sabinewaldmannbrun

Farbe. Linie. Sehen.


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Back to work…

Zurück zu meinen Patienten – steiler Einstieg in eine volle Woche (am 12. postop. Tag). Alle freuen sich, dass ich wieder da bin, die einheimischen Mitarbeiter fragenimmer wieder, wie es geht, lassen mir ein Höckerchen im Verbandsraum frei, dass ich nicht die ganze Zeit im Stehen schreiben muss, eine der Schwestern aus der Triage sagt, sie schätzten sehr, dass ich mit den Patienten helfe, obwohl ich noch nicht wieder so fit sei. Das tut gut und man fühlt sich gleich fitter…

Wie immer ist unser Spektrum bunt und vielfältig, vom Insekt im Kinderohr, das herausgespült werden muss über die vielen Gipse (einige sind bereits seit zwei Wochen überfällig, weil ich nicht da war und keiner sonst sich berufen fühlte, sich in die Akten hineinzuarbeiten) bis zu akuten Bäuchen und noch viel mehr.  An einem Mittag denke ich, ich mache mal für 10 Minuten die Tür und die Augen zu, aber die vielen Patienten vor der Tür wissen, da ist eine Doktorin drin, und die kann eigentlich nur fit sein und ist dafür da zu helfen, und so wird immer wieder die Klinke heruntergedrückt und geklopft.

Rufus, 38 Jahre alt, stellt sich mit einer grotesk geschwollenen Oberlippe vor. Bei genauerem Betrachten zeigt sich, dass es ein praller Abszess ist. Wir erklären ihm, dass unbedingt der Eiter raus und zugleich ein Antibiotikum über die Vene gegeben werden muss, weil die Nähe zu den in den Kopf eintretenden Gefässen ein grosses Risiko beinhaltet. Kein Problem, Rufus positioniert sich cool auf der wackeligen Liege im kleinen septischen OP, aber als die Schwester sich mit der Nadel für den intravenösen Zugang nähert, geht garnichts mehr. Der Patient springt auf, wedelt wild mit den Armen, nein, keine Spritze, auf keinen Fall! Verschiedene der sich einfindenden einheimischen Mitarbeiterinnen versuchen mehr oder weniger laut, ihn zu überzeugen, und ich frage mich: warum? Schlechte Erfahrungen? Aberglaube? Hätte der Witchdoctor etwas einzuwenden? Einfach nur Weichei?

Wir bitten die Vertretung der Headnurse dazu, die mit etwas mehr Sanftmut, aber nicht ohne Taktik an die Sache herangeht, und schliesslich ist Rufus doch bereit, sich auf den venösen Zugang einzulassen. Er habe halt eine Spritzenphobie, wird mir erläutert. Maximal angespannt, die Hand vor die zusammengekniffenen Augen gepresst, übersteht er die Prozedur des Nadellegens dann gerade so.

Ich habe schwere Bedenken, wie es werden wird, wenn ich erst den Abszess eröffne, und bitte vorsichtshalber einen unserer starken Männer dazu, es kommen, vorgewarnt von den Schwestern, gleich zwei, man weiss ja nie, aber dann zuckt Rufus nicht mit auch nur einer Wimper. Da habe er keine Probleme, meint er, jetzt wieder ganz der Coole, ein Schnitt, keine grosse Sache. Nur eben, die Nadeln… Während Inzision, Ablaufen grösserer Mengen Eiters und ausführlicher Spülung  geht dann alles sehr entspannt zu, auch der zweite starke Mann ist längst wieder nach draussen verschwunden.

Patienten in diesen Tagen in ein Krankenhaus zu verlegen, ist nicht ganz einfach, egal, wie schwer krank sie sind. Eines der grösseren Häuser hat Fisteloperateure zu Gast und kann neben deren Patienten keine weiteren mehr aufnehmen, zu zweien unserer anderen grossen Referalhospitals können Patienten nicht mehr mit der Ambulanz gebracht werden, weil es sich (was früher keinen störte) um einen anderen Stadtteil handelt, die Kranken sollen sich selbst auf den Weg machen…

 


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Kleiner kenianischer Selbstversuch

Der erste Arbeitstag ist geschafft mit der gewohnten chirurgisch-bunten Vielfalt, der nächste Tag, Sylvester, bringt Bauchweh und ich schaffe es nicht zur Arbeit. Die Kollegen, die das hier Üblichste vermuten, wähnen mich von der Arbeit aus beim Erholen und Spazieren, aber meine Welt versinkt zunehmend im Schmerz. Abends dann muss sich die Chirurgin dem Offensichtlichen stellen, dass es doch sehr typisch für einen gammeligen Blinddarm aussieht. Also ab in ein Krankenhaus, der freundliche internistische Kollege kommt  mit, zum Glück auch mit einem dicken Bündel kenianischer Schillinge bewaffnet, und das ist ein Glück, denn Behandlung gibts erstmal  nur gegen Cash.  Dass man jetzt, am Sylvesterabend, die Krankenversicherung anruft, verschieben wir erstmal. Die Aufnahme, dass man gesehen wird, kostet nur 20 Euro, die Blutabnahme dann schon 70, und die weiteren Untersuchungen liegen schon über 300.  Der Abend zieht sich in die Länge, das Jahr wechselt, ich habe mich in die Sitzgruppe im Wartebereich gelegt, der Kollege tippt Neujahrgrüsse in sein Smartphone. Um 3 Uhr morgens schliesslich ist meine Verdachtsdiagnose rundum bestätigt und es soll gleich in den OP gehen, allerdings auch gegen Vorauskasse, und jetzt rufen wir dann doch die Krankenversicherung an, die sich netterweise ab jetzt um alles kümmert. Der Kollege fährt nachhause und ich in den OP. Es steht nun wirklich nicht auf meiner Wunschliste, mich in Afrika operieren zu lassen, aber inzwischen will ich nur noch die Schmerzen loswerden und alles andere ist egal. Das ist jetzt auch grösstenteils geschafft, wobei ich mich immer noch frage, wofür das nun wieder gut sein soll, während meine chirurgischen Patienten, für die ich ja eigentlich da sein wollte, weggeschickt werden. Vermutlich kann der Horizont garnicht genügend erweitert werden und auch die Chance, dass die Empathie wächst…


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Viele Farben, ein Bild

  • Am Morgen stellt sich in unserer Ambulanz eine sehr jugendliche Grossmutter mit ihrer Enkelin vor. Das Mädchen habe ein Problem mit den Beinen, ob wir da etwas ausrichten könnten? Sie wird zur Chirurgin geschickt. Das Problem begleite das Mädchen ja sicher schon seit ihrer Kindheit, frage ich vorsichtig. Die Mutter habe sich nicht um das Kind gekümmert, berichtet die Grossmutter. Als klar war, dass es behindert sei, habe es weder in die Schule gehen können noch sonst irgendeine Förderung erfahren. Sie habe allerdings die Hoffnung noch nicht aufgegeben, deshalb sei sie heute hier… Was kann man den Beiden empfehlen? Das Mädchen wirkt intelligent, kommuniziert normal, wenn auch ein wenig verlangsamt, die Hände verfügen über Feinmotorik, und sie hat eine deutliche Gehbehinderung mit Einwärtsstellung der Füsse. Und niemand hat sich je die Mühe gemacht, ihr Lesen und Schreiben beizubringen.

Physiotherapie muss selbst bezahlt werden, sie wird als individuelle Förderung in mindestens zwei Kliniken angeboten, was wiederum einen weiteren Weg beinhaltet. Eine Schulförderung wäre auch möglich, wenn die Familie es denn finanzieren kann. Ratlose Gesichter.  Ob wir erstmal klein anfangen? Die community health workers fragen, ob jemand Zeit hat, ab und zu ein bisschen zu üben, was man mit Buchstaben alles machen kann? Ja, das will sie unbedingt, sagt die Patientin, sie möchte etwas lernen. Und sie fürchte sich auch nicht vor denen, die sie auslachen könnten, wenn es nur langsam geht und länger dauert. Wir finden die Schwester eines in ihrer Nähe wohnenden Sozialarbeiters, die sich das vorstellen könnte. Vier Wochen später erzählt mir dieser, die Beiden übten zusammen. Es gehe voran.

  • Alle zwei Wochen sind wir an der Reihe, unseren Übersetzerinnen eine kleine Fortbildung zu präsentieren. Nachdem wir im letzten Jahr das Thema Rückenschmerzen vertieft und auch ein bisschen, sozusagen prophylaktisch therapeutisch getanzt hatten, soll es dieses Jahr um Antibiotika gehen, finde ich. Haarsträubend ist der Umgang damit, bei jedem „Chemist“ kann man sie kaufen, so weit das Geld reicht, und da oft nicht viel Geld da ist, kauft man auch mal von jeder Sorte 2 Tabletten und nimmt diese. Darunter sind dann Reserveantibiotika, oder auch schonmal Breitbandpenicilline gegen verrenkte Schultern, weil der Chemist rät, bei Knochenbeschwerden könnte da eine positive Wirkung eintreten…

Die Damen sind völlig im Bild. Alle wissen eigentlich, wie Antibiotika gegeben werden müssen, vermutlich wegen der beständig haareraufenden Ärzte, deren Ärger über ultrakurze oder monatelange Therapien ohne Sinn und Verstand sie immer wieder übersetzen müssen. Wir machen einen kleinen Ausflug zu den Bakterien und Viren, wie sie aussehen, wie sie sich unterscheiden. Ich habe zwei Prototypen aufgemalt und erzähle ein bisschen dazu. Da ich immer wieder Fragen stelle, damit die Mittagsmüdigkeit nicht allzu schwer lastet, sehe ich, dass viel Wissen da ist, aber auch noch ein paar Lücken. Ein paar können wir füllen, z.B. wie es zu Harnwegsinfekten bei Frauen kommt oder wies das eine oder andere übertragen wird.

Was macht ihr, wenn Euer Doktor Antibiotika bei einer Erkältung verordnet, will ich zum Schluss noch wissen, denn das kommt durchaus auch mal vor. Die Damen wiegen die Köpfe. Wir sind in Afrika, und da konfrontiert man nicht, man kritisiert nicht. „Only, maybe… ask in a decent way,,,,?“ meint die Mutigste. Den Chemists würde man zuweilen eine deutliche Aufklärung wünschen…

  • Am Nachmittag sind so viele Notfälle da, dass auch die Liegen im Verbandsraum besetzt sind. Im kleinen OP liegt ein Mitarbeiter, dem schlecht geworden ist, und auf der Verbandsliege müht sich der internistische Kollege um einen jungen Mann, der ein Insektizid getrunken hat. Zum Glück hat er die Flasche dabei und sogar das Antidot steht in der Gebrauchsanweisung, aber die genaue Dosierung? Alkylphosphatvergiftungen sehen wir auch in Deutschland nicht alle Tage. Wir rufen kurzerhand in der Giftnotrufzentrale im deutschen Freiburg  an und hoffen, dass dort nicht gesagt wird, man sei nicht auch noch für Afrika zuständig. Dem ist nicht so, der Kollege am anderen Ende gibt die genaue Vorgehensweise zum Mitschreiben durch. Als der Patient endlich verlegt werden kann und das Ambulanzfahrzeug bereit steht, haben wir annähernd 50 mg Atropin in ihn hineingefüllt, dennoch ist der Puls bei um die 80/min, und schliesslich kann er in passablem Zustand in der Klinik übergeben werden.

 

  • Und obwohl es eigentlich genug zu Essen gibt, und Kenia ein fruchtbares Land ist, stellen sich immer wieder unterernährte Kinder und Erwachsene vor. Gut, dass es das feeding center gibt (siehe Bild), und man sogar das Essen verschreiben kann!

 

Infos zum Project unter http://www.german-doctors.de

Danke an die Kollegen für das Foto!


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Gute Besserung!

Bonface hat sich vor 5 Tagen an der linken Hand verletzt, irgenwie ist ihm ein dicker Holzsplitter in den Handrücken geraten. Das Holz ist wieder draussen, aber jetzt tropft der Eiter aus der schmutzigen, 3 cm grossen Wunde, die Hand ist grotesk geschwollen und heiss bis zum Ellbogen hinauf, die Haut schält sich bereits. Zum Glück hat er zuletzt vor 10 Stunden etwas gegessen und auch zu trinken gab es schon lange nichts mehr. Seine beiden Schwestern begleiten ihn, zusammen mit der achtjährigen Nichte mit wilder Wuschelfrisur und feinem rotem Kleid mit Tüllbesatz. Anders wäre er ja nicht gekommen, verraten die Damen, da hätte es schon ein wenig weiblichen Nachdruck gebraucht.

Innerhalb von einer halben Stunde ist der provisorische septische OP gerichtet, der internistische Kollege übernimmt die Kurznarkose mit Ketamin und Diazepam. Es dauert, bis Bonface halbwegs schläft. Es ist eine Narkose, in der man weiter atmet und der Blutdruck nur selten absinkt, und deshalb der Standard in Umgebungen wie dieser, wo es kein Beatmungsgerät gibt. Allerdings kann es sein, dass Patienten währenddessen singen, erzählen, gestikulieren oder schimpfen. Und auch Bonface, der, wie die Begleiterinnen verraten, gerne mal ein Bier trinkt, scheint lebhafte Träume zu haben. Mal hängt das linke Bein herunter, mal macht sich das rechte selbständig, und wilde Armbewegungen und Herumruschen auf der wackeligen Liege sind mit einer Handoperation nicht unbedingt vereinbar, schliesslich sind drei starke Männer nötig, um ihn soweit in Position zu halten, dass ich ordentlich arbeiten kann, obwohl der internistische Kollege bereits mehrfach die Dosis erhöht hat. Grosse Mengen Eiter entleeren sich aus den Entlastungsschnitten, ich spüle unermüdlich, bis die Flüssigkeit einigermassen klar zurückkommt. Da keine Drainage da ist, wird eine gebastelt, , indem in einen Infusionsschlauch Löchlein geschnitten werden.

Endlich ist die Hand soweit versorgt und verbunden, der Patient wieder wach, alles vielfach erklärt: unbedingt das Antibiotikum nehmen, unbedingt täglich zum Verbandswechsel kommen, auch die beiden Damen werden mit ins Boot geholt, zur Not sollen sie ihm wieder Beine machen.

Am nächsten Tag ist kein Bonface zu sehen. Auch am übernächsten nicht.              „Der Pfeifendeckel aber auch“, sagt der internistische Kollege, „er soll sich nicht wundern, wenn ihm  noch die Hand abfällt…“

Am dritten Tag ist Bonface wieder da. Die Hand ist deutlich gebessert, wenn auch der Verband nass vom Wundsekret ist. Die Dinge entwickeln sich gut. Der Patient hat scheinbar Vertrauen gefasst, erscheint täglich, und nach einer Woche ist die Hand wieder auf Normalgrösse abgeschwollen, die Wunden rosig und sauber. Alle freuen sich. Immer wieder schlittern Patienten haarscharf an Katastrophen vorbei und immer wieder staune ich, mit wie wenig Ausrüstung man die eine oder andere dann doch abwenden kann.

(Neues aus dem Bad: inzwischen hat, weil die hochfrequenten Einsätze des gutgelaunten Installateurs doch nicht verhindern konnten, dass der Wasserverbrauch unnötig hoch ist, die Chirurgin einen genaueren Blick in den Spülkasten geworfen. Basteln gewohnt, hat sie die Schraube am Schwimmer etwas angezogen und siehe da: es läuft kein Wasser mehr nach, nur die Anschlussstelle tropft noch ein wenig. Was tut man nicht alles, um German Doctors unnötige Ausgaben zu ersparen…:))

Danke an Sascha für das Foto!

Infos unter:  http://www.german-doctors.de

 


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Feuer und Ähnliches…

Unter den vielen Patienten, die auch kurz vor den Feiertagen noch durch unsere Ambulanz im Slum strömen, sind auch einige Kinder, deren Verbrennungswunden wir behandeln.

Da ist der Kleinste, 14 Monate alt, dem heisses Porridge den halben linken Arm verbrannt hat. Zwar brüllt er wie am Spiess, wenn die Wunde vorsichtig gereinigt und dann mit Vaselinegaze verbunden wird, aber wenn alles geschafft ist, lacht er wieder und winkt zum Abschied.

Dann ist da einer, der schon ein bisschen grösser ist, 5 Jahre alt, der schon beim Anblick einer der Fleissigen aus dem Dressingroom zu schreien anfängt, auch, wenn man ihn garnicht beachtet. Er hat sich versehentlich frisch aufgegossenen heissen Tee über den gesamten linken Arm geschüttet, die gesamte Haut hat sich abgelöst, eine grosse, schmerzhafte Wundfläche ist zurückgeblieben. Gerne wollten wir ihn möglichst schnell in unser Referalhospital schicken, damit bald eine Hauttransplantation gemacht werden kann, ich hatte schon den Überweisungsbrief geschrieben, als die Mutter noch einmal an der Sprechzimmertür vorstellig wird. Hm, ja, eigentlich wolle sie auch, dass der Kleine eingewiesen wird, aber es gibt da ein Problem… bei uns hat sie ihn unter einem anderen Namen registriert als bei ihrem ersten Besuch in jenem anderen Krankanhaus, von dem sie zu uns geschickt wurde, und damals sah es noch so aus, als könnte die Haut heilen… Wir staunen. Und fragen, warum sie denn zwei verschiedene Namen benutzt hätte? Ja, eigentlich hätte der Bub Henry James heissen sollen, sagt die Mutter, aber der Vater hätte für Brian Michael plädiert, man hat sich nicht einigen können, und jetzt? Ob wir nicht den Namen (auf ihre Option) ändern könnten in unserer gesamten Dokumentation? Die Headnurse springt ein und versucht, die Verwicklungen zu entwirren.

Und dann ist da noch ein Mädel, 4 Jahre alt, pummelig und gut gelaunt, die ebenfalls  von heissen Tee am Kinn (da ist nach zwei Tagen schon wieder fast alles heil) und über dem Brustbein verbrüht wurde. Die Häute der Brandblasen sind gerissen, aber noch anhaftend, also braucht es noch ein bisschen vorsichtige und zugleich flotte Wundreinigung. Die Mama gibt sich alle Mühe, das Kind abzulenken, spielt Verstecken hinter der Krankenkarte und singt, ach, ja, es ist ja bald Weihnachten, das gerät hier, abseits aller teuren Weihnachtsdeko und bei warmem Sommerwetter, immer wieder in Vergessenheit. Sie singt zu der Melodie von Bruder Jakob Baby Jesus, I love you! Und tatsächlich gibt es kein Geschrei, die Tochter ist tapfer wie die beiden  Jungs zusammen nicht, und ganz schnell ist die Wunde geputzt und verbunden.

Und dann bringt ein Papa noch eine Zweiliterflasche Cola vorbei, als Dank für die Verbände, die seine 5jährige Tochter nicht mehr braucht, weil die Brandwunde jetzt geheilt ist.

Ansonsten ist Weihnachten vor allem Reisezeit, man fährt, so man es sich leisten kann, nach upcountry zur Familie. Die, die es sich nicht leisten können, sind teilweise ziemlich traurig, andere tapfer und viele trotzdem, zumindest nach aussen, guter Dinge.

Nicht nachhause fahren auch die Mädchen der Naningoi Girls Primary School, die dort dank Sponsorship durch Girlsfund Kenya Zuflucht gefunden haben, nachdem sie vor oder aus Zwangsverheiratung mit viel älteren Männern oder der drohenden Genitalbeschneidung geflohen sind. Die Daily Nation berichtet in diesen Tagen ausführlich von diesem Projekt und dass man, wenn Väter versuchen, mit Gewalt ihre Töchter zurück zu holen, immer wieder auch die Polizeit einschalte.

Danke an Sascha für das Foto!

Mehr Informationen unter http://www.german-doctors.de

 


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Travellers – Reisende

The black wise man prepares for his journey to the new born savior Jesus, and I prepare for the next term of joining the staff at Baraka Health Center in Mathare Valley Slum Nairobi with German Doctors. People are travelling all around the world. Some do so for fun, some because of fear and war. May there be christmas the way it was meant to be.

Der schwarze Weise bereitet sich auf die Abreise zum neugeborenen Jesus vor und ich auf meinen diesjährigen Einsatz im Mathare Valley Slum in Nairobi  mit German Doctors. Die Welt ist voller Reisender, manche, weil es Spass macht, manche, weil der Ort, von dem sie aufbrechen, zu gefährlich geworden ist. Auf dass Weihnachten wird, so, wie es gedacht ist (unabhängig von Bäumen, Kerzen, Plätzchen, Frieden, Geld genug, und was auch immer sonst den Blick verstellen könnte…).

…for further information: http://www.german-doctors.de


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Joy to the world

Julie mag nach einem Sturz nicht mehr auf dem linken Bein auftreten. Ihre Mama besteigt gleich am naechsten Morgen frueh um 5 Uhr mit der Zweijaehrigen im Arm ein Motorradtaxi, um von Dandora nach Mathare ins Baraka Health Center zu fahren. Sie hat gehoert, dort soll die Behandlung gut sein. Zwar gehoert sie somit nicht zu unserer Zielgruppe, aber es wird niemand bei der Erstvorstellung einfach wieder weggeschickt. Vielmehr wird versucht, an die heimatnahen Institutionen zur Weiterbehandlung zu verweisen.

Vor Ort in Baraka, nach einer Runde geduldigen Wartens, werden sie von der Chirurgin zu dem naechstgelegenen Roentgeninstitut nach Kariobangi geschickt, auch dorthin muss man ein Motorradtaxi anheuern. Und dann auch dort noch ein Weilchen warten.

Am Nachmittag treffen die beiden wieder mit dem Motorradtaxi in Baraka ein und nach einer erneuten Wartezeit sieht die Chirurgin im Roentgenbild einen gut stehenden Bruch des Oberschenkelknochens.

Nun muesste man eigentlich (zumindest in diesem Kontext) Julie an beiden Fuessen in eine Extension haengen, so dass der Popo etwas in der Luft schwebt und das Koerpergewicht das Bein in einer guten Position haelt, dann wuerde der Knochen unkompliziert in wenigen Wochen geheilt sein. Aber das hiesse: Mama und Julie hingen wochenlang in der Klinik fest und muessten auch noch wochenlang dafuer zahlen. Was sie nicht koennen. Die preiswertere Alternative: ein Becken-Bein-Gips.

Eine Dreiviertelstunde, zahlreiche Gipsbinden, 4 Helfer, noch mehr Gebruell von Seiten Julies und eine Banane zum Trost spaeter sitzt das diffizile Kunstwerk mit Oeffnung fuer taegliche Beduerfnisse sowie  Quersteg zur besseren Stabilitaet. Alle Beteiligten wischen sich den Schweiss von der Stirn und die Gipsspuren aus Haaren und Haenden.

Nun kann man ein auf diese Weise eingegipstes Kind aber nicht einfach mit der Mutter wieder aufs Motorradtaxi zur Fahrt nachhause setzen. Nach einigem Hin und Her und miteinander Abwaegen wird beschlossen, dass die beiden vom Ambulanzfahrzeug nachhause gefahren werden, denn auch im vollgestopften Matatu ist ein liegender Transport ohne Gipsschaden zur abendlichen Hauptverkehrszeit nicht vorstellbar. Zudem muss noch eine andere sehr kranke Patientin in die gleiche Richtung gebracht werden.

Inzwischen ist es nach 17 Uhr, die Chirurgin hat inzwischen auch keine Lust mehr, am  achtspurigen Thika-Superhighway entlang nachhause zu laufen und faehrt mit, um auf dem Rueckweg dann bei der Doktors-WG auszusteigen. Dandora liegt allerdings in genau entgegengesetzter Richtung, so dass der Abend in dieser Hinsicht noch eine Horizonterweiterung bereithaelt. Wer bislang noch nicht wusste, was mit unserem ordentlich von einer Muellabfuhr woechentlich abgeholten Muell geschieht, sieht hier, wohin er reist: in Dandora liegt eine der groessten Muellkippen Kenias, seit ueber zehn Jahren ueberfuellt und dennoch weiter genutzt. In den Himmel wachsende Gebirge von Abfaellen tuermen sich hier am Horizont und schwelen vor sich hin. Eine Verbrennungsanlage gibt es nicht.  Dafuer aber viele Menschen, die in den Abfaellen noch das Verwertbare, ja, sogar Essbares suchen. Da scheint der von der Regierung stolz verkuendete Plastic-Ban als Schritt in eine umweltfreundliche Zukunft nur ein winziger Nebenschauplatz zu sein – offensichtlich warten auf den neuen alten Praesidenten noch weit groessere Herausforderungen.

Und endlich sind wir da und Julie’s Vater steht schon am Strassenrand im abendlichen Gewimmel, und das Strahlen von Julie, als sie den Papa entdeckt, laesst alle Muehen mit Gipserei und stundenlangem Hin- und Herfahren und der endlosen Warterei verblassen.

Inzwischen freut sich auch die Chirurgin  auf zuhause, aber was will man sagen angesichts des so muehsamen Lebens in dieser Stadt, das sich aller Orten optisch, olfaktorisch und auch sonstwie praesentiert, und doch haben alle Beteiligten immer nur gute Miene gemacht, kein Wort der Kritik oder der Ungeduld fallen lassen, nur Freundlichkeit und Schweigen am Rande, und so schweigt auch die Chirurgin auf dem Rueckweg, der wieder vorbei fuehrt an dem auch hier wuchernden Slum Korogocho, den unflaetigen Muellbergen, die den Menschen den Atem nehmen und durch das Gedraenge, den Laerm und die Dieselwolken, waehrend das Autoradio eine verjazzte Variante von ‚Joy to the world‘ spielt, eine der wenigen Spuren der Tatsache, dass in einigen Tagen Weihnachten ist. Inzwischen fragen sich auch die Kolleginnen, wo die Vierte abgeblieben ist und rufen an, aber es gibt wirklich keinen Grund zur Klage. Schon garnicht im Vergleich zu dem Tag, den Julie und ihre Mama heute hinter sich gebracht haben.

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