sabinewaldmannbrun

Farbe. Linie. Sehen.


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Nachklang

Kontraste: Hier die  Begegnungen mit den Menschen, die mit Müh und Not heil über das Meer gekommen sind und nun in begrenzt-anstrengendem Kontext  versuchen, ihr Leben neu in Bezügen zu verankern. Dort Licht und Farbe und das Spiel mit den Formen, der Traum vom „wie es sein könnte“. Wenn ich mich nachts um die einen kümmere (die den ärztlichen Notdienst brauchen), ist mir am Tag danach zuweilen nur noch nach „Bunt“…

Contrasts: on one side meeting those who succeeded in reaching a country without war and destruction, who try to get their saved life into a new context – hard and in times exhausting work, indeed. On the other side color and light and playing the „how it could be“. When I visit those in need of a doctor at night, I sometimes only have an eye left for the game of colors on the following day…

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Kurudi kesho – komm morgen wieder…

Musik

~ Ein Auflauf im Dressingroom! Gerade zurueck von der Mittagspause mit Tomatenweissbrot, kann ich mich gerade so noch in den kleinen Raum hinein zwaengen. Jimmy, der seine offenen Beine hat verbinden lassen, hat die elektrische Gitarre mitgebracht! Ein wirklich edles, blank poliertes Stueck in Rot und Silber, aber leider ist weit und breit kein Lautsprecher aufzutreiben. Macht nichts. Ein bisschen hoeren kann man auch ohne Verstaerker, und Jimmy gibt, wenn auch leise, eine Kostprobe seiner Kunst mit Gezupf und Gesang, flott, in den Beinen kitzelnd, die alle begeistert. Auch eine CD hat er anzubieten, darauf, mit charmantem Laecheln, sein fein herausgeputztes Selbst – da entfaltet sich eine ganz neue Perspektive. Gut so, denn was fuer ein reduziertes Bild ergeben die dreimal woechentlich betrachteten offenen Beine! „Next week he will bring the boxes, too“, sagt eine der Schwestern. Muessten wir da nicht die headnurse um Erlaubnis fragen? „She will accept!“ sagt meine Uebersetzerin und klingt so, als wolle sie sich dieses Happening keinesfalls entgehen lassen. Ich meine, dass es die schweigsame, stundenlange Warterei in Enge und Daemmerlicht punktuell ein bisschen aufhellen wuerde. Die Headnurse ist hingegen noch nicht ueberzeugt. „Patients will crowd around him, not hear their names any more and cause a lot of inconvenience!“ Ob es irgendwann einen Mutanfall geben wird?

Dina

~ Eine Last auf dem Kopf balancierend, ein buckeliger Weg, ein Sturz – Dina ist mit dem Schienbein auf einem Stein aufgekommen. Zum Glueck ist nichts gebrochen, aber eine 12cm breite, tiefe und  gezackte Wunde hat sie sich dabei zugezogen. In der naechstgelegenen Gesundheitsstation flickt man beherzt, aber nicht genuegend kompetent den Schaden: mit stramm angezogenem Faden, etlichen Stichen an der Spitze des Hautlappens und fortlaufender Naht – lauter „Do not’s“, was Naehte am Schienbein (und anderswo) betrifft.

Ein paar Tage spaeter: das Bein ist geschwollen und schmerzt. Dina beschliesst, sich in Baraka vorzustelllen. Ich traue der Wunde nicht. Wird das gut gehen?  Soll ich die Naht jetzt schon loesen? Waeren es einzelne Knoten, fiele die Entscheidung leichter. Ich entscheide mich fuer ein Antibiotikum und taegliche Kontrollen. Noch tritt lediglich etwas klare Wundfluessigkeit aus. Nach zwei Tagen beginnt sich die Haut im Bereich der festgezurrten Nahr an der Lappenspitze abzuloesen. Ich schicke Dina in die Klinik, zu einer ordentlichen Wundrevision in Narkose. Am naechsten Tag ist sie wieder da, ja, man wollte sie schon stationaer da behalten, aber das ginge doch nicht wegen der Kinder. Sie hat einiges bezahlen muessen fuer Labor und diverse Medikamente, aber der Verband ist noch derselbe wie gestern. Ich oeffne die Naht auf ganzer Breite, noch ist nichts eitrig, aber die Hautraender sind teilweise abgestorben und werden schwarz. Ich bestelle Dina fuer den naechsten Tag nuechtern ein, um die Wunde in einer Kurznarkose gruendlich saeubern zu koennen.

Das einzige Narkosemittel, das wir zur Verfuegung haben, ist Ketamin in Kombination mit einem Beruhigungsmittel. Diese Kombination bewirkt keine tiefe Narkose, sondern eher einen „dissoziierten“ Zustand – die Patienten schlafen zwar, verspueren keine Schmerzen und sind nicht ansprechbar, es kann jedoch sein, dass sie etwas erzaehlen, schimpfen, schreien oder immer den gleichen Satz wiederholen, je nach Ausgangsgemuetszustand. Und Dina, die ein Kopftuch mit  lauter kleinen Herzchen und Schriftzuegen „I love Jesus“ traegt, die sich entspannt und voller Vertrauen auf den etwas wackeligen OP-Tisch zwischen Sterilisator und Vorratsregal gebettet hat, faengt, sobald sie schlaeft, an, laut zu singen. Jared, der, waehrend ich einen grossen alten Bluterguss aus der Wunde spuele, die Narkose mit ueberwacht, lacht. Ob er mir uebersetzen kann, was sie da, froehlich und fern ihres Wachbewusstseins schmettert? „Gott hat ein Wunder an mir getan,“ uebersetzt er, waehrend ich noch das Ausmass an totem Gewebe betrauere und mich ueber das Healthcenter aergere, das ihr eine Wundheilungsstoerung groesseren Ausmasses beschert hat. Denn wenn ich wirklich alles an toter Haut entferne , liegt die Knochenfaszie frei und das verheisst nichts gutes und im schlimmsten Fall eine Knochenentzuendung. Ich hoffe, sie bewahrt sich ihren guten Mut fuer die naechsten Wochen. Zumindest diese Chancen stehen gut, wenn man das in ihrem Herzen gespeicherte Vertrauenspolster bedenkt…

Foto: Wandmalerei aus dem Frauengefaengnis in Langata, Kenia


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Unaishi wapi? – Wo lebst du?

~ „Africa is on the rise, Africa is positive, Africa is joyful. Let`s get together and be one with music, and say no to hate and violence,“ sagt Angelique Kidjo, als ihr in Los Angeles (fuer sie zum dritten Mal!) ein Grammy, in diesem Fall der Best Music Album Prize, verliehen wird. Stolz berichtet die Daily Nation in diesen Tagen ueber sie,  eine der beruehmtesten Musikerinnen Afrikas. Dass sie diesen Grammy all den traditionellen Musikern ihres Kontinents widme, der gesamten jungen Generation, berichtet sie. Das Foto der AFP zeigt die Saengerin im prachtvollen, traditionellen Waxprint-Gewand: goldgelb, ein wenig Gruen, von roten Sternen gesprenkelt. Ihr  neues Album ist international: auch neue Interpretationen klassischer Musik und  Begegnungen mit weltbekannten Stars sind darin zu finden.

~ Freitag, Ulcerday. Um die 20-30 offene Beine, die auch sonst regelmaessig zum Verbinden kommen, werden heute offiziell aerztlich gesichtet und behandelt. Gerade hat Jimmy den dressing room verlassen. Sein gruseliges, rund um den linken Unterschenkel reichendes Beinulcus , das seit Jahren nicht zuheilen will, ist frisch verbunden worden. Jimmy ist ein begnadeter Musiker, haben mir die Schwestern erzaehlt und (obwohl ich so etwas sonst nie mache -) ich habe auf seine Krankenakte eine kleine Gitarre gezeichnet, um nicht zu vergessen, dass er sein Instrument einmal mitbringen soll. Das letzte Mal hatten wir ihn darum gebeten, denn es waere bestimmt eine grosse und schoene Abwechslung fuer die vielen lange Wartenden im Vorraum, wenn ein bisschen Livemusic zu hoeren waere. Jimmy hat die kleine Zeichnung entdeckt, mit einem grossen Finger darauf gezeigt, gelacht und sich gefreut. Wir sind gespannt, ob er seine Musik einmal mitbringen wird.  Und schon steht der Kinderarzt in der Tuer des Dressing Room und schwingt eine Patientenakte: “ Ich hab da was fuer Dich! Gross und klein!“ Wie das? Eine sehr junge, blasse Mutter und ihr 4 Wochen altes Baby kommen herein. Die Mutter hat, wie sich zeigt, eine heftige Brustentzuendung, das Baby einen 8 cm breiten Abszess am Hinterkopf. In Mutters  Rocktasche tobt ihr Cellphone. “ Solange das Handy an ist, tanzt die Chirurgin zu der Musik und kann dich nicht behandeln“, wird ihr gesagt. Es dauert ein Weilchen, bis wir mit der Therapie beginnen koennen, und dann zeigt sich noch, dass die Mutter glaubt, die Brust sei verhext worden und zudem ist nicht genug zu essen da. Die beiden werden also nachher noch ins Feeding Center geschickt, wo es nicht nur etwas zu Essen gibt, sondern auch ein langes, einfuehlsames Gespaech ueber Hexerei, Stillen und Babyernaehrung im allgemeinen. Der weissen Frau wuerde man sowieso nicht glauben, was sie ueber die Hexerei denkt.

~ Samstagmorgen. Von der Woche her die fruehmorgendlichen Aktivitaeten in der Ambulanz gewohnt, mache ich mich zu einem Morgenspaziergang auf. Da wir hier in einer „gated community“  mit Waechtern am Tor untergebracht sind, ist die naehere Umgebung ueberschaubar. Es gibt aber auch eine grosse Wiese und da findet heute, bereits seit 7 Uhr in der Frueh, der „Zumba-Event“ statt: flotte Musik schwingt ueber den Platz, ein Trainer mit Mikrophon gibt Impulse,  eine grosse, bunte Gruppe der Balozy Women`s Group turnt flott ueber den Rasen. Der Watchman, der das vielfarbige Treiben bewacht, winkt mich heran. Ich solle doch gleich mitmachen. Hier ist mal der kenianische Mittelstand zugange, nicht unsere unterhalb des Existenzminimums verzweifelt rudernden Paitenten. Ich  bin gespannt auf diese neue Erfahrung. Es laesst sich leicht hineinfinden, denn der dynamische Trainer macht den Damen Beine: „mingle! mingle!“ droehnt er ins Mikro, und alle laufen durcheinander, bis ein ploetzliches Kommando zu befolgen ist. Ich laufe mit.  Da toent es:“Ear to ear!“ und in Windeseile ist eine Partnerin zu finden, mit welcher der in diesem Fall schwarzweisse Ohrkontakt herzustellen ist. „Knee to knee!“ “ Mingle! Mingle!“ „Schoulder to schoulder“! Wir haben eine Menge Spass.“Hair to hair!“ Der einzige kleine Junge mit ueberaus kurzer Raspelfrisur, mit eigentlich nur einem Schimmer von Schwarz auf dem Kopf, wird gefragt, “ where is your hair? Absent?“  Es wird viel gelacht. „Mingle, mingle!“ „Elbow to knee!“ Das ist schon komplizierter, denn der eigene Ellbogen soll nun  das Knie der Partnerin beruehren. Leider bin ich relativ spaet erst dazu gestossen, und schon bald hat der Jux  ein Ende. Die Damen schliessen mit einem Gebet. Dann kommt die Leiterin, eine flotte und energische Lady um die vierzig auf mich zu. Ein weisses Gesicht unter um die 60 schwarzen faellt leider auf. Ob ich auch hier wohne? Ah, german doctors? Sie arbeite in einer grossen Firma. Ob wir nicht Lust haetten, sie morgen in ihre presbyterianische Kirchengemeinde zu begleiten? Sie habe Platz fuer weitere vier Personen in ihrem Auto. Sie schreibt mir Namen, Telefonnummer und Adresse auf. Sie wohnt gleich um die Ecke. Gerne wuerde ich sie fuer meine African Ladies-Serie interviewen. Ob sie wohl einverstanden sein wird?

~ Spaeter, am Wochenende. Dichter Dieseldunst liegt ueber dem achtspurigen Superhighway. Gehupe, Gedraengel, ein Perpetuum mobile. Marabus kreisen ueber den Autokolonnen, ihr Schlafbaum steht in Sichtweite. Die Ueberquerung dieser Strasse (denn die Matatus Richtung Innenstadt fahren auf der gegeueberliegenden Seite ab und da wollen wir jetzt hin), jagt den Adrenalinspiegel (zumindest meinen) in schwindelnde Hoehen. Ampeln und Zebrastreifen sind, falls ueberhaupt vorhanden, Dekoration. Die zahllosen Kleinbusse stoppen auch nicht unbedingt, wenn man von acht Spuren die dritte erreicht hat und auf die vierte wechseln will. Unversehens findet man sich  zwischen zwei sich vorwaerts schiebenden Autokolonnen, ohne dass jemand anhielte, damit man weitergehen kann. Es gibt tatsaechlich Verwegene (oder vielleicht auch verzweifelt Arme), die in dieser Position Bananen, Bonbons und Zeitungen verkaufen. Ich bin schon froh, wenn die andere Strassenseite lebendig erreicht ist, wo wir uns in ein volles Matatu mit lauter Musik quetschen koennen. Sitzt man dann, menschlich gut gepolstert, mit 3 cm Abstand nach oben zum Wagendach, faellt der Blick auf den Bildschirm vorne, wo leichtbekleidete Damen zu wummerndem Beat ihren verlaengerten Ruecken in Blickrichtung kreisen lassen. Die Mienen der Mitpassagiere hingegen sind indifferent. Der Kollege vergleicht den Subwoofer mit einer Stosswellentherapie – das Matatu vibriert im Rhythmus.

Die Dichte an Autoverkeht, Ereignissen, Menschen und Dieselwolken macht atemlos. Kein Wunder, dass abends alle am Husten sind. Selbst im Slum, mit Wegen, die zumeist viel zu eng fuer Gefaehrte sind, fuehlt man sich im Vergleich dazu wie in einem Naherholungsgebiet – Stuttgart  wirkte selbst in der Innenstadt wie verschlafenes Hinterland. Noch wenn ich am spaeten Abend unter meinem Moskitonetz liege, brandet das Rauschen des Superhighways,  das Gehupe und Gedroehn herueber, lauter als die wenigen Grillen auf dem Streifchen Rasen hinter dem Haus.

„Africa is moving“, denke ich beim Einschlafen, und das ist eigentlich gut so. Wer sich auf den Weg macht, kommt irgendwann auch an.

Foto: Mathare Valley Slum. Danke an Steffen!