sabinewaldmannbrun

Farbe. Linie. Sehen.


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The power of hope – Kraft der Hoffnung

Herbst ist Erntezeit – und der neu erschienene Kalender „Kraft der Hoffnung“ für 2019 ist in gewisser Weise ein Erntedank meiner Entwurfstätigkeit der letzten 20 Jahre in der Paramentenwerkstatt Knotenpunkt in Backnang. Zwölf meiner Paramente, die in dieser Zeit entstanden sind, jeweils im Duett mit Worten von Dietrich Bonhoeffer – also einem, der nicht locker gelassen hat, was das Festhalten an der Hoffnung und dem „Wie es sein sollte“ angeht… Dieses festliche Gewebe aus Farbe und Wort ist beim Präsenz-Verlag erschienen und dort (und im Buchhandel) erhältlich (www.praesenz-verlag.com).

Autumn is harvesttime – and the newly published calender for 2019 is kind of a thanksgiving of my work for the „Knotenpunkt“- workshop for ecclesiastical textiles in Backnang, Germany. My most beautiful paraments of the last 20 years are combined with the words of Dietrich Bonhoeffer, who is indeed someone who was faithful with his hope and belief (available at praesenz-verlag.com and the common booktraders).

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Malaktion – Summerpainting

Dienstagsbesuch: meine syrische Freundin und ihre 12jährige Tochter kommen. Sie haben sich nicht von der Idee abbringen lassen, etwas zum Abendbrot mit zu bringen (ich durfte gerade mal einen Nachtisch beisteuern): eine grosse Schale mit Hack-Kartoffel-Tomaten-Auflauf und ein Töpflein Hummus mit viel Knoblauch (sie wissen, dass ich Knoblauch mag) verbreiten bereits verführerischen Duft.

Nach dem Nachtisch gibt es einen zweiten, internationalen, der nicht an Sprachbarrieren grenzt: wir malen zusammen ein Bild. Jeder malt ein Stück, dann kommt der nächste dran. Ich halte mich sehr zurück und freue mich an dem Spass, den vor allem die Tochter hat (sie hat gleich noch ein zweites allein gemalt).

Dem Häuschen zum Drinzuhausesein würde ich noch wünschen, dass es seinen Weg selbstbewusst etwas mehr ins Bild der (deutschen!) Landschaft hinein findet, immerhin sind schonmal die Signaturen der Künstlerinnen hier nicht in ihrer Muttersprache, sondern in unseren Buchstaben gezeichnet…

Tuesdayvisitors: my Syrien friend comes for a visit with her 12year old daughter. They did not accept a whole invitation – I was only allowed to make dessert. They bring a wonderful dish for dinner with meat, potatoes, tomatoes and a little pot of hummus with a lot of garlic (they know, I love garlic).

After dessert we have another dessert, an international one that does not require certain language skills: we paint a bit. One paints a bit, then it is the next one’s turn to add some colors. We did have fun, especially the daughter, who continued with an own one afterwards.

I kept myself in the background, only adding a line or some dots here and there, leaving the main stage to the guests. The little house on the right side may find its way right into the middle of the (german!) landscape. Yet the guests did not sign in their mother language but used our letters. Being at home takes quite some time…

 


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African Ladies – Damaris, CHW

„Crepe bandage! And the medium size POP!“ Damaris, 41, is working as a community health worker (CHW) in the dressing room of Baraka Health Center and gets organized for the next plaster of paris. She is good in that, and years of experience with the always changing surgeons from German Doctors have trained her so well that she could be called the „POPnator“ of the dressing room:). Though her way to this inofficial position was not an easy one.

Being born and brought up in Mathare Valley Slum she had hard times right from the beginning. Her father was a casual worker and there never was enough money, neither for meals nor for school fees. There was no privacy in the little one-room-hut, that she had to share with her family. Damaris could go to school for some time, but then had to quit. She got pregnant early, thought about abortion, but her mother, being christian, pleaded her to be courageous and have the baby – she promised to support her daughter. And so she did. So  a little boy was born.

Now Damaris learned to use the knitting machine like her mother. Making pullovers brought a bit of money.  She married, had another baby, there were „challenges“ and the couple separated for a year. They sorted out the challenges and continued struggling together.

In 2002 German Doctors announced a training for CHW’s at the church, that Damaris attended. She applied,  got her education for 8 months and could finally start working at Baraka Health Center in 2008. When she had the possibility to attend evening classes for 3 years to finish school, she did not hesitate. Not long ago she wrote her exams and now awaits the results.  And maybe she will make her dream come true and become a nurse.

„It is never too late to achieve your goal“, Damaris says. And she wants to encourage especially the young girls, who live under the hard conditions of the slum: they must not be ashamed of being brought up in this place. They should be able „to rise and shine and to change the picture of slum girls. Never loose hope!“

 

„Elastische Binden! Und die mittlere Grösse für den Gips!“ Damaris bereitet sich darauf vor, ein gebrochenes Handgelenk einzugipsen. Als Gesundheitshelferin arbeitet die 41jährige im Verbandsraum von Baraka Health Center. Sie macht ihre Sache gut – nach so vielen Jahren mit den alle 6 Wochen wechselnden Chirurgen hat sie reichlich Übung.

Geboren und aufgewachsen im Slum hatte sie es allerdings nicht leicht. Ihr Vater brachte als Gelegenheitsarbeiter nicht genug Geld nachhause, so dass sie früh die Schule abbrechen musste. Sie wurde schwanger, dachte an Abtreibung, aber ihre Mutter, als Christ gegen diese Lösung, versprach, die Tochter in allem zu unterstützen. Und das tat sie auch. Und ein kleiner Junge wurde geboren.

Als nächstes lernte Damaris von ihrer Mutter den Umgang mit der Strickmaschine – die Herstellung von Pullovern brachte ein wenig zusätzliches Geld ein. Sie heiratete, bekam einen weiteren Sohn, trennte sich für ein Jahr von ihrem Mann, aber es gelang den beiden, sich wieder zu versöhnen und sie blieben zusammen.

2002 hörte Damaris in ihrer Kirchengemeinde von einer Möglichkeit, sich als Gesundheitshelferin ausbilden zu lassen. Nach 8 Monaten Training hatte sie ihr Zertifikat, ab 2008 konnte sie dann endlich offiziell im Baraka Health Center arbeiten. Nebenher, in der Abendschule, holte sie ausserdem ihren Schulabschluss nach.Vor kurzem hatte sie ihre Abschlussprüfung und wartet nun auf die Ergebnisse. Vielleicht wird es ja doch noch etwas mit der Krankenschwesternausbildung.

„Es ist nie zu spät, sein Ziel zu erreichen,“ sagt Damaris. Und vor allem möchte sie die jungen Mädchen ermutigen, die im Slum unter den harten Bedingungen dort aufwachsen. Sie sollen sich nicht schämen für ihre Herkunft, sondern auch hier ihre Begabungen entfalten und sich weiter entwickeln können. Das Image des „Slumgirl“ muss sich ändern. Und nie sollte man die Hoffnung aufgeben!

 


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Mathare – Hausbesuche mit Rose. Kontraste.

Ein fliederfarbenes Kostuem, dazu flache, bequeme Sportschuhe in Hellgruen. Rose, kugelrund, ist langjaehrige Sozialarbeiterin, ehemalige Matharebewohnerin und fuer den Marsch durch das Pfadelabyrinth gut geruestet.

Bis in die Felsen am Rande des Tals hineingebaut, jeder Meter, der als Baugrund zu haben ist, genutzt, reiht sich Wellblechverschlag an Wellblechverschlag. Keiner wie der andere, jedes Bauwerk individuell zusammengesetzt aus Wellblech, Abfallmaterial, alten Schildern, Plastikplanen, Brettern. Aneinandergefuegt mithilfe von Naegeln, die teils mit Kronenkorken unterpolstert sind, um die Bleche nicht auszureissen. Farbspuren, hier und da Malerisches zur Verzierung. Schriftzuege. Nummern.

Schmal sind die Durchgaenge, felsig, sandig, mit nicht wiederverwertbarem Muell uebersaet, von trueben Abwasserrinnsalen durchzogen, von Waescheleinen ueberspannt. Ueberall ist jemand am Waschen, und es ist Ehrensache, es sich zumindest ausserlich nicht anmerken zu lassen, wo man wohnt.

Rose hat einen Leinenbeutel mit wichtigen Dingen geschultert. Ein paar Malariamedikamente, etwas gegen Schmerzen, das dreieckige Holzkaestchen mit Luecke an einer Spitze zum Tablettenzaehlen, die auszufuellenden Formulare der registrierten Tuberkulose- und HIV-Patienten. Ein grosses Stofftaschentuch, um die Schweissperlen von der Stirn zu wischen. Ihr taeglicher Gang durch Mathare ist ein langsamer, denn Rose kennt unzaehlige Menschen. Hier ein Gruss, dort ein Haendedruck, hier eine Ansprache, dort ein Rat. Besorgte und lachende Gesichter. Wie anderswo auch.

Erstes Ziel auf dem Weg ist eine Familie, bei denen neben dem freundlichen Gespraech, wie es geht, die Tabletteneinnahme kontrolliert werden muss. Vater, Mutter und jugendlicher Sohn – alle drei aidskrank und auf Tuberkulosetherapie, leben gemeinsam auf ca. 9qm, die nocheinmal durch einen Vorhang in Sitz- und Schlafbereich unterteilt sind. Als Tapete dienen alte Zeitungen oder Plasiktueten, im besten Fall eine Gardine, die Habseligkeiten sind im Raum und an den Waenden aufgestapelt. Waschbuetten, Koffer, Geschirr, Kleidung in Saecken. Ein Durchgangsquartier eigentlich, so war es einmal gedacht, und wird fuer manche doch zur dauerhaften Behausung.

Der alte Vater ist stark erkaeltet. Ein Problem, das noch einfach zu loesen ist und deshalb nur am Rande gestreift wird. Wichtiger ist die regelmaessige Einnahme der HIV- und Tuberkulosetherapie. Die Tabletten werden gezaehlt, mit den Vorstellungsterminen in der Klinik verglichen und in einem Formblatt eingetragen. Rose ist streng. Wenn auch nur zwei Einnahmen nicht erfolgt sind oder eine Tablette zu wenig ist, werden Termine verschoben und, wie sie selbst spaeter schmunzelnd erklaert, Stress gemacht. Das Risiko, eine multiresistente Tuberkulose, eine HIV-Therapie, die nicht mehr anschlaegt, ist zu hoch. Aber Rose lobt auch – der Sohn der Familie, jetzt wieder in viel besserem Zustand als noch vor einem halben Jahr, lagert die Medikamente ordentlich sortiert in einem Holzkaestchen. Da gebe es ganz andere Patienten, sagt Rose und der junge Mann strahlt.

Es geht weiter zwischen Blechwaenden, unter Waescheleinen hindurch. Ein Huhn ergreift die Flucht. Drei Maedels, schmuck frisiert und in Schuluniform, wollen Haende schuetteln. Naechste Station ist der Verschlag einer alten, herzkranken Dame, Ihre Huette ist aehnlich aufgeteilt, sie wohnt hier zusammen mit ihren vier Enkeln, nachdem beide Eltern gestorben sind. Auch hier ist alles sauber und ordentlich, wenn auch aermlich und karg. Die alte Dame traegt ein graues T-shirt mit drei aufgestickten Giraffen, fleckenfrei und fein gebuegelt. Sie sei in Sorge um die Enkel, sagt sie, die Lehrer streiken, die Schule faellt aus. Was, wenn die Enkel nicht den Weg heraus aus der Enge und Armut schaffen? Rose schaut sich die Tabletten an, die in einem Stoffsaeckchen aufgehoben werden. Alles ist noch genuegend vorhanden.

Der Trampelpfad, jetzt eine Kletterpartie bergauf ueber Felsbrocken, Kuechenabfalle und alte Plastiktueten, fuehrt zu einer jungen Mutter hinauf, die mit fuenf Kindern auf den denselben 9 qm wohnt. Das kleinste, gerade 8 Monate alt, hat ein kummervolles, wenn auch gut genaehrtes Gesichtchen und sitzt lethargisch am Bettrand. Spielzeug gibt es keins. Zeit zum Spielen und Weltentdecken ist kaum. Die naechstgeborenen Maedchen spielen Handabklatschen. Ein groesserer Junge steht vor der provisorischen Tuer und schaut nach einem kleineren, der nackt und sandig auf der blossen Erde sitzt. Die Mutter ist mager, hat aber ein offenes und klares Gesicht. Die Huette ist ordentlich und sauber. Die Tablettenzahlen fuer die HIV- und Tuberkulosetherapie stimmen exakt. Nur die Haende machen ihr Sorgen, die Arthritis der Fingergelenke bringt sie noch um die Arbeit als Waescherin. Wie solle es weitergehen, wenn sie nicht mit ihren Haenden arbeiten kann?

Draussen treffen wir einen jungen Mann, voellig verschwitzt, aus der Nachbarhuette. Er hat ein neues Motorrad gekauft, noch sind die Lenkergriffe mit Plastikfolie ueberzogen, es strahlt und glaenzt. Er will sich als Taxifahrer selbstaendig machen. Jetzt wuchtet er das gute Stueck hinauf zu der der Huette seiner Familie.

Es geht weiter zu einem Paar mit zwei kleinen Jungen. Die rohen Waende sind mit schwarzen Plastiktueten bedeckt, auf dem Kohleoefchen ist gerade der Maisbrei fertiggeworden. Die vier Zahnbuersten der Familie schauen wie kunterbunte Stengel aus eine Schale, die auf der kleinen Stereonanlage ruht, aus den Lautsprechern scheppert  Musik, in der die Sonne scheint. Rose ist stolz auf den Familienvater, der seine Medizin ordentlich nimmt und mit dem Trinken aufgehoert hat. Sieht man die Menschen ausserhalb ihrer Umgebung, wuerde man keine Wohnung wie diese erwarten. Gepflegt, sauber, in gewisser Weise selbstbewusst. Auch die Vorstellung in unseren Behandlungszimmern in der Klinik erfolgt stets in der besten Kleidung, sehr gepflegt und frisch gebadet. Solange Ordnung  und Schoenheit anwesend sind, dist die Hoffnung nicht unterzukriegen.

Weiter geht es, hinaus aus der bruetenden Hitze des kleinen Raumes, nach draussen. Wir kreuzen die Hauptgasse, wo sich viele winzige  Laedchen aneinanderreihen. Hier kann man Guthaben fuers Handy, dort ein paar Bananen, kleine getrocknete Fische und frisches Gebaeck kaufen.

Auch bei der naechsten kleinen Familie im Wellblechbau hat Rose ein Auge fuer das, was gut klappt und lockt es auch mit Vergnuegen zum Vorschein. Der Familienvater kann nicht mehr laufen  und nur noch muehsam sprechen. Eine HIV-assoziierte Kryptokokkenenzephalitis hat ihm die Mobilitaet genommen und teilweise die Sprache verschlagen. Er spricht langsam und schwer verstaendlich. Aber die beiden kleinen Maechen, fein und farblich Ton in Ton gekleidet, sind gesund, da beide Eltern sehr verlasslich die Medikamente nehmen und die Mutter damit eine Uebertragung von HIV in der Schwangerschaft verhindern konnte.

Ob Rose ihre Besuche angekuendigt habe, frage ich sie draussen? Nein. Alle sind unvorbereitet, sie melde sich nicht an. Es ist nicht eine Fassade, was ich sehe, sondern der taegliche Versuch, sich im Elend ein Stueck Wuerde zu bewahren.

Letztes Ziel ist wieder eine sehr hagere Grossmutter, die ihr kleinstes, jetzt krankes Enkelkind auf dem Schoss haelt. Von weit im Norden stammt sie, spricht gut englisch und hat auch bisher gut fuer die Kleinen sorgen koennen, im Moment ist es aber gerade ein bisschen viel an Herausforderungen, sagt sie, und sieht sehr muede aus. Die zwei eigenen Enkel- und zwei Nachbarskinder  sitzen still auf dem abgewetzten, blauen Sofa, aus dem an den Seiten die Fuellung heraushaengt und schauen aengstlich auf die beiden Besucher, immerhin ist eine Weisse mit vier Augen (also mit Brille) dabei. Es ist heiss und stickig in dem dunklen Raeumchen, durch die Loecher in den Blechwaenden scheint die Sonne wie Sterne am dunklen Nachthimmel.  Das Kleinste ist quaengelig, glueht vor Fieber. Rose beschliesst kurzerhand, die beiden mit nach Baraka zu nehmen. Wir machen uns auf den Weg zurueck zur Klinik. Gut, jemanden dabei zu haben, die den Weg durch das unuebersichtliche  Wegelabyrinth kennt.

Mathare Valley zu beschreiben, ist nicht einfach. Kein einzelnes Adjektiv trifft nur allein zu. Das Glas ist zugleich halbvoll und halbleer. Die Umstaende sind grauenvoll und doch gelinget es immer wieder auch dem einen oder anderen, das beste daraus zu machen. Es ist moeglich, kaum etwas zu haben und trotzdem mit dem Winzigkleinen etwas neues zu versuchen. Und wenn es nur der Verkauf von kleinen Erdnusspaeckchen ist, oder einer Handvoll Fische. Es gilt, nicht angesichts des Wenigen zu kapitulieren, sondern die Hoffnung nicht aufzugeben. Man koennte schreiben:“ Das Elend ist unueberschaubar. Es erschaegt und laesst verstummen“.  Das stimmt wohl, ist aber nur die Haelfte des Ganzen. Man  koennte auch schreiben: „Ueberall sind wohl Muedigkeit, aber auch kleine Spuren von Hoffnung zu finden, an Orten und in Gesichtern, und der Wille, das Wenige zum Guten und auf Zukunft hin zu gestalten.“ Auch das ist wahr und nicht zu uebersehen, wenn man nur genau hinschaut…