sabinewaldmannbrun

Farbe. Linie. Sehen.


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Roadmovie 4 – unterwegs, nein, nicht im Coronamobil!

Die Arbeit, die ich seit Jahren oft und gerne mache, findet ebenfalls immer wieder mal „on the road“ statt: zu den Zeiten, an denen die niedergelassenen Ärzte nicht erreichbar sind, also nachts und am Wochenende, fahren wir auf Anforderung (Tel. bundesweit 116 117) zu Patienten, die zu krank sind, sich selbst auf den Weg in die Klinik zu machen. Man könnte denken, es wird weniger mit der Corona-Thematik, aber…

Der erste Patient ist uns als onkologisch mit starker Unruhe angekündigt. Im Pflegeheim angekommen, frage ich wie gewohnt, ob jemand im Zimmer (die Familie ist anwesend) Husten, Fieber oder sonstige Erkältungssymptome hat? Nein, nein, alles gut, sagt die Pflege. Sonst eine „Keimbesiedlung“ (auch bei den multiresistenten Keimen sollte man sich verkleiden, denn der nächste Patient, den wir besuchen, möchte auch davon gerne verschont bleiben…)? Nichts, wirklich, alles sei gut. Wir marschieren ins Zimmer, der Patient teilt uns als zweites mit, sich erkältet zu fühlen und hustet ziemlich feucht. Hat überhaupt jemand Fieber gemessen? Bisher nicht. Wir messen: 39,5. Na denn. Alle wieder raus, desinfizieren, verkleiden, wieder rein. Da im Moment eigentlich weder Grippe- noch Erkältungszeit ist, ist das naheliegendste, na,….? Die Familie ist nicht begeistert, dem Patient geht es so schlecht, dass wir ihn einweisen müssen.

Die nächste Patientin in der Sammelunterkunft hat seit 5 Tagen Fieber. Der Ehemann jongliert die zwei kleinen Kinder und hat gut zu tun, das Paracetamol aus den spielfreudigen Händchen der Zweijährigen zu befreien und den Dreijährigen zu beruhigen, weil man sonst sein eigenes Wort nicht versteht neben dem Gebrüll, schon garnicht die schwache Stimme der Patientin. 38,9, Kopfweh, Rückenschmerzen. Wann sie aus Afrika gekommen seien? Vor einem Jahr. Hat sie in den letzten 5 Tagen schonmal einen Arzt gesehen? Nein. Beide schütteln die Köpfe. Da die Patientin sowohl Malaria als auch, na, was wohl? haben könnte, nehme ich nach der Untersuchung noch einen Abstrich und wir füllen den ganzen Papierkram aus. Ja, das hätte der Mann letzte Woche auch gemacht, wird mir danach erzählt. Ach. Aber sie meinten doch, es habe noch kein Arzt….? Na, der sei ja auch nicht für die Krankheiten zuständig gewesen, sondern für die Verwaltung! (Insgeheim bin ich wirklich froh, wieder im normalen ärztlichen Dienst unterwegs zu sein, wo wir von den Patienten angefordert werden, damit etwas besser werden kann, und nicht nur, um Abstriche zu machen und dann wieder zu gehen). Jetzt muss eigentlich noch die Malaria ausgeschlossen werden. Und wie das immer so ist mit den Sammelunterkünften – keiner hat ein Auto, keiner Geld, ein Taxi bis nach Stuttgart Zentrum (nicht jedes Krankenhaus macht Malariatests) zu bezahlen und auch keinen, der einen mal kurz hinfahren könnte. Also braucht es einen Transport. Die Patientin freut sich über die ausführliche Diagnostik. Doch, das sei gut, jetzt, nach fünf Tagen mit hohem Fieber.

Die nächste Patientin ist mit hohem Blutdruck angekündigt. Sonst nichts? Mein Fahrer, ein sportlicher junger Mann, sagt, er könne es langsam nicht mehr hören, die Sache mit Corona ginge ihm allmählich total auf den Sack, er werde jetzt frei nehmen, bis die Geschichte vorüber sei. Ich hingegen beschließe zum wievielten Mal, egal, was uns wie angekündigt wird, bei jedem, zu dem wir gebeten werden, erstmal Fieber zu messen und draußen zu bleiben mitsamt Fahrer (solange dieser nicht das Handtuch geworfen hat) und Equipment…


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Roadmovie 3 – Unterwegs mit dem Coronamobil

Die dritte Maiwoche ist eine Woche der Massenabstriche. Mit inzwischen ausreichend verfügbaren Abstrich- und Analysemöglichkeiten ist ein genauerer Blick möglich auf die Dynamik der Ansteckung und die Wirksamkeit der Sicherheitsmaßnahmen, besonders in den so vulnerablen Kontexten wie den Seniorenheimen oder anderswo, wo viele Menschen nah zusammen wohnen.

Unser erstes Ziel am Dienstag ist ein anthroposophisches Heim. Der Zweimetermann hat frei, so ist mein Begleiter ein freundlicher und motivierter Student, der ehrenamtlich für das Rote Kreuz unterwegs ist. Wir schleppen unser Material – Kittel, Abstrichmaterial, Papier und dies und das für die Verwaltung der Dinge – zum Empfang und werden dort zuvorkommend mit einem Teewagen zum Transportieren und weiterem Equipment empfangen. Mein Begleiter richtet sich im Dienstzimmer ein, wo 36 Packen Papier (jeweils Meldebogen, Notfallschein, Laborschein, Datenzettel für das Abstrichröhrchen und bei Privatpatienten ein weiteres Blatt) beklebt und beschriftet werden müssen, während ich mich rundum schutzverpackt mit einer Schwester auf den Weg zu den vielen Damen und wenigen Herren Bewohnern mache. Frühlingsblühen auf dem Gang, schöne Bilder an den Wänden, Rudolf Steiner grüsst hier und da aus einem Bilderrahmen, das Mittagessen mit Spargel und Tiramisu wird schon serviert. Die BewohnerInnen sind sich einig, der Abstrich ist eine Plage und man ist froh, wenn ich wieder gehe. Die Schwester dankt jedem, der sich mehr oder weniger tapfer dem notwendigen Übel gestellt hat. Zum Glück sind alle in gutem Zustand, niemand hat ausgeprägte Symptome.

Von den ätherischen Gefilden im anthroposophischen Seniorenheim geht es nach Stunden weiter in ein Pflegeheim für ehemalige Wohnsitzlose. Hier sind auch knapp dreissig Bewohner abzustreichen und ich werde von einer an Leib und Seele gut gepolsterten Schwester begleitet, die mir gleich im ersten von Rauchschwaden durchwaberten Zimmer erklärt, das sei hier eigentlich überall so, die meisten Bewohner seien Raucher. Die vornehmlich aufzusuchenden Herren sind mehrheitlich tapfer, aber genauso wenig begeistert wie die Damen im Heim davor, die Wortwahl ist dabei jedoch eine andere. Ein etwas angetrunkener Herr kündigt mir an, mir bei einem weiteren Abstrichversuch „den Stiefel an den Arsch zu schlagen“, aber da wir grundsätzlich die Bewohner welchen Heims auch immer nicht zum Abstrich zwingen, lässt sich alles zur Zufriedenheit lösen. Auch hier ist keiner mit auffälliger Symptomatik, obwohl die Herren ja nicht gerade zimperlich mit der Steigerung der Risikofaktoren umgehen, was z.B. die Abwesenheit von Frischluft im Zimmer angeht… Die Schwester glättet vorhandene Wogen mit viel lautem Gelächter und schließlich ist auch hier nach Stunden die Tagesaufgabe geschafft. Auch mein tapfer sich die Finger wundschreibender Begleiter ist froh – keinen einzigen  Privatpatient gab es in diesem Haus, was die Papierflut ein bißchen niedriger gehalten hat.  Die Heimleitung winkt zum Abschied. Jetzt sind nur noch die Abstrichröhrchen und die Papierberge in Labore und Kliniken zu verteilen, und das passt auch zeitlich fast punktgenau zum offiziellen Arbeitsende.

(Bild „Menschenzeit“ – Wachscollage und Malerei, swb)


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Kinder…

Die zehnjährige Joyce kommt am späten Freitagnachmittag mit ihrem Papa und trägt ihr schönstes Festtagskleid in Hellgelb mit weisser Schleife. Unter dem weit schwingenden Rock verbirgt sich ein umfangreicher Fixateur externe – ein Metallgestell zur Schienung eines Oberschenkelbruchs. Wir erfragen die Vorgeschichte. Eigentlich war der Termin zur Entfernung bereits vor einer Woche geplant, aber die Familie hatte kein Geld für die Aufnahmegebühr und Behandlung. Der nächste Termin ist im März, da hofft der Papa, dass das Geld reicht. Aus den Hautöffnungen, die die Verbindung zwischen äusserlicher Schienung und Knochen darstellen, tropft der Eiter. Das bedeutet: das Metall muss in Windeseile entfernt werden, unbedingt, eher vorgestern als heute, weil die Gefahr einer Osteomyelitis, einer Infektion des Knochens, die eine monate-, ja im schlechtesten Fall jahrelange Therapie bedeuten würde, mit Händen greifbar ist.                                          Was können wir tun? Zunächst das Nächstliegende: die Wunden reinigen und sauber verbinden, den beiden in ihrer Muttersprache erläutern, warum Windeseile geboten ist, bis dahin Verbandsmaterial und Desinfektionsmittel mitgeben und als Alternative, wenn das alles nicht klappt, einen neuen Termin geben zum Verbinden, Kontrollieren und erneut Nachfragen, wie der Stand der Dinge ist.  Vielleicht lässt sich so ein bisschen Tempo in das Geschehen bringen? Da die Verletzung ein policecase ist (derjenige, der den Unfall verursacht hatte, ist angeklagt), kommt zudem auch nur ein Government Hospital für die Entfernung infrage. Im Gespräch mit der  hinzugezogenen Headnurse zeigt sich, dass doch eine Krankenversicherung vorhanden ist, die bezahlen müsste, unbedingt soll der Papa sich dort am Montagmorgen melden…Die beiden sind nicht wieder gekommen. Hoffentlich hat alles geklappt…

Die 14 Monate alte Unity wird von ihrer Mama gebracht – das Brüderchen hat ihr einen Stein ins rechte Nasenloch gesteckt. Ganz hinten glänzt er weiss mit grauen Tupfen, viel zu weit weg, um von selbst wieder heraus zu rollen. Zum Niesen bringen – das wird helfen. Meine Übersetzerin holt ein Schälchen Omo, das dem Mädchen unter die Nase gehalten wird: die hier übliche Methode. Unity mag offensichtlich den Duft nicht, es gibt grosses Geschrei, aber kein Niesen. Die Kinderärztin sagt: ab in die HNO. Vorher, finde ich, könnten wir noch unsere Instrumente sichten. Tatsächlich finden sich nach ausgiebigem Suchen in den zu Päckchen gebündelten Instrumentenportionen sowohl ein Nasenspiegel als auch eine langarmige, stumpfe Klemme. Vorsichtig starte ich einen Versuch unter wildem Gebrüll der Patientin, die Verbandsraumschwester leuchtet mit ihrem Handy, weil weder die OP-Lampe noch das Standlicht funktionieren wollen – kein Erfolg. Ein weiterer Versuch mit Omo, das Kind  will nicht niesen. Nun also doch HNO-Vorstellung? Die Eltern sind nicht begeistert. Das dauert, endlose Warteschlangen, schlecht für den mageren Geldbeutel. Sie nehmen den Überweisungsschein trotzdem mal mit.  Zwei Stunden später die freudige Nachricht: der Stein ist draussen! Die Eltern sind zum Witchdoctor gegangen, dieser hat Kräuter ins andere Nasenloch gelegt, das Kind hat geniest! Die Nurse bringt uns freudestrahlend eine Probe der Kräuter: zartgrün, ein bisschen hart und sperrig, aber in diesem Fall genau richtig. Schade, daß  das Geheimnis nicht gelüftet wird, um welche Pflanze es sich handelt…

Grossen Kummer bereitet derzeit eine andere Alternativmedizin: ein neues chinesisches Geschäftsmodell betreibt mit grossem Erfolg die Vermarktung von Eselfellen in einem Mittel gegen Impotenz und Unfruchtbarkeit. Bereits drei Schlachthäuser sind aus dem Boden gestampft worden, und da für einen Esel von chinesischer Seite so viel Geld gezahlt wird, wie es einem durchschnittlichen kenianischen Monatslohn entspricht, werden die Grauen in Scharen verkauft und zur Schlachtung getrieben. Da nur die Felle verwendet werden, stapeln  sich im Umkreis der Schlachthäuser die stinkenden, verrottenden Überreste. Die Schlachtrate habe inzwischen das fünffache der Reproduktionsrate erreicht, ist in den Nachrichten zu hören – Kenia ist dabei, aus Geldnot seine Esel auszurotten…

(mehr über unsere Projekte unter http://www.german-doctors.de)

 

 


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Medizin und Armut?

Julie stellt sich mit grossflächigen Hautablösungen an beiden Fussrücken vor. Unbedingt gefragt werden muss, was und wie die Patienten arbeiten, um zu verstehen, welchen Umständen sie ausgesetzt sind. Julie arbeitet den ganzen Tag barfuss in Gummistiefeln. Und schwitzt darin. Sind es ihre eigenen? Stellt sie der Arbeitgeber zur Verfügung? Sind irgendwelche Chemikalien hinein geraten? So richtig lässt sich die Ursache nicht herausschälen. Ach ja, vor zwei Wochen hatte sie einen Unfall mit dem Motorradtaxi, sie wurden von der Strasse abgedrängt und fielen samt Motorrad in einen Fluss. Passanten hätten ihnen wieder heraus geholfen (ich denke an die Gynkollegin, die kürzlich mit dem Motorradtaxi und ohne Helm in die Stadt brauste). Ob es an Abwässern lag? Wer weiss? Ich trage die Hautfetzen nach einem Fussbad vorsichtig ab, Julie erhält einen Verband und die Bitte, alles gut trocken zu halten, und in den Stiefeln niemals barfuss zu arbeiten, sondern frisch gewaschene Socken zu tragen. Nach zwei Wochen ist alles wieder gut und geheilt.

Robert kann kaum atmen. Die Hose passt nicht mehr, weil die Beine so dick geschwollen sind. Eigentlich möchte er von mir wissen, was man gegen die Druckgeschwüre an den beiden grossen Zehen tun kann, auch die Schuhe passen nicht mehr und drücken ganz schrecklich. Und der Hoden sei geschwollen. Wir bitten ihn, die Hose abzulegen. Zum Vorschein kommen grosse Wunden an den Knien, auf einer Seite ein Wundkrater von 5 cm Durchmesser. Was denn geschehen sei? Robert sagt uns, er könne nur noch im Knien schlafen, anders könne er nicht atmen. Nach Versorgung der Wunden und Ausschluss all dessen, was als üble Ursachen infrage kommen könnte, schicke ich den Patient zum internistischen Kollegen, der die vermutete schwere Herzinsuffizienz weiter behandelt.

Peter hat sich an Weihnachten bei einem Besuch up country bei der Familie versehentlich einen Dorn in den rechten Mittelfinger gestochen. Erst nach fünf Tagen hat er ein Health Center erreicht, wo der Fremdkörper heraus gezogen werden konnte. Der Finger sind grauenvoll aus, selbst wenn man einiges gewohnt ist, dauert einen dieser Zustand bei einem so jungen Patient.  Die Strecksehne ist lose und zerfetzt, der Knochen liegt bloß, aus dem Gelenk tropft der Eiter. Auch ein desinfizierendes Bad und ein vorsichtiges Debridement ändern daran nichts. Der Finger kann nur noch amputiert werden.

Eine Lady mittleren Alters mit rosa Gepardenmusterhütchen, grauem Sweater und gemustertem Rock stellt sich vor. Seit 3 Jahren ist sie von Bauchweh, Knieschmerz und einem Klingeln im Kopf geplagt. Wenn Patienten eine so lange Krankengeschichte berichten, muss zuerst gefragt werden, welche Kollegen schon was untersucht und therapiert haben – das kann zuweilen viel Zeit und Geld sparen. Und sieh da: es gab bereits eine Blut- und Urinuntersuchung, ein CT, 2 Gastroskopien im Abstand von einem Jahr und vor eine Woche hat ein professoraler Kollege unseres Uniklinikums ihr ein Stäpelchen Medikamente verordnet, die sie seitdem tapfer schluckt: 5 verschiedene Pillen für Magen, Psyche und Rücken. Dem kann ich nichts hinzufügen, sage ich. Unsere solide, aber basisorientierte Ausstattung hat da nichts zusätzlich Neues im Angebot. Die Lady ist nicht zufrieden, man sieht es ihr an. Wir versuchen, den Wert ihrer bisherigen Versorgung herauszustellen, was nur ansatzweise gelingt…

Eine junge Mutter mit Baby kommt nach einem Matatu-Unfall. Der Minibus war umgekippt und Lasten und Mitfahrer auf die Patientin gestürzt, der es zwar gelang, das Baby zu schützen, die aber dabei allerlei Prellungen abbekommen hatte. Zum Glück erzählen nur hier und da ein paar blaue Flecken von anderer Leute Taschen, Knien oder Ellbogen. Was für ein Glück. Nicht immer gehen die Matatuunfälle so gut aus.

Am Ende des Tages, wenn noch ein bisschen Zeit ist,  machen wir im Dressing-Room wieder Röntgenbilderquiz. Die Schwestern dürfen – mit viel Spass – anhand von einem ausgewählten Röntgenbild – raten, wie alt der Patient ist, welche Knochen man sieht, wo die Fraktur sitzt und welchen Gips man dafür braucht. Alle machen grosse Fortschritte oder polieren früher Gelerntes wieder auf. Es wird viel gelacht…

Mehr über unsere Arbeit in diesem Projekt unter http://www.german-doctors.de

 

 


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Rund um’s Ohr

Wie in jedem Jahr sind Fortbildungen ein grosses Thema. Unsere einheimischen Mitarbeiter halten jede Woche eine interessante Fortbildung für uns deutsche Ärzte, so z.B. über verschiedene Aktivitäten, um die Entdeckung und Versorgung der HIV-positiven Patienten zu intensivieren, während jeder von uns je eine Fortbildung für die Übersetzerinnen und das medizinische Personal vorbereiten darf.

In diesem Jahr möchte ich mit den Übersetzerinnen eine Reise um’s Ohr herum machen. Eigentlich noch nie haben wir hier einen HNO-Kollegen zu Gast gehabt, sondern sind traditionell auf Internisten und Allgemeine, Chirurgen, Kinderärzte und Gynäkologen beschränkt. Andererseits kommen relativ oft Patienten mit Ohrenschmerzen oder Verletzungen am Ohr in unsere Ambulanz.

Die Damen sammeln sich in meinem kleinen Sprechzimmerchen, platzieren sich auf den Stühlen und beinebaumelnd auf der Liege und sind gespannt, was es diesmal zu hören gibt. Wer hat schon einmal ein Ohrproblem gehabt und möchte davon erzählen, frage ich? Beth meldet sich. Als kleines Mädchen hatte es eines Nachts plötzlich in ihrem Ohr geknackt, und es folgten schlimme Schmerzen. Tags drauf habe sie ganz allein zum Doktor gehen müssen. Der habe Tabletten aufgeschrieben, und dann sei es in 3 Tagen wieder gut gewesen.

Was denn der Doktor gesagt habe, was es sei, frage ich? Damals hätten die Doktoren noch nichts gesagt, meint Beth. Jane Rose lacht. Solche gäbe es auch heute noch genug. Die Damen nicken. Ja, das ist bekannt, leider. Nur wenige Patienten können Auskunft darüber geben, was ein Arzt, der sie vorher untersucht hat, als Ursache für ihr Leiden angesehen hat…

Wir tragen zusammen, was es an Beschwerden geben kann. Wie das Ohr aufgebaut ist, wie die Verbindung zur Nase ist, was sich alles entzünden und verstopfen kann. Wofür die Ohrmuschel gut ist? „For beauty!“ sagt Evelyne und grinst. Die schönsten Ohrringe trägt immer noch  Jane. Tja, das Ohrläppchen… Was man beim Ohrenspülen beachten sollte, wozu das Trommelfell gut ist und wie man es reparieren kann. Nachdem die Ladies seit Jahren die ärztlichen Ratschläge im gesamten Kosmos der Ohrenleiden zu hören und zu übersetzen bekommen, wird es ein lebhaftes Gespräch. 

Als Krönung steht zum Schluss eine Runde Trommelfellanschauen an. Ich habe ein Otoskop dabei, und nun kann jede mal in das Ohr ihrer Nachbarin schauen. Ein grosser Spass. Was sieht die eine? Was die andere? Härchen? Pickel? Etwas Helles am Ende? Kann dies das Trommelfell sein? Ohrenschmalz? Eine meint, ein Loch im Trommelfell entdeckt zu haben, aber zum Glück ist keines da.

Zum Schluss wird immer für die Fortbildung gedankt. Ich erhalte einen grossen Strauss Gedankenblumen. Blaue, rote, gefiederte,  Lilien, Rosen und noch viel mehr Schönes, das dann pantomimisch zusammengebunden und mir unter freundlichem Gelächter überreicht wird.

 

Die Daily Nation prangert in diesen Tagen die Praktiken der Kartelle zum Schulanfang an, die den Familien mit Vorschriften, wie die Schuluniform auszusehen hat, das Geld aus den Taschen  ziehen. Eine Aufstellung informiert die Eltern darüber, wieviel preiswerter die Einzelteile wären, wenn man sie in einem normalen Bekleidungsgeschäft kaufen würde. Eine vorgeschriebene Schulunterhose kostet so das dreifache als eine einfache, ein Pullover glatt das vierfache. Wehrt Euch, klingt zwischen den Zeilen an, so geht das nicht…

Die Heuschrecken sind nach wie vor in riesigen Schwärmen unterwegs. Dass die Vorräte an Spritzmittel nicht ausreichen und man nun aus Tansania und Japan liefern lasse, wird berichtet. Kürzlich haben wir in der Küche eine Plastikdose mit einer grossen, noch lebenden Heuschrecke darin entdeckt. Was tun damit? Lasst sie doch frei, meinte jemand. Nur das nicht, fanden die anderen. Zertreten? Nein. Ich schlage vor, sie ins Eisfach zu stellen. Vielleicht sei das ein gnädiger Tod? Aber vielleicht überlebt sie das, gibt jemand zu bedenken? Der Rätsel viele.

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Das bunte Vielerlei

Inzwischen sind scheinbar all unsere Patienten und überhaupt ganz Nairobi zurück von ihren Weihnachtsausflügen, und manche haben auch von up country ihre alten Eltern mitgebracht, um diesen nach Jahren endlich einmal wieder eine gründliche Untersuchung bei einem Arzt zu ermöglichen. So bricht unsere Ambulanz mitten im Mathare Valley Slum aktuell schier aus den Nähten,  und wir sind durchschnittlich 10 Stunden am Tag dort zugange.

Meine erste Patientin am Morgen ist eine junge Mutter, die weinend im Dressing Room sitzt, den Säugling auf dem Schoß. Sie hat starke Brustschmerzen auf einer Seite und hat einen Knoten getastet. Da Brustabszesse hier häufig sind, nehme ich sie mit in den Ultraschallraum, aber zum Glück verlangt der Lokalbefund noch kein  chirurgisches Einschreiten – vermutlich handelt es sich bisher nur um einen Milchstau. Ich bitte die Gynkollegin, sich ihrer anzunehmen.

Der nächste Patient, ein junger Mann, atmet schwer und schwankt ein wenig, als er in unser Sprechzimmer tritt. Heftiger Durchfall seit 2 Wochen, Husten mit Auswurf. Am Eingang wurde bereits die Temperatur gemessen, wie bei allen Patienten: 36,2. Die Stirn fühlt sich heiß an, wir messen nochmal: 39,6. Das passt eher. Die linke Lunge knarrt und rasselt, die Sättigung ist bei  86%. Auch, wenn unsere Patienten immens hart im Nehmen sind und sich auch nicht beklagen, wenn man sie in schlechtem Zustand stundenlang auf einer Wartebank im Biergartenformat platziert, beschliesse ich, diesem Patient im Emergencyroom ein Plätzchen zum Liegen zukommen zu lassen, eine Infusion, Medikamente zum Fiebersenken und eine Laboranforderung, bei der der Laborant zu ihm kommen muss. Bei dem Andrang heute kann es sonst sein, dass wir erst in 3 Stunden die Ergebnisse haben.

Ein alter, schlanker Herr, der von seinen beiden besorgten Söhnen von up country mitgebracht wurde, lässt sich als nächster in unserem Räumchen nieder. Das auf der Karte notierte Geburtsdatum weist ihn als 97jährig aus. Wir fragen nach. Eigentlich sei er doch 70, meint der eine Sohn? Die drei Männer diskutieren eine Weile. Man einigt sich auf 80 Jahre. Nun aber zu den Beschwerden.

Es klopft. Die Gynkollegin möchte, dass meine Übersetzerin die Schwestern im Dressingroom an der Milchpumpe anleitet. Die junge Mutter hat auch nach ihrer Ansicht einen Milchstau und soll abpumpen. Da die beiden Söhne mit Vater kein Englisch sprechen, beschliesse ich, bis meine Übersetzerin wieder da ist, nach dem schwer atmenden jungen Mann zu sehen, der eine Infusion erhalten sollte. Die Liege, die ich ihm zugewiesen habe, ist leer. Wo ist der Patient, frage ich, die Schwestern weisen nach draussen: dort sitzt er wieder auf der Holzbank.  Wer jung ist und noch irgendwie laufen kann, muss gesund sein. Also nochmal. Liege, Infusion, der Laborant verspricht, sofort zu kommen. Ich bitte den internistischen Kollegen, noch einen Blick auf den Patient zu werfen.

Inzwischen ist meine Übersetzerin zurück und es kann mit dem 80jährigen weiter gehen. Die Beschwerden? Die Söhne packen ein Stäpelchen Papiere auf den Tisch. Ah, Vorbefunde! Ein seltenes Glück!  Eine vom Alter gezeichneten Wirbelsäule wurde gesehen, Schmerzmittel, Muskelrelaxantien und die Empfehlung, Physiotherapie zu machen, wurden vor einem Monat verordnet. Hat geholfen, was bisher unternommen wurde, möchte ich wissen?

Es klopft. Der internistische Kollege wedelt mit der Kurve des jungen Mannes und bittet mich nach draussen. Die Laborbefunde ausser der Stuhlprobe sind alle da, er vermutet eine Lungenentzündung und hat 4 verschiedene Medikamente verordnet, eines davon als Infusion. Auch der Patient liegt noch auf seiner Liege und hat inzwischen einen iv-Zugang. Ich bitte, mich zu rufen, wenn alle Befunde da sind und die Infusion durch ist.

Weiter mit dem alten Herrn. Die Medikamente hätten nicht geholfen, Physio habe man nicht ausprobiert. Gibt es die überhaupt up country, frage ich? Aber ja, wird mir bestätigt, da sei ein Krankenhaus in der Nähe. Ich setze an, in groben Zügen unsere Erkenntnisse aufzuschreiben, aber es gibt noch mehr Beschwerden. Der linke Hoden schmerze.

Es klopft. Die Kinderärztin schickt einen Dreijährigen und seine Schwester mit Abszessen, die ich spalten soll. Zu viel Vaseline auf der Haut. Die Kinder müssen noch ein bisschen warten.

Der Hoden erweist sich als völlig normal, auch bei Druck keine Beschwerden, auch keine Leistenhernie oder Hydrozele. Weitere Beschwerden? Das Telefon des alten Herrn klingelt. Er muss jetzt erstmal telefonieren. Lächelt freundlich in die Runde und verlässt das Zimmer. Scheinbar nichts für die Söhne.

Ich nutze die Gelegenheit, nach dem jungen Mann zu schauen. Er ist weg. Aber wo? Im Trubel des Emergencyrooms weiss keiner so genau, wohin er verschwunden ist. Hat er denn seine Medikamente abgeholt? Die zwischen 4 anderen Patienten rotierende Schwester meint, eine Schachtel gesehen zu haben. Hoffen wir mal, dass alles da ist, der Kollege hatte noch auf die Karte geschrieben, am Montag sei Kontrolle nötig, hoffentlich kann der Patient das lesen. Zurück in mein Sprechzimmer.

Der alte Herr hat fertig telefoniert. Weitere Beschwerden werden genannt. Die Augen seien nicht mehr so gut. Die grauen Linsen sieht man auch schon von Weitem. Ich bitte meine Übersetzerin, ihm von den augenärztlichen Programmen zu erzählen, wo die Linse entfernt werden kann.

Es klopft. Die Dressingroomschwester bittet mich, zu einer Abszessspülung zu kommen. Den Patient hatte ich vor zwei Tagen operiert, ein 6cm grosser, alter Abszess am Rücken, gestern sah es schon sehr gut aus. Er muss auch noch ein bisschen warten.

Die Söhne haben inzwischen verstanden, was am Auge möglich wäre, aber es gibt noch weitere Beschwerden. Heartburn! sprich: Sodbrennen. Aber auch nicht immer. Im Moment zum Beispiel nicht. Das Telefon des alten Herrn klingelt erneut. Wieder verlässt er freundlich lächelnd den Raum. Draussend ein Chor von drei schreienden Kindern, eines klingt, als würde die Welt untergehen, vermutlich eine Blutabnahme.

Ich versuche, kurz zusammen zu fassen, dass der alte Herr eigentlich in recht ordentlichem Gesundheitszustand ist, wenn man von den Nebenwirkungen des Alters absieht und dass sie mit Schmerzmitteln vorsichtig sein sollen, nicht, dass es noch mehr heartburn gibt. Noch Fragen? Die Söhne sind soweit zufrieden. Der alte Herr sowieso.

Es klopft.

Es wird uns nicht langweilig!

Die Daily Nation berichtet aktuell täglich über die riesigen Heuschreckenschwärme, die von Norden her über die Nachbarländer und nun auch Kenia ziehen und kahles Land hinterlassen. Durch die Wetteranomalitäten (es regnet auch jetzt, in der Trockenzeit, täglich und ausgiebig) gibt es viel frisches Grün und damit einen reich gedeckten Tisch auch für die Nachkommen der Locusts. Die Regierung wird dafür verantwortlich gemacht, dass man das Problem zu lax angegangen hätte, zu Beginn wäre es noch möglich gewesen, biologische Mittel einzusetzen, aber jetzt wird Gift gespritzt, alles Chemikalien, die in Europa längst verboten seien. Zudem dienen die proteinreichen Heuschrecken als Nahrungsquelle. Wie, fragt sich nicht nur die Zeitungsredaktion, sind die Menschen auf dem Land informiert worden, wo gespritzt wurde? Was zu beachten ist? Welche Heuschrecken kann man noch essen? Welche nicht? Wie schnell wird das Gift abgebaut? Viele offene Fragen…

( Mehr über German Doctors und unsere Projekte unter: http://www.german-doctors.de )


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Nacht

Sonntagnacht, 3 Uhr. Plötzlich Schreie vor unserem Hoftor. Hilfe, Hilfe, ich brauche Hilfe, schreit eine Frau, offensichtlich in grosser Not. Es dauert ein bisschen, bis ich ganz wach bin. Im Halbschlaf denke ich als erstes an Gewalt. Gewalt gegen Frauen ist ein beständiges Thema. Die Schreie reissen nicht ab. Jetzt wird Sturm geklingelt an unserem Hoftor. Was soll ich tun? Die anderen wecken? Sollen wir um diese Zeit im Dunkeln das Tor öffnen? Hinausgehen? Ich bin hin und hergerissen. Von meinen eigenen Mitbewohnern ist nichts zu hören. Die Männer scheinen fest zu schlafen.

Wieder wird Sturm an unserem Hoftor geklingelt. Das Auto mit der Aufschrift German Doctors parkt schliesslich vor der Tür. Und wenn jemand medizinische Hilfe braucht? Wir haben ja kaum etwas hier… Draussen fährt ein Auto vor, eine Männerstimme sagt, es werde ein Arzt gebraucht, die Schreie der Frau werden leiser. Das Auto fährt. Ist sie eingestiegen? Liegt am Ende jemand vor dem Tor und braucht Hilfe?

Jetzt bin ich ganz wach. Stehe auf, gehe die Treppe hinunter. Im Dunkeln an der Haustür steht die andere Kollegin und weiss nicht, was tun. Von den Männern ist nichts zu sehen und nichts zu hören. Wir beschliessen, nachzusehen. Es ist ruhig draussen. Durch die kleine Klappe am Metalltor ist nichts und niemand zu sehen. Wir schliessen auf, ich schaue, ob jemand vor unserer Tür oder in der Nähe  liegt, aber es ist niemand zu sehen.

Der Vorfall ist lange Gesprächsthema. Hätten wir früher etwas tun sollen? Und was? Hätten wir damit den Unfall vermeiden können? Immer wieder frage ich die Guards am Tor, ob sie etwas davon wissen. Nach drei Tagen endlich hören wir, was wirklich vorgefallen ist. Die Nachbarin von zwei Häusern weiter hatte Atemnot. Ihre Verwandte lief nach draussen und schrie um Hilfe. Nachdem keiner reagierte, luden sie die Kranke ins Auto und fuhren in Richtung Stadt zum nächsten Krankenhaus. Auf dem Weg hatten sie einen schrecklichen Unfall, der Vater der Kranken starb, die Mutter wurde auf der Intensivstation behandelt.

Jetzt hören wir am Abend immer Gesang, Freunde und Verwandte kommen, die Seele des Vaters zu verabschieden und der Familie beizustehen, Mutter und Tochter geht es zumindest gesundheitlich besser. Ich gehe zu den Nachbarn und richte mein Beileid aus. Und sage, wir wären ratlos gewesen und deshalb so langsam im Reagieren. Auch hätten wir eigentlich kein medizinisches Equipment hier zuhause. Gleichmütig und freundlich wird die Anteilnahme entgegen genommen. Es gibt keine Vorwürfe, es gibt keine Fragen, zumindest von Seiten der Betroffenen. Für uns bleiben einige Fragen offen…

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(Danke an die Kollegen für das Foto!)


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Strandmeditation angesichts…

 

Weihnachtsfrei, und somit Zeit, ein wenig zu reisen.

Lamu – kilometerweit weisser, einsamer Sandstrand.

Die Blauwölbung des Himmels über dem Meeratem des Indischen Ozeans.

Wellenkämme blaugrün, schneeweisse Gischt.

Nimm eine Handvoll Sand und  sieh genau hin: vielerlei Erdfarben, blauweiss, blaugrau, meerblau, grünblau, grüngrau, blautürkis, weissgrau, zartgelb, schartig, kantig, grösser und winzig, zerstossen, fragmentiert, pulverisiert, integriert – Plastik.  Unverkennbar alle Variationen von Bechern, Tauen, Verpackungen aller Art, und endlos sind die Spuren der Wasserflaschen in allen Arten von Fragmenten.

Aktiv scheint die Gegenbewegung der Natur: unzählige angespülte Samen, Knollen und Palmfrüchte, die ihre Wurzeln im Sand verankern und frischgrüne Halme gen Himmel schieben, ein unermüdliches Überwachsenwollen und Aller-Verschmutzung-Trotzen, das am Rande auch tröstet.

Die Frage, wie ich es halten will mit den Plastikflaschen, solange ich hier bin, an einem Ort, wo Leitungswasser pur ein Risiko ist und es keine ordentliche Müllverbrennung gibt, steht breitbeinig da und erlaubt kein Verdrücken am Rande.

Die UV-Desinfektion ( mehr unter http://www.sodis.ch) bräuchte 6 Stunden kontinuiertliche Sonneneinstrahlung und einen Ort, wo keiner der Versuchung erliegt, meine Flaschen wegzuräumen. Die Silberionen-Aquapur-Methode ist ein bisschen einfacher und für Notfälle habe ich eine Portion dabei. Soll ich mich also sozusagen im Namen des Umweltschutzes versilbern oder mein Wasser in die Sonne stellen? Ich entschliesse mich für Letzteres, informiere alle Mitbewohner in meiner Unterkunft, damit es auch funktioniert und spare damit in 7 Tagen am Meer immerhin 12 Plastikflaschen. Ich beschliesse, an den Tropfen zu glauben, der auf Dauer den Stein höhlt…

Die Daily Nation berichtet in diesen Tagen von einem Projekt im Norden des Landes. Zu einer landwirschaftlichen Messe wurden die Farmer, die dort Ziegen verkaufen wollten, verpflichtet, im Rahmen ihrer etwas höheren Teilnahmegebühr eine Mitgliedschaft in der staatlichen Krankenversicherung NHIF abzuschliessen (etwas, das wir nur zu gerne für all unsere Patienten sehen würden, weil dann nicht immer bei Behandlungsbedarf das Argument käme, es sei nicht genug Geld da für Notwendiges). Die Farmer seien nicht begeistert gewesen über die Mehrkosten. Wir hingegen finden dies unbedingt  sinnvoll….

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(Danke an Marianne für das Foto)


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Baumwollunterwäsche

Josaphat sieht deprimiert aus. Er lässt sich schwer auf den wackeligen Stuhl im Sprechzimmer sinken. Kein Lächeln zur Begrüssung. Eigentlich gar keine Begrüssung.

Welche Beschwerden er habe? Meine Übersetzerin, die erstmal die Basisanamnese erhebt, schreibt und schreibt. Dann erhalte ich das Krankenblatt zur Weiterbearbeitung.

Rückenweh, Kopfschmerzen, es zieht und sticht beim Atmen, Halsweh, Rippenschmerz, die Beine sind schwer, heisse und kalte Missempfindungen, Herzklopfen, der Hoden drückt, der After juckt.

Eigentlich ist Josaphat jung und sieht sportlich aus , denke ich, und mache mich an den Untersuchungsmarathon. Der Patient soll sich ja enstgenommen fühlen,  und manchmal wirkt ja schon das Ernstgenommensein und es bessert sich zumindest ein wenig die Perspektive. Das braucht Zeit und die Dokumentation Platz auf der Patientenakte. Und eigentlich scheint alles in Ordnung.

Ob ich etwas übersehen habe mit meinem ja von Herzen vor allem chirurgischen Blick? Wir bitten den internistischen Kollegen, ein ergänzendes fachspezifisches Auge auf den Patient zu werfen. Und ein männliches auf den linken Hoden. Ist der vielleicht doch ein bisschen dicker als der rechte (obwohl er nicht wirklich krank aussieht…). Josaphat soll danach nochmal wiederkommen.

Fünf Patienten später ist er wieder da. Der Kollege hat nichts Neues entdeckt. „Soll Baumwollunterwäsche tragen“, steht da als Therapievorschlag.

Jetzt ist meine Übersetzerin dran, eine Runde Counseling einzuleiten. Ja, meint Josaphat, es gebe Probleme mit den Finanzen, und deshalb mit der Gattin und den Kindern. Doch, das bedrücke ihn sehr. Wir schicken ihn zu Bridgit, einer unserer Counseler.

Ob das einem afrikanischen Mann helfe, wenn ihn eine Frau berät? Gerade hier, bei den steileren Rollenunterschieden? Unbedingt, wird mir versichert, der letzte sei ganz begeistert und getröstet wiedergekommen.

Die Daily Nation gibt über die Festtage Tips, wie man die Zeit verbringen könnte, wenn man nicht zur Familie upcountry aufbricht. Wärmstens wird empfohlen, die älteren Damen und Herren in der Nachbarschaft zu besuchen, vor allem jene, die sich allein fühlten. Geraten wird dazu, unbedingt unparfümierte Vaseline als Gabe mitzubringen, da die alternde Haut davon profitiere, aber man solle auf jeden Fall auch seine kleineren Kinder mitnehmen, weil deren Lebendigkeit die vielleicht traurigen oder unbeweglichen Älteren aufmuntere!

(Danke an Sascha für das Foto!)

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Murmeln…

In mein Sprechzimmer wird von seinem Auntie ein kleiner Junge geschoben. Er habe eine Murmel verschluckt und zudem sei am Rücken, gerade unterhalb des Schulterblatts, eine runde Schwellung aufgetaucht. Ob sich wohl die Murmel auf geheimnisvollen Wegen zum Rücken hinauf begeben hat? Bei genauerem Nachfragen stellt sich heraus, dass sich die murmelähnliche Schwellung schon seit drei Jahren unverändert dort befindet und glatt, gut verschiebbar und vermutlich nicht gefährlich ist. Auch um die Murmel muss man sich erstmal keine Sorgen machen. Der Kleine ist guter Dinge, lacht und interessiert sich für die zwar spärliche, aber interessante Untersuchungsgerätesammlung auf unserem Tisch.

Die Daily Nation berichtet in diesen Tagen aus einem kleinen Krankenhaus im Norden, wo die nachtdiensthabenden Ärzte einfach nachhause gegangen seien und die Wöchnerinnen allein gelassen hätten, wodurch eines der neugeborenen Kinder Schaden genommen hätte. Die Klinik dementiert – die betroffene Mutter sei bei der nächtlichen Visite um 1.40 Uhr nicht in ihrem Bett gewesen. Wem soll man glauben?

http://www.german-doctors.de

(Danke an Sascha für das Foto!)