sabinewaldmannbrun

Farbe. Linie. Sehen.

Weihnachtliches Roadmovie – unterwegs im ärztlichen Notdienst

10 Kommentare

Der Aufenthaltsraum in der Wache ist festlich geschmückt – ein prachtvoller Weihnachtsbaum glitzert, leuchtet und verbreitet Wärme. Nur ist gerade keiner da, den das erfreuen könnte, alle sind unterwegs. Und auch wir dürfen uns gleich nach dem Umziehen auf den Weg machen – ich fahre heute mit einem müden jungen Mann, der ziemlich erkältet ist. Nein, nein, kein Corona, meint er, der Schnelltest am Morgen war negativ. Hoffen wir mal auf die Verläßlichkeit der Chemie und verstecken uns für 12 Stunden hinter unseren FFP2Masken.

Die erste Patientin, zuhause liebevoll von der Tochter versorgt, leidet unter den Nebenwirkungen der Chemotherapie letzte Woche, die sie wegen einer Tumorerkrankung erhält. Die dauernden Durchfälle schwächen sie sehr. Da ist gut abzuwägen. Eigentlich ist ihr Zustand soweit stabil, sie kann essen, trinken und in kleinem Radius auf den Beinen sein. Ins Krankenhaus zu gehen, ist da keinesfalls eine gute Wahl. Wir besprechen, wie sich die Balance vielleicht zuhause halten läßt.

Der nächste Patient hat einen aggressiven Hirntumor und zunehmend Mühe zu sprechen. Die Ehefrau drückt mir den letzten Entlaßbrief aus der Klinik von vor einer Woche in die Hand, ob ich nicht etwas verschreiben könnte? Im Brief ist aufgeführt, was dem Patient an Medikamenten weiter empfohlen ist. Wurde das noch nicht verschrieben? Der gestresste Hausarzt war immerhin kurz da gewesen und hatte eine Spritze gegeben, allerdings nichts verschrieben. „Ich bringe ihn um!“ ruft die Gattin, und fängt im gleichen Moment an zu weinen. Es ist alles zu viel, es geht alles so schnell, man kann nicht mehr operieren…Wir brechen eine Lanze für den sonst doch tüchtigen Hausarzt, die Medikamente, die man schon seit einer Woche hätte nehmen können, werden verschrieben, die Telefonnummer vom SAPV aufgeschrieben. Die spezielle ambulante Palliativversorgung wäre hier genau die richtige Unterstützung: Tag und Nacht erreichbar, mit einem Team incl. Arzt, die den Patient gut kennen, und gerade, wenn nicht mehr alles gut werden kann, die Mittel haben, zu erleichtern und die Versorgung zuhause zu ermöglichen.

Die nächste Patientin liegt im Sterben, ist nicht mehr ansprechbar. Zwei Töchter sind zugegen und ratlos. Es gibt keine Vollmachten, keine Patientenverfügung. Bei der Untersuchung fällt auf, dass die Patientin viele Schürfungen, teilweise große Hämatome hat, unversorgte Wunden an beiden Armen und Beinen, die man hätte verschließen können, als sie frisch waren, und da, wo sie aufliegt, die Haut bereits schwarz ist oder sich ablöst. Der Pflegedienst käme einmal am Tag. Ja, sie sei oft gestürzt. Ob ich sie nicht einweisen könnte? Rein rechtlich kann nicht ich entscheiden, ob die Patientin palliativ oder kurativ behandelt werden soll. Wir könnten es mit der Palliativstation versuchen in der nächsten Klinik, aber die Entscheidung, wie es weiter gehen soll, kann ich der Familie nicht abnehmen. Wir bestellen nach einer Grundversorgung einen Krankentransport. Mich bekümmert, dass die Kranke so dermaßen schlecht versorgt ist, da scheint diese Lösung zumindest pflegetechnisch die beste zu sein…

Die Leitstelle ruft an: die Polizei erwartet uns bei einer verstorbenen jüngeren Frau um die 40. Die Mutter steht vor der Tür, sie hatte immer wieder mit der allein lebenden Tochter telefoniert, während diese mit ihrer Covid19-Infektion zuhause lag, gestern habe sie recht schwach geklungen, aber keinen Arzt gewollt, heute dann habe sie sie nicht erreichen können…Die Verstorbene, stark übergewichtig, liegt im Bett, ein paar Trauben, ein Stück Stollen neben sich, ein großes Plüschtier an der Seite. Die Leichenstarre ist bereits voll ausgeprägt, und da die Leichenschau unbekleidet erfolgen muß, schneide ich, in Schutzkleidung auf dem Bett herumkletternd, den Schlafanzug mit einem scharfen Messer aus der Küche auf. Einer der Polizisten hat sich ebenfalls in Schutzkleidung gehüllt und hilft mir beim Drehen, obwohl er das nicht müßte. Die Mutter steht an der Balkontür, hin und her gerissen zwischen Kummer und Ärger, schüttelt den Kopf, weil es so unordentlich ist in der kleinen engen Wohnung und weint, weil nichts mehr zu heilen ist.

Auch der nächste Patient ist tot, trotz seines jungen Alters Ende 30 im Pflegeheim wegen seiner psychiatrischen Erkrankung untergebracht. Das Pflegepersonal ist feiertäglich unterbesetzt. Der junge Mann, der mir mit den Akten helfen soll, war gerade 2 Wochen im Urlaub, die Nachtwache hat weder den Todeszeitpunkt aufgeschrieben noch ist sie erreichbar (verständlich – nach dem Nachtdienst braucht man unbedingt eine Mütze voll Schlaf), in der Pflegedokumentation ist seit 4 Tagen kein Eintrag mehr gemacht worden. Irgendjemand hat ein Morphinpflaster geklebt, ach ja, palliativ, dann wird nichts mehr gemacht (so ist das ja eigentlich nicht gedacht…). Der Verstorbene hat immer wieder versucht, sich das Leben zu nehmen, höre ich, und sehe vielerlei verschorfte alte Wunden und Prellmarken, der Mann ist bis auf die Knochen abgemagert. Das letzte dokumentierte Gewicht war 37kg. Da kann ich keinen „natürlichen Tod“ bescheinigen, also muß die Kripo antreten…

Es geht weiter durch Nieselregen zum nächsten Patient, der Rückenschmerzen hat, ach, es wird einfach nicht besser, was solle er noch tun, seit 3 Tagen liegt er im Bett (ganz schlecht, um einen Rücken wieder fit zu bekommen), auch Reizstrom, Krankengymnastik, Medikamente, MRT, dies und das hätten garnicht geholfen…Untersuchungstechnisch geht es ihm nicht schlecht, alles ist beweglich, der Patient hat uns auch relativ dynamisch die Tür geöffnet. Ich bewundere die Versorgung, die er bisher schon hatte, hier und da lässt sich noch ein bisschen feinjustieren, und siehe da, der Patient lässt sich auf die Hoffnungsschiene holen, vielleicht tut ihm auch einfach der nette Besuch gerade gut, auf jeden Fall können wir ihn, getröstet, dass die ausführliche Behandlung bald anschlagen wird und ein kleiner Spaziergang hier und da, kombiniert mit der wohligen Wärme eines ABC-Pflasters, alles zum Guten führt, wieder verlassen.

Mein Fahrer schnieft, die Nase läuft. Er fühlt sich nicht. Jetzt wäre doch eine Pause dran, meint er, aber die Leitstelle pocht auf einen weiteren Einsatz, die Polizei wartet auch dort bereits auf uns. Ein Familienvater Anfang 40 mit einer Autoimmunerkrankung, vor 4 Tagen geboostert, ist plötzlich verstorben. Am Morgen hat ihn die 5-jährige Tochter leblos auf dem Sofa gefunden. Die Familie ist von der Katastrophe geschüttelt, hat zum Glück Unterstützung aus dem Verwandten- und Freundeskreis. Auch hier müssen wir die Kripo dazu bestellen – wenn die Möglichkeit besteht, dass die Todesursache in einer medizinischen Anwendung liegt, kann kein „natürlicher Tod“ bescheinigt werden.

Die Leitstelle schüttelt einen weiteren, sehr bedürftigen Patient aus dem Ärmel. Ein verstopfter Katheter, nur schlappe 15km entfernt, wartet seit Stunden. Mein Fahrer protestiert. Er braucht jetzt seine Pause. Ich verhandle mit der Leitstelle: hat der Patient Schmerzen? Ist einer von unseren drei anderen Kollegen gerade dort in der Nähe unterwegs? Falls das alles nicht geht, fahren wir hin. Man melde sich noch mal, wenn nötig, wird uns versprochen. Da sich keiner mehr meldet, schaffen wir es bis zur Wache. Ein Päuschen mit einem verspäteten Mittagessen (es ist inzwischen 15.45) ist immer was feines.

Danach geht es weiter. Erwachsene Kinder, die ihre Eltern zum Fest besuchen, und Mißstände feststellen. Helferinnen aus dem Ausland, die kein Wort verstehen, nicht mit dem Patient geschweige denn uns kommunizieren können. Telefonate mit Angehörigen in der Ferne, um Informationen zu erhalten. Und schließlich eine Anforderung zum Besuch bei der Patientin vom Morgen, die wir eigentlich jetzt auf der Palliativstation der nahen Klinik vermutet hatten. Zwar war das mit der ärztlichen Kollegin in der Klinik so besprochen, aber der Krankentransport hatte sich geweigert, sie mitzunehmen. Da die Rechtslage ungeklärt sei, würde man sie reanimieren müssen, im Ernstfall. Der Notarzt war nachgefordert worden. Dieser hatte sich fürs Palliativkonzept entschieden, auf Anraten der Angehörigen. Diese sind verärgert, dass ich aufgrund der ausgedehnten Verletzungen und Stürze in jüngster Vorgeschichte auch hier die Kripo anfordern muß, weil es grob fahrlässig wäre, einen so vernachlässigten und verletzten Verstorbenen unter „natürlichem Tod“ zu verbuchen. Auch wenn man es gerne täte, kann man nicht immer entscheiden, was die Angehörigen sich wünschen. Mein Fahrer, gerade erst mit dem Abi fertig, schlägt sich auf die Seite der Angehörigen (was ich zwar verstehen kann, aber auch ziemlich ärgerlich finde. Empathie ist immer richtig, aber nicht ein Kritisieren meiner Entscheidungen in Anwesenheit von Patienten oder Angehörigen). Nun ja.

Was hat das jetzt alles mit Weihnachten zu tun, außer dass es an dem Tag stattfindet, an dem man Weihnachten feiert? Ich lasse mal Fulbert Steffensky kommentieren: „Der Mensch zählt in dem, was er tut….Er kann mit Gott das Leben wärmen, das Gebeugte aufrichten, das Recht lieben und der Güte dienen…“ Das kann man versuchen, auch wenn es nicht immer gelingt, und sich damit trösten, dass Weihnachten ja eigentlich heißt: Gott ist Mensch geworden und hat unser Leben geteilt mit auch all seinen Schräglagen und Mißständen. Das ist sowieso nachhaltiger, als sich zu fragen, ob man jetzt Zeit für einen Braten im Angesicht eines Weihnachtsbaums hatte. Was mich bekümmert, auch noch Tage danach, ist allerdings die Nachlässigkeit mancher Umgangsformen, das Vergammelnlassen von Menschen, das Sichnichtzuständigfühlen, das sich hier und da stachelig in seinen Wirkungen zeigt.

10 Kommentare zu “Weihnachtliches Roadmovie – unterwegs im ärztlichen Notdienst

  1. Vielen Dank für diesen Bericht, ergreifend, beeindruckend, provozierend … Weihnachtlich.

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  2. Auch Dir, ein gutes, vielfarbiges 2022!

  3. Ja, das scheint eine besonders „stachlige“ Tour gewesen zu sein … für mich gerade ein Deja vu der Negativschlagzeilen aus dreißig Jahren kassenärztlichem Notdienst. (Seit sieben Jahren nur noch als Sitzdienst in der Klinik, da geht es milder zu.) Trotzdem oder gerade deswegen freue ich mich auf die Fortsetzung! Für mich geht die Reise aus der Praxis in Richtung angestellte Gutachterin; mal sehn, vielleicht gibt es dann nebenbei auch mal wieder ein paar Notdienstfahrten …

  4. Was soll man dazu sagen oder schreiben?
    Dir alles Gute und ein gutes 2022, Liebe Grüße, Jürgens

  5. Grateful that there are people like you doing what you do.
    Hope you are able to have a happy holiday with family too …and may 2022 be better to all of us.

  6. gefällt mir auch nicht, diese Zustände so zuzulassen, es krankt an allen Ecken un Enden. Nicht jeder Mensch hat das Glück gesund alt zu werden,, unvorbereitet, unwissend, schicksalhaft wird es uns alle betreffen, so oder so. Den Alten Menschen ehren, wahrnehmen, auch wenn sie noch so störrisch und eigensinnig werden, sie haben auch etwas geleistet, haben gelebt geliebt, gelitten, manche viel gearbeitet, und am Ende angewiesen auf ein wenig Verständnis. Die Menschenwürde,
    dann besonders wichtig. Pfleger – innen, die nicht dieselbe Sprache, nicht unsere Kultur kennen, Kinder nicht zur Stelle, wenn Not an Mann oder Frau ist, keine Zeit, sich um alles zu kümmern, mit ihrem eigenen Leben überfordert. Die Wohnverhältnisse oder Umstände nicht möglich, zusammenzuleben.Beklagen hilft nicht, Prävention, vorbeugen so weit wie möglich. Unser Wegschauen macht uns nicht glücklich. Oft werden helfende Hände auch verweigert, aus Stolz. In Würde diese Welt verlassen zu können, ein großes Geschenk, nicht jedem vergönnt. Und diese Welt dreht sich weiter.auch für Dich Sabine, nach harten Diensten, einen sanften Rutsch ins neue Jahr, ohne Sorgen und Nöte.

  7. Dann hoff ich sehr, es geht Dir wieder besser! 🤸‍♀️

  8. Ich bin gerade froh dafür, dass ich wegen meines Ischias-Anfalls am 25.12 nicht den Notarzt gerufen habe. Da gibt es offensichtlich ganz andere Herausforderungen zu bewältigen.

  9. Es war auch nicht als gefälliger Bericht gedacht, liebe Wildgans, eher als eine nüchterne Bilanz eben dieses Tages. Wobei die Häufung von Schräglagen nicht immer so hoch ist.

  10. Gefallen tut es mir nicht. Es macht so unendlich schwer nachdenklich!

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