sabinewaldmannbrun

Farbe. Linie. Sehen.


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Ijumaa – Freitag

Die 8-jaehrige Esther ist gestuerzt – der Arm schmerzt. Ihre Mama geht mit ihr in die naechste Klinik zum Roentgen: der Arm ist gebrochen. Nun ist ihr aber in dieser Klinik der Gips zu teuer (umgerechnet 15 Euro), deshalb fahren Esther und Mama im vollgestopften Matatu in die naechste Klinik. Dort ist der Gips billiger (umgerechnet 10 Euro), also wird er (ohne neues Roentgenbild, da zu teuer und ausserdem ungesund) dort angelegt. 4 Wochen spaeter stellt die Mama Esther bei uns vor, weil der Arm, nachdem der Gips im Health Center durch Einweichen in Wasser abgenommen wurde, schief aussieht. Da erst zeigt sich im Kontrollroentgen, dass der Bruch, der auf dem ersten Roentgenbild gut stand, sich auf dem Weg zum billigeren Gips mehr als eine Knochenbreite verschoben hat. Zwar hat sich Callus gebildet und der Bruchbereich schmerzt nicht mehr, aber ob es halten wird, wenn der naechste Sturz ansteht?

Der Aerztestreik geht in die 7. Woche. Inzwischen ist die Rede von einem geplanten halben Jahr, falls sich nichts tut. Ich treffe eine der streikenden Kenianischen Kolleginnen. Sie erklaert mir, dass die Zustaende in den Staatlichen Krankenhaeusern so schlecht seien,  dass man es so nicht weiter hinnehmen koenne. Die Menschen wuerden sich denken, dass Aerzte Leben retteten, aber das sei zum Teil garnicht moeglich, weil weder Material noch genuegend Personal zur Verfuegung steht. Lieber ginge sie ins Gefaengnis, als diese Zustaende weiter zu ertragen. Die Zeitung vertrete doch nur die Position der Regierung. Ein aerztlicher Kollege fragt, warum es denn nicht moeglich sei, in Kenia die eigenen Aerzte angemessen auszubilden, auszuruesten, anzustellen und auch zu halten? Eine gute Frage – eigentlich moechten auch wir ja ueberfluessig werden! Das taegliche Geschaeft allerdings zeigt, dass vor allem die Patienten unter dem Streik leiden…

Und: das Wasser geht aus. Da es in der letzten Regenzeit nicht so viel wie sonst geregnet hat, ist der wichtigste Staudamm, das Hauptwasserreservoir im Land, schon ueber die Haelfte geleert. Seit Anfang des Jahres wird deshalb das Wasser rationiert. Mal gibt es welches, mal nicht, daher haben wir alle mit Wasser gefuellte Buetten in Bad und Toilette stehen, im Wohnzimmer stapelt sich eine Batterie Flaschen mit Trinkwasser und auch in Baraka kommt oefters mal nichts mehr aus dem Wasserhahn, wenn man sich gerade die Haende waschen will, Gipse machen moechte oder den Schmuddel von vielerlei Wunden wegwischen sollte. Gut, dass es genuegend Desinfektionsmittel gibt, hin und wieder kommt Wassernachschub im Tankwagen (das dann ein wenig braun aussieht). Was die Nachbarn unserer Doktors-WG allerdings nicht daran hindert, die Steine vor dem Haus sowohl mit Seifenwasser zu schrubben als auch mit klarem Wasser nach zu spuelen.

Die Daily Nation publiziert in diesen Tagen ausfuehrlich zur Inthronisation des neuen amerikanischen Praesidenten. Zum Abschied von Obama, dem „Son of a Kenian“ (auf den man nach wie vor stolz ist – erst letzte Woche hatte ich wieder einen kleinen Patienten namens Barak und auch ein 6-jaehriger Obama war schon da),  wird die Hoffnung geaussert, er habe nun vielleicht ein wenig mehr Zeit,  sich um die Anliegen seiner Heimat zu kuemmern – nachdem die Regierungsgeschaefte nicht mehr draengen, koenne er ja das eine oder andere Projekt initiieren? Den „Neuen“ im Amt sieht man durchweg kritisch wenn nicht sogar mit grosser Sorge. „Uneasy times ahead as Trump takes over“ wird getitelt und Charles Dickens zitiert: „…it could be the best of times, but it could as well be the worst of times“, nicht nur fuer die USA, sondern auch fuer Afrika. Ein Kommentator spricht von der Amtseinfuehrung als von dem soeben vollzogenen, offiziellen Begraebnis der „political correctness“. Einzig Njoki Chege, die fuer ihre bissige Kolumnen bekannt ist, findet eine durchaus freundliche Farbe im sonst eher zwiespaeltigen Bild: „Trump has taught fathers one important lesson: believe in your daughters!“ (…doch auch das hatte Obama bereits persoenlich bei einem offiziellen Besuch den Herren des Landes nahegelegt).

(Danke an die Kollegin Claudia fuer das Foto!)

 

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https://www.german-doctors.de/de/projekte-entdecken/nairobi

 

 

 

 

 

 


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Jumatano – Mittwoch

James, ein gut trainierter, 26 Jahre junger Mann, stellt sich mit einem  steifen Nacken vor. Die Muskeln im Halsbereich sind stark angespannt. Ich denke an meine Patienten in Deutschland, die nach Kehrwoche und Schneeschippen aehnliche Beschwerden haben – aber so stark ausgepraegt? Er sei gestuerzt, berichtet James, vor 8 Tagen. Ich taste die Halswirbelsaeule ab, er gibt Schmerzen im Bereich des 2. Halswirbels an. Nachdem ich ihm unsere einzige Halsstabilisierungsmanschette angelgt habe und hoffe, dass er sie nicht unterwegs verkauft, schicke ich ihn zum naechstgelegenen Roentgeninstitut.

Acht Patienten spaeter ist er wieder da: die Knochen sind in Ordnung. Die Halskrause kann also wieder in den Schrank und dort auf den naechsten Patienten mit passender Verdachtsdiagnose warten. Ich berate mich mit dem Kollegen im Nebenzimmer. Koennte es eine Knochentuberkulose sein? Oder gar Tetanus? Wir beschliessen, ihn noch zum Labor zu schicken. Eine der einheimischen Schwestern sieht in auf dem Weg dorthin und erinnert sich an einen anderen Patienten. Ob wir schon an Tetanus gedacht haetten?

Das Labor ist voellig unauffaellig. Ich lese die Symptome von Wundstarrkrampf noch einmal detailliert nach, ja, es passt tatsaechlich, obwohl James noch nicht das Vollbild praesentiert. Im vorgebeugten Sitzen nimmt man die Verspannung noch kaum wahr, da sie bisher nur den Hals- und Nackenbereich betrifft, aber er kann schon nicht mehr den Mund oeffnen, weil auch die Kaumuskulatur betroffen ist. Wir beschliessen, ihn als Notfall ins Krankenhaus zu schicken. Aber in welches? Das bestausgeruestete und dennoch bezahlbare, das Kenyatta Hospital, wird immer noch bestreikt.

Headnurse Lilian hilft beim Organisieren. St. Mary’s, ein Missionshospital, ist bereits ueberbelegt und nimmt keine Patienten mehr. Inzwischen ist auch die Familie von James eingetroffen. Der Junge sei zwar in einer Klinik geboren, berichtet die Mutter, aber er habe dort nur die eine, erste Impfung erhalten (was nicht ausreicht). James berichtet, dass er sich beim Sturz vor 8 Tagen auch am Finger verletzt habe, die ehemals offenen Wunde ist inzwischen aeusserlich verheilt. Vor 5 Tagen habe er dann eine Auffrischungsimpfung erhalten (nicht ausreichend und zu spaet).

Damit ist die Diagnose Tetanus sehr wahrscheinlich. Wir sagen den Geschwistern von James – drei sind inzwischen anwesend – dass sie unbedingt ihre Impfungen auffrischen lassen sollen. Lilian schlaegt jetzt  das St. Francis Hospital vor. Doch das will die Familie nicht, als Klinik mit privatem Traeger  ist es ihnen zu teuer. Vielleicht ginge noch das Kikuju Hospital? Das waere tatsaechlich eine Option, aber wie soll der Patient dorthin gelangen? Auf dem Motorradtaxi? Das Ambulanzfahrzeug ist unterwegs mit einer anderen Patientin und wird vor 2 Stunden nicht zurueck sein. Bleibt noch das Klinikfahrzeug, mit dem wir ueblicherweise nachhause fahren. James wird in dieses eingeladen und macht sich auf den Weg. Ja, so sieht Tetanus aus, sagt Lilian, sie habe noch keine gesehen, der es ueberlebt haette.

Der Aerztestreik geht mittlerweile in die sechste Woche. Die Daily Nation berichtet am Freitag auf sieben Seiten von den aktuellen Entwicklungen: die Regierung hatte eine Lohnerhoehung von 40% angeboten, diese wurde abgelehnt. Unter 100%  werde man nicht zur Arbeit zurueck kehren, berichten die streikenden Kollegen.  Patienten und Angehoerige von Verstorbenen kommen zu Wort. Fuer neuerlichen Zuendstoff sorgt der Plan der Regierung, die verantwortlichen Streikfuehrer ins Gefaengnis zu bringen, wenn nicht innerhalb der naechsten zwei  Wochen der Streik beigelegt wird. Auch die Medizinstudenten beschwerden sich, dass ihre Ausbildung leide.

Nora, die den Tearoom in Schwung haelt, in dem wir mittags unser Tomatenbrot essen, ist eine eifrige Zeitungsleserin. Die Aerzte werden garnicht zur Arbeit zurueck kehren, sagt sie. Die Privatkliniken, in denen sie nebenher arbeiten, boeten ja genug an Auskommen.

(Danke an Kollegin Claudia fuer das Foto!)

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Streik

Die Feiertage der letzten Zeit sind eine gute Gelegenheit, Verwandte zu besuchen, durch die vielen  geschlossenen Health Care Facilities und jene mit eingeschraenktem Betrieb werden jedoch auch unzaehlige Erkrankungen verschleppt, die man eigentlich sofort haette therapieren muessen. Die Arbeitstage zwischen Weihnachten und Neujahr  wurden zusaetzlich verkuerzt, da die Regierung an Heiligabend ueber die Medien ankuendigte, auch der erste Werktag nach Weihnachten sei nun auch ein Feiertag (der aufmerksame Beobachter fragt sich, ob dies mit den im neuen Jahr anstehenden Praesidentschaftswahlen zu tun haben koennte?). Dieses elastische Zeitmanagement fuehrte zu allerlei Konfusion, da so kurzfristig nicht alle informiert waren. Insbesondere die gynaekologische Kollegin ist aergerlich, da sie bereits zahlreiche Patientinnen fuer den nun freien Tag einbestellt hat. Am liebsten haetten wir die Aermel hochgekrempelt und trotzdem gearbeitet, aber auch das einheimische Personal, das die Infrastruktur und somit den Gesamtbetrieb der Ambulanz gewaehrleistet, ist ja nicht da.

Als waere dies nicht genug, ist seit Anfang Dezember das kenianische Gesundheitspersonal am Streiken, da die Regierung mit den Lohnzahlungen im Verzug ist. Nachdem zunaechst nur die Aerzte in den staatlichen Krankenhaeusern streikten (darunter auch unsere Hauptueberweisungsadresse, das Kenyatta Hospital), sind es inzwischen solidarisch auch Healthworker und Pflegepersonal in anderen Kliniken. Patienten fahren, schwer krank, teilweise von Klinik zu Klinik, bis sie jemanden finden, der sie behandeln will oder kann. Wer nicht auf dem Weg gestorben ist, nimmt Schaden an der Zeitverzoegerung, denn es ist nicht ueblich, ein Notfallteam parat zu halten.

Die Daily Nation ist voller anklagender Berichte ueber werdende Muetter mit Risikoschwangerschaften, die ihre Kinder verloren haben, verwaiste Ehemaenner, akute unfallchirurgische Faelle, die nicht versorgt wurden, und dergleichen mehr. Die Gesundheitsversorgung im ganzen Land ist nachhaltig lahmgelegt.

Auch  viele Patienten, die sich an diesen Arbeitstagen in unserer Ambulanz draengen, haben ihre Leiden viel zu lange verschleppt. Seit drei Tagen luxierte Gelenke sind wesentlich schwerer wieder in die richtige Position zu bringen, Kinder mit Sichelzellkrise und einem Haemoglobinwert von 1  (normal waere ueber 10) hoffen wir gerade noch lebend als akuten Notfall einweisen zu koennen und dass sie auch aufgenommen und  behandelt werden – auf Frakturen wird tagelang herumgelaufen. Wir sind als Aerzte nun auch nicht mehr, wie in den letzten Jahren, zu sechst, sondern nur noch zu fuenft, was die Patientenzahlen pro Arzt erhoeht und die Arbeitszeit dehnt. Nachdem ich in den letzten Jahren neben meinen chirurgischen auch allgemeinmedizinische Patienten behandelt habe, bin ich in den letzten Tagen nur mit den chirurgischen gerade so fertig geworden. Und trotz allem: wie eh und je sind die Patienten geduldig und freundlich, keiner schimpft oder beschwert sich. Nach Ende der Feiertage wird nun, am ersten Arbeitstag nach Neujahr, der Hauptansturm erwartet: alle Reisenden kommen wieder nachhause und bringen Malaria und vielerlei anderes von „up country“ mit zurueck. Es wird nicht langweilig. Und die Ambulanzarbeit fuehlt sich so an, als waere man garnicht weg gewesen.

(Danke an Claudia fuer das tolle Foto!)

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