sabinewaldmannbrun

Farbe. Linie. Sehen.


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!Jubilaeum!

In diesem Jahr runden sich 20 Jahre, in denen German Doctors (zu Gruenderzeiten noch „Aerzte fuer die Dritte Welt“ genannt) den einheimischen Mitarbeitern im Baraka Health Center zur Seite stehen. Denn nach wie vor scheint es fast ein Ding der Unmoeglichkeit zu sein,  einheimische Aerzte zur Verstaerkung des Teams zu finden, die willens sind, vollzeitig mitten im Slum zu arbeiten.

So sind sie immer noch da, die (aktuell fuenf)  Wazungu, die den aerztlichen Blick auf die Arbeit beitragen und natuerlich das vielfaeltig geknuepfte Netz aus der Zentrale in Bonn.

Bereits Tage und Wochen vorher liefen die Vorbereitungen auf Hochtouren – der Staffchoir probte nach Dienstende im Wartebereich der Patienten, die Julileeblusen wurden verteilt, Anweisungen gegeben, geplant, gebacken, gerechnet, dekoriert, etc. etc.etc. und: daraus entfaltete sich ein rundes, buntes, bestens aus einheimischer Hand organisiertes Fest mit nahezu 1000 (!) geladenen Gaesten: eine kleine  Handvoll Weisse, der gesamte einheimische Staff, die kenianischen Kirchenverteter des katholischen Traegers, eine groessere Gruppe von Patienten und Mitarbeitern des Sozialdienstes im Slum, eine Gruppe von Musikern, dem Trommel-Ensemble von Mathare Youth, Theater, Wortbeitraege und immer wieder Tanzeinlagen fuer alle.

Zwar wurde im Vorfeld hier und da angezweifelt, ob die Weissen den richtigen Hueftschwung mitbringen wuerden (die Bedenken erwiesen sich als unbegruendet), aber schliesslich waren alle rundherum begeistert, nicht zuletzt auch von dem koestlichen Mittagessen und dem gruenweissen Riesenkuchen im German Doctor’s Look, die problemlos fuer alle gereicht haben.

Wer sich nun fragt, ob es nach 20 Jahren nicht endlich an der Zeit ist, das Projekt auf eigenen Beinen stehen zu lassen, sollte wissen, dass die Arbeit vor Ort genauso vom Hoeren und Warten gepraegt ist wie vom immer gemeinsamen Gesprach ueber den Stand der Dinge und der Balance zwischen Halten und Lassen. Vieles geschieht parallel, vieles ist in Entwicklung, viele Fuesse finden Raum zum selbstaendigen Stehen und vieles hat sich geformt und entfaltet.

So ist die Dynamik beim genauen Hinsehen deutlicher erkennbar als ein passives Gehaltenwerden – und darin ist vieles moeglich…

Mehr Projektinfos: http://www.german-doctors.de

Danke an Chantal fuer das Foto!

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Das Knie von Onesimo

Einer von zahlreichen Patienten am Dienstagmorgen ist Onesimo. Er hinkt, ein Bein nachziehend, auf einen Holzpflock gestuetzt herein. Die Anamnese erweist sich selbst fuer meine Uebersetzerin als nicht ganz unkompliziert, irgendwie scheint er ein wenig durcheinander zu sein, schwitzt stark, ein Auge ist geroetet. Langsam zeigt sich ein roter Faden: Onesimo ist am Abend zuvor ueberfallen worden, hat nach einem Schlag ins Gesicht das Bewusstsein verloren, jetzt schmerzt das linke Knie und ist stark geschwollen.

Nun waere es gut, jemanden zu Rate ziehen zu koennen, der ihn ein wenig kennt, um heraus zu finden, ob er wegen einer Schaedelverletzung so neben sich ist, oder ob man dies schon von ihm kennt. Aber es gibt, so meint er, keinen, er hat keine Angehoerigen in der Naehe und ist erst vor kurzem von „up country“ angereist. Nachdem ich ihn untersucht habe, schreibe ich eine Liste, was zu tun ist. Rose, die Sozialarbeiterin dazu bitten – denn wie soll er mit diesem Knie ohne Unterstuetzung zum Roentgeninstitut gelangen? Das Labor ist wichtig: hat er von zuhause eine Malaria mitgebracht? Und er braucht Gehstoecke, hat aber kein Geld dafuer, sagt er – darum kuemmert sich Headnurse Lilian. Und dann braucht es ein Schmerzmittel und etwas zu trinken, und schliesslich organisiert Rose zwei Community Health Worker, die ihn im Ambulanzfahrzeug zum Roentgen bringen,  nachdem die internistische Kollegin ihn noch einmal in Augenschein genommen und die  Laborwerte sich als unauffaellig erwiesen haben.

Das Roentgenbild zeigt, viel spaeter am Tag, eine Tibiaplateaufraktur mit leichter Verschiebung. Onesimo will keinesfalls ins Krankenhaus, viel zu teuer sei das fuer ihn. Daher machen wir zu viert (die Chirurgin und drei starke Maenner) den Oberschenkelgips. Jetzt ist eigentlich so leidlich Ordnung in die Misere gebracht, und auch dem Patient scheint es besser zu gehen als am Morgen. Nur, wie soll er sicher nachhause kommen zu Fuss auf einem Bein, auf den Buckelpfaden von Mathare?

Ich mache mich auf die Suche, ob noch einer der Community Health Worker zu engagieren ist und finde tatsaechlich einen, der gerne mitgehen will. Kaum betritt er den Verbandsraum, in dem der Patient  gerade noch das Balancieren auf einem Bein uebt und sich ueberlegt, dass er eigentlich eine dritte Hand braeuchte, um den nun uebrigen Schuh zu verstauen, geht ein Strahlen ueber sein Gesicht: Onesimo ist sein Nachbar! Das macht die weitere Versorgung deutlich einfacher…

Die Daily Nation findet in diesen Tagen mahnende Worte. Nachdem der „Plasticban“ in Kraft getreten ist, gibt es ueberall Stofftaschen zu kaufen (die duennen Tuetchen, die zwar praktisch waren (sogar als sogenannte „flying toilets“), aber allerorten  – in Baeumen, Wiesen, Fluessen etc. etc. etc. die Umwelt verunziert haben, sind bei Strafe verboten worden). Die Zeitung weist darauf hin, dass man die Stoffvariante auch oefters mal waschen sollte, damit sich keine Bakterien und Pilze darin ansiedeln und dem Kaeufer von Obst und Gemuese schaden koennten…

Weitere Infos unter http://www.german-doctors.de

Danke an Sascha fuer das Foto!


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Zwischenzeiten

Nachdem die Inthronisation des neuen und zugleich alten Praesidenten, ein wenig buckelig zwar, aber doch glimpflich ueberstanden ist (zu diesem Ereignis wurde ein Nationalfeiertag ausgerufen, und wieder musste die Ambulanz geschlossen bleiben) und die Nachwirkungen des Traenengases bei denen, die – zum Teil auch unfreiwillig – in die Naehe der oppositionellen Gegenveranstaltung kamen, ueberstanden sind, kann die Arbeit im Baraka Health Center weiter gehen. Zwar ist zu merken, dass immer noch einige es vorgezogen haben, sich anderswo als im Slum in Sicherheit zu bringen, aber gerade auch in der Chirurgie ist wieder gut zu tun.

Ben hat bei der Arbeit versehentlich das Holz zusammen mit dem Zeigefinger in die Kreissaege geschoben. Ein freundlicher Kumpel stand hilfreich zur Seite und hat das Ganze mit Watte verbunden und in einige Schichten duennen Mulls gewickelt. Am naechsten Tag, als Ben den Weg in die Ambulanz gefunden hat, ist das Verbandsmaterial so mit der Wunde verklebt, dass erstmal eine oertliche Betaeubung noetig ist, um ueberhaupt die Wunde anschauen zu koennen. Es braucht eine Weile, ein Fingerbad mit Betaisodonaloesung und eine feine Pinzette, bis die Reste der Fingerkuppe freigelegt sind, dann aber laesst sich sagen, dass das Ganze doch heilen wird, es ist noch genuegend vorhanden, aus dem Bens Koerper, der jung und gesund ist, eine neue Fingerkuppe rekonstuieren kann. Der neue Verband klebt dank einer Spende eine Firma in Deutschland nun auch nicht mehr an der Wunde fest.

Die 7-jaehrige Rose stellt sich nach Sturz vor einer Woche mit verformtem Handgelenk vor, ja, nickt sie, es schmerzt sehr. Im Roentgenbild ist zu sehen, dass der Wachstumsbereich des Knochens abgerissen und stark verschoben ist – ein Bruch, den wir in der Ambulanz nicht adaequat versorgen koennen, sondern weiter schicken muessen, wenn es wirklich gut werden soll. Meine Uebersetzerin spricht mit der begleitenden Auntie, die nur maessiges Interesse an der Sache zu haben scheint. Die Mutter ist heute nicht abkoemmlich, ein Vater erst recht nicht, aber es muss in diesem Fall unbedingt deutlich werden, dass Rose ihr ganzes Leben lang ein steifes und vermutlich schiefes Handgelenk haben wird, wenn die Knochen nicht wieder in die richtige Stellung gebracht werden und wir den Arm nur eingipsen. Schliesslich schicke ich Rose mit Auntie zu headnurse Lilian. Diese erklaert, wirbt um Einsicht, stellt den Kontakt her zu dem gerade noch ein paar Tage in der Kinderklinik operierenden, europaeischen Gastchirurg her, und mit dieser Klinik gibt es zudem eine Partnerschaft, so dass ein bestimmtes Kontingent von kleinen Patienten zu nur geringen Kosten behandelt werden kann. Und endlich machen sich die beiden auf den Weg. Und schon scheint die Zukunft fuer Rose wieder ein wenig heller…

Die Daily Nation berichtet in diesen Tagen neben der allgegenwaertig heissen Tagespolitik vor allem von den Ergebnissen der KCPE-Pruefungen (Kenia Certificate of Primary Education). Viele Seiten der Tageszeitung sind mit Fotos gluecklicher Schueler und stolzer Eltern gefuellt. Das beste Ergebis im ganzen Land hat ein Albinomaedchen ereicht: 455 von 500 Punkten! Die 14-jaehrige Goldalyn Kakuya macht mit ihrem vorbildlichen Ergebnis vor allem auch denen Mut, die sich wegen koerperlicher Behinderungen oder Auffaelligkeiten benachteiligt fuehlen. Vor allem sei sie „an inspiration to persons living with albinism“, die wegen Stigmatisierung, Aberglauben und der hohen Lichtsensibilitaet in Afrika eine schweren Stand hatten und hier und da auch noch haben. Und ueberhaupt sind die Maedchen auf dem Vormarsch – unter den Kindern mit den besten Abschluessen sind mehr als die Haelfte „young ladies“.

(Danke an Sascha fuer das Foto!)

…mehr Infos: http://www.german-doctors.de

 


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Nairobi…

….wird in den nächsten Tagen wieder mein Ziel sein – jetzt im vierten Jahr, um dort mit German Doctors in unserer Ambulanz mitten im Mathare Valley Slum für 6 Wochen chirurgisch zu arbeiten. Trotz der noch nicht ganz geklärten Turbulenzen und Unruhen um die jetzt zum zweiten Mal durchgeführte Präsidentschafts-Wahl hat das Baraka Health Center geöffnet und das ist gut – so werden die sowieso oft extremen Befunde nicht über Tage und Wochen verschleppt. Wenn das Internet funktioniert, werde ich hier berichten, zudem sind die Berichte der letzten Jahre unter den Stichworten Nairobi, German Doctors, African Ladies etc. zu finden.

…will be my destination again in the next days to join the Baraka Health Center Team and do surgical work there in the middle of Mathare Valley Slum with German Doctors for 6 weeks. It is my fourth year of going  there and this time it doesn’t feel as peaceful as it did in previous  times because of the troubles concerning the now second presidential election in four months. But – our clinic is open and busy, and we are glad about this: so our patients have a chance to get their severe health problems treated at least almost in time. 

http://www.german-doctors.de


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Kenia und seine Wahlen

Nachdem die Präsidentschaftswahl in Kenia in diesem Sommer zwar friedlicher als beim letzten Mal, aber dennoch mit Ausschreitungen, Verletzten und Toten über die Bühne gegangen ist, hat unsere German Doctors‘ Ambulanz im Mathare Valley Slum wieder geöffnet. Da der Slum als „hot spot“ für Auseinandersetzungen gilt mit seinen vielen dicht an dicht lebenden verschiedenen Ethnien, gab es zum Schutz der Mitarbeiter eine Schliessungszeit von 10 Tagen während der Hauptwahltage und danach.

Die Meinungen über die Wahlwiederholung sind ein wenig zwiespältig – neben dem Aufatmen über die weitgehend friedlich abgelaufene Wahl und der Freude über die von der derzeitigen Regierung unabhängige richterliche Entscheidung, sie zu wiederholen, bleiben viele Fragen: wie lässt sich sicherstellen, dass der nächste Anlauf gelingt? Wer wird dann Präsident werden? Und wie werden die verschiedenen Stammesvertreter darauf reagieren?


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Sanaa na upendo – Kunst und Liebe II

…und Konzentration!:)

 

Infos über unsere Arbeit im Baraka Health Center in Nairobi:

https://www.german-doctors.de/de/projekte-entdecken/nairobi


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Sanaa na upendo – Kunst und Liebe

Der Tag ist kunsthandwerklich anspruchsvoll. 11 Gipse sind neu anzulegen, dazu sind 6 Exemplare mit der Gipssaege zu enfernen, dem jeweils neu befreiten Patient zu erklaeren, wie er den in Wochen der Ruhigstellung  muede gewordenen Fuss wieder aufwecken  oder den Arm vorsichtig mit Kokosnussoel massieren und beueben kann, damit die fruehere Feinmotorik wieder zurueck kehrt. Der Mann mit der Saege hat nach kurzer Zeit Schweissperlen auf der Stirn, der Plastikmuelleimer im Dressingroom fuellt sich mit Gipsschalen, so dass wirklich garnichts mehr sonst hinein passt, die kleineren Patienten bruellen wie am Spiess, weil sie noch nicht wissen, dass die kreischende Saege nur Hartes, aber nichts Weiches schneidet.

Waehrenddessen werden die Neuen angelegt – ein Gips muss passen, darf nicht druecken oder zu schwer sein, sollte ordentlich aussehen und zudem fuer die Fraktur  der richtige sein (alles nicht selbstverstaendlich). Ich liebe dieses feine Modellieren, das Handinhandarbeiten, so es denn gut klappt. Und bin froh ueber den einen oder anderen „starken Mann“, der flexibel ein schweres  und mit jeder hinzukommenden Gipsbinde schwereres Bein haelt – insbesondere einen, der heute einen weissen Kittel mit dem Aufdruck „The strong heart of Africa“  traegt, nehmen wir mehrmals in Anspruch.

Bei einer der Ladies finde ich bei den aus dem zu kontrollierenden Beingips herausschauenden Zehen wunderbare Malereien auf den Naegeln vor – sie war in einem Nagelstudio! Pinkfarbene Linien und blaue Puenktchen ergeben ein prachtvolles  Bild am schwarzen Fuss zum  weissem Gips.

„Das ist gut“, sagt Jane Rose, „so fuehlt sich das Bein geliebt nach all dem Stress mit der Fraktur und dem Gips!“

 

…mehr über unsere Arbeit unter:

https://www.german-doctors.de/de/projekte-entdecken/nairobi