sabinewaldmannbrun

Farbe. Linie. Sehen.


3 Kommentare

Kenyatta Hospital

Bewusst wollte ich „einfach so“ kommen, ohne Termin oder vereinbarte Führung. Wie oft habe ich Patienten sagen hören „bloss nicht in dieses Krankenhaus!“ Warum nur? Schliesslich ist es die Uniklinik, unser wichtigstes Überweisungshospital. Die Schwestern  im dressing room sagen: „Wenn man dorthin geschickt wird, muss es sehr schlimm um einen stehen. Sozusagen kurz vor’m Sterben. Meinen die Patienten. “ Und die langen Wartezeiten werden angeführt, die Scharen von Patienten. Und dass man in der Menge verloren gehe, ja, im Flur sterben könne, ohne dass es jemand merkt. Und, wenn man die Wartezeit überlebt habe und dann endlich gesehen worden sei, dann schnell wieder nachhause geschickt wird…

Am Sonntagmorgen breche ich auf, um mir ein Bild zu machen. Ausserdem möchte ich nach einem Patient mit schwerem Schädel-Hirn-Trauma sehen, den wir vor einer Woche eingewiesen haben: ein junger Mann, bei dem im CT eine Hirnblutung gesehen wurde. Das einzige, aber gewichtige Problem dabei: ich habe mir den Namen nicht notiert im Rahmen der Überweisung. Ich hatte nicht wirklich mit einem so gravierenden Befund gerechnet, und der Patient wurde vom CT aus sofort in die Klinik gebracht.

Der riesige, farblich in die Jahre gekommene Gebäudekomplex wirkt auf den ersten Blick klotzig und düster. Und gleich am Eingang der Notaufnahme herrscht Ausnahmezustand: die Lady am Registration Desk ist ausser sich, sie weint und betet laut, gerade wird eine Trage mit einem Leichnam heraus gefahren, auf dem Boden eine Blutlache. In der grossen, aber niedrigen Eingangshalle warten zahllose Patienten auf Stühlen und Tragen, ein Überwachungsgerät-Pfeifkonzert liegt über der schweigenden Menge, alle durch Plastikvorhänge abgetrennten Sprechzimmer sind belegt. Durch den verwinkelten Eingangsbereich hindurch geht es am OP vorbei in das Innere des Gebäudes, zunächst in einen hellen Flur mit wandfüllenden Mosaiken, die von den Schülern verschiedener Schulen im Land aus Kachel-, Spiegel- und Glassplittern gefertigt wurden. Sie sind festlich, bunt und schön: Dschungeltiere grüssen, Landschaften, gute Wünsche, eine Frau mit Maispflanzen, Sonne, Mond und Sterne.

Vom diesem langen Hauptgang gehen verschiedene Wege ab: zur Antikorruptionsbox, zum Fotokopierraum, vor dem eine lange Schlange von Patienten und Mitarbeitern wartet und zum Department Recovery nach Gewaltverletzungen. Ich biege auf den Weg zu den Stationen ab.

Das zentrale Treppenhaus ist wieder eher düster, eine Baustelle: Holzstapel liegen herum, es riecht nach Urin. Von irgendwoher weht Gesang herüber, ein flottes Kirchenlied, in dem die Sonne scheint.Im 2. Stock findet gerade ein Gottesdienst statt für die Patienten. Ein freundlicher Wachmann zeigt mir den Weg. Alle Plätze sind mit Patienten und deren Angehörigen besetzt. Auf dem Rückweg vom Churchservice zum Treppenhaus fangen mich zwei kleine Jungs in Krankenhausschlafanzügen mit Bärenmuster ab. Sie wollen Hände schütteln. Es gehe ihnen schon viel besser nach der OP, sie zeigen mir ihre Bauchpflaster.

Die Anzeigetafel neben den Fahrstühlen zeigt die spezielle Chirurgie im 4. und 5. Stock. Eigentlich ist keine Besuchszeit und auf manchen Fluren stehen Schilder „please wait, procedures in progress“. Aber vor mir marschieren auch andere Besucher beherzt daran vorbei. Auf 5A frage ich eine freundliche Schwester nach unserem Patienten. Sie schickt mich nach 5B. Auch hier ein heller, sauberer Flug, die Zimmer ähnlich wie auf der anderen Station, ein Aufenthaltsraum mit Fernseher, aus dem eine füllige Lady gerade einen Gospelsong schmettert, ein grosses, bunt gestaltetes Zimmer für die Kinder zum Spielen.

Auch die Schwester von 5B ist freundlich und erklärt, es gebe ein Zimmer mit Gesichtsverletzungen, aber von dem besagten jungen Mann wisse sie nichts. Ich solle auf 4B und C schauen, der Neurochirurgie. Auf 4C informiert mich eine wiederum sehr hilfsbereite Schwester, dass 4B richtig sei, B for boys. Auf 4B schliesslich fragt die zuständige Schwester detailliert nach Vorgeschichte und Patient, schaut in zwei Zimmern nach, fragt die Patienten, ob einer aus Baraka überwiesen worden sei und schickt mich dann in den 6. Stock. Ohne Namen könne es allerdings schwierig werden. Doch wie schön, dass ich den Patient besuchen käme! Ich staune über so viel Geduld und Freundlichkeit gegenüber meiner Schusseligkeit und schlechten Vorbereitung dieser Aktion und beschliesse, nun nicht weiter zu stören. Schade, dass ich den Patient nicht gefunden habe. Vielleicht ist er schon wieder entlassen worden?

Wieder zurück aus dem verschlungenen Innenleben der Klinik gehe ich zum Ausgang zurück, wo wieder Normalität eingekehrt ist. Die Blutlache ist verschwunden, die aufgeregte Lady wieder konzentriert bei der Sache. Es ist ruhig, die Sonne scheint, und in dem kleinen Park vor der Ambulanz liegen und sitzen Patienten und Besucher im Schatten der hohen alte Bäume. Aber jetzt hat mich eine Watchlady entdeckt. Ob ich jemand besuchen wolle? Meine Papiere? Ihr Walkietalkie knattert. Sie schickt mich mit strengem Blick zur Verwaltung, dort solle ich einen Termin zur Besichtigung machen und mir das entsprechende Türöffnungspapier besorgen. Ich erzähle ihr ein bisschen, warum ich einen Blick in die Klinik werfen wollte und wie gut mir die Mosaiken gefallen haben. Sie lächelt, jetzt doch noch, aber bevor ich noch einmal käme, solle ich mir die schriftliche Erlaubnis holen.

Zum Glück habe ich nun schon einen eindrücklichen und positiven Eindruck erhalten: ein sauberes, bewusst gestaltetes Krankenhaus, Ordnung, Freundlichkeit, kleine Patientenzimmer mit maximal 6 Betten. Soweit von aussen ersichtlich, stimmen zumindest schon einmal die Vorzeichen. Auch das Motto „we care and listen“, das von den schwarzen Brettern in Treppenhaus leuchtet, ein guter Arbeitstitel. Nun kann ich zumindest meinen Patienten in dieser Hinsicht Mut machen, wenn sie sich nicht mit einer Überweisung anfreunden können…

 

Advertisements


5 Kommentare

Felistes

Schon seit 2 Monaten fragt sich Felistes, 26 Jahre alt, woher die schmerzhafte Schwellung ueber ihrem Brustbein kommt. Sie fuehlt sich auch insgesamt nicht wohl, hat abgenommen, keinen Appetit mehr und ist oft muede.

Im Ultraschall ist eine tief liegende abszess-aehnliche Struktur zu sehen, die von der Chirurgin zunaechst punktiert wird. Hier muss man neben einer Knochenentzuendung immer auch an Tuberkulose denken, und die Ebene, in der die Struktur liegt, ist untypisch fuer die sonst leicht zu eroeffnenden oberflaechlichen Hautabszesse. Da wir ueber eine Niederlassung von Aerzte ohne Grenzen im Slum Zugang zu „Gene Expert“ haben, einer Untersuchungsmethode, durch die das genetische Material von Tuberkulosebakterien (per PCR) nachgewiesen werden kann, wird der gewonnene Eiter dort untersucht. Das Roentgenbild der Lunge war voellig unauffaellig, auch die darauf sichtbaren Knochenstrukturen, die Laborwerte eher unspezifisch aber mit deutlichen Anzeichen fuer eine Entzuendung.

Vier Tage spaeter ist das Ergebnis da: eine multiresistente Tuberkulose – aber Brenda von unserer Tb-Klinik bittet noch waehrend der Eroeffnung dieser Nachricht um eine Wiederholung  des Tests. Bevor man mit den Reservemedikamenten behandelt, muss wirklich sicher sein, dass das Ergebnis kein Irrtum ist. Felistes moechte genau wissen, was es damit auf sich hat, ob es schlimm ist, ob es ansteckt, ob sie wieder gesund werden kann, und und und,  und wir nehmen uns Zeit fuer alle Fragen. Und dann wird noch einmal punktiert.

Noch einmal vier Tage spaeter ist Felistes wieder da. „Dr. Sabine, your friend is there!“ wird sie mir angekuendigt. Wenn man schon so oft und viel ueber so wichtige Dinge miteinander gesprochen hat, entsteht eine gewisse Naehe. Das Ergebnis ist nun zum Glueck doch keine multiresistente, aber eine (seltene!) Knochentuberkulose des Brustbeins.  Und damit kann fuer Felistes das neue Jahr schon ein bisschen heller beginnen: die Krankheit hat einen Namen und kann gut behandelt werden.

 

weitere Informationen zum Projekt unter http://www.german-doctors.de

(Danke an Sandra fuer das Foto!)

 


2 Kommentare

Joy to the world

Julie mag nach einem Sturz nicht mehr auf dem linken Bein auftreten. Ihre Mama besteigt gleich am naechsten Morgen frueh um 5 Uhr mit der Zweijaehrigen im Arm ein Motorradtaxi, um von Dandora nach Mathare ins Baraka Health Center zu fahren. Sie hat gehoert, dort soll die Behandlung gut sein. Zwar gehoert sie somit nicht zu unserer Zielgruppe, aber es wird niemand bei der Erstvorstellung einfach wieder weggeschickt. Vielmehr wird versucht, an die heimatnahen Institutionen zur Weiterbehandlung zu verweisen.

Vor Ort in Baraka, nach einer Runde geduldigen Wartens, werden sie von der Chirurgin zu dem naechstgelegenen Roentgeninstitut nach Kariobangi geschickt, auch dorthin muss man ein Motorradtaxi anheuern. Und dann auch dort noch ein Weilchen warten.

Am Nachmittag treffen die beiden wieder mit dem Motorradtaxi in Baraka ein und nach einer erneuten Wartezeit sieht die Chirurgin im Roentgenbild einen gut stehenden Bruch des Oberschenkelknochens.

Nun muesste man eigentlich (zumindest in diesem Kontext) Julie an beiden Fuessen in eine Extension haengen, so dass der Popo etwas in der Luft schwebt und das Koerpergewicht das Bein in einer guten Position haelt, dann wuerde der Knochen unkompliziert in wenigen Wochen geheilt sein. Aber das hiesse: Mama und Julie hingen wochenlang in der Klinik fest und muessten auch noch wochenlang dafuer zahlen. Was sie nicht koennen. Die preiswertere Alternative: ein Becken-Bein-Gips.

Eine Dreiviertelstunde, zahlreiche Gipsbinden, 4 Helfer, noch mehr Gebruell von Seiten Julies und eine Banane zum Trost spaeter sitzt das diffizile Kunstwerk mit Oeffnung fuer taegliche Beduerfnisse sowie  Quersteg zur besseren Stabilitaet. Alle Beteiligten wischen sich den Schweiss von der Stirn und die Gipsspuren aus Haaren und Haenden.

Nun kann man ein auf diese Weise eingegipstes Kind aber nicht einfach mit der Mutter wieder aufs Motorradtaxi zur Fahrt nachhause setzen. Nach einigem Hin und Her und miteinander Abwaegen wird beschlossen, dass die beiden vom Ambulanzfahrzeug nachhause gefahren werden, denn auch im vollgestopften Matatu ist ein liegender Transport ohne Gipsschaden zur abendlichen Hauptverkehrszeit nicht vorstellbar. Zudem muss noch eine andere sehr kranke Patientin in die gleiche Richtung gebracht werden.

Inzwischen ist es nach 17 Uhr, die Chirurgin hat inzwischen auch keine Lust mehr, am  achtspurigen Thika-Superhighway entlang nachhause zu laufen und faehrt mit, um auf dem Rueckweg dann bei der Doktors-WG auszusteigen. Dandora liegt allerdings in genau entgegengesetzter Richtung, so dass der Abend in dieser Hinsicht noch eine Horizonterweiterung bereithaelt. Wer bislang noch nicht wusste, was mit unserem ordentlich von einer Muellabfuhr woechentlich abgeholten Muell geschieht, sieht hier, wohin er reist: in Dandora liegt eine der groessten Muellkippen Kenias, seit ueber zehn Jahren ueberfuellt und dennoch weiter genutzt. In den Himmel wachsende Gebirge von Abfaellen tuermen sich hier am Horizont und schwelen vor sich hin. Eine Verbrennungsanlage gibt es nicht.  Dafuer aber viele Menschen, die in den Abfaellen noch das Verwertbare, ja, sogar Essbares suchen. Da scheint der von der Regierung stolz verkuendete Plastic-Ban als Schritt in eine umweltfreundliche Zukunft nur ein winziger Nebenschauplatz zu sein – offensichtlich warten auf den neuen alten Praesidenten noch weit groessere Herausforderungen.

Und endlich sind wir da und Julie’s Vater steht schon am Strassenrand im abendlichen Gewimmel, und das Strahlen von Julie, als sie den Papa entdeckt, laesst alle Muehen mit Gipserei und stundenlangem Hin- und Herfahren und der endlosen Warterei verblassen.

Inzwischen freut sich auch die Chirurgin  auf zuhause, aber was will man sagen angesichts des so muehsamen Lebens in dieser Stadt, das sich aller Orten optisch, olfaktorisch und auch sonstwie praesentiert, und doch haben alle Beteiligten immer nur gute Miene gemacht, kein Wort der Kritik oder der Ungeduld fallen lassen, nur Freundlichkeit und Schweigen am Rande, und so schweigt auch die Chirurgin auf dem Rueckweg, der wieder vorbei fuehrt an dem auch hier wuchernden Slum Korogocho, den unflaetigen Muellbergen, die den Menschen den Atem nehmen und durch das Gedraenge, den Laerm und die Dieselwolken, waehrend das Autoradio eine verjazzte Variante von ‚Joy to the world‘ spielt, eine der wenigen Spuren der Tatsache, dass in einigen Tagen Weihnachten ist. Inzwischen fragen sich auch die Kolleginnen, wo die Vierte abgeblieben ist und rufen an, aber es gibt wirklich keinen Grund zur Klage. Schon garnicht im Vergleich zu dem Tag, den Julie und ihre Mama heute hinter sich gebracht haben.

Mehr zum Projekt unter www. german-doctors.de


3 Kommentare

!Jubilaeum!

In diesem Jahr runden sich 20 Jahre, in denen German Doctors (zu Gruenderzeiten noch „Aerzte fuer die Dritte Welt“ genannt) den einheimischen Mitarbeitern im Baraka Health Center zur Seite stehen. Denn nach wie vor scheint es fast ein Ding der Unmoeglichkeit zu sein,  einheimische Aerzte zur Verstaerkung des Teams zu finden, die willens sind, vollzeitig mitten im Slum zu arbeiten.

So sind sie immer noch da, die (aktuell fuenf)  Wazungu, die den aerztlichen Blick auf die Arbeit beitragen und natuerlich das vielfaeltig geknuepfte Netz aus der Zentrale in Bonn.

Bereits Tage und Wochen vorher liefen die Vorbereitungen auf Hochtouren – der Staffchoir probte nach Dienstende im Wartebereich der Patienten, die Julileeblusen wurden verteilt, Anweisungen gegeben, geplant, gebacken, gerechnet, dekoriert, etc. etc.etc. und: daraus entfaltete sich ein rundes, buntes, bestens aus einheimischer Hand organisiertes Fest mit nahezu 1000 (!) geladenen Gaesten: eine kleine  Handvoll Weisse, der gesamte einheimische Staff, die kenianischen Kirchenverteter des katholischen Traegers, eine groessere Gruppe von Patienten und Mitarbeitern des Sozialdienstes im Slum, eine Gruppe von Musikern, dem Trommel-Ensemble von Mathare Youth, Theater, Wortbeitraege und immer wieder Tanzeinlagen fuer alle.

Zwar wurde im Vorfeld hier und da angezweifelt, ob die Weissen den richtigen Hueftschwung mitbringen wuerden (die Bedenken erwiesen sich als unbegruendet), aber schliesslich waren alle rundherum begeistert, nicht zuletzt auch von dem koestlichen Mittagessen und dem gruenweissen Riesenkuchen im German Doctor’s Look, die problemlos fuer alle gereicht haben.

Wer sich nun fragt, ob es nach 20 Jahren nicht endlich an der Zeit ist, das Projekt auf eigenen Beinen stehen zu lassen, sollte wissen, dass die Arbeit vor Ort genauso vom Hoeren und Warten gepraegt ist wie vom immer gemeinsamen Gesprach ueber den Stand der Dinge und der Balance zwischen Halten und Lassen. Vieles geschieht parallel, vieles ist in Entwicklung, viele Fuesse finden Raum zum selbstaendigen Stehen und vieles hat sich geformt und entfaltet.

So ist die Dynamik beim genauen Hinsehen deutlicher erkennbar als ein passives Gehaltenwerden – und darin ist vieles moeglich…

Mehr Projektinfos: http://www.german-doctors.de

Danke an Chantal fuer das Foto!


Hinterlasse einen Kommentar

Das Knie von Onesimo

Einer von zahlreichen Patienten am Dienstagmorgen ist Onesimo. Er hinkt, ein Bein nachziehend, auf einen Holzpflock gestuetzt herein. Die Anamnese erweist sich selbst fuer meine Uebersetzerin als nicht ganz unkompliziert, irgendwie scheint er ein wenig durcheinander zu sein, schwitzt stark, ein Auge ist geroetet. Langsam zeigt sich ein roter Faden: Onesimo ist am Abend zuvor ueberfallen worden, hat nach einem Schlag ins Gesicht das Bewusstsein verloren, jetzt schmerzt das linke Knie und ist stark geschwollen.

Nun waere es gut, jemanden zu Rate ziehen zu koennen, der ihn ein wenig kennt, um heraus zu finden, ob er wegen einer Schaedelverletzung so neben sich ist, oder ob man dies schon von ihm kennt. Aber es gibt, so meint er, keinen, er hat keine Angehoerigen in der Naehe und ist erst vor kurzem von „up country“ angereist. Nachdem ich ihn untersucht habe, schreibe ich eine Liste, was zu tun ist. Rose, die Sozialarbeiterin dazu bitten – denn wie soll er mit diesem Knie ohne Unterstuetzung zum Roentgeninstitut gelangen? Das Labor ist wichtig: hat er von zuhause eine Malaria mitgebracht? Und er braucht Gehstoecke, hat aber kein Geld dafuer, sagt er – darum kuemmert sich Headnurse Lilian. Und dann braucht es ein Schmerzmittel und etwas zu trinken, und schliesslich organisiert Rose zwei Community Health Worker, die ihn im Ambulanzfahrzeug zum Roentgen bringen,  nachdem die internistische Kollegin ihn noch einmal in Augenschein genommen und die  Laborwerte sich als unauffaellig erwiesen haben.

Das Roentgenbild zeigt, viel spaeter am Tag, eine Tibiaplateaufraktur mit leichter Verschiebung. Onesimo will keinesfalls ins Krankenhaus, viel zu teuer sei das fuer ihn. Daher machen wir zu viert (die Chirurgin und drei starke Maenner) den Oberschenkelgips. Jetzt ist eigentlich so leidlich Ordnung in die Misere gebracht, und auch dem Patient scheint es besser zu gehen als am Morgen. Nur, wie soll er sicher nachhause kommen zu Fuss auf einem Bein, auf den Buckelpfaden von Mathare?

Ich mache mich auf die Suche, ob noch einer der Community Health Worker zu engagieren ist und finde tatsaechlich einen, der gerne mitgehen will. Kaum betritt er den Verbandsraum, in dem der Patient  gerade noch das Balancieren auf einem Bein uebt und sich ueberlegt, dass er eigentlich eine dritte Hand braeuchte, um den nun uebrigen Schuh zu verstauen, geht ein Strahlen ueber sein Gesicht: Onesimo ist sein Nachbar! Das macht die weitere Versorgung deutlich einfacher…

Die Daily Nation findet in diesen Tagen mahnende Worte. Nachdem der „Plasticban“ in Kraft getreten ist, gibt es ueberall Stofftaschen zu kaufen (die duennen Tuetchen, die zwar praktisch waren (sogar als sogenannte „flying toilets“), aber allerorten  – in Baeumen, Wiesen, Fluessen etc. etc. etc. die Umwelt verunziert haben, sind bei Strafe verboten worden). Die Zeitung weist darauf hin, dass man die Stoffvariante auch oefters mal waschen sollte, damit sich keine Bakterien und Pilze darin ansiedeln und dem Kaeufer von Obst und Gemuese schaden koennten…

Weitere Infos unter http://www.german-doctors.de

Danke an Sascha fuer das Foto!


Ein Kommentar

Zwischenzeiten

Nachdem die Inthronisation des neuen und zugleich alten Praesidenten, ein wenig buckelig zwar, aber doch glimpflich ueberstanden ist (zu diesem Ereignis wurde ein Nationalfeiertag ausgerufen, und wieder musste die Ambulanz geschlossen bleiben) und die Nachwirkungen des Traenengases bei denen, die – zum Teil auch unfreiwillig – in die Naehe der oppositionellen Gegenveranstaltung kamen, ueberstanden sind, kann die Arbeit im Baraka Health Center weiter gehen. Zwar ist zu merken, dass immer noch einige es vorgezogen haben, sich anderswo als im Slum in Sicherheit zu bringen, aber gerade auch in der Chirurgie ist wieder gut zu tun.

Ben hat bei der Arbeit versehentlich das Holz zusammen mit dem Zeigefinger in die Kreissaege geschoben. Ein freundlicher Kumpel stand hilfreich zur Seite und hat das Ganze mit Watte verbunden und in einige Schichten duennen Mulls gewickelt. Am naechsten Tag, als Ben den Weg in die Ambulanz gefunden hat, ist das Verbandsmaterial so mit der Wunde verklebt, dass erstmal eine oertliche Betaeubung noetig ist, um ueberhaupt die Wunde anschauen zu koennen. Es braucht eine Weile, ein Fingerbad mit Betaisodonaloesung und eine feine Pinzette, bis die Reste der Fingerkuppe freigelegt sind, dann aber laesst sich sagen, dass das Ganze doch heilen wird, es ist noch genuegend vorhanden, aus dem Bens Koerper, der jung und gesund ist, eine neue Fingerkuppe rekonstuieren kann. Der neue Verband klebt dank einer Spende eine Firma in Deutschland nun auch nicht mehr an der Wunde fest.

Die 7-jaehrige Rose stellt sich nach Sturz vor einer Woche mit verformtem Handgelenk vor, ja, nickt sie, es schmerzt sehr. Im Roentgenbild ist zu sehen, dass der Wachstumsbereich des Knochens abgerissen und stark verschoben ist – ein Bruch, den wir in der Ambulanz nicht adaequat versorgen koennen, sondern weiter schicken muessen, wenn es wirklich gut werden soll. Meine Uebersetzerin spricht mit der begleitenden Auntie, die nur maessiges Interesse an der Sache zu haben scheint. Die Mutter ist heute nicht abkoemmlich, ein Vater erst recht nicht, aber es muss in diesem Fall unbedingt deutlich werden, dass Rose ihr ganzes Leben lang ein steifes und vermutlich schiefes Handgelenk haben wird, wenn die Knochen nicht wieder in die richtige Stellung gebracht werden und wir den Arm nur eingipsen. Schliesslich schicke ich Rose mit Auntie zu headnurse Lilian. Diese erklaert, wirbt um Einsicht, stellt den Kontakt her zu dem gerade noch ein paar Tage in der Kinderklinik operierenden, europaeischen Gastchirurg her, und mit dieser Klinik gibt es zudem eine Partnerschaft, so dass ein bestimmtes Kontingent von kleinen Patienten zu nur geringen Kosten behandelt werden kann. Und endlich machen sich die beiden auf den Weg. Und schon scheint die Zukunft fuer Rose wieder ein wenig heller…

Die Daily Nation berichtet in diesen Tagen neben der allgegenwaertig heissen Tagespolitik vor allem von den Ergebnissen der KCPE-Pruefungen (Kenia Certificate of Primary Education). Viele Seiten der Tageszeitung sind mit Fotos gluecklicher Schueler und stolzer Eltern gefuellt. Das beste Ergebis im ganzen Land hat ein Albinomaedchen ereicht: 455 von 500 Punkten! Die 14-jaehrige Goldalyn Kakuya macht mit ihrem vorbildlichen Ergebnis vor allem auch denen Mut, die sich wegen koerperlicher Behinderungen oder Auffaelligkeiten benachteiligt fuehlen. Vor allem sei sie „an inspiration to persons living with albinism“, die wegen Stigmatisierung, Aberglauben und der hohen Lichtsensibilitaet in Afrika eine schweren Stand hatten und hier und da auch noch haben. Und ueberhaupt sind die Maedchen auf dem Vormarsch – unter den Kindern mit den besten Abschluessen sind mehr als die Haelfte „young ladies“.

(Danke an Sascha fuer das Foto!)

…mehr Infos: http://www.german-doctors.de

 


6 Kommentare

Nairobi…

….wird in den nächsten Tagen wieder mein Ziel sein – jetzt im vierten Jahr, um dort mit German Doctors in unserer Ambulanz mitten im Mathare Valley Slum für 6 Wochen chirurgisch zu arbeiten. Trotz der noch nicht ganz geklärten Turbulenzen und Unruhen um die jetzt zum zweiten Mal durchgeführte Präsidentschafts-Wahl hat das Baraka Health Center geöffnet und das ist gut – so werden die sowieso oft extremen Befunde nicht über Tage und Wochen verschleppt. Wenn das Internet funktioniert, werde ich hier berichten, zudem sind die Berichte der letzten Jahre unter den Stichworten Nairobi, German Doctors, African Ladies etc. zu finden.

…will be my destination again in the next days to join the Baraka Health Center Team and do surgical work there in the middle of Mathare Valley Slum with German Doctors for 6 weeks. It is my fourth year of going  there and this time it doesn’t feel as peaceful as it did in previous  times because of the troubles concerning the now second presidential election in four months. But – our clinic is open and busy, and we are glad about this: so our patients have a chance to get their severe health problems treated at least almost in time. 

http://www.german-doctors.de