sabinewaldmannbrun

Farbe. Linie. Sehen.


Ein Kommentar

Sanaa na upendo – Kunst und Liebe II

…und Konzentration!:)

 

Infos über unsere Arbeit im Baraka Health Center in Nairobi:

https://www.german-doctors.de/de/projekte-entdecken/nairobi


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Wo ist Lucy?

Wenn wir am Morgen um kurz vor 8 Uhr in unserer Slumambulanz ankommen, schaue ich immer erstmal in unseren „Emergency-Room“(eigentlich nur ein Vorraum mit drei Liegen, einem Absauggeraet, einem Notfallkoffer sowie einem Sauerstoffkonzentrator). Meistens ist es hier friedlich , aber nicht immer. Vom nicht mehr atmenden Kleinkind ueber Menschen, die vor Schmerzen schreien, bis hin zu kaum noch ansprechbaren Cholerakranken ist alles moeglich.

Heute finde ich ein bebendes Deckengebirge dort vor: James, 22 Jahre alt, hat in einem Bereich mit Gasleck ein Streichholz angezuendet. Das Gesicht, der Hals, beide Arme, zum Teil Vorder- und Rueckseite des Oberkoerpers, Teile von Beinen und Fuessen sind bei der Explosion verbrannt. Zum Glueck ist James noch ansprechbar und kann berichten. Der Plan, einen venoesen Zugang zu legen, ist schon nicht einfach umzusetzen – wo auf der sich in Fetzen abloesenden Haut soll man die Kanuele befestigen? Aber schliesslich koennen wir die Infusion anschliessen und etwas gegen die grossen Schmerzen geben. Die Verlegung ist wie immer wieder in diesen Zeiten eine Herausforderung – die beste Versorgung von Brandverletzten ist im vom Streik lahmgelegten Kenyatta-Klinikum zu haben.

Headnurse Lilian telefoniert – zwar sind die Stationen geschlossen, aber man will James in den kleinen OP nehmen, und ein paar Militaeraerzte sind scheinbar auch fuer Notfaelle vor Ort, die anderswo nicht behandelt werden koennen. Nachdem der Patient soweit versorgt ist, wie wir es eben leisten koennen, fuelle ich den Verlegungsbericht aus. Als ich wieder zurueck in den Verbandsraum komme, steht der Patient zitternd und barfuss zwischen zwei Angehoerigen, die mit ihm zum Ambulanzfahrzeug  nach draussen auf den staubigen Hof laufen wollen, ungeachtet der Brandblasen und Wunden an den Fuessen. Schnell wickeln wir ihm noch Kompressen um die Fuesse und knoten sie in die schwarzen Plastiktueten, die die Mutter vom Markt mitgebracht hat. Ein Pfleger faehrt als Begleitung mit und berichtet bei seiner Rueckkehr, der Patient sei in stabilem Zustand angekommen, dann aber intubiert worden, da das Gesicht zuzuschwellen begann.

Die letzte Patientin des Tages ist seit fast vier Wochen auf einem gebrochenen Schienbein ohne Gips unterwegs. Zum Glueck hat sie fast nicht aufgetreten, und das vor 2 Tagen erstellte Roentgenbild zeigt bereits Stabilisierungszeichen. Die die uebliche Ruhigstellungszeit bei 6-8 Wochen liegt, beschliesse ich, ihr noch einen Gips anzulegen, schon zum Schutz der begonnenen Heilung.

Um 17.45 Uhr sind wir endlich fertig, die Gipsschiene liegt, aber wie soll die Patientin nachhause kommen? Die schweren, massiv hoelzernen Gehstoecke, blumig mit Bezugsstoff vom lokalen  Schreiner  gefertigt und gepolstert, sind von einer der Schwestern  in Windeseile, aber ohne das Mass der Patientin zu nehmen,  kurz vor Schluss im Buero geholt worden (immerhin hat die Patientin die umgerechnet 10 Euro Leihgebuehr zur Hand, was ueberhaupt nicht selbstverstaendlich ist), aber sie sind viel zu hoch. Einer der Maenner im Raum macht den Vorschlag, sie auf die richtige Groesse abzusaegen, aber dann passen sie nicht mehr fuer den naechsten groesseren Patient. Den Rollstuhl, eine weitere Moeglichkeit, will nun allerdings die Patientin nicht ausleihen, weil der Weg nachhause zu steil und holperig ist. Der Vorschlag der Cousine, ein Motorradtaxi zu nehmen, ist mir wiederum nicht recht. Viel zu gefaehrlich – wer soll, ohne herunter zu fallen, das Bein halten, damit es beim Fahren nicht auf dem Boden schleift?

Schliesslich einigen wir uns, dass die Patientin sich in Begleitung einer der Pfleger nach draussen setzt, damit jetzt endlich die Ambulanz geschlossen werden kann. Bis dann hat auch hoffentlich die Cousine zwei starke Maenner herbeizitiert, die die Eingegipste die 15 Minuten Fussweg nachhause stuetzen koennen (dies muss, da Patientin und Cousine kein Handy haben, zu Fuss geschehen). Und am naechsten Morgen kann die Cousine dann, ohne dass die Patientin im Gips ueber die steinigen Huegel klettern muss, die exakt passenden, da heute noch massgenommenen Gehstoecke abholen. Fuer manche Improvisationen muss man ein wenig Zeit einplanen.

Dann endlich mache ich mich noch auf den Weg, um nach Lucy zu schauen, die ich im letzten Jahr mit ihrer Tochter Merceline in ihrer Schneiderwerkstatt besucht und interviewt hatte (siehe unter Stichwort „African Ladies“), gerade nur ein paar Verschlaege von unserer Amulanz entfernt. Aber da ist sie nicht mehr und auch nicht ihre Werkstatt. Stattdessen haben sich drei coole junge Maenner mit Werkzeug zum Diversesreparieren in dem genannten Verschlag eingenistet. Lucy? Vermutlich mache sie gerade eine Pause, meint einer. Aber ihre gesamte Werkstatt sei doch nicht mehr hier, frage ich? Tja, vermutlich habe sie dann Urlaub, sagen die Jungs, etwas unbestimmt in den Raum hinein und lehnen laessig an der Werkzeugablage. Hier ist also keine erschoepfende Antwort zu erwarten, denke ich mir.

Ich bedanke mich, gehe zwei Wellblechverschlaege weiter und frage die beiden Frisoerinnen, die gerade im Rahmen der Verschoenerungsaktion einer Kundin am Zoepfchenflechten sind. Lucy? Sie sei doch umgezogen, ganz in die Naehe? Richtung dorthin, meint die eine – und zeigt unbestimmt gen Sueden. Das kann nun allerdings vielerorts sein. Wo es denn genau sei, frage ich. Ja, meint die Lady, vielleicht wohl schon etwas weiter weg? Dunkel war’s, der Mond schien helle…

Ich frage Rose, die Sozialarbeiterin. Lucy? Um sie in dem Slumgewirr ohne Strassennamen, Hausnummern oder sonstige Kontinuitaet wieder zu finden, muesse ich schon ihre Telefonnummer haben. Vielleicht kennt eine der Mitarbeiterinnen die Nummer? Das Suchprojekt ist noch nicht abgeschlossen.

(Danke an die fotografierende Kollegin!)

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Streik

Die Feiertage der letzten Zeit sind eine gute Gelegenheit, Verwandte zu besuchen, durch die vielen  geschlossenen Health Care Facilities und jene mit eingeschraenktem Betrieb werden jedoch auch unzaehlige Erkrankungen verschleppt, die man eigentlich sofort haette therapieren muessen. Die Arbeitstage zwischen Weihnachten und Neujahr  wurden zusaetzlich verkuerzt, da die Regierung an Heiligabend ueber die Medien ankuendigte, auch der erste Werktag nach Weihnachten sei nun auch ein Feiertag (der aufmerksame Beobachter fragt sich, ob dies mit den im neuen Jahr anstehenden Praesidentschaftswahlen zu tun haben koennte?). Dieses elastische Zeitmanagement fuehrte zu allerlei Konfusion, da so kurzfristig nicht alle informiert waren. Insbesondere die gynaekologische Kollegin ist aergerlich, da sie bereits zahlreiche Patientinnen fuer den nun freien Tag einbestellt hat. Am liebsten haetten wir die Aermel hochgekrempelt und trotzdem gearbeitet, aber auch das einheimische Personal, das die Infrastruktur und somit den Gesamtbetrieb der Ambulanz gewaehrleistet, ist ja nicht da.

Als waere dies nicht genug, ist seit Anfang Dezember das kenianische Gesundheitspersonal am Streiken, da die Regierung mit den Lohnzahlungen im Verzug ist. Nachdem zunaechst nur die Aerzte in den staatlichen Krankenhaeusern streikten (darunter auch unsere Hauptueberweisungsadresse, das Kenyatta Hospital), sind es inzwischen solidarisch auch Healthworker und Pflegepersonal in anderen Kliniken. Patienten fahren, schwer krank, teilweise von Klinik zu Klinik, bis sie jemanden finden, der sie behandeln will oder kann. Wer nicht auf dem Weg gestorben ist, nimmt Schaden an der Zeitverzoegerung, denn es ist nicht ueblich, ein Notfallteam parat zu halten.

Die Daily Nation ist voller anklagender Berichte ueber werdende Muetter mit Risikoschwangerschaften, die ihre Kinder verloren haben, verwaiste Ehemaenner, akute unfallchirurgische Faelle, die nicht versorgt wurden, und dergleichen mehr. Die Gesundheitsversorgung im ganzen Land ist nachhaltig lahmgelegt.

Auch  viele Patienten, die sich an diesen Arbeitstagen in unserer Ambulanz draengen, haben ihre Leiden viel zu lange verschleppt. Seit drei Tagen luxierte Gelenke sind wesentlich schwerer wieder in die richtige Position zu bringen, Kinder mit Sichelzellkrise und einem Haemoglobinwert von 1  (normal waere ueber 10) hoffen wir gerade noch lebend als akuten Notfall einweisen zu koennen und dass sie auch aufgenommen und  behandelt werden – auf Frakturen wird tagelang herumgelaufen. Wir sind als Aerzte nun auch nicht mehr, wie in den letzten Jahren, zu sechst, sondern nur noch zu fuenft, was die Patientenzahlen pro Arzt erhoeht und die Arbeitszeit dehnt. Nachdem ich in den letzten Jahren neben meinen chirurgischen auch allgemeinmedizinische Patienten behandelt habe, bin ich in den letzten Tagen nur mit den chirurgischen gerade so fertig geworden. Und trotz allem: wie eh und je sind die Patienten geduldig und freundlich, keiner schimpft oder beschwert sich. Nach Ende der Feiertage wird nun, am ersten Arbeitstag nach Neujahr, der Hauptansturm erwartet: alle Reisenden kommen wieder nachhause und bringen Malaria und vielerlei anderes von „up country“ mit zurueck. Es wird nicht langweilig. Und die Ambulanzarbeit fuehlt sich so an, als waere man garnicht weg gewesen.

(Danke an Claudia fuer das tolle Foto!)

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