sabinewaldmannbrun

Farbe. Linie. Sehen.


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Roadmovie 3 – Unterwegs mit dem Coronamobil

Die dritte Maiwoche ist eine Woche der Massenabstriche. Mit inzwischen ausreichend verfügbaren Abstrich- und Analysemöglichkeiten ist ein genauerer Blick möglich auf die Dynamik der Ansteckung und die Wirksamkeit der Sicherheitsmaßnahmen, besonders in den so vulnerablen Kontexten wie den Seniorenheimen oder anderswo, wo viele Menschen nah zusammen wohnen.

Unser erstes Ziel am Dienstag ist ein anthroposophisches Heim. Der Zweimetermann hat frei, so ist mein Begleiter ein freundlicher und motivierter Student, der ehrenamtlich für das Rote Kreuz unterwegs ist. Wir schleppen unser Material – Kittel, Abstrichmaterial, Papier und dies und das für die Verwaltung der Dinge – zum Empfang und werden dort zuvorkommend mit einem Teewagen zum Transportieren und weiterem Equipment empfangen. Mein Begleiter richtet sich im Dienstzimmer ein, wo 36 Packen Papier (jeweils Meldebogen, Notfallschein, Laborschein, Datenzettel für das Abstrichröhrchen und bei Privatpatienten ein weiteres Blatt) beklebt und beschriftet werden müssen, während ich mich rundum schutzverpackt mit einer Schwester auf den Weg zu den vielen Damen und wenigen Herren Bewohnern mache. Frühlingsblühen auf dem Gang, schöne Bilder an den Wänden, Rudolf Steiner grüsst hier und da aus einem Bilderrahmen, das Mittagessen mit Spargel und Tiramisu wird schon serviert. Die BewohnerInnen sind sich einig, der Abstrich ist eine Plage und man ist froh, wenn ich wieder gehe. Die Schwester dankt jedem, der sich mehr oder weniger tapfer dem notwendigen Übel gestellt hat. Zum Glück sind alle in gutem Zustand, niemand hat ausgeprägte Symptome.

Von den ätherischen Gefilden im anthroposophischen Seniorenheim geht es nach Stunden weiter in ein Pflegeheim für ehemalige Wohnsitzlose. Hier sind auch knapp dreissig Bewohner abzustreichen und ich werde von einer an Leib und Seele gut gepolsterten Schwester begleitet, die mir gleich im ersten von Rauchschwaden durchwaberten Zimmer erklärt, das sei hier eigentlich überall so, die meisten Bewohner seien Raucher. Die vornehmlich aufzusuchenden Herren sind mehrheitlich tapfer, aber genauso wenig begeistert wie die Damen im Heim davor, die Wortwahl ist dabei jedoch eine andere. Ein etwas angetrunkener Herr kündigt mir an, mir bei einem weiteren Abstrichversuch „den Stiefel an den Arsch zu schlagen“, aber da wir grundsätzlich die Bewohner welchen Heims auch immer nicht zum Abstrich zwingen, lässt sich alles zur Zufriedenheit lösen. Auch hier ist keiner mit auffälliger Symptomatik, obwohl die Herren ja nicht gerade zimperlich mit der Steigerung der Risikofaktoren umgehen, was z.B. die Abwesenheit von Frischluft im Zimmer angeht… Die Schwester glättet vorhandene Wogen mit viel lautem Gelächter und schließlich ist auch hier nach Stunden die Tagesaufgabe geschafft. Auch mein tapfer sich die Finger wundschreibender Begleiter ist froh – keinen einzigen  Privatpatient gab es in diesem Haus, was die Papierflut ein bißchen niedriger gehalten hat.  Die Heimleitung winkt zum Abschied. Jetzt sind nur noch die Abstrichröhrchen und die Papierberge in Labore und Kliniken zu verteilen, und das passt auch zeitlich fast punktgenau zum offiziellen Arbeitsende.

(Bild „Menschenzeit“ – Wachscollage und Malerei, swb)


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Roadmovie II – Unterwegs mit dem Coronamobil

Never change a winning team – auch der Zweimetermann ist am Donnerstagmorgen wieder zur Stelle. Wir fahren zuerst gen Stuttgarter Süden, wo sich eine Patientin vermutlich in ihrer Reha angesteckt hat und nun zuhause mit Fieber und Husten das Bett hütet.

Danach geht es zu einer Familie, ja, im fünften Stock, nein Fahrstuhl gibt es keinen. Oben angekommen, fällt auf, dass etwas im Auto liegen geblieben ist, was man unbedingt hier oben bräuchte. Mein Begleiter beschliesst, heute Abend auf’s Fitness-Studio zu verzichten und macht sich an den Abstieg.

Sorgen bereiten zunehmend die Seniorenheime. Auf Gedeih und Verderb sind die Bewohner darauf angewiesen, dass ihre Versorger sich an die Hygieneregeln halten. In einem Heim, das wir besuchen, werden den Pflegenden keine Kittel zur Verfügung gestellt, auch nicht bei der Pflege der bereits fiebernden und hustenden Bewohner. Was das für die noch gesunden Bewohner bedeutet, zu denen man danach geht, sollte eigentlich bekannt sein. Verschiedentliche Bitten von mehreren Seiten fanden bisher kein Gehör. Wir melden das Heim und hoffen sehr auf ein zügiges Eingreifen des Gesundheitsamtes.

Am Mittag werden wir gebeten, auf Wunsch des Gesundheitsamtes zwei gesamte Stockwerke eines anderen Seniorenheims und die ganze anwesende Mannschaft der Pflegenden abzustreichen, nachdem es hier bereits mehrere erwiesene Erkrankungen gibt – ein sportliches Projekt: 39 Bewohner und 9 Pflegekräfte. Wir werden die nächsten vier Stunden damit beschäftigt sein. Die Bewohner, die noch gut denken können, sind einverstanden und machen tapfer mit, diejenigen, denen sich die Plage des Abstrichs nicht erschließt, schimpfen, schlagen oder schreien, auch, wenn wir versuchen, die Handlung in Freundlichkeit und Ruhe zu kleiden. Aber zum Glück geht es ja schnell mit dem Abstreichen, so ist auch schnell wieder vergessen, was gepiesackt hat. Das ist ja eine verrückte Sache mit dem Virus, schütteln einige ältere Damen den Kopf. Und: Dummerweise gab es zum mittäglichen Nachtisch Schokoladenkuchen – was sich das Labor wohl denken wird bezüglich der einen oder anderen Schokoladenspur auf dem Wattestäbchen? Vermutlich bleibt das Virus davon gänzlich unbeeindruckt.

Beim Weiterfahren passieren wir eine Schafherde, die friedlich kauend eine Wiese belagert. Der Zweimetermann ist Hobbykoch und äußert Appetit auf Lammrücken an Thymiansoße mit Risoleekartoffeln ( die Vokabel muss ich mir erstmal übersetzen lassen – habe ich sowas überhaupt schonmal gegessen?). Aber nichts da. Im Dienst gibts maximal ein Käsebrot.

 

 


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Nachtaktivitäten II – ein schwäbisches Roadmovie

Gerade ist die letzte Patientin mit Bauchweh versorgt – Dienstschluss, Null Uhr.

46 km von zuhause entfernt. Der hiesige Bahnhof hat bereits die Bahnsteige hochgeklappt. Beim flüchtigen Blick auf den Fahrplan bei Ankunft hatte ich gesehen, dass vom nächstgrösseren Ort um Null Uhr 40 noch ein Zug fahren müsste. Der Sanitäter und der bis zum Morgen verpflichtete Kollege, ein grosser, sportlicher Endsechziger, haben auf mich gewartet und bringen mich nun, väterlich fürsorglich, mit dem Einsatzfahrzeug die 12 Kilometer bis zum kleinstädtischen Bahnhof. Sie geben mir noch gute Wünsche mit auf den Weg und dass mich kein „Unhold“ belästigen möge.

Nachdem die beiden zur nächsten Leichenschau abgefahren sind, entdecke ich auf dem nun genauer studierten Fahrplan zwei kleine Zeichen neben der Abfahrtszeit: der Zug um Null Uhr 40 fährt nur am Wochenende. Der nächste Zug von diesem Bahnhof fährt erst um 5 Uhr nochwas. So lange möchte ich nun doch nicht auf einer Bank im Dunkeln warten. Vielleicht gibt es noch irgendwo andere Übriggebliebene, die in die gleiche Richtung müssen? Der Bahnhof ist gähnend leer bis auf einen jungen Mann, der zwar auch nach Stuttgart muss – geteilte Taxikosten wären immerhin nur halb so hoch – nun aber beschliesst, bei einem Kumpel vor Ort zu übernachten.

Der Fahrkartenautomat steht mit weiteren Informationen bereit: es gibt, wiederum von einem 18 km entfernten Vorort Stuttgarts, in 20 Minuten noch eine S-Bahn, die mit einem ICE verbindet, der wiederum zum Hauptbahnhof fährt. Das wäre einen Versuch wert. Ich heuere ein Taxi an, der Fahrer, freundlich kooperativ, braust über diverse dunkelgelbe Ampeln und wir erreichen den Vorortbahnhof in guter Zeit.

Vor dem ebenfalls nur von einigen schwankenden Gestalten bevölkerten Bahnhof steht eine junge Frau mit drei verschiedenen Haarfarben und einem Ringlein in der Nase, die intensiv ihr Smartphone studiert. Es könnte ja sein, das Ziel wäre ein ähnliches, ich frage – nein, sie muss Richtung Tübingen, und der Kumpel, der zum Abholen bestellt ist, lässt auf sich warten. Aber Stuttgart liegt ja immerhin auf dem Weg nach Tübingen  und der Kumpel sei ein netter, vielleicht könnte der mich ja ein Stück mitnehmen.

Wir warten ein Weilchen gemeinsam. Stellen gewisse berufliche Parallelen fest.  Der Kumpel lässt auf sich warten. 1 Uhr. 1 Uhr 10. Der Kumpel schickt eine SMS, er habe jetzt das Navi aktiviert. Es bestehe noch Hoffnung. Ich bin gespannt, ob auch für mich Hoffnung besteht, mitzufahren.

1 Uhr 15. Ein Lieferwagen fährt vor. Ah, der Kumpel hat den Firmenwagen gechartert. Ja, klar, ich könne schon mitfahren. Eine ältere, sehr betrunkene Dame nähert sich und möchte sich anschliessen. Sie bietet uns auch grosszügig aus ihrer Flasche an. Der Lieferwagen hat nur drei Sitze.

Wir rumpeln durch die Vorortstrassen, das Navi hat den schnellsten und scheinbar kurvenreichsten Weg ausgesucht. Es riecht nach Farbe und nasser Tapete. Der Kumpel entdeckt diverse berufliche Parallelen. Man sei ja auch für die Gesundheit von Gebäuden zuständig. Die gähnend leeren Strassen verführen zum schnelleren Fahren als erlaubt – das Navi sorgt für eine zusätzliche Geräuschkulisse. Da der Kumpel Sorge hat, auf einem Schnappschuss um 1 Uhr 30 mit zwei unbekannten Damen im Firmenwagen abgelichtet zu werden, wird ab jetzt die Geschwindigkeitsbegrenzung beachtet. So  tuckert das dreierlei Gesundheitspersonal gemütlich in die von allen gewünschte Richtung.

Um Punkt 2 Uhr bin ich zuhause. Eine unterhaltsame Reise mit vielen freundlichen Begleitern, aber völlig unvorhersehbar. Das Management der Bahn könnte man befragen, warum eigentlich nur am Wochenende die S-Bahn nachts immerhin fast stündlich fährt. Die schwäbische Welt besteht ja nicht nur aus Partygästen, hin und wieder arbeitet auch mal jemand länger…..