sabinewaldmannbrun

Farbe. Linie. Sehen.


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Feder…

„Ich bin ein Mensch, der eine schöne Feder auf seine Handfläche legt und sie in die Luft bläst. Ich bin weder für die Schönheit der Feder verantwortlich noch für den Blick, mit dem andere sie sehen.“

(Fulbert Steffensky in seinem Buch „Der alltägliche Charme des Glaubens“ Echter 2002)


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Ohne Handy in der U-Bahn?

Seit 30 Jahren fahre ich mit derselben Stadtbahn zur Arbeit. Da gibt es viel zu sehen.

Ich sehe Menschen. Ein- und Aussteigen, Sitzen und Stehen, Zuwendung und Abwendung, Tun und Lassen. Ja, auch das Lassen kann man sehen.

Ich sehe Koffer wegrollen, Betrunkene schwanken, üppig beladene Kinderwagen kippen. Ich sehe das Äquivalent zu einer Jungbullenherde, der die Weide zu eng ist, sehe das bunte Gezwitscher von Kindergartengruppen, sehe Hunde, die Bahnfahren nicht mögen. Sehe Hunde, die gerade beim Frisör waren, Hunde, die noch nie dort waren und Ähnlichkeiten zu ihren Menschen. Ich sehe, wie Familienverhältnisse sich über die Jahrzehnte ändern, sehe eine Familie sich teilen (nach 10 Jahren Dreiersitzen immer im selben Eck, so dieses frei war, sind nur noch Mutter und Sohn beieinander. Auch der Vater steigt ein, jedoch am anderen Ende des Wagens. Der Abgrund zwischen den geteilten Welten gähnt unübersehbar, nicht ein Blick wird auch nur in die Richtung der anderen geschickt). Ich sehe höflich plaudernde Senioren, grimmige Augenbrauen und Zornfalten in Aktion. Ich sehe zwei ganze Sitzreihen aufblühen, weil jemand einen prächtigen Blütenstrauss trägt, und fünf ganze Sitzreihen lächeln, weil ein Baby gluckst und lacht. Ich sehe Blicke, die aus der Welt gefallen sind, sehe Marotten und Ticks, sehe Arbeitsmonturen und Ensembles, die zur Audienz bei der Queen taugen würden. Ich sehe Müdigkeit und Blässe, Erwartung und Freude. Ich sehe Jogginghosen und zuweilen auch, ob derjenige sein Leben noch im Griff hat oder nicht. Ich sehe Menschen aus anderen Ländern und ihre Angst, nur ja alles richtig zu machen. Ich sehe ein Kind, das wartet, Jahre lang, immer am selben Platz, und manchmal sehe ich die Mutter kommen und grüßen und höre den Namen des Kindes und sehe die Einsamkeit und die Last, die beide drückt. Ich sehe das Kind über die Jahre zur jungen Frau werden und warten, und denke, irgendetwas stimmt nicht, und irgendwann ist sie nicht mehr da, und eines Tages werde ich auch für die Mutter sichtbar, sie fragt mich, die halt zufällig in ihrem Weg steht, etwas, was die Fahrzeiten der Bahn bei der Streckensperrung betrifft und wir reden im Warten ein wenig und ich frage, wie geht es Lena, und die Mutter erzählt mir, mit der sie noch nie gesprochen hat, was ich befürchtet habe und ich höre zum ersten Mal von der Last, die ich die ganzen Jahre geahnt habe. – Ich sehe Menschen, denen der Nebensitzer zu nah ist, solche, denen er nicht nah genug ist, ich sehe Mütter, die sich im Display verlieren und Kinder, die um Aufmerksamkeit betteln, ich sehe, wer sich ansieht und wie und wer nicht. Wer wegsieht, wer sich abwendet und wer sich zuwendet. Ich sehe Menschen, die helfen, wenn etwas zu schwer ist, halten, wenn es einen Ruck gibt, auch, wenn sie nicht zueinander gehören. Ich sehe wenige mit Büchern und viele andere, die bunte Kugeln sortieren und zahlreiche, die Aliens abschießen und mails und whatsapps und tweets sortieren. Sehe Katzen in Boxen, Schirme, die liegen geblieben sind ( manchmal nehme ich einen mit, der offensichtlich niemand gehört) und geheime Zeichen an den Fensterscheiben, die jemand da hingeschrieben hat.

Es gibt eine Menge zu sehen. Und das Wesentliche ist auch in Zeiten des Maskentragens sichtbar. Klar habe ich auch ein Handy im Rucksack. Und hin und wieder tauche ich in einem Buch ab. Aber es ist spannend, was sich in diesem abgesteckten Kosmos entfaltet: ein vielfältig buntes Welttheater…


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Sprache – Language

During my nightshift a Chinese tourist arrives with his tour-guide after an accident at the hotel. The tourist fell and injured his now bleeding leg. Already at the administration there was a problem in communication – on his voucher I can only find a first name and „China“ but both men are very friendly and always smiling, though we can not communicate – they don’t understand anything. The translation-program on their cellphones does not work in my consultation room, so we have to step out into the night to get my order „please call a friend who can translate“ into Chinese letters. Soon both are smiling even more enthusiastic: when having lunch at a Chinese restaurant today, they made friends and exchanged phone-numbers with the owner. And only a few minutes later I am talking in german with a very friendly lady, who builds all the bridges to understanding and an adequate treatment! Connections help – even if the language is unknown!

Im ärztlichen Nachtdienst stellt sich ein Chinesischer Tourist in Begleitung seines Reiseleiters vor, nachdem er im Hotelbad ausgerutscht ist und sich verletzt hat, eine tiefe Wunde am Knie blutet. Schon an der Anmeldung verstand man die beiden nicht wirklich, auf dem Adressfeld stehen nur ein Vorname und „China“. Beide sind wirklich freundlich und lächeln ohne Unterlass, aber verstehen wirklich gar nichts. Das Handy-Übersetzungsprogramm findet kein Netz im Sprechzimmer, so müssen wir hinaus in die Nacht, damit meine dringende Bitte (ruf einen Freund an, der übersetzen kann) in Chinesische Buchstaben übertragen werden kann. Und schon geht ein Leuchten über die Gesichter: in einem schwäbischen Chinarestaurant, in dem die Gruppe sich am Mittag stärkte, kam man ins Gespräch und tauschte mit der Eigentümerin die Telefonnummern aus. Und sofort habe ich eine astrein deutsch sprechende Chinesin am Apparat und wir verstehen uns ohne Probleme (auch wenn es ein bisschen länger dauert, bis alles gefragt, beantwortet und übersetzt ist). Wenn man die Sprache nicht kann, helfen zumindest gute Beziehungen!


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Arabisch lernen – To study arabic

Manche halten ihre Synapsen mit Sudoku fit – eine Sprache hingegen entfaltet sich und eröffnet neue Räume für Entdeckungen und Begegnungen. Als ich vor einem Jahr begonnen habe, Arabisch in Schrift und Wort zu lernen, war der Anlass eine Begegnung im ärztlichen Notdienst. Bevor ein Verhafteter über Nacht in eine Zelle gesperrt werden darf, muss ein Arzt ihn ansehen, ob es gesundheitlich begründete Bedenken gibt. So fand ich mich nachts um halb 1 in einer kahlen Zelle im polizeilichen Keller wieder, in der schreiend ein an Händen und Füssen gefesselter Mann sass, den keiner verstand und der keinen verstand. Nur, dass er vermutlich arabisch spreche, wusste man und dass es einen Streit in der Öffentlichkeit gegeben hatte, bei dem niemand verletzt worden war.

Zum Glück waren meine syrischen Bekannten noch wach, die zu dieser Zeit noch bei Tag und Nacht versuchten,  einen Botschaftstermin für ihre noch im Kriegsgebiet wartenden Kinder und Geschwister zu ergattern. Die Übersetzung per Telefon entspannte die Lage sofort, die Fesseln wurden abgenommen, der Patient konnte gehen, nachdem klar war, dass hier kein Grund für eine Inhaftierung vorlag.

Sprache ist eben eine Brücke. Und wer Sprache lernen will, muss darin baden, deshalb male ich hin und wieder in meine Bilder Sätze hinein, dann merken sie sich besser. Das vorliegende Klappbüchlein mit Tieren ist da eine Möglichkeit…

(…auf dem obigen Bild sagt der eine dem anderen: „In unserem Land sind die Leute gut und freundlich“).

Some of us try to keep in brainshape by practicing Sudoku, but studying a language unfolds and gives new  opportunities to learn to know people we would not have understood otherwise. 

When I started to study Arabic about a year ago, it was because in my medical work I had to see a patient at a police station at night who did not understand anybody and who was not understood by anybody. The officer could only tell me there had been a dispute in a public place, where noone was hurt and that the patient might talk Arabic. 

When I called my Syrian friends, who at this time at day and night tried to get a date with the embassy for their children and other relatives, they could translate and calm the situation. The patient soon was free again and could leave, because there was no need to keep him any longer. Then I decided to start with this old and calligraphic language of rich tradition. 

Language can build bridges and to study one, you have to bathe in the language. Therefore I sometimes combine sketches and words, have double fun and can remember better…

(on the sketch you can read: “ in our country people are good and friendly“)