sabinewaldmannbrun

Farbe. Linie. Sehen.


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Sanaa na upendo – Kunst und Liebe II

…und Konzentration!:)

 

Infos über unsere Arbeit im Baraka Health Center in Nairobi:

https://www.german-doctors.de/de/projekte-entdecken/nairobi


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Sanaa na upendo – Kunst und Liebe

Der Tag ist kunsthandwerklich anspruchsvoll. 11 Gipse sind neu anzulegen, dazu sind 6 Exemplare mit der Gipssaege zu enfernen, dem jeweils neu befreiten Patient zu erklaeren, wie er den in Wochen der Ruhigstellung  muede gewordenen Fuss wieder aufwecken  oder den Arm vorsichtig mit Kokosnussoel massieren und beueben kann, damit die fruehere Feinmotorik wieder zurueck kehrt. Der Mann mit der Saege hat nach kurzer Zeit Schweissperlen auf der Stirn, der Plastikmuelleimer im Dressingroom fuellt sich mit Gipsschalen, so dass wirklich garnichts mehr sonst hinein passt, die kleineren Patienten bruellen wie am Spiess, weil sie noch nicht wissen, dass die kreischende Saege nur Hartes, aber nichts Weiches schneidet.

Waehrenddessen werden die Neuen angelegt – ein Gips muss passen, darf nicht druecken oder zu schwer sein, sollte ordentlich aussehen und zudem fuer die Fraktur  der richtige sein (alles nicht selbstverstaendlich). Ich liebe dieses feine Modellieren, das Handinhandarbeiten, so es denn gut klappt. Und bin froh ueber den einen oder anderen „starken Mann“, der flexibel ein schweres  und mit jeder hinzukommenden Gipsbinde schwereres Bein haelt – insbesondere einen, der heute einen weissen Kittel mit dem Aufdruck „The strong heart of Africa“  traegt, nehmen wir mehrmals in Anspruch.

Bei einer der Ladies finde ich bei den aus dem zu kontrollierenden Beingips herausschauenden Zehen wunderbare Malereien auf den Naegeln vor – sie war in einem Nagelstudio! Pinkfarbene Linien und blaue Puenktchen ergeben ein prachtvolles  Bild am schwarzen Fuss zum  weissem Gips.

„Das ist gut“, sagt Jane Rose, „so fuehlt sich das Bein geliebt nach all dem Stress mit der Fraktur und dem Gips!“

 

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Wo ist Lucy?

Wenn wir am Morgen um kurz vor 8 Uhr in unserer Slumambulanz ankommen, schaue ich immer erstmal in unseren „Emergency-Room“(eigentlich nur ein Vorraum mit drei Liegen, einem Absauggeraet, einem Notfallkoffer sowie einem Sauerstoffkonzentrator). Meistens ist es hier friedlich , aber nicht immer. Vom nicht mehr atmenden Kleinkind ueber Menschen, die vor Schmerzen schreien, bis hin zu kaum noch ansprechbaren Cholerakranken ist alles moeglich.

Heute finde ich ein bebendes Deckengebirge dort vor: James, 22 Jahre alt, hat in einem Bereich mit Gasleck ein Streichholz angezuendet. Das Gesicht, der Hals, beide Arme, zum Teil Vorder- und Rueckseite des Oberkoerpers, Teile von Beinen und Fuessen sind bei der Explosion verbrannt. Zum Glueck ist James noch ansprechbar und kann berichten. Der Plan, einen venoesen Zugang zu legen, ist schon nicht einfach umzusetzen – wo auf der sich in Fetzen abloesenden Haut soll man die Kanuele befestigen? Aber schliesslich koennen wir die Infusion anschliessen und etwas gegen die grossen Schmerzen geben. Die Verlegung ist wie immer wieder in diesen Zeiten eine Herausforderung – die beste Versorgung von Brandverletzten ist im vom Streik lahmgelegten Kenyatta-Klinikum zu haben.

Headnurse Lilian telefoniert – zwar sind die Stationen geschlossen, aber man will James in den kleinen OP nehmen, und ein paar Militaeraerzte sind scheinbar auch fuer Notfaelle vor Ort, die anderswo nicht behandelt werden koennen. Nachdem der Patient soweit versorgt ist, wie wir es eben leisten koennen, fuelle ich den Verlegungsbericht aus. Als ich wieder zurueck in den Verbandsraum komme, steht der Patient zitternd und barfuss zwischen zwei Angehoerigen, die mit ihm zum Ambulanzfahrzeug  nach draussen auf den staubigen Hof laufen wollen, ungeachtet der Brandblasen und Wunden an den Fuessen. Schnell wickeln wir ihm noch Kompressen um die Fuesse und knoten sie in die schwarzen Plastiktueten, die die Mutter vom Markt mitgebracht hat. Ein Pfleger faehrt als Begleitung mit und berichtet bei seiner Rueckkehr, der Patient sei in stabilem Zustand angekommen, dann aber intubiert worden, da das Gesicht zuzuschwellen begann.

Die letzte Patientin des Tages ist seit fast vier Wochen auf einem gebrochenen Schienbein ohne Gips unterwegs. Zum Glueck hat sie fast nicht aufgetreten, und das vor 2 Tagen erstellte Roentgenbild zeigt bereits Stabilisierungszeichen. Die die uebliche Ruhigstellungszeit bei 6-8 Wochen liegt, beschliesse ich, ihr noch einen Gips anzulegen, schon zum Schutz der begonnenen Heilung.

Um 17.45 Uhr sind wir endlich fertig, die Gipsschiene liegt, aber wie soll die Patientin nachhause kommen? Die schweren, massiv hoelzernen Gehstoecke, blumig mit Bezugsstoff vom lokalen  Schreiner  gefertigt und gepolstert, sind von einer der Schwestern  in Windeseile, aber ohne das Mass der Patientin zu nehmen,  kurz vor Schluss im Buero geholt worden (immerhin hat die Patientin die umgerechnet 10 Euro Leihgebuehr zur Hand, was ueberhaupt nicht selbstverstaendlich ist), aber sie sind viel zu hoch. Einer der Maenner im Raum macht den Vorschlag, sie auf die richtige Groesse abzusaegen, aber dann passen sie nicht mehr fuer den naechsten groesseren Patient. Den Rollstuhl, eine weitere Moeglichkeit, will nun allerdings die Patientin nicht ausleihen, weil der Weg nachhause zu steil und holperig ist. Der Vorschlag der Cousine, ein Motorradtaxi zu nehmen, ist mir wiederum nicht recht. Viel zu gefaehrlich – wer soll, ohne herunter zu fallen, das Bein halten, damit es beim Fahren nicht auf dem Boden schleift?

Schliesslich einigen wir uns, dass die Patientin sich in Begleitung einer der Pfleger nach draussen setzt, damit jetzt endlich die Ambulanz geschlossen werden kann. Bis dann hat auch hoffentlich die Cousine zwei starke Maenner herbeizitiert, die die Eingegipste die 15 Minuten Fussweg nachhause stuetzen koennen (dies muss, da Patientin und Cousine kein Handy haben, zu Fuss geschehen). Und am naechsten Morgen kann die Cousine dann, ohne dass die Patientin im Gips ueber die steinigen Huegel klettern muss, die exakt passenden, da heute noch massgenommenen Gehstoecke abholen. Fuer manche Improvisationen muss man ein wenig Zeit einplanen.

Dann endlich mache ich mich noch auf den Weg, um nach Lucy zu schauen, die ich im letzten Jahr mit ihrer Tochter Merceline in ihrer Schneiderwerkstatt besucht und interviewt hatte (siehe unter Stichwort „African Ladies“), gerade nur ein paar Verschlaege von unserer Amulanz entfernt. Aber da ist sie nicht mehr und auch nicht ihre Werkstatt. Stattdessen haben sich drei coole junge Maenner mit Werkzeug zum Diversesreparieren in dem genannten Verschlag eingenistet. Lucy? Vermutlich mache sie gerade eine Pause, meint einer. Aber ihre gesamte Werkstatt sei doch nicht mehr hier, frage ich? Tja, vermutlich habe sie dann Urlaub, sagen die Jungs, etwas unbestimmt in den Raum hinein und lehnen laessig an der Werkzeugablage. Hier ist also keine erschoepfende Antwort zu erwarten, denke ich mir.

Ich bedanke mich, gehe zwei Wellblechverschlaege weiter und frage die beiden Frisoerinnen, die gerade im Rahmen der Verschoenerungsaktion einer Kundin am Zoepfchenflechten sind. Lucy? Sie sei doch umgezogen, ganz in die Naehe? Richtung dorthin, meint die eine – und zeigt unbestimmt gen Sueden. Das kann nun allerdings vielerorts sein. Wo es denn genau sei, frage ich. Ja, meint die Lady, vielleicht wohl schon etwas weiter weg? Dunkel war’s, der Mond schien helle…

Ich frage Rose, die Sozialarbeiterin. Lucy? Um sie in dem Slumgewirr ohne Strassennamen, Hausnummern oder sonstige Kontinuitaet wieder zu finden, muesse ich schon ihre Telefonnummer haben. Vielleicht kennt eine der Mitarbeiterinnen die Nummer? Das Suchprojekt ist noch nicht abgeschlossen.

(Danke an die fotografierende Kollegin!)

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Ijumaa – Freitag

Die 8-jaehrige Esther ist gestuerzt – der Arm schmerzt. Ihre Mama geht mit ihr in die naechste Klinik zum Roentgen: der Arm ist gebrochen. Nun ist ihr aber in dieser Klinik der Gips zu teuer (umgerechnet 15 Euro), deshalb fahren Esther und Mama im vollgestopften Matatu in die naechste Klinik. Dort ist der Gips billiger (umgerechnet 10 Euro), also wird er (ohne neues Roentgenbild, da zu teuer und ausserdem ungesund) dort angelegt. 4 Wochen spaeter stellt die Mama Esther bei uns vor, weil der Arm, nachdem der Gips im Health Center durch Einweichen in Wasser abgenommen wurde, schief aussieht. Da erst zeigt sich im Kontrollroentgen, dass der Bruch, der auf dem ersten Roentgenbild gut stand, sich auf dem Weg zum billigeren Gips mehr als eine Knochenbreite verschoben hat. Zwar hat sich Callus gebildet und der Bruchbereich schmerzt nicht mehr, aber ob es halten wird, wenn der naechste Sturz ansteht?

Der Aerztestreik geht in die 7. Woche. Inzwischen ist die Rede von einem geplanten halben Jahr, falls sich nichts tut. Ich treffe eine der streikenden Kenianischen Kolleginnen. Sie erklaert mir, dass die Zustaende in den Staatlichen Krankenhaeusern so schlecht seien,  dass man es so nicht weiter hinnehmen koenne. Die Menschen wuerden sich denken, dass Aerzte Leben retteten, aber das sei zum Teil garnicht moeglich, weil weder Material noch genuegend Personal zur Verfuegung steht. Lieber ginge sie ins Gefaengnis, als diese Zustaende weiter zu ertragen. Die Zeitung vertrete doch nur die Position der Regierung. Ein aerztlicher Kollege fragt, warum es denn nicht moeglich sei, in Kenia die eigenen Aerzte angemessen auszubilden, auszuruesten, anzustellen und auch zu halten? Eine gute Frage – eigentlich moechten auch wir ja ueberfluessig werden! Das taegliche Geschaeft allerdings zeigt, dass vor allem die Patienten unter dem Streik leiden…

Und: das Wasser geht aus. Da es in der letzten Regenzeit nicht so viel wie sonst geregnet hat, ist der wichtigste Staudamm, das Hauptwasserreservoir im Land, schon ueber die Haelfte geleert. Seit Anfang des Jahres wird deshalb das Wasser rationiert. Mal gibt es welches, mal nicht, daher haben wir alle mit Wasser gefuellte Buetten in Bad und Toilette stehen, im Wohnzimmer stapelt sich eine Batterie Flaschen mit Trinkwasser und auch in Baraka kommt oefters mal nichts mehr aus dem Wasserhahn, wenn man sich gerade die Haende waschen will, Gipse machen moechte oder den Schmuddel von vielerlei Wunden wegwischen sollte. Gut, dass es genuegend Desinfektionsmittel gibt, hin und wieder kommt Wassernachschub im Tankwagen (das dann ein wenig braun aussieht). Was die Nachbarn unserer Doktors-WG allerdings nicht daran hindert, die Steine vor dem Haus sowohl mit Seifenwasser zu schrubben als auch mit klarem Wasser nach zu spuelen.

Die Daily Nation publiziert in diesen Tagen ausfuehrlich zur Inthronisation des neuen amerikanischen Praesidenten. Zum Abschied von Obama, dem „Son of a Kenian“ (auf den man nach wie vor stolz ist – erst letzte Woche hatte ich wieder einen kleinen Patienten namens Barak und auch ein 6-jaehriger Obama war schon da),  wird die Hoffnung geaussert, er habe nun vielleicht ein wenig mehr Zeit,  sich um die Anliegen seiner Heimat zu kuemmern – nachdem die Regierungsgeschaefte nicht mehr draengen, koenne er ja das eine oder andere Projekt initiieren? Den „Neuen“ im Amt sieht man durchweg kritisch wenn nicht sogar mit grosser Sorge. „Uneasy times ahead as Trump takes over“ wird getitelt und Charles Dickens zitiert: „…it could be the best of times, but it could as well be the worst of times“, nicht nur fuer die USA, sondern auch fuer Afrika. Ein Kommentator spricht von der Amtseinfuehrung als von dem soeben vollzogenen, offiziellen Begraebnis der „political correctness“. Einzig Njoki Chege, die fuer ihre bissige Kolumnen bekannt ist, findet eine durchaus freundliche Farbe im sonst eher zwiespaeltigen Bild: „Trump has taught fathers one important lesson: believe in your daughters!“ (…doch auch das hatte Obama bereits persoenlich bei einem offiziellen Besuch den Herren des Landes nahegelegt).

(Danke an die Kollegin Claudia fuer das Foto!)

 

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African Ladies – Damaris, CHW

„Crepe bandage! And the medium size POP!“ Damaris, 41, is working as a community health worker (CHW) in the dressing room of Baraka Health Center and gets organized for the next plaster of paris. She is good in that, and years of experience with the always changing surgeons from German Doctors have trained her so well that she could be called the „POPnator“ of the dressing room:). Though her way to this inofficial position was not an easy one.

Being born and brought up in Mathare Valley Slum she had hard times right from the beginning. Her father was a casual worker and there never was enough money, neither for meals nor for school fees. There was no privacy in the little one-room-hut, that she had to share with her family. Damaris could go to school for some time, but then had to quit. She got pregnant early, thought about abortion, but her mother, being christian, pleaded her to be courageous and have the baby – she promised to support her daughter. And so she did. So  a little boy was born.

Now Damaris learned to use the knitting machine like her mother. Making pullovers brought a bit of money.  She married, had another baby, there were „challenges“ and the couple separated for a year. They sorted out the challenges and continued struggling together.

In 2002 German Doctors announced a training for CHW’s at the church, that Damaris attended. She applied,  got her education for 8 months and could finally start working at Baraka Health Center in 2008. When she had the possibility to attend evening classes for 3 years to finish school, she did not hesitate. Not long ago she wrote her exams and now awaits the results.  And maybe she will make her dream come true and become a nurse.

„It is never too late to achieve your goal“, Damaris says. And she wants to encourage especially the young girls, who live under the hard conditions of the slum: they must not be ashamed of being brought up in this place. They should be able „to rise and shine and to change the picture of slum girls. Never loose hope!“

 

„Elastische Binden! Und die mittlere Grösse für den Gips!“ Damaris bereitet sich darauf vor, ein gebrochenes Handgelenk einzugipsen. Als Gesundheitshelferin arbeitet die 41jährige im Verbandsraum von Baraka Health Center. Sie macht ihre Sache gut – nach so vielen Jahren mit den alle 6 Wochen wechselnden Chirurgen hat sie reichlich Übung.

Geboren und aufgewachsen im Slum hatte sie es allerdings nicht leicht. Ihr Vater brachte als Gelegenheitsarbeiter nicht genug Geld nachhause, so dass sie früh die Schule abbrechen musste. Sie wurde schwanger, dachte an Abtreibung, aber ihre Mutter, als Christ gegen diese Lösung, versprach, die Tochter in allem zu unterstützen. Und das tat sie auch. Und ein kleiner Junge wurde geboren.

Als nächstes lernte Damaris von ihrer Mutter den Umgang mit der Strickmaschine – die Herstellung von Pullovern brachte ein wenig zusätzliches Geld ein. Sie heiratete, bekam einen weiteren Sohn, trennte sich für ein Jahr von ihrem Mann, aber es gelang den beiden, sich wieder zu versöhnen und sie blieben zusammen.

2002 hörte Damaris in ihrer Kirchengemeinde von einer Möglichkeit, sich als Gesundheitshelferin ausbilden zu lassen. Nach 8 Monaten Training hatte sie ihr Zertifikat, ab 2008 konnte sie dann endlich offiziell im Baraka Health Center arbeiten. Nebenher, in der Abendschule, holte sie ausserdem ihren Schulabschluss nach.Vor kurzem hatte sie ihre Abschlussprüfung und wartet nun auf die Ergebnisse. Vielleicht wird es ja doch noch etwas mit der Krankenschwesternausbildung.

„Es ist nie zu spät, sein Ziel zu erreichen,“ sagt Damaris. Und vor allem möchte sie die jungen Mädchen ermutigen, die im Slum unter den harten Bedingungen dort aufwachsen. Sie sollen sich nicht schämen für ihre Herkunft, sondern auch hier ihre Begabungen entfalten und sich weiter entwickeln können. Das Image des „Slumgirl“ muss sich ändern. Und nie sollte man die Hoffnung aufgeben!

 


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Hii ni nini? – Was ist das?

Gipskontrollen sind ein Tagesgeschaeft, das Ueberraschungen birgt. Nicht jeder Gips sieht so aus, wie er sollte, was Farbe und Design angeht: an manchen klebt das halbe Abenteuerleben eines kleinen Jungen im Slum, und zuweilen ist auch das Gelenk, das eigentlich ruhig gestellt werden sollte, eigentlich noch beweglich, sei es, weil der kleine oder groessere Patient Wochen hat vergehen lassen, bevor ein German Doctor einen zweiten Blick darauf werfen kann, oder weil das taegliche wilde Leben die Stabilitaet kippt. Eigentlich wird bezueglich der Gipskontrollen ein 7-Tage-Rhythmus angestrebt. Doch auch diese Vorgabe ist dafuer anfaellig, von der Wirklichkeit eingeholt zu werden.

Sami, 12 Jahre alt, ist gestuerzt, der linke Unterarm hat einen deutlichen Knick kurz oberhalb des Handgelenks. Er wird zum Roentgen geschickt. Wieder zurueck, ist auf dem Bild eine deutlich abgekippte Radiusschaftfraktur erkennbar, die allerdings nicht ganz frisch aussieht, Aufhellungen, Kallus und Abrundungen an den Bruchenden sind nicht zu uebersehen. Erst langsam, nach schnoerkelreichem Nachfragen, kommt mit dem Umweg ueber zwei aufmerksame, uebersetzende Verbandsraumschwestern die (vermutlich) wahre Geschichte ans Licht: Noch vor Weihnachten hatte Sami sich zum ersten Mal den Unterarm gebrochen, eine Schiene erhalten, die dann von der Mutter entfernt wurde (warum, blieb im Dunkeln). Gefragt, wie der Arm aussah, ob der auffallende Knick bereits Ursache des ersten Sturzes war, antwortet die begleitende Tante mit einem verhaltenen „Ich erinnere mich nicht,“ waehrend Sami bestaetigt, ja, der Knick sei genauso schon da gewesen.  Der schreckliche Schmerz hingegen nicht, der sei neu seit heute. Die Chirurgin vermutet, dass es sich um einen in schlechtem Winkel geheilten, jetzt aber wieder neu gebrochenen Knochen handelt.

Da Sami vor etwa einer Stunde auf dem Weg vom Roentgen zum Baraka Health Center (oben: der innere Wartebereich)eine Portion gebratene Kartoffeln („some Chips“) gegessen hat, faellt die Moeglichkeit der Kurznarkose weg, morgen sind bereits zwei Patienten fuer kleine OPs einbestellt und mehr sind am Rande des ueblichen Betriebs nicht zu schaffen. Also erhaelt Sami ein starkes Schmerzmittel und eine Kinderportion Valium und dann wird gewartet: Sami auf dem Schoss seiner Auntie auf einem Plastikstuhl in der Mitte des Dressingroom, zwei Schwestern, eine Uebersetzerin und die Chirurgin im Kreis, locker um die Sitzenden herum gruppiert, aber doch aufmerksam, wann dem Patient die Augen beginnen zuzufallen. Alles ist gerichtet, Wasser, Gips, Watte, Gaze, so dass es auf Kommando hin schnell gehen kann. Dann ist es soweit, Sami nickt kurz ein, ein Zug am Arm, ein Druck, ein Schrei, und dann sitzt der Gips. Die Chirurgin ordert, was sonst nur in seltenen Faellen als wirklich noetig und finanziell angemessen erachtet wird, eine Roentgenkontrolle im Gips an und beschliesst, dass Sami, falls der Winkel nicht wenigstens zum groessten Teil ausgeglichen ist, in die Klinik ueberwiesen werden muss. Denn bereits am Morgen wurde ein Gips bei einem gleichaltrigen Maedchen (vom Grossvater gebracht) mit der gleichen Fraktur abgenommen, deren Unterarm jetzt einen Bogen beschreibt. So sollte es nicht sein. Aber das geschieht nicht oft:

Zum Glueck heilt die Mehrzahl der Frakturen voellig ohne Komplikationen oder Fehlstellung aus, egal, ob der Gips nun dunkelgrau, mehrfach auseinandergebrochen, wochenlang nicht kontrolliert oder versehentlich in Wasser getaucht wurde. Wenn auch nicht Standard, doch was fuer ein Glueck…