch nicht so einfach in die Wege leiten: im Slum gibt es kein Sanitätshaus, das flott auf Rezept Stützstrümpfe (auch in Deutschland ein teures Unterfangen) anmessen würde – bei den hier und da auftauchenden Krampfaderpatienten, die man bei ausgeprägtem Befund auch nicht „mal eben“ auf Krankenkassenkosten zur Operation schicken kann. – Ich denke immer wieder einmal, die „Ulcerpatients“ sind in unserer Slum-Chirurgie diejenigen, die den längsten Atem brauchen, die grösste Geduld, und ein Wachbleiben des behandelnden Arztes und auch der Schwestern, einfach deshalb, weil die Heilung oft in so winzig kleinen Schritten vonstatten geht, dass einem dabei hin und wieder die Augen zuzufallen drohen.  Trotzdem – alle Beteiligten freuen sich gleichermassen, wenn nach regelmässig durchgeführtem Baden, Reinigung, Anfrischen und Verbinden eine saubere, gut granulierende Wunde vorliegt. Gut, dass wir die Möglichkeit dieser „langsamen“, intensiven und kontinuierlichen Behandlung haben, auch dank dem unerschütterlichen Engagement der Dressing-Room-Schwestern…


15 Kommentare

Vorbereitungen – Getting prepared

Besuch in Elkes buntem Spielwarengeschäft: da ich Anfang nächsten Jahres wieder mit German Doctors zum Arbeiten nach Afrika gehe, wollte ich mal schauen, was ich ein paar Kindern im Slum mitbringen kann. Das ist gar nicht so einfach, finde ich, obwohl der Laden eine herrliche Fülle von Spielgelegenheiten birgt!

Erstmal scheidet eigentlich alles aus, was in Deutsch verfasst ist, Bücher und Spiele. Für ein paar wenige Bücher, die nur Bilder haben, bräuchte man eigentlich jemand, der sie mit einem anschaut. Das ist, bei den gestressten Eltern oder Grosseltern, so es denn überhaupt welche gibt, nicht voraussetzbar. Vielleicht die Geschwister? Ebenso wie bei den tollen Situationskarten ohne Text, die aber so angelegt sind, dass man darüber sprechen kann.

Dann ist zu bedenken, dass in einer Wellblechhütte von 10qm mit spärlicher Beleuchtung, in der bis zu 6 Personen leben, eigentlich kein Platz für Spielzeug ist. Ein Puzzle mit 500 Teilen ist also schonmal nicht passend, obwohl mindestens 6 der 10 Kinder einer Familie Spass daran haben könnten. Aber die drei Kleinen könnten die Teile verschlucken… Aus einem Regal strahlen mich glitzernde Flummies an. Auch brauchbar für eigentlich alle Altersgruppen, aber wo es keinen geraden Boden gibt ausser gestampfter Erde, eigentlich auch keine Freude. Und ein einziger, wird der nicht zum kostbaren und umkämpften Teil? Ein grösserer Ball? In der Hütte sicher nicht, vor der Hütte, wo ca. 1m Platz bis zur nächsten Hütte ist, auch nicht.

Pustefix, wunderbar, ich denke an die Seifenblasen, die wir im letzten Jahr produziert haben, in der Enge der Gassen, zunächst mit 3 Kindern, dann mit 8, irgendwann mit 14, und es wurde immer enger, und schliesslich haben sie darum gestritten, wer pusten darf, und haben die Hälfte der Seifenlauge im Drängeln verschüttet, weil jeder einmal hinein pusten wollte, und dann waren es 20 Kinder, und nicht mehr genug Flüssigkeit, und auch einiges an Enttäuschung, innerhalb von 10 Minuten ist ein Behälter aufgebraucht. Da braucht es schon ein paar Flaschen.

Immer wieder fragt mich auch mal jemand, ob ich nicht einen Teil der  Plüschtierliga aus einem Kinderzimmer nach Afrika umsiedeln könnte.  Einer Familie mit 6 Kindern kann man schlecht ein einziges Plüschtier schenken. Das müsste man sich teilen. Und für 6 Plüschtiere ist die Hütte zu klein. Und was kann man damit anfangen? Nicht wirklich viel.

Klasse sind natürlich immer Stifte und Papier. Beim letzten Mal hatte ich einige dabei. Die Sozialarbeiterin sortierte daraufhin jeden zweiten Stift aus dem 20-Farben-Paket heraus, damit es für zwei Familien reicht, die Hefte werden in zwei Teile geschnitten, damit die doppelte Anzahl dabei heraus kommt. Und dann sorgsam weggepackt, denn all das ist so kostbar, dass man es nicht einfach herumliegen lassen kann als Angebot, damit wann man will zu spielen.

Ich bleibe bei den kleinen Puzzles mit 20-30 Teilen. Drei rosa Prinzessinnen vor einem Schloss passen, finde ich, nicht. Aber da gibt es wunderbare kleine Legespiele, wo man tropische Tiere ihrer Nahrung und ihrem Lebensraum zuordnen soll, ohne Geschriebenes, einfach schöne Bilder zum Kombinieren. Ob die Kinder in Mathare wohl schon einmal eine echte Giraffe oder ein Nashorn gesehen haben?  Wenn das Geld kaum zum Essen reicht, dann schon gar nicht für den Eintritt in einen der Tierparks.

Ich merke, wenn ich zu viel darüber nachdenke, was passen könnte, was nicht zu Konkurrenz oder Streit führt, was nicht den Kontrast zu stark hervorhebt zwischen Nichthaben und Haben, kommt am Ende garnichts dabei heraus. Also werfe ich mein Herz voraus, kaufe 4 kleine Puzzles (zu einem Preis, den man den Eltern nicht verraten dürfte, denn eine Familie könnte eine Woche lang davon zu essen kaufen) und hoffe, dass dieser winzige Bruchteil von Kindern Spass daran hat…

A visit in Elke’s colorful toyshop: since I will  work in Africa again next year, I wanted to check if I can find useful presents for some of the slum-children. Which is not easy, though there is a large variety of beautiful invitations to play and learn in this shop!

First: games and books in german are not really satisfying. Some fortunately are without words, but there should be company to explore them – if there are parents or grannies, they should not be absent at work, worn out and too tired. 

Then I should keep in mind, that there is so little space in a hut of 10 square meters, where up to 6 people live with only a dim light. No puzzle with a lot of pieces will fit, though almost all ages could have fun with it. Small glittering rubber balls smile at me from the shelves, but if the ground is uneven, not really a joy. And if I give only one, will it not be a precious treasure, that has to be hidden, that it will not be stolen? What about a large ball? No space in the hut and not in front of it, where the next hut is only one meter away.

Soap to make bubbles is great! I remember our bubble production of last January, starting out with 3 children in the narrow streets after work, then with 8, and after a short time with 14 children, shoving, fighting, knocking the soap-tin out of each others hands, because everyone wanted to blow and catch the bubbles, and half of the soap was spilled, and finally, after 10 minutes, with then 20 children, there was no more soap, and some were very disappointed.

Sometimes I am asked by a german mother to take some of the plush animals of their children over. There are few children and too many plush animals around here. But – if I give one of these toys to a family with 6 children, it will not be enough. Six children sharing one velveteen rabbit? If I give 6 it is too much: not enough space. And there is not much, that it can be used for…

Extraordinarily useful are color pencils and paper. I brought some last year and the social worker took every second pencil out of the package of 20, so that two families could profit.  Also copy-books are cut in two pieces to serve the double amount of children. And are put away in a special place, since they are precious and not for everyday-use.

I stay with the small puzzles with 20-30 pieces. The three pink princesses in front of their castle might not be the right choice, but there are beautiful ones with jungle animals which have to be taken into their bush- or savanna-homes and be combined with the meals they usually take (who of the children themselves ever gets a steak and so many fruits for a meal? And will they ever be able to pay the entrance and get a chance to see a real giraffe or rhino in the game-reserve?).

I notice: I should not think too much about what will fit, what might lead to disappointment, what makes the contrast between poverty and being rich more painful. Otherwise nothing remains. So I throw my heart ahead and buy some of the small puzzles (and the mothers should never be told for which price – the whole family could have enough to eat for one week from selling it), hoping, the few children out of the many will have fun with it…


2 Kommentare

Nachrichten von Peter – News from Peter

News from Peter

Back home in Germany. The surgical colleague who took my place when I left, tells me about Peter. Two weeks before the time of immobilization of his unstable femur-neck-fracture would be finished, the plaster was broken again. The surgeon tried to fix it a second time,  improvising with a piece of wood that he integrated into the construction. Soon Peter reported too much pain, and now he wanted to get rid of the cast. 

The x-ray control showed, what we all had expected deep in our hearts – there are no signs of healing. What to do? The surgeon, confronted with the daily catastrophes at Baraka Health Center, with the lack of money and other resources, that keep young patients handicapped, immobilized and out of work, feels helpless in some way. And so do I. Who will pay for the available, but too expensive help? And if someone would pay just for this patient, what about all the others? Especially the young fathers and mothers who are not able to work any more, for those who will die without a certain treatment? And all the other patients which are brought into our clinic every day who will stay suffering because of the lack of money, but at the same time do not complain, do not show impatience, and try to improvise and manage their life in any possible way, being incredibly brave?

Being back in the german medical system, where so much is possible and paid, I experience so many impatient and unfriendly patients. Being thankful, even if there has been one hour of waiting time, before any available help is applied, doesn’t seem to be a common skill. Traveling between the worlds makes it hard to take, when such a high level of medical all-round-treatment is taken for granted…

Nachrichten von Peter

Ich bin wieder zuhause in Deutschland. Der chirurgische Kollege vor Ort, der mich abgelöst hat, berichtet von Peter.  Noch bevor er die 12 Wochen Liegezeit im Becken-Beingips  bei instabiler Schenkelhalsfraktur zuhause in seinem Einraum-Wellblechverschlag ohne Fenster vollends hinter sich gebracht hatte, war der Verband wieder gebrochen. Der Kollege verstärkte ihn erneut, diesmal zusätzlich improvisiert mit Einbau von einem Holzstück. Doch schon bald meldete Peter, er habe zu grosse Schmerzen, das Gebilde müsse abgenommen werden.
Ein Kontrollröntgenbild zeigte, was wir vermutlich alle erwartet hatten: keine Heilungstendenzen. Und nun? Der Kollege, vor Ort mit den täglichen Katastrophen konfrontiert, die mit einem besseren Geldpolster oder einer suffizienten Krankenversicherung so lösbar wären, dass die betroffenen, noch jungen Patienten wieder einsatz- und arbeitsfähig wären, ist ratlos. So wie ich auch. Wer würde die Kosten übernehmen? Und wenn man das Geld aufbrächte, nur einmal für diesen einen Patient, blieben so viele Fragen quälend offen: warum gerade dieser Patient, der immer wieder dem Alkohol zugeneigt ist? Müsste dann nicht auch dem Familienvater, 40jährig, mit den beidseits gebrochenen, nicht geheilten Unterschenkelknochen, eher die OP finanziert werden, denn er kann ja nicht einmal stehen, sondern nur noch im Rollstuhl sitzen? Und was ist mit den vielen anderen, die sich täglich durch unsere Sprechzimmer schleppen, tapfer und ergeben, nicht offen hadernd mit den Umständen, aber immobilisiert, behindert, lahmgelegt nur durch den Mangel an Geld?
Und, wieder eingetaucht in die deutsche Medizin, die so unendlich viel ermöglicht und sogar bezahlt, zuweilen auch doppelt und dreifach, erlebe ich viele Menschen ungeduldig, vorwurfsvoll und unzufrieden.
An dieser Stelle ist der Wechsel zwischen den Welten schmerzhaft, kantig, stachelig.


4 Kommentare

African Ladies – Dolphine

When Dolphine was a little girl, living with her parents on the countryside, she would not have dreamed of how many children would there be in her own home thirty years later. When she was getting older, everything seemed to go the usual way – a young man asked her to marry him, they had children. And then, one day her husband presented her a new young lady he preferred to live with from now on.  

Dophine suddenly was a single parent of eight children. It was a hard struggle, even with ukimwi, the disease, becoming a major issue. One of her sisters died of HIV and left her children, Dolphine took them into her home in Mathare. Another one of her sisters died and also her children joined Dolphine’s growing family.

How did she cope? Make a living? She started work at the German Doctors‘ feeding program, took courses and became a community health worker. She rented another small hut, now there was one for the girls and her  and one for the boys. A sick child was left at the feeding program, the mother went away. What to do with the little one? Dolphine took the child to stay with her. It is important to belong somewhere. And Dolphine is member of a women’s group: to discuss ladies‘ issues, to help each other, to overcome the stigma of being poor and alone. To become able to say: I am proud of what I can do.

Now she is 52 years old. What is her dream, where does she want to be in 10 years? To have a house on the countryside, she explains, to be able to do a bit of farming with her own hands, having her own soil to plant. But, on the other side – having all her children in good schools here in Nairobi is the advantage of staying. Though Mathare is so crowded, that there is hardly space for a flowerpot. Getting a good education is much more difficult on the countryside.

On the family picture there are still some of Dolphine’s children missing who were busy at other places when I came for the visit: Stephen, Edwin, Juliet, Esther, Mary and Seline may be present here at least with their names……

Als Dolphine noch ein kleines Mädchen war und mit ihren Eltern auf dem Land lebte, hätte sie sich sicher nicht träumen lassen wie viele Kinder sie einmal in ihrer Familie haben würde. Als sie grösser wurde, schienen die Dinge in gewohnten Bahnen zu laufen: ein junger Mann bat sie, seine Frau zu werden, sie bekamen Kinder. Und dann, eines Tages, beschloss der Ehemann, mit einer jüngeren Frau zusammen zu leben, und Dolphine war mit einem Mal alleinerziehende Mutter von 8 Kindern. Harte Zeiten folgten, nicht zuletzt, weil Ukimwi, Aids, zunehmend ein Thema wurde. Eine von Dolphines Schwestern starb und hinterließ ihre Kinder. Dolphine nahm sie zu sich. Eine weitere Schwester starb, auch ihre Kinder nahm sie auf.

Wie kam Dolphine zurecht? Wie finanzierte sie ihre wachsende Familie? Sie begann mit der Arbeit in der Armenküche der German Doctors, belegte Kurse, qualifizierte sich zur Gemeinde-Gesundheitshelferin. Sie mietete eine weitere Hütte in Mathare,  nun gibt es eine für die Mädchen und sie und eine für die Jungs. Ein Kind wurde in der Armenküche zurückgelassen. Die Mutter war nicht mehr auffindbar. Dolphine nahm die Kleine zu sich. Es wichtig, irgendwo dazu zu gehören….

Nun ist sie 52 Jahre alt. Was wünscht sie sich für die Zukunft? Ein Haus auf dem Land zu haben, sagt Dolphine, mit ihren eigenen Händen etwas anbauen zu können. Allerdings, räumt sie ein, ist es für die Kinder hier in Nairobi viel einfacher, eine gute Ausbildung erhalten zu können. Auch, wenn in Mathare nicht mal Platz genug für einen Blumentopf ist. Aber später vielleicht…

Ein wichtiger Ort ist auch die Frauengruppe, zu der Dolphine gehört. Dort werden Frauenanliegen besprochen, man hilft einander, macht einander Mut, trotz Armut und harten Bedingungen sagen zu können: ich bin stolz auf das, was ich tun kann.

Als ich zu Besuch kam, fehlten immer noch ein paar der Kinder zu einem vollständigen Familienfoto. Auch wenn Stephen, Edwin, Juliet, Esther, Mary und Seline hier nicht zu sehen sind, seien sie zumindest beim Namen genannt….


Hinterlasse einen Kommentar

Mathare – Hausbesuche mit Rose. Kontraste.

Ein fliederfarbenes Kostuem, dazu flache, bequeme Sportschuhe in Hellgruen. Rose, kugelrund, ist langjaehrige Sozialarbeiterin, ehemalige Matharebewohnerin und fuer den Marsch durch das Pfadelabyrinth gut geruestet.

Bis in die Felsen am Rande des Tals hineingebaut, jeder Meter, der als Baugrund zu haben ist, genutzt, reiht sich Wellblechverschlag an Wellblechverschlag. Keiner wie der andere, jedes Bauwerk individuell zusammengesetzt aus Wellblech, Abfallmaterial, alten Schildern, Plastikplanen, Brettern. Aneinandergefuegt mithilfe von Naegeln, die teils mit Kronenkorken unterpolstert sind, um die Bleche nicht auszureissen. Farbspuren, hier und da Malerisches zur Verzierung. Schriftzuege. Nummern.

Schmal sind die Durchgaenge, felsig, sandig, mit nicht wiederverwertbarem Muell uebersaet, von trueben Abwasserrinnsalen durchzogen, von Waescheleinen ueberspannt. Ueberall ist jemand am Waschen, und es ist Ehrensache, es sich zumindest ausserlich nicht anmerken zu lassen, wo man wohnt.

Rose hat einen Leinenbeutel mit wichtigen Dingen geschultert. Ein paar Malariamedikamente, etwas gegen Schmerzen, das dreieckige Holzkaestchen mit Luecke an einer Spitze zum Tablettenzaehlen, die auszufuellenden Formulare der registrierten Tuberkulose- und HIV-Patienten. Ein grosses Stofftaschentuch, um die Schweissperlen von der Stirn zu wischen. Ihr taeglicher Gang durch Mathare ist ein langsamer, denn Rose kennt unzaehlige Menschen. Hier ein Gruss, dort ein Haendedruck, hier eine Ansprache, dort ein Rat. Besorgte und lachende Gesichter. Wie anderswo auch.

Erstes Ziel auf dem Weg ist eine Familie, bei denen neben dem freundlichen Gespraech, wie es geht, die Tabletteneinnahme kontrolliert werden muss. Vater, Mutter und jugendlicher Sohn – alle drei aidskrank und auf Tuberkulosetherapie, leben gemeinsam auf ca. 9qm, die nocheinmal durch einen Vorhang in Sitz- und Schlafbereich unterteilt sind. Als Tapete dienen alte Zeitungen oder Plasiktueten, im besten Fall eine Gardine, die Habseligkeiten sind im Raum und an den Waenden aufgestapelt. Waschbuetten, Koffer, Geschirr, Kleidung in Saecken. Ein Durchgangsquartier eigentlich, so war es einmal gedacht, und wird fuer manche doch zur dauerhaften Behausung.

Der alte Vater ist stark erkaeltet. Ein Problem, das noch einfach zu loesen ist und deshalb nur am Rande gestreift wird. Wichtiger ist die regelmaessige Einnahme der HIV- und Tuberkulosetherapie. Die Tabletten werden gezaehlt, mit den Vorstellungsterminen in der Klinik verglichen und in einem Formblatt eingetragen. Rose ist streng. Wenn auch nur zwei Einnahmen nicht erfolgt sind oder eine Tablette zu wenig ist, werden Termine verschoben und, wie sie selbst spaeter schmunzelnd erklaert, Stress gemacht. Das Risiko, eine multiresistente Tuberkulose, eine HIV-Therapie, die nicht mehr anschlaegt, ist zu hoch. Aber Rose lobt auch – der Sohn der Familie, jetzt wieder in viel besserem Zustand als noch vor einem halben Jahr, lagert die Medikamente ordentlich sortiert in einem Holzkaestchen. Da gebe es ganz andere Patienten, sagt Rose und der junge Mann strahlt.

Es geht weiter zwischen Blechwaenden, unter Waescheleinen hindurch. Ein Huhn ergreift die Flucht. Drei Maedels, schmuck frisiert und in Schuluniform, wollen Haende schuetteln. Naechste Station ist der Verschlag einer alten, herzkranken Dame, Ihre Huette ist aehnlich aufgeteilt, sie wohnt hier zusammen mit ihren vier Enkeln, nachdem beide Eltern gestorben sind. Auch hier ist alles sauber und ordentlich, wenn auch aermlich und karg. Die alte Dame traegt ein graues T-shirt mit drei aufgestickten Giraffen, fleckenfrei und fein gebuegelt. Sie sei in Sorge um die Enkel, sagt sie, die Lehrer streiken, die Schule faellt aus. Was, wenn die Enkel nicht den Weg heraus aus der Enge und Armut schaffen? Rose schaut sich die Tabletten an, die in einem Stoffsaeckchen aufgehoben werden. Alles ist noch genuegend vorhanden.

Der Trampelpfad, jetzt eine Kletterpartie bergauf ueber Felsbrocken, Kuechenabfalle und alte Plastiktueten, fuehrt zu einer jungen Mutter hinauf, die mit fuenf Kindern auf den denselben 9 qm wohnt. Das kleinste, gerade 8 Monate alt, hat ein kummervolles, wenn auch gut genaehrtes Gesichtchen und sitzt lethargisch am Bettrand. Spielzeug gibt es keins. Zeit zum Spielen und Weltentdecken ist kaum. Die naechstgeborenen Maedchen spielen Handabklatschen. Ein groesserer Junge steht vor der provisorischen Tuer und schaut nach einem kleineren, der nackt und sandig auf der blossen Erde sitzt. Die Mutter ist mager, hat aber ein offenes und klares Gesicht. Die Huette ist ordentlich und sauber. Die Tablettenzahlen fuer die HIV- und Tuberkulosetherapie stimmen exakt. Nur die Haende machen ihr Sorgen, die Arthritis der Fingergelenke bringt sie noch um die Arbeit als Waescherin. Wie solle es weitergehen, wenn sie nicht mit ihren Haenden arbeiten kann?

Draussen treffen wir einen jungen Mann, voellig verschwitzt, aus der Nachbarhuette. Er hat ein neues Motorrad gekauft, noch sind die Lenkergriffe mit Plastikfolie ueberzogen, es strahlt und glaenzt. Er will sich als Taxifahrer selbstaendig machen. Jetzt wuchtet er das gute Stueck hinauf zu der der Huette seiner Familie.

Es geht weiter zu einem Paar mit zwei kleinen Jungen. Die rohen Waende sind mit schwarzen Plastiktueten bedeckt, auf dem Kohleoefchen ist gerade der Maisbrei fertiggeworden. Die vier Zahnbuersten der Familie schauen wie kunterbunte Stengel aus eine Schale, die auf der kleinen Stereonanlage ruht, aus den Lautsprechern scheppert  Musik, in der die Sonne scheint. Rose ist stolz auf den Familienvater, der seine Medizin ordentlich nimmt und mit dem Trinken aufgehoert hat. Sieht man die Menschen ausserhalb ihrer Umgebung, wuerde man keine Wohnung wie diese erwarten. Gepflegt, sauber, in gewisser Weise selbstbewusst. Auch die Vorstellung in unseren Behandlungszimmern in der Klinik erfolgt stets in der besten Kleidung, sehr gepflegt und frisch gebadet. Solange Ordnung  und Schoenheit anwesend sind, dist die Hoffnung nicht unterzukriegen.

Weiter geht es, hinaus aus der bruetenden Hitze des kleinen Raumes, nach draussen. Wir kreuzen die Hauptgasse, wo sich viele winzige  Laedchen aneinanderreihen. Hier kann man Guthaben fuers Handy, dort ein paar Bananen, kleine getrocknete Fische und frisches Gebaeck kaufen.

Auch bei der naechsten kleinen Familie im Wellblechbau hat Rose ein Auge fuer das, was gut klappt und lockt es auch mit Vergnuegen zum Vorschein. Der Familienvater kann nicht mehr laufen  und nur noch muehsam sprechen. Eine HIV-assoziierte Kryptokokkenenzephalitis hat ihm die Mobilitaet genommen und teilweise die Sprache verschlagen. Er spricht langsam und schwer verstaendlich. Aber die beiden kleinen Maechen, fein und farblich Ton in Ton gekleidet, sind gesund, da beide Eltern sehr verlasslich die Medikamente nehmen und die Mutter damit eine Uebertragung von HIV in der Schwangerschaft verhindern konnte.

Ob Rose ihre Besuche angekuendigt habe, frage ich sie draussen? Nein. Alle sind unvorbereitet, sie melde sich nicht an. Es ist nicht eine Fassade, was ich sehe, sondern der taegliche Versuch, sich im Elend ein Stueck Wuerde zu bewahren.

Letztes Ziel ist wieder eine sehr hagere Grossmutter, die ihr kleinstes, jetzt krankes Enkelkind auf dem Schoss haelt. Von weit im Norden stammt sie, spricht gut englisch und hat auch bisher gut fuer die Kleinen sorgen koennen, im Moment ist es aber gerade ein bisschen viel an Herausforderungen, sagt sie, und sieht sehr muede aus. Die zwei eigenen Enkel- und zwei Nachbarskinder  sitzen still auf dem abgewetzten, blauen Sofa, aus dem an den Seiten die Fuellung heraushaengt und schauen aengstlich auf die beiden Besucher, immerhin ist eine Weisse mit vier Augen (also mit Brille) dabei. Es ist heiss und stickig in dem dunklen Raeumchen, durch die Loecher in den Blechwaenden scheint die Sonne wie Sterne am dunklen Nachthimmel.  Das Kleinste ist quaengelig, glueht vor Fieber. Rose beschliesst kurzerhand, die beiden mit nach Baraka zu nehmen. Wir machen uns auf den Weg zurueck zur Klinik. Gut, jemanden dabei zu haben, die den Weg durch das unuebersichtliche  Wegelabyrinth kennt.

Mathare Valley zu beschreiben, ist nicht einfach. Kein einzelnes Adjektiv trifft nur allein zu. Das Glas ist zugleich halbvoll und halbleer. Die Umstaende sind grauenvoll und doch gelinget es immer wieder auch dem einen oder anderen, das beste daraus zu machen. Es ist moeglich, kaum etwas zu haben und trotzdem mit dem Winzigkleinen etwas neues zu versuchen. Und wenn es nur der Verkauf von kleinen Erdnusspaeckchen ist, oder einer Handvoll Fische. Es gilt, nicht angesichts des Wenigen zu kapitulieren, sondern die Hoffnung nicht aufzugeben. Man koennte schreiben:“ Das Elend ist unueberschaubar. Es erschaegt und laesst verstummen“.  Das stimmt wohl, ist aber nur die Haelfte des Ganzen. Man  koennte auch schreiben: „Ueberall sind wohl Muedigkeit, aber auch kleine Spuren von Hoffnung zu finden, an Orten und in Gesichtern, und der Wille, das Wenige zum Guten und auf Zukunft hin zu gestalten.“ Auch das ist wahr und nicht zu uebersehen, wenn man nur genau hinschaut…


2 Kommentare

Geburt unter Armutsbedingungen

Die Geburt – Hochrisiko (den hygienischen Bedingungen in einem Kuhstall geschuldet). Kein Gynäkologe weit und breit, der den Impfstatus oder die aktuellen Ultraschallergebnisse abfragen könnte. Eine Hebamme? Pustekuchen. Heisses Wasser und saubere Tücher? Wohl eher nur letzteres. Immerhin. Die Mutter: auf der Flucht. Der Vater ebenfalls. Und Schreiner von Beruf. Wusste der wohl, wie man eine Nabelschnur abbindet? Kein Bettchen von babylove oder yakoo. Lediglich ein Futtertrog für das Vieh. Und dann die ersten Besucher: wilde Kerle, vermutlich unrasiert, mit Schafaroma. Und dann die drei wohlhabenden Ausländer, einer schwarz, alle von sehr weit her. Sprachbarrieren: garantiert vorhanden. Das erste Weihnachten. Gott kommt als Kind auf die Erde. Die Umstände überzeugen mich. Er weiss, wie sich Armut und Flucht anfühlen.                                                     Ihr Lieben alle, ich wünsche Euch von Herzen Weihnachten

Giving birth under high risk circumstances – thinking about hygiene conditions in a stable. No gynecologist present to check the vaccination status or the last ultrasound results. A midwife? Nowhere. Hot water and clean sheets? Probably only the last. At least. Mother is a fugitive. Father also. And he is a carpenter. Would he have known how to cut the umbilical chord? No cradle. Just a feed box for cows. And then, the first visitors: wild guys, not shaved, with the odor of their sheep. And then those three guys from far away, rich, one of them black. Understanding of the spoken word not guaranteed. The first christmas. God comes to his world as a child. These circumstances have my high respect. God knows what poverty and insecurity feel like.                   Dear friends around the world, I wish you christmas in your heart!


Hinterlasse einen Kommentar

Ebola IV

Die aktuelle Presse zeigt sich z.Zt. wortkarg bzgl. der Seuche. Dennoch auftauchende Fotographien sind dominiert von der Figur des im weissen oder gelben Schutzanzug verborgenen Helfers, der hier und dort als Held bezeichnet wird. Eilmeldungen vereinzelter Infektionen in der übrigen Welt sind von ausführlicher Berichterstattung begleitet. Der Fokus liegt auf den Folgen für die reichen Länder.

Ich vermisse die Gesichter und Stimmen der Betroffenen: der Kranken, ihrer Angehörigen und derer,  die keine andere Wahl haben, als in ihrem Heimatland unter den aktuellen Bedingungen tapfer die Stellung zu halten, in einer Zeit, da die Lebensmittelpreise dramatisch steigen, die Handelswege blockiert, die Schulen geschlossen sind und die Gesundheitsversorgung zusammengebrochen ist. Ganz zu schweigen von dem Verbot, einander zu berühren und die Kranken und Sterbenden so, wie es immer Brauch war, zu versorgen und zu bestatten.  Noch immer liegt  die Übertragungsrate der Krankheit über 1 und es ist lediglich ein Viertel der Betten vorhanden, die gebraucht werden, um die Kranken zu versorgen. Menschen sterben an zuvor behandelbaren Krankheiten wie Malaria und Geburtskomplikationen, weil Gesundheitszenten geschlossen sind.

Der Kontakt zu den einheimischen Mitarbeitern im German Doctors‘ Projekt in Sierra Leone ist nach wie vor intensiv. Das örtliche Team hält die Gesundheitsversorgung, so gut es geht, in Serabu aufrecht. Patienten werden Kosten erlassen, Nahrungsmittel verteilt. Pläne werden erstellt, die benachbarten Gesundheitsstationen, zum grössten Teil geschlossen, wieder fit zu machen und mit Material und Wissen zu versorgen. Leitlinien werden für die veränderte Situation erarbeitet. Mit hohem Respekt sehen wir, wie das einheimische Team die Arbeit auf gutem Niveau weiterführt.  Es bleibt zu hoffen, dass der Ebolaausbruch nicht irgendwann, wenn die übrige Welt sich wieder sicher fühlt, unter „ferner liefen“ abgelegt wird, wie so viele Gesundheitsprobleme der weniger finanzkräftigen Welt zuvor.

Right now the international press is rather taciturn about Ebola. Reports are dominated by the impressive figures of health workers in white or yellow protection suits, sometimes called heroes. The rare cases of infection in countries of the „first world“ are reported immediately and followed thoroughly.  

 I miss the faces and voices of the sick, of their relatives and colleagues. Of those who don’t have a choice then to stay and struggle under the worsened circumstances like broken down health systems, dramatically increasing food prices, closed schools and blocked travel routes. Not to speak of the order not to touch each other any more or to follow the ancient rules of honoring those who have died.  

Staying in touch closely with the local staff at German Doctors‘ project in Sierra Leone we try to catch up with the changing situation and needs. Patient-fees are lowered, food supplies given. The lokal health posts, most of them closed, are going to be included in the teaching outreach and support with protection equipment. Guidelines are founded how to continue. With high respect we see the local team stay and continue the hospital work on a good level.  Let’s hope and try that the welfare of the west african people stays a major issue, even if the ‚first world‘ feels protected well again.


Hinterlasse einen Kommentar

African Lady

Diese ältere Dame aus Uganda freute sich über die Fotografin, die gar nicht so sicher war, ob ihre Knipserei willkommen ist.  „Wir dachten schon, du hättest keinen Foto dabei“, meinten sie. Sie sind stolz auf ihr Dorf, ein bizarres Kunstwerk aus Holz.

This elderly lady was proud to be on the picture while I was not so sure if my taking pictures was welcome at all. “ We wondered, if you had forgotten the camera!“ the ladies said and laughed. The village itself is a work of art….