sabinewaldmannbrun

Farbe. Linie. Sehen.


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Nachthaus, hell – Lighthouse at night

Wenn einer nicht weiß wohin

und als einziger geeifert hat,

wenn einer kein Kraftwerk ist,

kein Seehund, der sich tausendmal

am Tag ins Wasser stürzt vom

Felsen, muss man für ihn kochen,

mit ihm am Tisch trödeln,

sein Gelände sanft betreten,

sich mit ihm unbehaglich fühlen.

 

Wenn einer sagt: „Ich bin nicht

besser als meine Väter“,

sich sein Votum löschen will,

muss man mit ihm rechnen.

Das Gegenteil von Minus ist nicht

dauernd Plus, ist Tütensuppe,

Zimtreis oder Brot und Fleisch,

von Raben an den Bach gebracht,

ein Lager unterm Ginsterstrauch,

ist Fladenbrot, auf heißem Stein

gebacken, ein Krug Wasser.

 

Und wenn es heißt „Steh auf

und geh“ und einer noch nicht

weiß wohin und meint, er sei

noch gar nicht wieder ganz:

Dann muss er langsam rechnen,

Wurzeln ziehen, schlummern,

knuspern, krümeln, bis er

behaglich brodelt und manchmal

beinah heimlich bei sich denkt,

er habe vielleicht nur

fast allein geeifert.

 

aus: Vera Schindler-Wunderlich: Dies ist ein Abstandszimmer im Freien. edition pudelundpinscher, Erstfeld 2012


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Blauzeit

Zurück zu den Herausforderungen jenseits der Klostermauern. Im Sinn behalten: das Dach ist höher, als es auf den ersten Blick scheint…..

Antiphon

Weil er die Meere

und die Keller kennt und die Kronen,

weil er die Banken, die Raben, die Daten,

die Monde und die Trümmer kennt,

die Tümpel und die Gräber,

weil er Gesichter kennt

und ihre ersten warmen Höhlen,

ihre ersten Grüße spürt

und ihre letzten Sätze begleitet,

weil er Weiden zeigt und Lilien anlegt,

Stricke spannt und Stricke löst,

Wünsche sprossen lässt

und sie mit Würde mustert,

Fahrpläne weiß er und setzt frische Fristen,

weil er die Äste und die Ämter sprossen lässt

und die Sonne aufgehn herrlich

über Rätinnen und Tannen,

Papier und alle alle Tiger.

(aus: Vera Schindler-Wunderlich: Dies ist ein Abstandszimmer im Freien

edition pudelundpinscher, Erstfeld 2012)

Ich knüpfe mich an dich…

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Ich knüpfe mich an dich...

Ich knüpfe mich an dich,
ich weiß, ich würde schwanken.
Meine Belange, sie stapeln sich
vor dir; meine Ausweise, sie sind
abgelegt bei dir; und ich sammle:
deine Schnittstellen, deine
Vergegenwärtigungen.
Ich meine, ich bin eingefädelt;
doch ich weiß: Einmal muss ich
einknicken und kalt werden.
Man wird mich umziehen und
kämmen, mich frischhalten
und schließlich den Deckel
über mir schließen, eine Zeitlang
über mich sprechen, dann weniger.
Doch bin ich nicht eingefädelt,
auch in meiner Verwesung bin ich
nicht verknüpft? Was bedeutet mir
ein Leistungsausweis, stört mich
ein strapaziöser Kopf beim
Geschmack meiner Auferweckung?
Ich knüpfe mich an dich,
ich weiß, ich würde schwanken.

aus: Vera Schindler-Wunderlich: Dies ist ein Abstandszimmer im Freien
edition pudelundpinscher, Erstfeld 2012