sabinewaldmannbrun

Farbe. Linie. Sehen.


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Viele Farben, ein Bild

  • Am Morgen stellt sich in unserer Ambulanz eine sehr jugendliche Grossmutter mit ihrer Enkelin vor. Das Mädchen habe ein Problem mit den Beinen, ob wir da etwas ausrichten könnten? Sie wird zur Chirurgin geschickt. Das Problem begleite das Mädchen ja sicher schon seit ihrer Kindheit, frage ich vorsichtig. Die Mutter habe sich nicht um das Kind gekümmert, berichtet die Grossmutter. Als klar war, dass es behindert sei, habe es weder in die Schule gehen können noch sonst irgendeine Förderung erfahren. Sie habe allerdings die Hoffnung noch nicht aufgegeben, deshalb sei sie heute hier… Was kann man den Beiden empfehlen? Das Mädchen wirkt intelligent, kommuniziert normal, wenn auch ein wenig verlangsamt, die Hände verfügen über Feinmotorik, und sie hat eine deutliche Gehbehinderung mit Einwärtsstellung der Füsse. Und niemand hat sich je die Mühe gemacht, ihr Lesen und Schreiben beizubringen.

Physiotherapie muss selbst bezahlt werden, sie wird als individuelle Förderung in mindestens zwei Kliniken angeboten, was wiederum einen weiteren Weg beinhaltet. Eine Schulförderung wäre auch möglich, wenn die Familie es denn finanzieren kann. Ratlose Gesichter.  Ob wir erstmal klein anfangen? Die community health workers fragen, ob jemand Zeit hat, ab und zu ein bisschen zu üben, was man mit Buchstaben alles machen kann? Ja, das will sie unbedingt, sagt die Patientin, sie möchte etwas lernen. Und sie fürchte sich auch nicht vor denen, die sie auslachen könnten, wenn es nur langsam geht und länger dauert. Wir finden die Schwester eines in ihrer Nähe wohnenden Sozialarbeiters, die sich das vorstellen könnte. Vier Wochen später erzählt mir dieser, die Beiden übten zusammen. Es gehe voran.

  • Alle zwei Wochen sind wir an der Reihe, unseren Übersetzerinnen eine kleine Fortbildung zu präsentieren. Nachdem wir im letzten Jahr das Thema Rückenschmerzen vertieft und auch ein bisschen, sozusagen prophylaktisch therapeutisch getanzt hatten, soll es dieses Jahr um Antibiotika gehen, finde ich. Haarsträubend ist der Umgang damit, bei jedem „Chemist“ kann man sie kaufen, so weit das Geld reicht, und da oft nicht viel Geld da ist, kauft man auch mal von jeder Sorte 2 Tabletten und nimmt diese. Darunter sind dann Reserveantibiotika, oder auch schonmal Breitbandpenicilline gegen verrenkte Schultern, weil der Chemist rät, bei Knochenbeschwerden könnte da eine positive Wirkung eintreten…

Die Damen sind völlig im Bild. Alle wissen eigentlich, wie Antibiotika gegeben werden müssen, vermutlich wegen der beständig haareraufenden Ärzte, deren Ärger über ultrakurze oder monatelange Therapien ohne Sinn und Verstand sie immer wieder übersetzen müssen. Wir machen einen kleinen Ausflug zu den Bakterien und Viren, wie sie aussehen, wie sie sich unterscheiden. Ich habe zwei Prototypen aufgemalt und erzähle ein bisschen dazu. Da ich immer wieder Fragen stelle, damit die Mittagsmüdigkeit nicht allzu schwer lastet, sehe ich, dass viel Wissen da ist, aber auch noch ein paar Lücken. Ein paar können wir füllen, z.B. wie es zu Harnwegsinfekten bei Frauen kommt oder wies das eine oder andere übertragen wird.

Was macht ihr, wenn Euer Doktor Antibiotika bei einer Erkältung verordnet, will ich zum Schluss noch wissen, denn das kommt durchaus auch mal vor. Die Damen wiegen die Köpfe. Wir sind in Afrika, und da konfrontiert man nicht, man kritisiert nicht. „Only, maybe… ask in a decent way,,,,?“ meint die Mutigste. Den Chemists würde man zuweilen eine deutliche Aufklärung wünschen…

  • Am Nachmittag sind so viele Notfälle da, dass auch die Liegen im Verbandsraum besetzt sind. Im kleinen OP liegt ein Mitarbeiter, dem schlecht geworden ist, und auf der Verbandsliege müht sich der internistische Kollege um einen jungen Mann, der ein Insektizid getrunken hat. Zum Glück hat er die Flasche dabei und sogar das Antidot steht in der Gebrauchsanweisung, aber die genaue Dosierung? Alkylphosphatvergiftungen sehen wir auch in Deutschland nicht alle Tage. Wir rufen kurzerhand in der Giftnotrufzentrale im deutschen Freiburg  an und hoffen, dass dort nicht gesagt wird, man sei nicht auch noch für Afrika zuständig. Dem ist nicht so, der Kollege am anderen Ende gibt die genaue Vorgehensweise zum Mitschreiben durch. Als der Patient endlich verlegt werden kann und das Ambulanzfahrzeug bereit steht, haben wir annähernd 50 mg Atropin in ihn hineingefüllt, dennoch ist der Puls bei um die 80/min, und schliesslich kann er in passablem Zustand in der Klinik übergeben werden.

 

  • Und obwohl es eigentlich genug zu Essen gibt, und Kenia ein fruchtbares Land ist, stellen sich immer wieder unterernährte Kinder und Erwachsene vor. Gut, dass es das feeding center gibt (siehe Bild), und man sogar das Essen verschreiben kann!

 

Infos zum Project unter http://www.german-doctors.de

Danke an die Kollegen für das Foto!

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Gute Besserung!

Bonface hat sich vor 5 Tagen an der linken Hand verletzt, irgenwie ist ihm ein dicker Holzsplitter in den Handrücken geraten. Das Holz ist wieder draussen, aber jetzt tropft der Eiter aus der schmutzigen, 3 cm grossen Wunde, die Hand ist grotesk geschwollen und heiss bis zum Ellbogen hinauf, die Haut schält sich bereits. Zum Glück hat er zuletzt vor 10 Stunden etwas gegessen und auch zu trinken gab es schon lange nichts mehr. Seine beiden Schwestern begleiten ihn, zusammen mit der achtjährigen Nichte mit wilder Wuschelfrisur und feinem rotem Kleid mit Tüllbesatz. Anders wäre er ja nicht gekommen, verraten die Damen, da hätte es schon ein wenig weiblichen Nachdruck gebraucht.

Innerhalb von einer halben Stunde ist der provisorische septische OP gerichtet, der internistische Kollege übernimmt die Kurznarkose mit Ketamin und Diazepam. Es dauert, bis Bonface halbwegs schläft. Es ist eine Narkose, in der man weiter atmet und der Blutdruck nur selten absinkt, und deshalb der Standard in Umgebungen wie dieser, wo es kein Beatmungsgerät gibt. Allerdings kann es sein, dass Patienten währenddessen singen, erzählen, gestikulieren oder schimpfen. Und auch Bonface, der, wie die Begleiterinnen verraten, gerne mal ein Bier trinkt, scheint lebhafte Träume zu haben. Mal hängt das linke Bein herunter, mal macht sich das rechte selbständig, und wilde Armbewegungen und Herumruschen auf der wackeligen Liege sind mit einer Handoperation nicht unbedingt vereinbar, schliesslich sind drei starke Männer nötig, um ihn soweit in Position zu halten, dass ich ordentlich arbeiten kann, obwohl der internistische Kollege bereits mehrfach die Dosis erhöht hat. Grosse Mengen Eiter entleeren sich aus den Entlastungsschnitten, ich spüle unermüdlich, bis die Flüssigkeit einigermassen klar zurückkommt. Da keine Drainage da ist, wird eine gebastelt, , indem in einen Infusionsschlauch Löchlein geschnitten werden.

Endlich ist die Hand soweit versorgt und verbunden, der Patient wieder wach, alles vielfach erklärt: unbedingt das Antibiotikum nehmen, unbedingt täglich zum Verbandswechsel kommen, auch die beiden Damen werden mit ins Boot geholt, zur Not sollen sie ihm wieder Beine machen.

Am nächsten Tag ist kein Bonface zu sehen. Auch am übernächsten nicht.              „Der Pfeifendeckel aber auch“, sagt der internistische Kollege, „er soll sich nicht wundern, wenn ihm  noch die Hand abfällt…“

Am dritten Tag ist Bonface wieder da. Die Hand ist deutlich gebessert, wenn auch der Verband nass vom Wundsekret ist. Die Dinge entwickeln sich gut. Der Patient hat scheinbar Vertrauen gefasst, erscheint täglich, und nach einer Woche ist die Hand wieder auf Normalgrösse abgeschwollen, die Wunden rosig und sauber. Alle freuen sich. Immer wieder schlittern Patienten haarscharf an Katastrophen vorbei und immer wieder staune ich, mit wie wenig Ausrüstung man die eine oder andere dann doch abwenden kann.

(Neues aus dem Bad: inzwischen hat, weil die hochfrequenten Einsätze des gutgelaunten Installateurs doch nicht verhindern konnten, dass der Wasserverbrauch unnötig hoch ist, die Chirurgin einen genaueren Blick in den Spülkasten geworfen. Basteln gewohnt, hat sie die Schraube am Schwimmer etwas angezogen und siehe da: es läuft kein Wasser mehr nach, nur die Anschlussstelle tropft noch ein wenig. Was tut man nicht alles, um German Doctors unnötige Ausgaben zu ersparen…:))

Danke an Sascha für das Foto!

Infos unter:  http://www.german-doctors.de

 


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Kenianisches Allerlei

Am Montagmorgen, wir stehen abmarschbereit vor der Haustür, biegt freudestrahlend der Installateur um die Ecke, unterm Arm eine neue Kloschüssel. Schon seit Monaten läuft in der Toilette im 1. Stock Wasser nach und treibt den Verbrauch in die Höhe. Wir versuchen zu ergründen, warum bei einem Spülkastenproblem die Schüssel ausgewechselt werden muss, aber der Mann lässt sich nicht beirren. Der Hausbesitzer habe dies vorgeschlagen. Na denn.

Bei der Arbeit wie stets ein buntes Vielerlei:

Ein Patient kommt mit Rückenschmerzen. Seit 20 Jahren trägt er täglich hundert Zementsäcke und erhält dafür am Tagesende 600 Schilling, also ca. 6 Euro. Vorsichtig versuchen wir ihm zu erklären, dass bei so hoher Belastung Rückenschmerzen keine Seltenheit sind. Ja, er könne ein bisschen ruhen, sagt er. Er fahre nachhause aufs Land. Dort bewirtschaftet seine Familie ein Stückchen Land mit Mais und Zuckerrohr. Das klingt nach mehr Ruhe und besserer Luft als in Nairobi, allerdings auch nach viel andererlei Arbeit.

Eine Patientin kommt aus einem unserer Referenzkrankenhäuser, nachdem ihr bei einem Unfall mit einem scharfen Blech die Achillessehne durchtrennt worden ist. Genäht wurde sie allerdings nicht, nur die Haut, und der Eiter tropft heraus. Warum man die Sehne nicht genäht hätte? Und warum man eine Woche lang nicht die Wunde verbunden, sondern den feuchten, schmuddeligen Verband belassen hat? Viele Fragen. Man hätte sie zum Röntgen geschickt, um zu sehen, ob die Sehne Schaden genommen hätte…(für die Nichtmediziner: ein Röntgenbild braucht man nicht, um die Sehne beurteilen zu können).

Nachdem die dritte Patientin sich mit einer seit Monaten nicht verbundenen, völlig ignorierten, schmutzigen, verkrusteten Wunde vorstellt, frage ich meine Übersetzerin, ob es da irgendeine afrikanische oder kenianische Tradition gibt, die es verbietet, Wunden zu verbinden. Sie meinen, erklärt Jane, dass eine verbundene Wunde schlechter heile. Ich brauche eine Weile, bis ich den wirklichen Sinn hinter dieser Aussage erkenne. Tatsächlich heilt eine Wunde schlechter, wenn man zwei Wochen lang den gleichen Verband darauf lässt.

Ein kleines, schmales Mädchen in gelbkarierter Schuluniform mit feschem weissem Kragen braucht einen Gips, es hat sich den Unterarm gebrochen. Wird die wackelige OP-Liege es aushalten, dass es am einen Ende sitzt und nicht in der Mitte, wo jetzt das Gipswasser platziert wird? Die Nurse ist guter Dinge und meint, das hält. Gerade wickeln wir die Baumwolllage um das dünne Ärmchen, als sich die Liege neigt: die Wasserschüssel ergiesst sich auf uns und die Patientin, das verdutzte Kind rutscht auf den Boden und alle sind nass. Zum Glück ist niemand anderweitig zu Schaden gekommen.

Ein Stäpelchen frisch gewaschene Unterhosen, die ein Kurzzeitarzt hier hat liegenlassen, finden sich jetzt fein gestapelt im Büro der Headnurse. Bereits ein Patient, der verschämt meinte, er könne die Jeans zur Untersuchung nicht ausziehen, seine Unterhose sei zu sehr zerrissen, hat sich über eine neue gefreut, ein weiterer trug ein Exemplar, das vom vielen Waschen so ausgeleiert war, dass er zweimal hinein gepasst hätte und bejahte das Angebot freudestrahlend.

Eine ältere Dame mit verstauchtem Knöchel verrät, dass sie in früheren Zeiten, wenn ihr Ehemann anfing zu schreien, immer zurück schrie. Seit sie die Taktik geändert habe und dann einfach sehr leise spreche, würde sie nicht mehr geschlagen. Das sei zum Glück lange her.

Ein grosser, hässlicher Brustabszess, den ich vor zwei Wochen eröffnet habe, ist wunderbar abgeheilt, nur noch eine kleine, einzentimetergrosse Wunde ist übrig. Die Patientin hat am Wochenende weder Gelegenheit noch Geld gehabt, sie verbinden zu lassen, am Montagmorgen klebt bei Vorstellung zum Verbandswechsel ein abgeschnittenes Läppchen von einem Fussverband darauf. Zum Glück hält das die Wunde nicht vom Heilen ab.

Am Abend sind wir gespannt, was wir im Bad vorfinden. Tatsächlich ist die neue Toilette installiert, aber es läuft nach wie vor Wasser nach und beim Spülen ergiesst sich ein Drittel des Kasteninhalts auf den Fussboden. An Tag Zwei ist die Toilette wieder verschwunden und ein Schild mit out of order hängt an der Tür. Am dritten Tag ist eine dritte Toilettenvariante montiert, die allerdings nicht funktioniert, es fehlt noch ein Ersatzteil, diesmal klebt das Schild auf dem Toilettendeckel. Am vierten Tag ist das Ersatzteil da, aber nach wie vor läuft Wasser nach und jetzt tropft es aus dem Anschluss zwischen Wand und Spülkasten. Ich erinnere mich gern an den Besuch der Aushilfsinstallateurin, die an Weihnachen innerhalb von 20 Minuten drei weitere Baustellen problemlos behoben hat. Ach, wenn doch die Ladies generell mehr Gelegenheit hätten, ihre Gaben glänzen zu lassen…

Danke an Sascha für das Foto!

Infos unter: http://www.german-doctors.de

 

 


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Strandmeditation angesichts…

 

Weihnachtsfrei, und somit Zeit, ein wenig zu reisen.

Lamu – kilometerweit weisser, einsamer Sandstrand.

Die Blauwölbung des Himmels über dem Meeratem des Indischen Ozeans.

Wellenkämme blaugrün, schneeweisse Gischt.

Nimm eine Handvoll Sand und  sieh genau hin: vielerlei Erdfarben, blauweiss, blaugrau, meerblau, grünblau, grüngrau, blautürkis, weissgrau, zartgelb, schartig, kantig, grösser und winzig, zerstossen, fragmentiert, pulverisiert, integriert – Plastik.  Unverkennbar alle Variationen von Bechern, Tauen, Verpackungen aller Art, und endlos sind die Spuren der Wasserflaschen in allen Arten von Fragmenten.

Aktiv scheint die Gegenbewegung der Natur: unzählige angespülte Samen, Knollen und Palmfrüchte, die ihre Wurzeln im Sand verankern und frischgrüne Halme gen Himmel schieben, ein unermüdliches Überwachsenwollen und Aller-Verschmutzung-Trotzen, das am Rande auch tröstet.

Die Frage, wie ich es halten will mit den Plastikflaschen, solange ich hier bin, an einem Ort, wo Leitungswasser pur ein Risiko ist und es keine ordentliche Müllverbrennung gibt, steht breitbeinig da und erlaubt kein Verdrücken am Rande.

Die UV-Desinfektion ( mehr unter http://www.sodis.ch) bräuchte 6 Stunden kontinuiertliche Sonneneinstrahlung und einen Ort, wo keiner der Versuchung erliegt, meine Flaschen wegzuräumen. Die Silberionen-Aquapur-Methode ist ein bisschen einfacher und für Notfälle habe ich eine Portion dabei. Soll ich mich also sozusagen im Namen des Umweltschutzes versilbern oder mein Wasser in die Sonne stellen? Ich entschliesse mich für Letzteres, informiere alle Mitbewohner in meiner Unterkunft, damit es auch funktioniert und spare damit in 7 Tagen am Meer immerhin 12 Plastikflaschen. Ich beschliesse, an den Tropfen zu glauben, der auf Dauer den Stein höhlt…

Die Daily Nation berichtet in diesen Tagen von einem Projekt im Norden des Landes. Zu einer landwirschaftlichen Messe wurden die Farmer, die dort Ziegen verkaufen wollten, verpflichtet, im Rahmen ihrer etwas höheren Teilnahmegebühr eine Mitgliedschaft in der staatlichen Krankenversicherung NHIF abzuschliessen (etwas, das wir nur zu gerne für all unsere Patienten sehen würden, weil dann nicht immer bei Behandlungsbedarf das Argument käme, es sei nicht genug Geld da für Notwendiges). Die Farmer seien nicht begeistert gewesen über die Mehrkosten. Wir hingegen finden dies unbedingt  sinnvoll….

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(Danke an Marianne für das Foto)


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Baumwollunterwäsche

Josaphat sieht deprimiert aus. Er lässt sich schwer auf den wackeligen Stuhl im Sprechzimmer sinken. Kein Lächeln zur Begrüssung. Eigentlich gar keine Begrüssung.

Welche Beschwerden er habe? Meine Übersetzerin, die erstmal die Basisanamnese erhebt, schreibt und schreibt. Dann erhalte ich das Krankenblatt zur Weiterbearbeitung.

Rückenweh, Kopfschmerzen, es zieht und sticht beim Atmen, Halsweh, Rippenschmerz, die Beine sind schwer, heisse und kalte Missempfindungen, Herzklopfen, der Hoden drückt, der After juckt.

Eigentlich ist Josaphat jung und sieht sportlich aus , denke ich, und mache mich an den Untersuchungsmarathon. Der Patient soll sich ja enstgenommen fühlen,  und manchmal wirkt ja schon das Ernstgenommensein und es bessert sich zumindest ein wenig die Perspektive. Das braucht Zeit und die Dokumentation Platz auf der Patientenakte. Und eigentlich scheint alles in Ordnung.

Ob ich etwas übersehen habe mit meinem ja von Herzen vor allem chirurgischen Blick? Wir bitten den internistischen Kollegen, ein ergänzendes fachspezifisches Auge auf den Patient zu werfen. Und ein männliches auf den linken Hoden. Ist der vielleicht doch ein bisschen dicker als der rechte (obwohl er nicht wirklich krank aussieht…). Josaphat soll danach nochmal wiederkommen.

Fünf Patienten später ist er wieder da. Der Kollege hat nichts Neues entdeckt. „Soll Baumwollunterwäsche tragen“, steht da als Therapievorschlag.

Jetzt ist meine Übersetzerin dran, eine Runde Counseling einzuleiten. Ja, meint Josaphat, es gebe Probleme mit den Finanzen, und deshalb mit der Gattin und den Kindern. Doch, das bedrücke ihn sehr. Wir schicken ihn zu Bridgit, einer unserer Counseler.

Ob das einem afrikanischen Mann helfe, wenn ihn eine Frau berät? Gerade hier, bei den steileren Rollenunterschieden? Unbedingt, wird mir versichert, der letzte sei ganz begeistert und getröstet wiedergekommen.

Die Daily Nation gibt über die Festtage Tips, wie man die Zeit verbringen könnte, wenn man nicht zur Familie upcountry aufbricht. Wärmstens wird empfohlen, die älteren Damen und Herren in der Nachbarschaft zu besuchen, vor allem jene, die sich allein fühlten. Geraten wird dazu, unbedingt unparfümierte Vaseline als Gabe mitzubringen, da die alternde Haut davon profitiere, aber man solle auf jeden Fall auch seine kleineren Kinder mitnehmen, weil deren Lebendigkeit die vielleicht traurigen oder unbeweglichen Älteren aufmuntere!

(Danke an Sascha für das Foto!)

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Feuer und Ähnliches…

Unter den vielen Patienten, die auch kurz vor den Feiertagen noch durch unsere Ambulanz im Slum strömen, sind auch einige Kinder, deren Verbrennungswunden wir behandeln.

Da ist der Kleinste, 14 Monate alt, dem heisses Porridge den halben linken Arm verbrannt hat. Zwar brüllt er wie am Spiess, wenn die Wunde vorsichtig gereinigt und dann mit Vaselinegaze verbunden wird, aber wenn alles geschafft ist, lacht er wieder und winkt zum Abschied.

Dann ist da einer, der schon ein bisschen grösser ist, 5 Jahre alt, der schon beim Anblick einer der Fleissigen aus dem Dressingroom zu schreien anfängt, auch, wenn man ihn garnicht beachtet. Er hat sich versehentlich frisch aufgegossenen heissen Tee über den gesamten linken Arm geschüttet, die gesamte Haut hat sich abgelöst, eine grosse, schmerzhafte Wundfläche ist zurückgeblieben. Gerne wollten wir ihn möglichst schnell in unser Referalhospital schicken, damit bald eine Hauttransplantation gemacht werden kann, ich hatte schon den Überweisungsbrief geschrieben, als die Mutter noch einmal an der Sprechzimmertür vorstellig wird. Hm, ja, eigentlich wolle sie auch, dass der Kleine eingewiesen wird, aber es gibt da ein Problem… bei uns hat sie ihn unter einem anderen Namen registriert als bei ihrem ersten Besuch in jenem anderen Krankanhaus, von dem sie zu uns geschickt wurde, und damals sah es noch so aus, als könnte die Haut heilen… Wir staunen. Und fragen, warum sie denn zwei verschiedene Namen benutzt hätte? Ja, eigentlich hätte der Bub Henry James heissen sollen, sagt die Mutter, aber der Vater hätte für Brian Michael plädiert, man hat sich nicht einigen können, und jetzt? Ob wir nicht den Namen (auf ihre Option) ändern könnten in unserer gesamten Dokumentation? Die Headnurse springt ein und versucht, die Verwicklungen zu entwirren.

Und dann ist da noch ein Mädel, 4 Jahre alt, pummelig und gut gelaunt, die ebenfalls  von heissen Tee am Kinn (da ist nach zwei Tagen schon wieder fast alles heil) und über dem Brustbein verbrüht wurde. Die Häute der Brandblasen sind gerissen, aber noch anhaftend, also braucht es noch ein bisschen vorsichtige und zugleich flotte Wundreinigung. Die Mama gibt sich alle Mühe, das Kind abzulenken, spielt Verstecken hinter der Krankenkarte und singt, ach, ja, es ist ja bald Weihnachten, das gerät hier, abseits aller teuren Weihnachtsdeko und bei warmem Sommerwetter, immer wieder in Vergessenheit. Sie singt zu der Melodie von Bruder Jakob Baby Jesus, I love you! Und tatsächlich gibt es kein Geschrei, die Tochter ist tapfer wie die beiden  Jungs zusammen nicht, und ganz schnell ist die Wunde geputzt und verbunden.

Und dann bringt ein Papa noch eine Zweiliterflasche Cola vorbei, als Dank für die Verbände, die seine 5jährige Tochter nicht mehr braucht, weil die Brandwunde jetzt geheilt ist.

Ansonsten ist Weihnachten vor allem Reisezeit, man fährt, so man es sich leisten kann, nach upcountry zur Familie. Die, die es sich nicht leisten können, sind teilweise ziemlich traurig, andere tapfer und viele trotzdem, zumindest nach aussen, guter Dinge.

Nicht nachhause fahren auch die Mädchen der Naningoi Girls Primary School, die dort dank Sponsorship durch Girlsfund Kenya Zuflucht gefunden haben, nachdem sie vor oder aus Zwangsverheiratung mit viel älteren Männern oder der drohenden Genitalbeschneidung geflohen sind. Die Daily Nation berichtet in diesen Tagen ausführlich von diesem Projekt und dass man, wenn Väter versuchen, mit Gewalt ihre Töchter zurück zu holen, immer wieder auch die Polizeit einschalte.

Danke an Sascha für das Foto!

Mehr Informationen unter http://www.german-doctors.de

 


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Murmeln…

In mein Sprechzimmer wird von seinem Auntie ein kleiner Junge geschoben. Er habe eine Murmel verschluckt und zudem sei am Rücken, gerade unterhalb des Schulterblatts, eine runde Schwellung aufgetaucht. Ob sich wohl die Murmel auf geheimnisvollen Wegen zum Rücken hinauf begeben hat? Bei genauerem Nachfragen stellt sich heraus, dass sich die murmelähnliche Schwellung schon seit drei Jahren unverändert dort befindet und glatt, gut verschiebbar und vermutlich nicht gefährlich ist. Auch um die Murmel muss man sich erstmal keine Sorgen machen. Der Kleine ist guter Dinge, lacht und interessiert sich für die zwar spärliche, aber interessante Untersuchungsgerätesammlung auf unserem Tisch.

Die Daily Nation berichtet in diesen Tagen aus einem kleinen Krankenhaus im Norden, wo die nachtdiensthabenden Ärzte einfach nachhause gegangen seien und die Wöchnerinnen allein gelassen hätten, wodurch eines der neugeborenen Kinder Schaden genommen hätte. Die Klinik dementiert – die betroffene Mutter sei bei der nächtlichen Visite um 1.40 Uhr nicht in ihrem Bett gewesen. Wem soll man glauben?

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(Danke an Sascha für das Foto!)